Evangelienpredigten:

Evangeliumspredigt zum ersten Advent ueber Lukas 1,68-79: Die herzliche Barmherzigkeit Gottes

Evangelienpredigt zum zweiten Advent ueber Lukas 17,20-30: Die Umstaende bei der Vollendung des Reiches Gottes

Evangelienpredigt zum dritten Advent ueber Matthaeus 3,1-12: Bereit werden fuer Christi Kommen

Evangelienpredigt zum Heiligen Abend ueber Matthaeus 1,18-23: Heilige Nacht – der Retter ist gekommen

Evangelienpredigt zum Sonntag nach dem Christfest ueber Lukas 2,25-32: Was ist noetig für ein seliges Leben und Sterben?

Evangelienpredigt zu Epiphanias ueber Matthaeus 3,13-17: Christi Niedrigkeit und Herrlichkeit bei seiner Taufe

Evangelienpredigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber Johannes 1,35-42: Ein Juenger Jesu Christi werden

Evangelienpredigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias ueber Matthaeus 5,27-32: Das sechste Gebot

Evangelienpredigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber Johannes 4,(1-)5-14: Erfuelltes Leben

Evangelienpredigt zum vierten Sonntag nach Epiphanias ueber Johannes 1,43-51: Warum wir einen festen Grund haben, wenn glauben, dass Jesus Christus der Messias Israels und Retter der Welt ist

Evangelienpredigt zum Verklaerungssonntag ueber Markus 9,2-8: Jesus allein hoeren

Evangelienpredigt zum Sonntag Septuagesimae (70 Tage vor Ostern) ueber Lukas 10,38-42: Eins ist not!

Evangelienpredigt zum Sonntag Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) ueber Johannes 11,20-27: Der herrliche Trost der Christusglaeubigen angesichts des Todes

Evangelienpredigt zum Sonntag Estomihi (Sei mir ein starker Fels; Ps. 31,1) ueber Markus 10,35-45: Wen wird Gott ehren?

Evangelienpredigt zum Sonntag Invocavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhoeren, Ps. 91,15) ueber Matthaeus 16,21-26: Was ist Nachfolge Jesu Christi?

Evangelienpredigt zum Sonntag Reminiscere (Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit; Ps. 25,6) ueber Lukas 10,17-20: Was wirklich zaehlt

Evangelienpredigt zum Sonntag Oculi (Meine Augen sehen stets auf den HERRN; Ps. 25,15) ueber Lukas 9,51-56: Das Verhalten gegenüber schwierigen Personen

Evangelienpredigt zum Sonntag Laetare (Freut euch mit Jerusalem; Jes. 66,10) ueber Johannes 6,47-57: Rettung allein im Glauben an Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person

Evangelienpredigt zum Sonntag Judica (Gott, schaffe mir Recht; Ps. 43,1) ueber Johannes 13,31-35: Die Verherrlichung Christi und der Auftrag an die Juengerschaft

 

Evangeliumspredigt zum ersten Advent ueber Lukas 1,68-79: Die herzliche Barmherzigkeit Gottes

 

Lukas 1,68-79: Gelobt sei der HERR, der Gott Israels; denn er hat besucht und erlöst  sein Volk; und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Hause seines Dieners  David. Wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten: Dass er uns errettete von unsern Feinden und von der Hand aller, die uns  hassen, und die Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen  heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben, dass wir, erlöst aus der Hand unserer Feinde, ihm dienten ohne Furcht  unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen; du wirst vor  dem HERRN hergehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk, die da ist in Vergebung  ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unsers Gottes, durch welche uns besucht  hat der Aufgang aus der Höhe, auf dass er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des  Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

 

    Mit dem heutigen Sonntag beginnen wir nicht nur ein neues Kirchenjahr, sondern auch die Adventszeit, in der wir uns vorbereiten wollen auf die Feier der Geburt unseres Retters Jesus Christus als wahrer Mensch, und zugleich doch wahrer Gott, vor über 2020 Jahren. Auch wenn diese Vorbereitungszeit Bußzeit, Zeit der inneren Zurüstung ist, so ist sie doch zugleich auch Freudenzeit, wie auch unsere Adventslieder zumeist aussagen. Freude, das ist auch der Klang unseres Textes für die heutige Predigt. Er versetzt uns hinein in eine Zeit, die äußerlich gesehen finster war für Israel. Sie war finster, weil das Land besetzt war von fremden Mächten, den Römern, und hart unterdrückt wurde von ihnen und ihrem Vasallenkönig Herodes, einem grausamen Herrscher. Schwer lasteten auch die Steuerabgaben für ihn und die Römer auf dem Land. Finster aber sah es auch geistlich im Land aus. Die Erwartung an den Messias, den Retter der Welt, war in vielen erstorben oder war durch eine verweltlichte Theologie umgebogen worden in einen irdischen Retter, der ein neues Großisrael aufrichten werde.

    In diese Zeit hinein war der Engel Gabriel zunächst zu Zacharias gekommen, einem Priester, als er im Tempel Dienst tat, und hatte ihm angekündigt, dass er und seine Frau Elisabeth, die beide schon alt waren, doch noch einen Sohn bekommen sollten, einen außergewöhnlichen Sohn, denn in ihm sollte sich die Weissagung Gottes durch Jesaja erfüllen von dem Boten, der dem Messias vorangehen sollte, ihm den Weg zu bereiten. Und einige Monate später war derselbe Engel zu Maria gekommen, einem jungen Mädchen in Nazareth, das mit dem Zimmermann Joseph verlobt war, und hatte ihm verkündigt, dass sie durch den Heiligen Geist den Messias empfangen sollte, der wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person ist. Während also in Israel und um es herum tiefe geistliche Finsternis herrschte, brach Gottes strahlendes Licht herein. Und genau davon spricht auch Zacharias in unserem Text nach der Beschneidung seines Sohnes Johannes.

    Lasst uns daher unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Die herzliche Barmherzigkeit Gottes

1. Sie hat besucht und erlöst sein Volk

2. Sie kommt zu denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes

3. Sie sendet Boten zur Erkenntnis des Heils in Vergebung der Sünden

 

    1. Sie hat besucht und erlöst sein Volk. Gebot sei der HERR, der Gott Israels; denn er hat besucht und erlöst sein Volk. Mit diesen Worten beginnt Zacharias seinen Lobgesang. Er verweist damit auf Gottes Rettungshandeln, vorrangig zunächst an Israel, dann auch für die ganze Welt, das bereits begonnen hat. Gott hat besucht sein Volk, Gott hat erlöst sein Volk. Er kann dies so sagen, obwohl die Erlösungstat Christi auf Golgatha noch nicht stattgefunden hat, weil in Gottes Ratschluss das schon alles längst beschlossen ist, und Gott nun auch begonnen hat, dies in der Zeit auszuführen. Gewaltige Dinge hatten ja schon stattgefunden: Des Zacharias Frau Elisabeth, die doch eigentlich unfruchtbar war, hatte einen Sohn geboren, von dem der Engel Gabriel ihm geweissagt hatte: Er wird der Kinder von Israel viele zu Gott, ihrem HERRN, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen im Geist und Kraft des Elia, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungläubigen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem HERRN ein bereites Volk. (Luk. 1,16-17.) Damit griff der Engel das letzte Wort des letzten Propheten des Alten Bundes, Maleachi auf, aber ebenso die Prophetie Jesajas: Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem HERRN den Weg; macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserm Gott! (Jes. 40,3.) Und was Zacharias und Elisabeth ja auch schon wussten: Der, vor dem Johannes hergehen sollte, war bereits durch den Heiligen Geist empfangen worden von der Jungfrau Maria in Nazareth.

    Darum konnte Zacharias auch jubeln: Er hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in dem Haus seines Dieners David. Wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten: Dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen, und die Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben. Maria wie auch ihr Verlobter Joseph waren ja beide Nachkommen Davids. Das, was Gott schon Adam und Eva verheißen hatte, das setzte er nun, 4.000 Jahre später, in der Zeit um: Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. (1. Mose 3,15.) An diese Verheißungen hatten die Väter sich geklammert. Immer wieder hatte der HERR sie erneuert, etwa gegenüber Abraham: In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. (1. Mose 12,3b.) Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden. (1. Mose 22,18a.)

     Dies erfüllte sich nun. Der Retter war schon auf dem Weg, denn Jesus sollte ja sein Volk selig machen von ihren Sünden (Matth. 1,21b). Er zeugte dann von sich selbst, dass er sei gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist (Luk. 19,10; Matth. 18,11).

    Der, der damals nun bald geboren werden sollte, ist der Aufgang aus der Höhe, der, der von oben, vom Himmel, zu uns gekommen ist, Gott selbst, wahrer Gott vom wahren Gott. In ihm erfüllt sich das Wort, das Bileam dem Moabiterkönig sagen musste: Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seths. (4. Mose 24,17.)

    Und bei all dem, was Zacharias hier lobpreisend verkündigt, ist einer allein der Handelnde: Gott selbst. Er erzeigt damit die Barmherzigkeit, die er schon den Vätern geweissagt. Es ist aufgrund seiner herzlichen Barmherzigkeit, dass der Retter, Gottes eingeborner Sohn, Mensch geboren wird. Gottes Liebe offenbart sich hier im wahrsten Sinn des Wortes handgreiflich: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh. 3,16.) Darinnen steht die Liebe, nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden. (1. Joh. 4,10.) Gott handelt – denn nur er kann uns retten, wir können gar nichts dazu beitragen. Denn wie sieht es mit uns Menschen natürlicherweise aus?

 

    2. Sie kommt zu denen in Finsternis und Schatten des Todes. Es heißt hier von dem Messias, dem Retter, dass er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Das greift zunächst einmal ein Wort Jesajas auf: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jes. 9,2.) Das bezieht sich aus dem Zusammenhang zunächst einmal auf die in den Gebieten Sebulon und Naphtali. Dort hat Christus dann auch seine irdische Tätigkeit begonnen: Das Land Sebulon und das Land Naphtali am Weg des Meers, jenseits des Jordans, und das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen. (Matth. 4,15-16.) Aber sie stehen zugleich auch stellvertretend für uns alle. Denn wir alle, so lange wir noch fern sind von Christus, noch nicht im rettenden Glauben an ihn stehen, sitzen noch in Finsternis, sind noch dem ewigen Tod ausgeliefert. Darum schreibt der Apostel Paulus von uns: Ihr wart einst Finsternis. (Eph. 5,8a), eben vor der Bekehrung. Und er macht dies noch klarer, wenn er über unseren Zustand ausführt: Die Heiden wandeln in der Eitelkeit ihres Sinnes, welcher Verstand verfinstert ist, und sie sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, so in ihnen ist, durch die Blindheit ihres Herzens. (Eph. 4,17-18.) Der Mensch, der meint, nach seiner Vernunft alles beurteilen zu können, der meint, aufgeklärt zu sein, der sitzt gemäß dem Urteil Gottes tatsächlich in Finsternis, ist blind für Gott, sein Wort, seinen Geist. Er ist dadurch nicht nur Gott entfremdet, sondern auch dem wahren Leben, dem Leben, das aus Gott ist, damit also auch seiner eigenen Bestimmung.

    Finsternis beschreibt das Leben von uns, so lange wir noch den eigenen Weg gehen. Darum heißt es auch von denen, die bekehrt wurden: Der Vater hat uns errettet von der Obrigkeit der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes. (Kol. 1,13.) Und Petrus schreibt über die Wiedergebornen, dass Christus sie berufen hat von der Finsternis. (1. Petr. 2,9b.)

    Und was heißt das denn, in Finsternis sitzen? Das heißt nichts anderes als dies: Den wahren Gott nicht kennen, ihn nicht lieben, ihm nicht vertrauen, ihm nicht dienen können. Daher gehst du dann auch nicht auf Gottes Wegen, du kannst es nicht, willst es letztlich auch nicht. Du lebst letztlich dir selbst, deinen Wünschen, Vorstellungen, Zielen, Interessen, Begierden, stehst unter der Herrschaft der Sünde, letztlich also des Teufels. Du kannst aus dir selbst nicht daraus herauskommen. Du kannst von dir aus die Finsternis nicht hell machen.

    Da muss vielmehr jemand kommen, der deine Finsternis erhellt, Jesus Christus, das Licht der Welt, der von sich selbst sagt: Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh. 8,12.)

    Wer aber begreift es? Wer erfasst es? Die große Tragik ist ja: Die Welt erkannte das wahrhaftige Licht nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben. (Joh. 1,10b-12.) Die Frage ist immer: Lässt du dich vom Heiligen Geist durch das Gesetz deiner Sünde überführen? Bist du bereit, dich darunter zu beugen, dass du ein abgrundtief verdorbener Sünder bist, der Gott nichts, gar nichts bringen kann? Oder rebellierst du dagegen, wenn Gottes Licht in die Finsternis deines Lebens hinein leuchtet? Liebst du die Sünde mehr als das Licht? Willst du unbedingt dein altes Leben behalten? Wisse, was der HERR von denen sagt: Wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Wer Arges gut, der hasst das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gestraft werden. (Joh. 3,18b-20.) Zu welchen gehörst du?

    Denn was ist das Ziel dieses erleuchtenden Handelns des Heiligen Geistes?

 

    3. Sie sendet Boten zur Erkenntnis des Heils in Vergebung der Sünden. Der dreieinige Gott hat ein Ziel mit dem erleuchtenden Handeln: Deine ewige Rettung. Darum heißt es auch hier, dass er, Gott, seine Barmherzigkeit dazu erzeigte, dich zu erlösen. Ja, er macht ja dazu etwas Besonderes: Er sendet seine Boten. Schon im Alten Bund hatte er angekündigt, wie vorhin schon gesagt, dass ein Bote dem Messias vorausgehen sollte, um ihm den Weg in die Herzen der Israeliten zu bereiten. Dieser Bote war Johannes der Täufer, der Sohn von Elisabeth und Zacharias. Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen; du wirst vor dem HERRN hergehen, dass du seinen Weg bereitest. Worin aber besteht diese besondere Wegbereitung? Und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk, die da ist in Vergebung ihrer Sünden. Darum rief Johannes dann zur Umkehr: Tut Buße, kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. (Matth. 3,2.) Darum predigte er klare Sündenerkenntnis, legte die Finger in die Wunden der Sünde, damit die Menschen ihren Schaden erkannten und so bereitet waren für die Rettungsbotschaft: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt (Joh. 1,29), womit der Täufer auf Jesus von Nazareth, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person, hinwies. Darum taufte er auch mit der Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Denn darin allein liegt ja das Heil, die Rettung, dass du Sünder Vergebung deiner Sünden erlangst.

    Wie aber kannst du sie bekommen? Allein durch Jesus Christus, deinen Retter. Er hat als Gottes Lamm deine Sünden auf sich genommen, hat sie an seinem Leib auf das Kreuz geopfert, für sie vollständig bezahlt und so Gott mit dir versöhnt, dadurch dir die Vergebung der Sünden und damit Gottes Frieden, den Freispruch im Jüngsten Gericht und ewiges Leben erworben. All das hat er auf Golgatha für dich schon erworben. All das hat der Vater bestätigt durch die Auferweckung seines Sohnes am dritten Tag. Denn Christus ist um unserer Sünden willen dahingegeben, und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt. (Röm. 4,25.) Darum: Verweigere dich nicht, wenn der Heilige Geist dir deine Sünden aufzeigt, rebelliere nicht, sondern lass dich beugen, lass rechte Traurigkeit über die Sünde in dir wirken, einen rechten Abscheu gegen die Sünden, den herzlichen Wunsch, sie los zu werden. Und dann empfange Gottes Versöhnung, die Vergebung deiner Sünden im herzlichen Glauben, Vertrauen auf das Wort. So wirst du versetzt aus der Finsternis der Sünde, des Reiches des Teufels, in das Reich Christi. Glaubst du das? Hast du das schon empfangen, ergriffen? Bist du sein Kind?

    Dann mache es auch fest, indem du nun, als Erlöster, von Herzen ihm, Christus, dein Leben weihst, zum Opfer gibst (Röm. 12,1), um ihm zu dienen ohne Furcht dein Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist. Denn mit deiner Errettung lässt er dich ja nicht im alten Leben, sondern will dich dann, als Frucht deiner Errettung, Rechtfertigung, erneuern zu einem neuen Leben, in dem du nicht mehr dir selbst lebst, sondern ihm, Christus, der für dich gestorben und auferstanden ist (2. Kor. 5,14-15).

    Hat Gottes herzliche Barmherzigkeit dich schon erreicht? Bist du von ihr schon überwältigt, bekehrt, erneuert? Wenn nicht, dann bitte den HERRN darum, dass er doch an deinem Herzen arbeitet, dass er doch sein berufendes, erleuchtendes Werk an dir ausübe, damit du erkennst, in welch einer Finsternis der Sündensklaverei du noch bist.

    Arbeitet er schon an dir? Hat er dich schon erweckt? Nun, dann gehorche weiter seinem Wirken, gerade dann, wenn er dich in immer tiefere, schmerzlichere Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis führt. Weiche ihm nicht aus, denn noch bist du nicht errettet, aber er, der HERR, wirkt schon an dir. Nur auf diesem Weg wirst du auch Jesus Christus, das Licht der Welt, als deinen Retter lebendig erkennen und im Glauben empfangen und so gerettet werden für Zeit und Ewigkeit.

    Ist der HERR aber da schon bei dir zu seinem Ziel gekommen, so bleibe fest daran. Lass dich auch immer wieder erleuchten über deine Sündenverdorbenheit, aber auch über das Heil, die Rettung in Christus, das, was es deinen Heiland gekostet hat, dich zu erlösen. Klammere dich, wenn es um deine ewige Rettung geht, allein an ihn. Und aus herzlicher Liebe und Dankbarkeit übergib ihm täglich neu dein Leben, damit du doch ihm nachfolgst, wächst in der Heiligung, entschieden auf seinen Wegen gehst, als Erlöster. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum zweiten Advent ueber Lukas 17,20-30: Die Umstaende bei der Vollendung des Reiches Gottes

 

Lukas 17,20-30: Da er aber gefragt wurde von der Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes?  antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit  äußerlichen Gebärden. Man wird nicht sagen: Siehe hier oder da ist es! Denn seht, das Reich  Gottes ist inwendig in euch.

    Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, dass ihr werdet  begehren zu sehen einen Tag des Menschensohns, und werdet ihn nicht  sehen, Und sie werden zu euch sagen: Siehe hier, siehe da! Gehet nicht hin und  folget auch nicht! Denn wie der Blitz oben vom Himmel blitzt und leuchtet über alles, was  unter dem Himmel ist, also wird des Menschen Sohn an seinem Tage sein.

    Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht.

    Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird’s auch geschehen in den  Tagen des Menschensohns: sie aßen, sie tranken, sie freiten, sie ließen sich freien bis auf den  Tag, da Noah in die Arche ging, und kam die Sintflut und brachte sie  alle um. Desgleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots: sie aßen, sie  tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten. An dem Tage aber, da Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel  vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird’s auch gehen an dem Tage; wenn des Menschen Sohn  soll offenbart werden.

 

    Was ist das Reich Gottes? Das ist eine Frage, die durchaus immer wieder einmal aktuell ist, nicht zuletzt deshalb, weil es gerade auch innerhalb christlicher Kreise nicht wenige gibt, die sich das Reich Gottes als etwas doch sehr Innerweltlich-Sichtbares vorstellen. Manche haben es sehr politisch gefasst, eine Art Kirchenstaat, etwa die Römisch-Katholischen und die Reformierten, die beide den Staat zu Handlangern der Kirche machen wollten oder wollen. Andere sehen in ihm eine soziale, eine gesellschaftliche Größe, gerade die Kreise um das Social Gospel, aber auch viele damit mehr oder weniger verwandte Gruppen, wie die Christomarxisten oder überhaupt modernistische Kreise, für die die Kirche Christi nichts weiter ist als eine Sozialeinrichtung, ein religiös übertünchter Sozialverein. Was aber ist das Reich Gottes? Und wo ist es?

    Unser heutiger Text gibt uns darauf einige sehr interessante und für uns überaus wichtige Antworten. So lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes bedenken:

 

Die Umstände bei der Vollendung des Reiches Gottes

1. Das Reich Gottes ist kein irdisches Reich

2. Die Vorboten der Wiederkunft Christi

3. Allzeit bereit auf Christi Wiederkunft!

 

    1. Die Umstände bei der Vollendung des Reiches Gottes. Die Pharisäer, eine sehr strenggläubige jüdische Gruppe zur Zeit Jesu, die es durchaus ernst meinte mit Gottes Wort, aber es völlig missverstand, eine Gruppe, die zu den erbitterten Feinde Jesu Christi gehörte, weil seine Gnadenbotschaft ihrer Leistungsreligion widersprach, diese Pharisäer also sprachen unseren Retter an: Wann kommt das Reich Gottes? Das war eine Frage, die damals, im Unterschied zu heute, durchaus aktuell war, vielfach diskutiert wurde, auch, unter welchen Umständen, unter welchen Voraussetzungen es geschehen sollte. In einigen Kreisen der Pharisäer hieß es, der Messias werde kommen, wenn Israel einmal den Sabbath richtig halte. Daher ihre extrem gesetzliche Sabbathauffassung. Vor allem aber dachten sie sich dieses Reich Gottes als eine irdische Größe, so, wie das Römerreich, das alte Königreich Israel. Ja, sie erwarteten ein Groß-Israel, in dem sie dann die vornehmsten Positionen einnahmen. Wie sehr diese Sicht bei den Juden verbreitet war, ist ja abzulesen an der Reaktion der Menschen auf die wunderbare Speisung vor Ostern. Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll! Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn haschen, dass sie ihn zum König machten, entwich er abermals auf den Berg, er selbst alleine. (Joh. 6,14-15.) Und selbst seiner Jünger fragten noch vor seiner Himmelfahrt: HERR, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel? (Apg. 1,6.) Und wie viele sind ihnen, trotz der Antwort Jesu, auch in der Christenheit gefolgt.

    Die römisch-katholische Kirche tritt ja mit der Behauptung auf, Gottes Reich auf Erden zu sein. Die eigentliche Kirche ist ihr der sichtbare Kirchenkörper, mit Ämtern, Hierarchie. Nach der von ihr aufgestellten Zwei-Schwerter-Lehre wäre der Papst auch über der weltlichen Obrigkeit, so immer noch im kanonischen Recht verankert. Auch die Calvinisten vertraten – und manche tun es noch – eine ähnliche Auffassung: Das Genf Calvins war letztlich ein totalitäres System, wie übrigens auch das Florenz von Savonarola, in dem der Staat der Kirche als Büttel dienen musste, bis dahin, dass er sonntags kontrollierte, dass niemand zu Hause blieb, sondern alle zum Gottesdienst gingen. Es gab Umstürze, nur damit ein calvinistischer Herrscher an die Macht kam, so in Schottland. Das war auch einer der Hintergründe der Hugenottenkriege.

    Das Social Gospel meint, das Reich Gottes würde sich in einer sozial gerechten Gesellschaft verwirklichen. Jeder solle so leben, wie Jesus jetzt leben würde, dann hätten wir das Reich Gottes auf Erden. Das findet sich auch heute wieder, etwa im Umfeld der Emerging Church. Da geht es letztlich nur noch um Christianisierung und das Ziel, eine bessere Gesellschaft zu bauen.

    Aber ist das alles wirklich mit dem Reich Gottes gemeint? Wie lautete Christi Antwort? Interessant: Scheinbar geht er auf die Frage nach dem Zeitpunkt, wann das Reich Gottes kommt, gar nicht ein. Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden. Man wird auch nicht sagen: Siehe hier oder da ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch. Das ist eine ganz wichtige Aussage. Der HERR Jesus weist nämlich hier all die irdischen Reich-Gottes-Vorstellungen deutlich und klar zurück. Das Reich Gottes ist keine äußerliche, keine irdisch-sichtbare  Größe – und doch überaus real. Das machte er dann auch Pilatus gegenüber deutlich, der ihn ja fragte, ob er der König der Juden sei. Pilatus, römischer Statthalter, dachte dabei natürlich an eine politische Größe und sah in solch einem König der Juden einen Aufruhr gegen den römischen Kaiser. Aber Jesus Christus beruhigte ihn in dieser Hinsicht: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden dafür kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dannen. (Joh. 18,36.) Eine ganz klare Aussage. Was aber ist es dann um das Reich Gottes? Es ist eben nicht sichtbar, wie irgendein irdischer Staat. Nein: Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Damit beantwortet er die Frage der Pharisäer und rückt die Sache zugleich zurecht: Gottes Reich ist da, wo Gottes Wort, Gottes Evangelium im Herzen der Menschen den rettenden Glauben gewirkt hat, da, wo Menschen von Herzen sich an Jesus Christus, wahren Gott und wahren Menschen, den Messias Israels und Retter der Welt, hängen und ihm von Herzen konsequent nachfolgen. Gottes Reich ist also zuerst und vor allem eine Sache des Glaubens. Insofern ist es eben auch nicht erst etwas, was in der Zukunft sein wird, sondern es ist schon jetzt, schon hier und heute, eben da, wo Menschen im rettenden Glauben an ihren Heiland stehen. Paulus hat das deutlich hervorgehoben, als er gegenüber denen, die neue Gesetze machen wollten, etwa im Blick auf Speisege- und -verbote, betonte: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. (Röm. 14,17.) Das Reich Gottes ist also Gerechtigkeit, Friede, Freude in dem Heiligen Geist. Das ist genau das, was die Rechtfertigung dem Gläubigen mitbringt, das, was wir durch Christus haben: Gottes Gerechtigkeit, die Christus uns erworben hat; den Frieden Gottes, den er durch sein blutiges Leiden und Sterben uns errungen hat; und die Freude im Heiligen Geist, die wir als Erlöste, als Kinder Gottes haben dürfen. So besteht das Reich Gottes auch nicht in großartigen Reden: Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft. (1. Kor. 4,20.) Das ist die Kraft Gottes, die durch sein Wort wirkt.

    Wo ist also das Reich Gottes zu finden? Nun, es selbst ist unserem irdischen Auge verborgen, wie Christus sehr deutlich hervorgehoben hat. Aber wo es zu finden ist, das ist an seinen äußeren Kennzeichen festzustellen, durch die nämlich Menschen zu Gliedern dieses Reiches werden, Wort und Sakrament. Da, wo Gottes Wort rein und lauter gelehrt, verkündigt wird und die Sakramente einsetzungsgemäß verwaltet, da ist gewiss auch Gottes Reich. Gottes Reich, das ist, anders ausgedrückt, der mystische Leib Christi, diese verborgene Gemeinschaft der an ihn Gläubigen, deren Haupt er ist. Gott hat Christus gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles, welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allen erfüllt. (Eph. 1,22b.23.)

 

    2. Es kommt aber die Zeit, da dieses jetzt unserem Auge noch verborgene Reich Gottes sichtbar, mit Macht, auftreten wird. Das wird dann sein, wenn diese Welt zu ihrem Ende gekommen ist, wenn Himmel und Erde vergehen werden im Feuer. Das ist der Tag des HERRN oder, wie Christus ihn hier nennt, der Tag des Menschensohnes oder der Jüngste Tag. Auf diesen Tag sollten wir vorbereitet sein.

    Zunächst macht der HERR, der sich jetzt an seine Jünger wendet, denn nur sie geht dies wirklich etwas an, klar, dass eine Zeit kommen wird, wo sie sich sehnen werden danach, dass doch endlich dieser Tag da ist. Nicht nur das Sehnen, das wir als Christen überhaupt im Herzen haben sollten, diese Sehnsucht, dieser unchristlichen, ungastlichen Welt, diesem Jammertal, zu entkommen und bei Christus zu sein. Nein, er meint noch ein ganz anderes Sehnen, ein brennendes Verlangen, geboren daraus, weil die äußeren Umstände so furchtbar werden, dass wir sie kaum noch ertragen können. In seinen Endzeitreden spricht der HERR ja davon ausführlicher. Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, wie nicht gewesen ist von Anfang der Welt bisher und wie auch nicht werden wird. Und wo diese Tage nicht würden verkürzt, so würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen werden die Tage verkürzt. (Matth. 24,12-22.) Wovon ist diese Zeit, die Endzeit, die letzte Zeit vor der Wiederkunft Christi, bestimmt? Jesus Christus spricht vor allem eines immer wieder an: Irrlehre. Seht zu, dass euch nicht jemand verführe! Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin Christus! Und werden viele verführen. … Und es werden viele falsche Propheten sich erheben und werden viele verführen.… So alsdann jemand zu euch wird sagen: Siehe, hier ist Christus oder da, so sollt ihr’s nicht glauben. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, dass verführt werden in den Irrtum (wo es möglich wäre) auch die Auserwählten. (Matth. 24,4-5.11.23-24.) Das ist das für uns Christen besonders Gefährliche. Und es sprießen die Sekten ja allerdings wie Pilze aus dem Boden, vielerlei Irrlehren und Verführungen, die von der reinen Bibellehre abführen wollen.

    Aber da ist noch mehr, was uns das Leben schwer machen wird: Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen; seht zu und erschreckt nicht! Das muss zum ersten alles geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Es wird sich empören ein Volk über das andere und ein Königreich über das andere, und werden sein Pestilenz und teure Zeit und Erdbeben hin und her. Da wird allererst die Not anheben. (Matth. 24,6-8.) Diese Zeit ist also gekennzeichnet von Kriegen, Revolutionen, Umstürzen, Aufruhrgeist, von Inflationen, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen, Seuchen, schlimmen Krankheiten. Wie sehr sind die letzten 250 Jahre gerade davon geprägt. Aber es wird für uns Christen noch schlimmer kommen: Alsdann werden sie euch überantworten in Trübsal und werden euch töten. Und ihr müsst gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden sich viele ärgern und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. (Matth. (24,9-10.) Ja, Verfolgung, immer umfassendere Christenverfolgung wird kommen. Nicht nur an einzelnen Orten, wie es bisher immer war, sondern weltweit. Jetzt haben wir sie vor allem in den kommunistischen Ländern wie Rot-China und Kuba, Vietnam, Laos, außerdem in den muslimischen Staaten sowie Indien und den buddhistischen Staaten. Dann aber wird sie auch in den westlichen Ländern kommen. Und auf vielerlei Weise wird sie da schon vorbereitet, ja, ist in subtiler Weise schon angelaufen. Denn wer konsequent bibeltreuer Christ ist, wird als Extremist, als Freiheitsfeind, Demokratiefeind, Friedensfeind diffamiert, verleumdet. An vielen Universitäten bekommen christliche Gruppen keine Räume mehr zur Verfügung gestellt. Dass allein in Jesus Christus Rettung, Heil, Erlösung ist, gilt vielerorts schon als Hassrede. Dass die vom Christentum geprägte Kultur besser, menschenwürdiger ist als andere, gilt als Rassismus.

 

    3. Ja, da sehnen wir uns dann nach dem Kommen des Jüngsten Tages. Aber wann kommt er? Von dem Tag aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, sondern allein mein Vater. (Matth. 24,36.) Die Zeichen hat Christus uns genannt, nicht aber den Zeitpunkt. Von dem sagt er uns: Denn wie ein Blitz oben vom Himmel blitzt und leuchtet über alles, was unter dem Himmel ist, so wird des Menschen Sohn an seinem Tag sein. Er wird überraschend, blitzartig kommen, so dass keiner mehr sich vorbereiten kann, wenn er es nicht schon ist. Paulus greift es auf und schreibt darüber: Denn ihr selbst wisst, dass der Tag des HERRN wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. (1. Thess. 5,2.) Das heißt doch: Wer nicht wirklich darauf ausgerichtet ist, der wird ihn nicht erwarten. Christus kommt sozusagen überfallartig, zumindest für die Welt.

    Denn wie wird es mit der Welt sein? Christus führt hier zwei bezeichnende Beispiele an, die Zeit Noahs und die Zeit Lots in Sodom. Und was sagt er da über die Menschen? Sie aßen, sie tranken, sie freiten, sie ließen sich freien – bis auf den Tag, da Noah in die Arche ging, und kam die Sintflut und brachte sie alle um. Desgleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten. An dem Tag aber, da Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Wir sind ja durchaus von anderen Bibelstellen gewohnt, dass die besondere Sündhaftigkeit dieser Menschen zur Zeit Noahs oder auch in Sodom und Gomorrha dargestellt wird. Jesus sagt davon hier nichts. Er hebt etwas anderes hervor, und das sollte uns sehr zu denken geben. Das, was er hier über diese Menschen sagt, beschreibt ihren Alltag: essen, trinken, heiraten, essen trinken, kaufen, verkaufen, pflanzen, bauen. Das sind ganz alltägliche Vorgänge. Da ist an sich nichts Sündiges dran. Jeder, ob Heide oder Christ, macht dies. Es gehört zu unserem ganz normalen Leben. Und doch heißt es dann von den Menschen, die so gelebt haben: Gott brachte sie alle um.

    Ist das nicht schockierend, erschreckend? Warum das? Nun, die Menschen, von denen hier die Rede ist, die haben so gelebt, denen hat das ihr Leben ausgemacht. Denn wovon steht da nichts – von Gott! Ja, genau: Sie haben so in den Tag gelebt, einen nach dem anderen, manche mit mehr Vergnügen, manche haben ihn sich durch Arbeit und Mühe ziemlich sauer werden lassen; noch andere waren vielleicht sogar religiös und wollten so etwas bei Gott erreichen. Aber weder die Predigt Noahs noch die Warnrufe Lots haben die Menschen ernst genommen. Die haben sie nur in ihrem Alltag gestört. Sie haben, selbst wenn sie also religiös waren, letztlich ohne Gott gelebt. Sie haben einfach ihren Alltag gelebt und nach Gott nichts gefragt. Gott stand nicht an erster Stelle, hatte nicht die oberste Priorität in ihrem Leben. Da war kein brennendes Herz für den Messias. Der Mensch macht, was ihm gerade einfällt, was ihm gefällt, was er sich vornimmt, was ihn reizt, was ihn interessiert. Das muss dann vordergründig nicht einmal böse sein – aber es ist ein Leben ohne Gott, ein Leben, das sich emanzipiert hat von Gott, ein Leben, in dem Gott nicht der HERR ist, ein Leben, das der Mensch selbst in die Hand genommen hat. Das mag also auf den ersten Blick ziemlich unauffällig, ruhig, geordnet ablaufen. Niemand denkt sich etwas Arges dabei. Und doch: Allein in dieser Weise ist es schon fortgesetzte Sünde gegen das erste Gebot. Das ist der natürliche Mensch, wie er aus seiner Mutter Leib gekrochen ist: ein Kind des Zorns von Natur (Eph. 2,3), tot in Übertretungen und Sünden (Eph. 2,1). Selbst wenn er getauft ist, so spielt die Taufe keine Rolle mehr in seinem Leben. Er lebt zumeist ohne Gottes Wort, ohne Gebet, ohne Abendmahl, ist schon lange aus der Taufgnade gefallen. Oder, wenn er vielleicht zuweilen noch in der Bibel liest, in den Gottesdienst kommt, das Abendmahl empfängt – es geschieht aus Gewohnheit, ohne ein verlangendes Herz, nicht deshalb, weil er sich von Gott korrigieren, erneuern, ausrichten, stärken lassen will. Es gibt auch so vielen frommen Selbstbetrug. Darum warnt der HERR ja auch: Es werden nicht alle, die HERR, HERR sagen, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. (Matth. 7,21.) Zehn Jungfrauen haben auf den HERRN gewartet, man hat sie zunächst nicht unterscheiden können. Und doch fehlte fünf davon das Öl des Heiligen Geistes, der rettende Glaube, obwohl sie äußerlich waren wie die anderen.

    Wie aber sollst du dann diesem Tag des Menschensohns, dem Tag des HERRN, dem Jüngsten Tag, entgegen gehen? Der HERR Jesus ruft dir: Darum wacht! Denn ihr wisst nicht, welche Stunde der HERR kommen wird. (Matth. 24,42.) So seid nun wacker allezeit und betet, dass ihr würdig werden mögt, zu entfliehen diesem allem, das geschehen soll, und zu stehen vor des Menschen Sohn. (Luk. 21,36.) Es ist also eine sehr ernste Sache. Es gilt, allezeit bereit zu sein, wie Christus hier zeigt. Selig ist der Knecht, wenn sein Herr kommt und findet ihn so tun! (Matth. 24,46.) Es geht also darum, gemäß Gottes Wort zu glauben und zu leben. Paulus schreibt dazu: Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb ergreife. Ihr seid allzumal Kinder des Lichts und Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. (1. Thess. 5,4-5.)

    Wie aber bist du bereit? Du hast gesehen: Wenn du ohne viel Nachdenken einfach so in den Tag hineinlebst, nichts nach Gott fragst, machst, was dir gerade einfällt, wirst du auf jeden Fall scheitern und in die Hölle fahren.

    Aber auch dann, wenn du zwar religiös bist, wenn du irgendwo Gott noch einen Platz in deinem Leben gönnst, wirst du dennoch nicht das ewige Ziel erreichen, dass er doch auch für dich vorgesehen hat. Dir wird es ergehen wie den fünf törichten Jungfrauen, wie den Herr-Herr-Sagern, die allesamt abgewiesen werden von Jesus Christus.

    Wie also bist du bereit? Es geht um deine Herzensstellung. Christus beschreibt die Grundstellung einmal so: Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. (Matth. 6,33.) Es geht darum, was dein Herz bestimmt, wovon dein Herz angefüllt ist, was dich, dein Leben ausmacht. In Psalm 42 heißt es: Wie ein Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? (V. 2-3.) Da wird das Leben eines Menschen beschrieben, dem Gott alles ist, dessen tiefstes Sehnen es ist, mit Gott zu leben, sein eigen zu sein. Dann kannst du mit Asaph sprechen: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. (Ps. 73,25-26.)

    Wie aber kommst du dazu? Nicht anders, als wenn du selbst an dir völlig zerschlagen, zerscheitert bist, nicht anders, als wenn du dich selbst als einen abgrundtief verdorbenen Sünder erkannt hast, der Gott nichts, gar nichts bringen kann, mit leeren Händen, als ein Bettler, vor ihm steht, ihm seine Sünden, seine unendliche Schuld bekennt und in Christus seinen Retter erkannt hat. Ja, da hast du ihn, Jesus von Nazareth, dann erkannt als wahren Gott, der auch um deinetwillen wahrer Mensch wurde, auch für dich stellvertretend das Gesetz erfüllt hat, auch deine Sünden an seinem Leib auf das Holz geopfert hat, auch für deine Schuld am Kreuz blutete, litt und starb und so Gott auch mit dir versöhnte, auch dir die Vergebung der Sünden und damit den Frieden Gottes, Freispruch im Jüngsten Gericht und ewiges Leben erworben hat. Wenn du ihn so für dich erkannt, das im herzlichen Vertrauen, Glauben für dich ergriffen hast, dann bist du Gottes Kind. Dann mach es aber auch fest in herzlicher Liebe und Dankbarkeit als Erlöster, dass du ihm, Christus, dein Leben gibst zu einem  Opfer, das da lebendig und Gott wohlgefällig ist, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. (Röm. 12,1.) Dann lebe nicht mehr dir selbst wie zuvor, sondern dem, der für dich gestorben und auferstanden ist. (2. Kor. 5,14-15.) Jesus Christus ruft dich dazu auf: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten. Und was Nutz hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder beschädigte sich selbst? (Luk. 9,23-25.) Es geht um ein Leben der konsequenten, kompromisslosen Nachfolge in täglicher Sündenerkenntnis, Reue, Umkehr, Sündenvergebung und täglicher erneuerter Hingabe, um ein tägliches Leben mit dem HERRN in dem herzlichen Verlangen, ihm zu dienen, ihm zu gefallen, für ihn zu leben. Denn: Welche ihn ansehen und anlaufen, deren Angesicht wird nicht zuschanden. (Ps. 34,6.) Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum dritten Advent ueber Matthaeus 3,1-12: Bereit werden fuer Christi Kommen

 

Matthäus 3,1-12: Zu der Zeit kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste des jüdischen  Landes und sprach: Tut Buße; das Himmelreich ist nahe herbeikommen! Und er ist der, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat und gesprochen: Es  ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem HERRN den  Weg und macht richtig seine Steige!

    Er aber, Johannes, hatte ein Kleid von Kamelhaaren und einen ledernen  Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber war Heuschrecken und wilder  Honig. Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem und das ganze jüdische Land  und alle Länder an dem Jordan und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.

    Da er nun viel Pharisäer und Sadduzäer sah zu seiner Taufe kommen, sprach  er zu ihnen: Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, dass ihr  dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße! Denkt nur nicht, dass ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum  Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder  zu erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum  nicht gute Früchte bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich taufe euch mit Wasser zur Buße; der aber nach mir kommt, ist stärker  als ich, dem ich auch nicht genugsam bin, seine Schuhe zu tragen; der  wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Und er hat seine Worfschaufel in der Hand; er wird seine Tenne fegen und  den Weizen in seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen  mit ewigem Feuer.

 

    Der Ruf Johannes des Täufers in seiner Predigt wurde dann auch von Christus aufgenommen, wie wir im Markusevangelium (1,15) lesen: Tut Buße, bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Der ganze Ernst dieses Rufes wird deutlich an dem, womit Johannes die Pharisäer und Schriftgelehrten warnt, dieser ernsten Mahnung vor dem kommenden Gericht: Es ist die Axt den Bäumen schon an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Früchte bringt, der wird abgehauen und ins Feuer geworfen … Er hat seine Worfschaufel schon in der Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer. Die Adventszeit ist Vorbereitungszeit. Aber nicht nur Vorbereitungszeit auf die Feier des Geburtstages unseres Retters, sondern auch Vorbereitungszeit auf das zweite Kommen Christi, sein Kommen am Jüngsten Tag zum Gericht über diese Welt und zum Sammeln seiner Gläubigen. Und der schauerliche Ernst, der über diesem Tag liegt, den hat Johannes der Täufer sehr deutlich hervorgehoben. Es ist ein Tag der Scheidung, ein Tag, an dem keine Umkehr mehr möglich ist, ein Tag, an dem der eine Teil in die ewige Herrlichkeit geht, für immer, der andere Teil aber in die ewige Gottesferne, die ewige Qual, Pein, wo ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlischt (Jes. 66,24; Mark. 9,44). Wo wirst du sein?

    Bedenke das ernste Wort an die Pharisäer und Schriftgelehrten: Denkt nur nicht, dass ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. Ja, es gab damals schon viele, die meinten, allein aufgrund ihrer Abstammung von Abraham hätten sie den Himmel sicher. Und so gibt es heute nicht wenige, die meinen, wenn sie nur irgendeiner Kirchengemeinde angehören, dann würde das doch ausreichen, wenn sie ein wenig in der Bibel lesen, ab und an beten, den Gottesdienst besuchen, das Abendmahl empfangen, dann müsse Gott sie doch annehmen. Leben in der Welt, wie die Welt, auf den Wegen der Welt, nur noch ein bisschen christlich garniert, außen überlackiert. Aber Gottes Wort macht es auch hier wieder klar: Du bist auf dem Holzweg, wenn das deine Ansicht ist. Gott reicht das nicht. Gott will dich ganz oder gar nicht.

    Darum dieser herausfordernde, einem jeden von uns geltende Ruf des Täufers: Tut Buße, bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Dieser Ruf geschah damals in der Wüste, einer Gegend, in der kein Jude sich gerne aufhielt, die ihm nach dem Alten Testament als der Ort galt, wo der Sündenbock hingejagt wurde. Nun aber erscholl aus der Wüste der Ruf. Und sie kamen, bekannten ihre Sünden, um als ein neuer Mensch aus der Wüste wieder in den Alltag zurückzukommen. Und du?

    Lasst uns unter dem Beistand des  Heiligen Geistes diesen Ruf Johannes des Täufers und auch Jesu Christi näher bedenken, dieser Ruf, der uns bereit machen soll für Christi Kommen:

 

Bereit werden für Christi Kommen

1. Sündenerkenntnis

2. Traurigkeit über die Sünde

3. Empfangen, ergreifen der Gnade in Christus

4. In einem neuen Leben Christus nachfolgen

 

    1. Sündenerkenntnis. Das Wort, das Luther mit „Tut Buße“ übersetzt hat, und viele Bibelübersetzungen sind ihm darin gefolgt, metanoiete, meint eigentlich, und so sollten wir es besser übersetzen: „Bekehrt euch“, kehrt um von eurem bisherigen Weg, weg von eurem bisherigen Leben. Wie aber ist das möglich? Nun, wenn du dich aufmachst, um mit dem Auto in eine Stadt zu fahren und bist irgendwo falsch abgebogen, so wirst du so lange auf der falschen Strecke weiterfahren, bis du merkst, dass da was nicht stimmen kann, vielleicht jemanden fragst und feststellst, dass du so nicht ans Ziel kommst und umkehren musst. Und das wirst du dann auch machen. Nicht anders aber ist es mit deinem Lebensweg. Viele sind der Meinung, dass es doch mit ihrem Leben so in Ordnung sei. Sie leben ihr Leben, sind vielleicht fleißig in der Arbeit, ein guter Ehemann und Familienvater, ein leutseliger Nachbar und meinen, damit sei doch alles in Ordnung. Nun, bürgerlich sind sie sicher feine, brauchbare Mitbürger, ohne Zweifel. Aber reicht das vor Gott? Es kommt ja immer auf den Maßstab an, den du anlegst. Und die meisten legen leider den falschen Maßstab an, weil sie Gottes Maßstab ausblenden, gar nicht nach ihm fragen.

    Gottes Maßstab aber ist ganz anders. Da gibt es völlig andere Prioritäten. Er beginnt die Zehn Gebote nämlich mit den Worten: Ich bin der HERR dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Was du, was das heißt? Er will dein HERR sein, derjenige, der dein Leben in der Hand hat, der dich regiert, der dir Wegweisung gibt, dich prägt, dein Denken, Wollen, Fühlen, Sehnen, kurz, dein ganzes Leben bestimmt. Er will der sein, den du über alles fürchten sollst, dem du mit höchster Ehrfurcht begegnen sollst, weil er ein heiliger und gerechter Gott ist; den du über alles lieben sollst, weil er dein Schöpfer ist, der seinen Sohn für dich aus lauter Liebe zur deiner Erlösung hingegeben hat ans Kreuz; dem du über alles vertrauen sollst, denn er ist dein Vater, dein guter Hirte, der für alles sorgt, was du benötigst. Wie sieht es da in deinem Leben aus? Bedenke: Wer dir Maßstäbe gibt, wem du vertraust, auf wen oder was du dein Leben, deine Zukunft baust, das ist dein Gott. Daran wird deutlich, ob du den lebendigen Gott oder einen Abgott hast.

    Dass du darüber Klarheit bekommst, das ist es, was zuerst wichtig ist. Das ist es, was wir auch mit Sündenerkenntnis bezeichnen. Du stellst fest, dass du auf dem falschen Lebensweg bist, auf einem Weg fern von Gott, einem Weg, der nicht dem Willen, nicht dem Maßstab Gottes entspricht, auf einem Weg, auf dem du letztlich dich um dich selbst drehst, deine Wünsche, deine Ziele, deine Ideen, deine Interessen, ein Weg, auf dem du meinst, doch an deiner Gerechtigkeit vor Gott zumindest mitarbeiten zu können, auch etwas beitragen zu können. Und über all dem sagt Gottes Wort: Wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren. (Mark. 8,35a.) Und: Wir wissen, dass der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird. (Gal. 2,16a.) Darum schallt dir Gottes Ruf entgegen: Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein, erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast. (Jer. 3,13.14a.)

    Es ist so wichtig, dass du, wenn der Heilige Geist dich durch sein Wort überführt hat, dass du auf dem falschen Weg bist, das nicht beschönigst, verniedlichst, abschwächst, sondern dich darunter beugst. Bedenke: Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen. (Spr. 28,13.) O, dass du doch dahin kommst, dass du mit David sprechen kannst: Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde! Denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. … Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. (Ps. 51,4.5.7.)

    Ja, da wo dir deine Zielverfehlung – das meint Sünde – klar vor Augen steht, da, wo du mehr und mehr erkennst, wie du bisher den nichtigen Dingen dieser Welt nachgeeilt bist, wie dein Leben einfach in die Irre ging, du es tatsächlich in Gottes Augen verschleudert hast, da wird du mit dem Gefängniswärter in Philippi rufen: Liebe Herren, was soll ich tun, dass ich gerettet werde? (Apg. 16,30.)

 

    2. Traurigkeit über die Sünde. Es ist aber wichtig, dass du die ganze Tiefe deiner Sündenverdorbenheit erkennst, die ganze Ausweglosigkeit deiner Situation. Ja, es ist wichtig, dass es dir heiliger ernst wird mit der Sünde. So lange du nämlich meinst, das sei doch alles nicht so schlimm, das ließe sich doch irgendwie wieder zurechtbiegen, das ließe sich mit einem bloßen Update alles wieder in die richtige Richtung führen, so lange hast du nicht erkannt, wie furchtbar die Sünde ist. Es geht darum, dass du wie David wirklich traurig wirst darüber, dass du gesündigt hast, dass dir die Sünde leid wird, dass du sie wahrhaft von Herzen hasst, dass du sie wahrhaft loswerden willst. Paulus spricht davon, dass ihr seid betrübt worden zur Reue. Denn ihr seid göttlich betrübt worden, dass ihr von uns ja keinen Schaden irgendworinnen nehmt. Denn die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut; die Traurigkeit aber der Welt wirkt den Tod. (2. Kor. 7,9.10.) Und David betet darüber: Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. … Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde, wasche mich, dass ich schneeweiß werde. (Ps. 51,3.9.)

 

    3. Diese Traurigkeit, dieses Leid führt zu deiner rechten Verzweiflung, dem rechten Zerbruch deines alten Ich, dem grundsätzlichen Sterben dieses sündigen Ich und dazu, dass du nun empfängst, ergreifst die Gnade Gottes in Christus. David ruft es aus vor dem HERRN: Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängestetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten. (Ps. 51,19.) Hier geht es jetzt genau um das, wovon der HERR Jesus spricht: Wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? (Mark. 8,35-36.) Nachdem du dich selbst recht als Sünder, als abgrundtief verdorbenen Sünder erkannt hast, nachdem du begriffen hast, dass Sünde nicht nur ein Betriebsunfall war, nicht nur ein kleiner Virus, den du schnell wieder entfernen kannst, sondern dass deine gesamte Festplatte verseucht ist und nur noch eines hilft: Austausch und völlig neue Programmierung, aber dann richtig, nachdem du das erkannt hast, leuchtet dir ganz hell das Evangelium Jesu Christi, diese frohe Botschaft, dass Gott der Vater aus unendlicher Liebe zu dir seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat. Christus ist auch um deinetwillen Mensch geworden, hat auch für dich das Gesetz erfüllt und dann auch deine Sünden auf seinem Leib an das Holz, das Kreuz getragen und dort auch für dich geblutet, auch deine Strafe getragen und so Gott auch mit dir versöhnt. So hat er auch dir Vergebung der Sünden und damit Frieden mit Gott, Freispruch im Jüngsten Gericht und ewiges Leben erworben. Das steht dir nun ganz klar vor den Augen. Und so kommst du zu ihm, bekennst ihm deine Sünde, den ganzen Schmutz, den ganzen Irrweg deines bisherigen Lebens, erbittet seine Gnade und Vergebung und ergreifst sie dankbar im herzlichen Vertrauen, Glauben.

    Das ist es, was die Bibel als Bekehrung bezeichnet. Dass du zu diesem rettenden, rechtfertigenden Glauben kommst, das ist Gottes Werk. Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. … Bekehre du mich, so werde ich bekehrt; denn du, HERR, bist mein Gott! (Ker. 17,14; 31,18b.) Und Paulus beschreibt es durch den Heiligen Geist so: Aber Gott, der da reich ist von Barmherzigkeit, durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat: Da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christus lebendig gemacht (denn aus Gnaden seid ihr gerettet worden) und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm ihn das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus. … Denn aus Gnaden seid ihr selig geworden durch den Glauben, und dasselbe nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme. (Eph. 2,4-6.8-9.)

    Da geht es nicht nur um die Änderung deiner Gesinnung, das unbedingt auch, sondern es geht wirklich um einen radikalen Bruch mit deinem bisherigen Leben. Wenn du zuvor mehr oder weniger religiös gewesen bist, wird er dir nicht so radikal vorkommen, wie er bei jemandem ist, der ganz und gar in der Welt aufgegangen ist, aber doch geht es darum, dass es sich um eine grundlegende Richtungsänderung deines Lebens handelt in deinem Denken, Wollen, Fühlen, Sehnen, Hoffen, deinen Interessen und Zielen. Das zeigt sich in der Frucht der Bekehrung, von der Johannes ja auch spricht, nämlich

 

    4. In dem neuen Leben, mit dem du Christus nachfolgst. Denn der rechtfertigende Glaube ist ja kein Gedankengebäude, ist kein abstraktes Gebilde, sondern ist die lebendige Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, der nun Wohnung in dir macht, vor allem aber mit Jesus Christus, deinem Retter. In sein Reich bist du aus Satans Reich versetzt worden (Kol. 1,13), im gehörst du jetzt. Das, was der HERR dir geschenkt hat, das, was er an dir getan hat, das gilt es nun auch festzumachen: Darum, liebe Brüder, tut desto mehr Fleiß, eure Berufung und Erwählung festzumachen. (2. Petr. 1,10.) Und was heißt das? Paulus ruft dich dazu auf: Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber begebt zu einem Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. (Röm. 12,1.) So führt der Glaube auch zu einem erneuerten Leben. Nicht auf einmal, wenn du auch grundsätzlich, wie in der Taufe, so auch in der Bekehrung, mit Christus gestorben und zu einem neuen Leben auferstanden bist. Aber das gilt es nun im täglichen Vollzug umzusetzen. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen mögt, welches da sei der gute, der wohlgefällige, der vollkommene Gotteswille. (Röm. 12,2.)

    Das ist ein Leben, in dem du nicht mehr für dich selbst lebst, sondern für den, der für dich gestorben und auferstanden ist, Jesus Christus (2. Kor. 5,14-15). Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus, unserm HERRN. (Röm. 6,11.) Das vollzieht sich im täglichen Kampf gegen die immer wieder aufsteigende, immer wieder nach dir greifenden Sünde. Darum heißt es täglich: So legt nun ab von euch nach dem vorigen Wandel den alten Menschen, der durch Lüste in Irrtum sich verderbt. Erneuert euch aber im Geist eures Gemüts und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Eph. 4,22-24.) Das ist das tägliche Ersäufen des alten Menschen, nicht zuletzt auch durch erkennen und bekennen deiner Sünde, ergreifen der Vergebung und neuer Hingabe an deinen HERRN Jesus Christus. Das ist das tägliche Ausleben dessen, was dir in der Taufe geschenkt wurde. So kommst du immer mehr zu dem, was Paulus von sich sagen konnte: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir; denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben. (Gal. 2,20.)

   

    Du, der du noch in Gleichgültigkeit dahinlebst, ohne weiter nach Gott zu fragen: Wie willst du bestehen, wenn Christus wiederkommt mit der Worfschaufel in seiner Hand und seine Tenne fegen wird? Und du, der du zwar religiös bist, der du vielleicht in eigener Kraft sogar eiferst für Gott – wie willst du ihm begegnen, wenn du ihm deine Gerechtigkeit vorweisen willst, die nur ein unflätiges Kleid ist vor ihm (Jes. 64,6)? Wie willst du ihm begegnen, wenn du nicht allein seine Gerechtigkeit hast? Darum gilt dir dieser unbedingte, radikale Ruf des Johannes und Jesu: Bekehre dich! Du kannst sonst im Gericht Gottes nicht bestehen.

    Du aber, der du schon von Gott bekehrt bist durch Wasser und Geist: Bleibe nun auch an seinem Wort und Sakrament, damit er dich dadurch aus seiner Kraft erhalte im rechten Glauben zum ewigen Leben (1. Petr. 1,5) und folge Christus nach, entschieden, ohne Wenn und Aber. Bitte um ein brennendes Herz für ihn, das darum eifert, seinen Willen zu tun. Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Denn wer die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Alles aber, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. (1. Joh. 2,15-17.) Diesen Weg gehe, um Christi, deines Retters, willen. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Heiligen Abend ueber Matthaeus 1,18-23: Heilige Nacht – der Retter ist gekommen

 

Matthäus 1,18-23: Die Geburt Christi war aber so getan. Als Maria, seine Mutter, dem  Joseph vertraut war, ehe er sie heimholte, erfand sich’s, dass sie  schwanger war von dem Heiligen Geist. Joseph aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht rügen, dachte  aber sie heimlich zu verlassen. Indem er aber so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des HERRN  im Traum und sprach: Joseph, du Sohn Davids fürchte dich nicht, Maria,  dein Gemahl, zu dir zu nehmen; denn das in ihr geboren ist, das ist von  dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen; denn  er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden. Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der HERR durch  den Propheten gesagt hat, der da spricht: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie  werden seinen Namen Emanuel heißen, das ist verdolmetschet, Gott mit  uns.

 

    Maria war mit dem Zimmermann Joseph verlobt. Nach der alten Ordnung, wie sie  im Alten Bund und auch noch lange im Neuen Bund, bis in 19. Jahrhundert hinein, üblich war, war die Verlobung die verbindliche Zusammensprechung der beiden Heiratswilligen. Allerdings durften sie vor der Hochzeit noch nicht zusammen kommen. Nun aber war es geschehen, dass Maria schwanger geworden war. Zunächst war sie ja einige Monate bei ihrer Verwandten Elisabeth auf dem jüdischen Gebirge gewesen, so dass niemand sonst von ihrer Schwangerschaft etwas erfahren hatte. Aber als sie dann zurückkam, wurde es bekannt. Die Situation muss für sie mehr als heikel gewesen sein. Ihr öffentliches Ansehen war praktisch ruiniert. Die Hauptfrage aber war: Wie würde ihr Verlobter reagieren? Nach alttestamentlichem Recht (4. Mose 5,15) hätte er sie bei den Priestern anklagen und das Eiferopfer fordern können. Aber das wollte er nicht. Er wollte sie nicht öffentlich noch mehr in Schande und Not bringen, wollte auch nicht, dass sie hingerichtet würde. Joseph wird uns vielmehr als ein frommer, ein gottesfürchtiger und daher auch barmherziger Mann geschildert, der vorhatte, Maria heimlich zu verlassen. So war die Lage, als Gott der HERR selbst eingriff, um Joseph zu erklären, was Maria widerfahren war und warum er sie ganz getrost als seine Frau heimholen konnte, denn es lag kein Ehebruch vor. Der Engel Gottes erklärt vor allem auch, was es mit dem Kind auf sich hat, das Maria gebären sollte. Lasst uns das nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes näher bedenken, denn der Engel sagt auch uns, wer gekommen ist und wozu.

 

Heilige Nacht – der Retter ist gekommen

1. Wer ist gekommen?

2. Wozu ist er bekommen

 

    1. Wer ist gekommen? Wer ist es also, der damals in Bethlehem geboren wurde und in einer Krippe lag? Unser Text sagt uns, dass Maria schwanger ward, und einige Verse davor, ist von Maria die Rede, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus (V. 16). Diese Verse besagen, dass das Kind in der Krippe wahrer Mensch ist, geboren von der Jungfrau Maria. Denn das ist es ja auch, was der Engel des HERRN Joseph erklärt, nämlich dass hier die Erfüllung der Weissagung vorliegt, die Jesaja einst getan: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären. Das stimmt auch ganz mit der Unterredung des Engels Gabriel mit Maria überein. Denn als dieser ihr verkündete, dass sie schwanger werden würde, war Maria ja ganz erstaunt: Wie soll das zugehen, da ich von keinem Mann weiß? (Luk. 1,34) Das liegt ja auch ganz auf der Linie des ersten Evangeliums, der Verheißung Gottes an Eva gleich nach dem Sündenfall: Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. (1. Mose 3,15.)  

    Jesus ist geboren von der Jungfrau Maria, in deren Bauch er zehn Monate herangewachsen ist, wie jeder andere Mensch auch im Bauch seiner Mutter heranwächst. Dass er wahrer Mensch ist, zeigt sich dann auch, dass von ihm ausgesagt wird, als er ein Kind war, dass er zunahm an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen (Luk. 2,51). Die Bibel beschreibt ihn uns auch als einen Menschen, denn sie bezeugt, dass er eine Seele hat, wenn er, Jesus, im Garten Gethsemane zu seinen Jüngern spricht: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. (Matth. 26,38.) Er hat auch einen Leib, denn er spricht ja von diesem Leib, dass er ihn uns zu essen gibt im heiligen Abendmahl: Nehmt, esst, das ist mein Leib. (Matth. 26,26.) Auch haben ja Joseph von Arimathia und Nikodemus um den Leib Jesu gebeten und ihn dann auch begraben (Matth. 27,58). Im Hebräerbrief bezeugt der Heilige Geist, dass nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er’s gleichermaßen teilhaftig geworden, auf dass er durch den Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist, dem Teufel. (2.14.) Jesus von Nazareth hat also Fleisch und Blut wie wir alle auch. Wie ein Mensch konnte er betrübt werden, wie wir schon gehört haben, aber er konnte auch müde und durstig sein (Joh. 4,6.7), auch weinen über das Elend der Sünde und ihre Folgen (Joh. 11,33.35). Darum nennt ihn die Bibel auch einen Menschen: Es ist nur ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus. (1. Tim. 2,5.) Auch der Hauptmann unter dem Kreuz spricht von ihm ja als von einem frommen Menschen (Luk. 23,47).

    Und das, was wir im Alten Testament von ihm geweissagt finden, bestätigt da ja, etwa wenn er dort spricht: Der HERR HERR hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger. (Jes. 50,4.) Und kurz danach: Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften; mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes. 50,6.) All das sind Aussagen über einen Menschen.

    Aber wir würden zu kurz greifen, wenn wir meinten, das Kind, das da in der Krippe liegt, sei also ein gewöhnlicher Mensch wie du und ich. Nein, das keineswegs. Denn ein solcher könnte uns ja nicht helfen, könnte uns nicht retten aus der Sündenknechtschaft, könnte nicht für uns Sünder eintreten: Kann doch ein Brüder niemand erlösen, noch Gott jemand versöhnen; denn es kostet zu viel, ihre Seele zu erlösen, dass er’s muss lassen anstehen ewiglich. (Ps. 49,8.9.) Denn was heißt es doch hier weiter von Jesus von Nazareth? Das in ihr (also Maria) geboren ist, das ist von dem Heiligen Geist. Das ist ja nun das Außergewöhnliche. Nur so konnte er, Jesus Christus, zwar wahrer Mensch sein und doch ohne Sünde, weil er eben nicht von dem Blut eines Mannes gezeugt wurde, sondern von dem Heiligen Geist. Darum ist das Kind in der Krippe, ist der Mann, der dann herangewachsen ist, durch Israel wanderte und schließlich am Kreuz starb und am dritten Tag wieder lebendig wurde, nicht bloß wahrer Mensch, sondern zugleich auch wahrer Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren. Das hat der Engel Gabriel schon Maria erklärt: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden. (Luk. 1,35.) Und Joseph gegenüber bekräftigt dies der Engel, wenn er ihm sagt: Und sie werden seinen Namen Immanuel heißen, das ist verdolmetscht: Gott mit uns. Ja, Jesus von Nazareth ist der Gott mit uns, weil Gott selbst wahrer Mensch geworden ist, die Herrlichkeit verlassen hat um unseretwillen, für uns in diese arme Welt, in dieses Jammertal gekommen ist.

    Daher schreibt Johannes von ihm als Griffel des Heiligen Geistes: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. … Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben. (Joh. 1,1.3.4a.) Und wenig später sagt er von dem Wort: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh. 1,14.) Gott ist Fleisch geworden, Gott hat Fleisch an sich genommen, hat unter uns gewohnt. Und ist zugleich doch wahrer Gott geblieben. Strahlen seiner Herrlichkeit konnten die Jünger immer wieder sehen durch die Wunder, an der Weise seiner Predigt. Denn dieser eingeborne Sohn, der hier auf Erden war, der war zugleich in des Vaters Schoß und hat es uns verkündigt (Joh. 1,18). Darum zeugt auch Johannes in seinen Briefen von ihm: Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. (1. Joh. 5,20.) Und Paulus schreibt: Welcher auch sind die Väter, aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit! (Röm. 9,5.)

    Das ist also das Wunder, das wir in der Krippe und im weiteren Verlauf staunend anschauen und anbeten dürfen und sollen im Alten und Neuen Testament: Der Christus Jesus von Nazareth, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person, die Naturen ungetrennt und unvermengt, aber in innigster Gemeinschaft miteinander, so dass man sie nicht trennen kann, denn sonst würdest du die eine Person zerreißen. Deshalb heißt es von ihm im Brief an die Kolosser: In ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. (Kol. 2,9.) Wie das zugehen soll, ist für unsere Vernunft nicht begreiflich, wie der unendliche Gott, der allgegenwärtig ist, in einem begrenzten menschlichen Leib wohnen soll – und doch bezeugt genau das der Heilige Geist. Ja, das ist allerdings ein Wunder: Der heilige, gerechte Gott kommt in die durch die Sünde gefallene Welt, nimmt sogar den Leib der sündigen Menschen an, bleibt aber selbst ohne Sünde. Hier kannst du etwas erkennen von der unendlichen, von unserer Seite völlig unbegründeten Liebe und Barmherzigkeit des lebendigen Gottes: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh. 3,16.) Darinnen steht die Liebe, nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden. (1. Joh. 4,10.)

 

    2. Wozu ist er gekommen? Warum aber das alles? Weshalb ist der wahre Gott zugleich wahrer Mensch geworden? Warum hat er den Reichtum und die Herrlichkeit des Himmels verlassen, um in unsere arme, elende, von so viel Unglück und Ungerechtigkeit geprägte Welt zu kommen? Auch das erklärt der Engel dem Joseph: Und sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen; denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden. Dazu also ist er gekommen, sein Volk, also zunächst vor allem Israel, aber darüber hinaus alle Menschen zu retten von ihren Sünden. Und das haben wir ja bitter nötig. Denn um der Sünde willen sind wir ja alle eigentlich zur ewigen Verdammnis verurteilt. Denn wie sagt es doch der HERR: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alledem, das geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er’s tue. (Gal. 3,13.) Der Tod ist der Sünde Sold. (Röm. 6,23a.)

    Dass also ist der Grund dieses Wunders von Bethlehem: Dass er uns doch errettet für Zeit und Ewigkeit. Deshalb sagt Jesus Christus auch von sich selbst: Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Matth. 18,11; Luk. 19,10.) Und an anderer Stelle: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. (Matth. 20,28.) Und genau das ist ja auch  geschehen. Denn er ist der, von dem dann Johannes, als er ihn sieht, ausruft, mit dem Finger auf ihn zeigen: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. (Joh. 1,29.) Er ist es, von dem schon Jesaja geweissagt: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Strafen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagene. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR war unser aller Sünde auf ihn. (Jes. 53,4-6.)

    Das hat Jesus Christus durch seinen Gehorsam, sein Leiden und Sterben am Kreuz auf Golgatha wahrhaft erfüllt: Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen. (Röm. 5,18.) Denn das er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben; das er aber lebt, das lebt er Gott. (Röm. 6,10.) Und Petrus schreibt von diesem Rettungswerk: Wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Gold oder Silber erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petr. 1,18.19.) Ja, er, Jesus Christus von Nazareth, ist der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe (Joh. 10,12). Gott hat ihn für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. (2. Kor. 5,21.)

    Er, Jesus, hat sich selbst für unsere Sünden gegeben, dass er uns errettete von dieser gegenwärtigen argen Welt nach dem Willen Gottes und unsers Vaters. (Gal. 1,4.) Darum macht das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, uns rein von aller Sünde. (1. Joh. 1,7.) Denn an ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade. (Eph. 1,7.)

    Darum also ist er, Jesus Christus, der ewige Sohn Gottes, für uns, um unseretwillen, Mensch geworden, damit er an unserer Stelle, stellvertretend für uns, das Gesetz erfüllte (Gal. 4,4.5), unsere, deine und meine Sünden  auf sich nimmt und sie an seinem Leib opfert auf dem Holz (1. Petr. 2,24) und so ein vollkommenes, für alle Zeiten und alle Menschen ausreichendes Lösegeld bei seinem Vater bezahlt hat für unsere Sünden. Ja, Gott ist mit der Welt, allen Menschen, versöhnt durch das Opfer seines Sohnes auf Golgatha. Deine Erlösung ist vollendet.

    Du, der du noch fern bist von Jesus Christus, der du noch gar nichts weißt von deiner Sündenverdorbenheit, lass dich doch erwecken, betrachte den Willen Gottes in seinen zehn Geboten, in der Bergpredigt, und bitte ihn um rechte Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis, damit du anfängst zu begreifen, weshalb du einen Retter benötigst.

    Du aber, der du schon erweckt bist, der du Sündenerkenntnis hast, vielleicht schon ringst mit der Sünde, ja, lass dich führen zum völligen Zerbruch über deiner Verdorbenheit, der Erkenntnis, dass du Gott nichts bringen kannst, gar nichts. Aber dann, gerade dann erkenne doch ihn, der in der Krippe liegt, dass er auch für dich Mensch geworden ist, auch um deinetwillen die Herrlichkeit verlassen hat, um auch für dich das Gesetz zu erfüllen. Noch mehr: Er hat auch deine Sünden an seinem Leib auf das Kreuz geopfert und so Gott auch mit dir versöhnt. Ihm bekenne doch deine Sünden, bitte um seine Gnade und Vergebung und empfange, ergreife sie im Glauben, denn in seinem Wort bezeugt er dir: Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das ewige Leben. (Joh. 3,36a.)

    Und du, der du schon in diesem rechtfertigenden Glauben stehst, blicke immer wieder voll Staunen das Wunder an, das damals in Bethlehem geschah, danke ihm immer neu dafür, rühme, lobe und preise ihn für diese Gnade und sein Erlösungswerk – und lass dich dadurch immer neu dazu anreizen, ihn zu lieben, um seiner Liebe willen dich ihm täglich neu zu weihen und ihm konsequent und mit Entschiedenheit nachzufolgen. Denn die Liebe Christi dringt dich ja, dass, weil er für dich gestorben ist, du nun nicht mehr dir selbst lebst, sondern dem, der für dich gestorben und auferstanden ist. (2. Kor. 5,14-15.)

    So lasst uns nun freudig und getrost das Christfest feiern in der frohen Gewissheit, dass die heilsame Gnade Gottes in Christus allen Menschen zur Rettung erschienen ist (Tit. 2,11). Amen. irH

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag nach dem Christfest ueber Lukas 2,25-32: Was ist noetig für ein seliges Leben und Sterben?

 

Lukas 2,25-32: Und siehe, ein Mensch war zu Jerusalem mit Namen Simeon; und derselbe  Mensch war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels;  und der Heilige Geist war in ihm. Und ihm war eine Antwort geworden von dem Heiligen Geist, er sollte den  Tod nicht sehen, er hätte denn zuvor den Christ des HERRN gesehen. Und er kam aus Anregen des Geistes in den Tempel. Und da die Eltern das Kind  Jesus in den Tempel brachten, dass sie für ihn täten, wie man pflegt  nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: HERR, nun lässt du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volks Israel.

 

    Unser heutiger Text versetzt uns in die Zeit 33 Tage nach der Geburt unseres Retters. Seine Beschneidung hat bereits stattgefunden, am achten Tag seines Erdenlebens. 33 Tage war die Mutter nach dem jüdischen Gesetz (3. Mose 12,2 f.) unrein, dann sollte sie in den Tempel kommen, um das Opfer für ihre Reinigung zu bringen. Und hier ist ja, wie schon bei der Beschneidung des HERRN, das große, das Gewaltige, dass, obwohl sie doch den HERRN unter dem Herzen getragen und geboren hat, Maria also Gottesgebärerin ist, wie die alte Kirche richtig bekannt hat – und auch schon Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers bezeugte: Und woher kommt mir das, dass die Mutter meines HERRN zu mir kommt? (Luk. 1,43) – dennoch wird das Gesetz vollständig eingehalten. Bei seiner Beschneidung musste unser Heiland erstmals sein Blut für uns vergießen und wurde auch sozusagen offiziell dem Gesetz unterworfen – für uns. Und nun ist Maria mit Joseph und dem Kind im Tempel, um das Opfer zu bringen, Turteltauben, das Opfer, das die Armen darbrachten (3. Mose 12,8).

    In diesem Zusammenhang nun geschieht das, wovon unser heutiger Text berichtet: Simeon, ein alter gerechter und gottesfürchtiger Mann ist im Tempel, geleitet vom Heiligen Geist, ein messianischer Jude, der in herzlichem Glauben auf den Messias wartete, und nun, da er gekommen war, ihn im Tempel freudig begrüßt, auf seine Arme nimmt und den lebendigen Gott lobt über dieser Gnadentat. Lasst uns dies näher betrachten, gerade auch unter dem Thema, das auch Simeon anspricht: HERR, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast und dabei fragen:

 

Was ist nötig für ein seliges Leben und Sterben?

1. Was ist nötig für ein seliges Leben?

2. Was ist nötig für ein seliges Sterben?

 

    1. Was ist nötig für ein seliges Leben? Von Simeon heißt es hier: Derselbe Mensch war fromm (oder: gerecht) und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war in ihm. Simeon war also ein Mann, der fromm war, oder, wie das griechische Wort eigentlich lautet: gerecht. Damit ist gemeint, dass er ein Leben gemäß dem Willen Gottes gelebt hat. Ähnliches lesen wir ja am Anfang der Bibel etwa über Noah: Er war ein gerechter Mann und ohne Tadel und führte ein göttliches Leben zu seinen Zeiten. (1. Mose 6,9.) Er fragte also von Herzen nach dem Willen Gottes, um ihn zu tun, und so auch seinem Nächsten zu dienen. Denn Gottes Gebot weist uns in der zweiten Tafel ja gerade an den Nächsten, ihm durch unsere Liebe zu dienen, und zwar tatsächlich. Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit. (1. Joh. 3,18) schreibt Johannes in seinem ersten Brief. Was das heißt, das zeigt uns etwa Petrus: Vergeltet nicht Böses mit Bösen oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet, und wisst, dass ihr berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. (1. Petr. 3,8.) Jesaja ist da noch konkreter geworden: Brich dem Hungrigen dein Brot und die, so im Elend sind, führe ins Haus; und wenn du jemand nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht von deinem Fleisch. (Jes. 58,7.) Das sind sehr deutliche Anweisungen, die auch wir uns zu Herzen nehmen sollten, denn darin erweist sich unser Glaube. Bedenke, was Jakobus dir zuruft: Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein, dadurch ihr euch selbst betrügt. (1,22.)

    Simeon also war solch ein Mann, der eifrig darin war, Gott im Nächsten zu dienen, Gottes Gebote von Herzen zu erfüllen. Wie sehr ihm der Nächste am Herzen lag, das erkennen wir an seinem Lobgesang, als er das Jesuskind in den Armen hält: Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volks Israel. Die große Mehrzahl der Juden dachte überhaupt nicht an die Heiden, wenn sie an den Messias dachten. Ja, sie verachteten die Heiden, betrachteten sie als Hunde und hatten eigentlich keinen Umgang mit ihnen. Wie ganz anders Simeon. Er nimmt Gottes Wort ernst, das schon im Tenach, im Alten Testament, immer wieder deutlich macht, dass der Messias auch ein Licht der Heiden sein soll (Jes. 49,6) und die Völker Gott loben, was sie ja nur können, wenn sie ihn im Glauben erkannt haben. Daher freut sich Simeon, dass nun auch der Retter für die Heiden da ist, für diejenigen, die bisher in Finsternis und Schatten des Todes saßen, nichts wussten von Gottes Verheißungen. So soll auch uns es wichtig sein, dass die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, Familienangehörige, Verwandte, Kollegen, Nachbarn, Bekannte, zum rettenden Glauben an Jesus Christus kommen, aber ebenso auch die Menschen überhaupt, die hier im Land leben, aber auch die anderer Völker. Wie steht es da mit dir? Betest du für sie? Bezeugst du ihnen den Retter, wo es dir möglich ist? Gibst du auch Opfer für die Evangelisation und Mission? Denn: Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. (1. Tim. 2,4.) Darum hat er ja seine Gemeinde auch beauftragt: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der soll selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Mark. 16,15-16.)

    Aber Simeon ist nicht bloß ein sozial eingestellter Mensch gewesen, wie ihn vielleicht manche beurteilt haben. Nein, was er getan hat, das geschah aus Glauben. Und das unterstreicht vor allem auch die zweite Aussage: Er war ein gottesfürchtiger Mann. Gerade das ist zentral für ein seliges, ein Gott wohlgefälliges Leben: Dass du ein gottesfürchtiger Mensch bist. Das ist jemand, der Gott kennt, kennen will, der darum fragt nach dem Willen Gottes, weil er Gott durch Gehorsam, durch das Tun seines Willens, ehren will. Alles, was ihr tut, das tut von Herzen, als dem HERRN und nicht den Menschen. (Kol. 3,23.) Ihr esst nun oder trinkt oder was ihr tut, so tut es alles zu Gottes Ehre. (1. Kor. 10,31.) Ja, wenn du im rettenden Glauben an deinen HERRN, an deinen Heiland Jesus Christus stehst, dann ist es dir ein Herzensanliegen, dass du mit deinem Glauben, deinen Worten, deinen Taten, deinem Leben Gott ehrst. Und darum fragst du nach seinem Willen. Du bist nicht nur äußerlich, gewohnheitsmäßig, religiös, nein, dein Herz ist erfüllt mit dem dreieinigen Gott, du lässt dich leiten durch seinen Geist. In Psalm 1 beschreibt der HERR einen solchen Menschen so: Er hat Lust am Gesetz des HERRN und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht. (V. 2.) Oder Psalm 19: Das Gesetz des HERRN ist unveränderlich und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Einfältigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen. (V. 7-9.) Dann ist es dir ein herzliches Anliegen, Gottes Wort zu lesen, es immer besser zu kennen, immer deutlicher Wegweisung daraus zu erhalten: Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des HERRN wandeln! Wohl denen, die seine Zeugnisse halten, die ihn von ganzem Herzen suchen! Denn welche auf seinen Wegen wandeln, die tun kein Übels. Du hast geboten, fleißig zu halten deine Befehle. O, dass mein Leben deine Rechte mit ganzem Ernst hielte! … Deine Rechte will ich halten; verlass mich nimmermehr!  … Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, auf dass ich nicht wider dich sündige. (Ps. 119,1-5.8.11.)

    Dieser Glaube aber hat auch den rechten Kern: Simeon wartete auf den Trost Israels, also auf den Messias. Seit Adam und Eva ist der rechte, der wahre Glaube derjenige an den Messias. So auch hier bei Simeon. Darum heißt es auch ausdrücklich, dass der Heilige Geist in ihm war. Er hat auch im Alten Bund schon die Menschen zum rettenden Glauben gebracht und darin erhalten. Schon Jakob betete ja: HERR, ich warte auf dein Heil. (1. Mose 49,18.) Und von David lesen wir, dass er versichert ist von dem Messias des Gottes Jakobs (2. Sam. 23,1) Und von Abraham, dem Vater des Glaubens, bezeugt der Heilige Geist: Er wartete auf eine Stadt, die einen Grund hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist. (Hebr. 11,10.)

    Das also ist das rechte selige, Gott wohlgefällige Leben: an ihn, den dreieinigen Gott, von Herzen glauben, aus seinem Wort leben, seinen Willen von Herzen tun und so auch den Nächsten lieben und ihm zur Ehre Gottes dienen.

   

    2. Was ist nötig für ein seliges Sterben? Simeon aber hat nicht nur ein Gott wohlgefälliges Leben geführt. Er war so auch bereit zu einem seligen Sterben. HERR, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen. Ist das nicht ein köstliches Zeugnis? Ist es nicht das, was wir auch für uns wünschen, erbeten sollten? Simeon konnte im Frieden sterben, nämlich im Frieden mit dem lebendigen Gott. Und warum konnte er das? Weil er sich an den Trost Israels gehalten hatte und ihn, den Retter gesehen hat. Gewiss, wir können Jesus Christus heute nicht mehr mit unseren leiblichen Augen sehen. Aber das ist auch nicht das Entscheidende. Denn wie viele haben ihn damals wohl mit ihren leiblichen Augen gesehen und sind doch verloren gegangen, weil sie ihn nicht mit ihrem geistlichen Auge gesehen haben. Das ist also das alles Entscheidende, dass du diesen ewigen Trost hast, indem du Christus mit deinem geistlichen Auge, im Glauben, erkennst und ergreifst. Denen bezeugt Christus: ‚Wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. (Joh. 6,40.) Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. (Joh. 11,25-26.) Darum bekräftigt der Heilige Geist auch: Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. (Joh. 3,36a.)

    Auf diesen Trost kannst du allerdings sterben. Auf diesen Trost ist David gestorben, wie wir schon gehört haben, der versichert war von dem Messias des Gottes Jakobs. Diesen Trost hatte der Märtyrer Stephanus, selbst unter dem Hagel der ihn tötenden Steine, dass er den Himmel offen sehen durfte und sich dann dem HERRN anbefahl: HERR Jesus, nimm meinen Geist auf! (Apg. 7,58.) Das war auch der Trost des Paulus, als er in der Gefangenschaft war und den sicheren Tod vor Augen hatte: Ich habe einen guten Kampf gekämpft; ich habe den Lauf vollendet; ich habe Glauben gehalten. Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der HERR an jenem Tag, der gerechte Richter, gegen wird, nicht mir aber allein, sondern allen, die seine Erscheinung lieb haben. … Der HERR wird mich erlösen von allem Übel und aushelfen zu seinem himmlischen Reich. (2. Tim. 4,7-8.18.) Mit dem Blick zum Vater, im herzlichen Vertrauen auf den himmlischen Vater, ist auch Christus gestorben und hat sich ihm anbefohlen:  Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. (Luk. 23,46.) Ist dies nicht gewaltig? Sollten wir nicht darum beten?

    Warum konnten sie so sterben, warum konnte Simeon so sterben? Nun, wie wir schon gehört haben: Er hat schon in seinem Leben auf den HERRN vertraut, er hat schon ein Leben mit dem Messias, dem Retter der Welt, geführt. Sage doch ja nicht, der Schächer habe doch auch noch im Sterben Buße getan. Wenn du daraufhin ein gottloses Leben führen willst, weil du meinst, du hättest noch Zeit zur Bekehrung, so sage ich dir, dass der HERR solch einen Trotz gegen seine Gnade nicht annehmen, sondern dich richten wird. Denn so verstockst du dein Herz gegen den Gnadenruf des HERRN. Bedenke: Es gibt auch ein zu spät! Und: Der Schächer ist der einzige in der Bibel, von dem gesagt ist, dass er sich noch im Sterben bekehrt hat. Alle anderen sind in ihren Sünden gestorben. Nein, es gilt, dass du dich frühzeitig bekehrst, je früher, desto besser. Heute, so ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht! (Hebr. 3,15.)

    Bei all seiner Frömmigkeit, all seiner Lebensgerechtigkeit, die Simeon ja durchaus hatte, hat er sich doch nicht darauf verlassen, sondern sein Trost war einzig und allein Jesus Christus, der Retter der Welt. Weil wir wissen, dass der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so glauben wir auch an Christus Jesus. (Gal. 2,16a.) Was also ist dein Trost, auf den du sterben willst? Worauf verlässt du dich? Ist es deine Rechtschaffenheit, mit der du meinst, vor Gott treten zu können? Sind es deine frommen Eltern oder Großeltern? Oder deine frommen Bemühungen, Anstrengungen, deine guten Werke, das, was du für andere gemacht hast? Was ist dein Trost in diesem Leben? Dein Können, deine Familie, dein Geld, dein Einfluss, dein Ansehen bei den Menschen? Ich sage dir: Mit all dem wirst du scheitern, furchtbar scheitern. Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht. (Röm. 3,20a.)

    Bitte den HERRN, dass er dir all das, worauf du fälschlich deinen Trost, dein Vertrauen setzen magst, zerschlägt, bitte ihn, dass du dich recht als ein abgrundtief verdorbener Sünder erkennst und deine Rettung allein in Jesus Christus suchst. Und du, der du diesen rettenden Glauben schon hast: Bitte darum, dass du durch Gottes Kraft darin bewahrt wirst zur Ewigkeit, dass du treu bleibst an ihm und halte dich in allen Stürmen, die noch kommen mögen, an den, der allein dich ewig erretten kann und wird, Jesus Christus. Habt immer das Zeugnis des Paulus vor Augen: Aber war mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Denn ich achte es alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu, meines HERRN, um welches willen ich alles habe für Schaden gerechnet und achte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne und in ihm erfunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. (Phil. 3,7-9.) Amen.

 

 

Evangelienpredigt zu Epiphanias ueber Matthaeus 3,13-17: Christi Niedrigkeit und Herrlichkeit bei seiner Taufe

 

Matthäus 3,13-17: Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich  von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir  getauft werde, und du kommest zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass jetzt also sein; so gebührt  es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu. Und da Jesus getauft war, stieg er bald herauf aus dem Wasser; und siehe,  da tat sich der Himmel auf über ihm. Und Johannes sah den Geist Gottes  gleich als eine Taube herabfahren und über ihn kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber  Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.

 

    Mit unserem Text begegnen wir wieder Johannes dem Täufer, dessen Ruf zur Umkehr uns bereits in der Adventszeit beschäftigt hat. Auf Gottes Geheiß (Luk. 3,2) war er in die jüdische Wüste gegangen, für einen Juden ein zutiefst unwirtlicher, unheimlicher Ort. Von dort erscholl sein Ruf zur Umkehr angesichts des kommenden Messias. Und erstaunlich: In großen Scharen kam das Volk zu ihm, um seine Sünden zu bekennen und sich taufen zu lassen. So groß war der Andrang, dass die Kirchenleitung und die sie unterstützenden Kreise es mit der Angst zu tun bekamen und ihre Vertreter auch hinschickten, damit sie vor dem Volk nicht als solche dastünden, die es nicht mit Johannes hielten. Hart und deutlich hatte der Täufer sie angesprochen und zur Umkehr gemahnt (V. 7-12).

    Dann aber kam jemand, mit dem Johannes nun allerdings nicht gerechnet hatte: der Christus Jesus von Nazareth. Und so lasst uns nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Christi Niedrigkeit und Herrlichkeit bei seiner Taufe

1. Seine Niedrigkeit

2. Seine Herrlichkeit

 

    1. Christi Niedrigkeit. Das war ja allerdings außergewöhnlich: Jesus von Nazareth, der Messias Israels und Retter der Welt, kommt zur Taufe des Johannes. Denn diese Taufe wird uns ja eindeutig beschrieben als Taufe der Buße (oder Umkehr) zur Vergebung der Sünden (Mark. 1,4). Die Menschen, die sonst zu Johannes kamen, das waren ganz gewöhnliche Menschen aller Schichten, die durch die Predigt des Johannes zu lebendiger Sündenerkenntnis gekommen waren, denen also ihre Sünden drückten, Not bereiteten, ihnen leid waren, sie traurig machten, die sie gerne los wären. Kennst du das auch schon? Hat Gott der HERR auch bei dir schon solche Sündenerkenntnis wecken können? Solche Menschen also kamen zu Johannes, und für sie war ja von Gott auch diese Predigt und Taufe gedacht. Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich taufen, kehrten um zu einem neuen Leben unter Gott.

    Und nun kommt Jesus Christus. Johannes dem Täufer war er nicht völlig unbekannt. Und so stutzt dieser Mann Gottes, als der Messias zu ihm kommt und die Taufe begehrt. Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Wer war dieser Jesus von Nazareth, der da bei Johannes erschien? O ja, er war wahrer Mensch, von der Jungfrau Maria geboren. Immer wieder wird ja betont, dass er von einer Frau geboren wurde (Gal. 4,4), ja, von einer Jungfrau (Jes. 7,14; Matth. 1,18 ff.; Luk. 1,27.34 ff.) Auch bezeichnet ihn der Heilige Geist in der Bibel eindeutig als Menschen: Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus. (1. Tim. 2,5.) Aber damit ist dein Retter noch nicht vollständig beschrieben. Denn er ist auch wahrer Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. So führt ihn der Apostel Johannes gleich zu Beginn seines Evangeliums ein: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht; und ohne dasselbe ist nichts gemacht, das gemacht ist. (1,1-3.) Und später bezeugt er: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,14.) Jesus Christus ist also wahrer Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, wesenseins mit dem Vater – Ich und der Vater sind eins. (Joh. 10,30) bezeugt Christus selbst – und hat so durch seine göttliche Natur auch die menschliche Natur in die eine Person aufgenommen.

    Ja, der Christus Jesus von Nazareth ist wahrer Gott und zugleich wahrer Mensch, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden (Phil. 2,7b) – und doch ganz anders. Denn im Unterschied zu allen anderen Menschen wurde er nicht von dem Blut eines Mannes geboren, sondern gezeugt von dem Heiligen Geist. Der Engel Gabriel hatte es Maria vorhergesagt: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden. (Luk. 1,35.) Und Joseph hatte er gesagt: Das in ihr geboren ist, das ist von dem Heiligen Geist. (Matth. 1,20c.) Und so ist er im Unterschied zu allen anderen Menschen kein Sünder, ist rein, sündlos. Selbst seine Feinde konnten ihm nichts vorweisen, als er sie herausfordernd fragte: Welchre von euch kann mich einer Sünde zeihen? (Joh. 8,46a.) Und Petrus bezeugt von ihm: Welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Mund erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt; er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet. (1. Petr. 2,22-23.)

    Wie also kam es, dass dieser Christus zu Johannes dem Täufer kam, der Sündlose zur Taufe für Sünder zur Vergebung der Sünden? Höre doch, was er Johannes antwortet: Lass es so sein; so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Ja, Jesus Christus ist der Sündlose, der Reine. Aber er ist ja dazu in diese Welt gekommen, die Sünder selig zu machen (1. Tim. 1,15). Und dieses sein Amt, das er seit seiner Zeugung in seiner ganzen Person inne hat, das tritt er nun auch öffentlich an. Und so reiht er, der Sündlose, sich ein in die Reihen der Sünder und bezeugt damit: Ich nehme euer aller Sünden auf mich. Darum bekennt auch der Täufer von ihm: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. (Joh. 1,29.) Ja, als der Generalsündenträger aller Welt kommt Jesus Christus zu Johannes, um sich taufen, von den Sünden der Welt reinigen zu lassen. So, nur so, nämlich dass er die Sünden der Welt auf sich nimmt, um für sie zu bezahlen, nur so konnte er die Gerechtigkeit erwerben, die vor Gott gilt, die Gerechtigkeit, die du empfängst, wenn du ihn im Glauben ergreifst. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. (Röm. 4,5.) Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben. (Röm. 3,22.) Als unser Stellvertreter, als dein Stellvertreter ist er in diese Welt gekommen, um auch an deiner Statt sich dem Gesetz zu unterwerfen, auch an deiner Statt die Sünden zu tragen und für sie die volle Strafe zu bezahlen. Und das fängt er öffentlich an bei seiner Taufe. Ich sage öffentlich, weil er, ohne dass andere davon weiter Kenntnis genommen hätten, dies ja schon mit seiner Beschneidung getan hat, als er sich dem Gesetz unterwarf und sein erstes Blut stellvertretend für uns vergoss (Luk. 2,21). Dieses sein Werk hat er dann am Kreuz mit seinem Gehorsam, blutigem Leiden und Sterben vollendet. Denn des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. (Matth. 20,28.) Und wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petr. 1,18-19.) Welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. (1. Petr. 2,24.) Äußerlich konnte dies außer Johannes dem Täufer allerdings damals niemand sehen; äußerlich schien er ein Mensch wie die vielen anderen zu sein, die zu Johannes kamen. So sehr also hatte sich unser Retter erniedrigt, so sehr seine göttliche Majestät und Herrlichkeit zumeist verborgen gehalten – damit er für uns, für dich und mich, das Gesetz erfüllen, die Sünden tragen und die Strafe vollständig bezahlen könne. FÜR UNS steht über all dem Tun unseres Retters.

 

    2. Bei dieser seiner Taufe brechen dann aber doch auch Strahlen seiner Herrlichkeit durch. Und da Jesus getauft war, stieg er bald herauf aus dem Wasser, und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm. Und Johannes sah den Geist Gottes gleich wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen. Das ist allerdings gewaltig, was da geschieht. Da bezeugen der Vater und der Heilige Geist die Gottheit des Sohnes, so dass wir bei dieser Taufe die heilige Dreieinigkeit versammelt finden. Der Himmel öffnet sich. Ja, genau das ist die Wirkung des Gehorsams des Sohnes, der unsere Sünden auf sich genommen hat, der sie stellvertretend für uns getragen und für sie bezahlt hat: Dadurch hat er uns Sündern den Himmel geöffnet, dass wir nun einen freien Zugang zum Vater haben. Darum ist mit Christi Tod auch der Vorhang im Tempel zerrissen, der das Allerheiligste abschloss (Matth. 27,51). So haben wir nun, liebe Brüder, die Freudigkeit zum Eingang in das Heilige durch das Blut Jesu, welchen er uns zubereitet hat zum neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist, durch sein Fleisch, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes. (Hebr. 10,19-21.)

    Und dann sieht Johannes den Heiligen Geist auf ihn, Jesus von Nazareth, kommen. Öffentlich wird er nun gesalbt zu seinem Dienst. Aber war er denn nicht schon in Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist? Gewiss, denn er ist eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist, auch während er hier auf Erden war, blieb er doch zugleich in des Vaters Schoß im Himmel (Joh. 1,18). Aber wie es ist mit einem Kronprinzen, wenn der König gestorben ist: Sobald der Tod des Königs offiziell festgestellt wurde, ist er automatisch König und hat alle Königsgewalt. Die Krönung, die dann später stattfindet, die offizielle Amtseinführung, ist nur noch eine öffentliche Bestätigung dieser längst bestehenden Tatsache. So auch hier. Das, was hier stattfindet, ist die öffentliche Salbung Christi zu seinem Dienst für uns. In besonderer Fülle wird der Messias gesalbt. Denn welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Wort; denn Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß. (Joh. 3,34.) Du liebst Gerechtigkeit und hasst gottloses Wesen; darum hat dich, Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl, mehr als deine Gesellen. (Ps. 45,8.) In besonderer Weise aber geschah dies öffentlich für Johannes den Täufer, damit dieser zweifelsfrei bestärkt wurde darin, dass dieser ist der im Alten Bund schon verheißene Messias Gottes: Und Johannes zeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht; aber der mich sandte, sprach zu mir: Über welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, derselbe ist’s, der mit dem Heiligen Geist tauft. (Joh. 1,32-33.) Darum konnte er nur umso überzeugter hinweisen auf ihn, Jesus von Nazareth, als den Retter, als das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Gerade bei all dem Schweren, das ihn auch noch auf seinem Weg treffen sollte, sollte der Täufer sich dessen immer gewiss sein.

    Aber es geschah noch etwas, das allem Volk galt: Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.  Gott der Vater selbst hielt die Predigt bei der Taufe seines Sohnes, um alles Volk auf ihn hinzuweisen: Diesen, den ihr da habt zur Taufe in den Jordan steigen sehen, der für euch aussieht wie ein anderer Mensch, der ist mehr, als es den Augenschein hat. Das ist mein lieber Sohn, Gottes Sohn. An den haltet euch, auf den hört, denn der ist euer Retter. Was er redet, was er tut, das alles hat mein Wohlgefallen. Damit bestätigt er öffentlich, dass Jesus von Nazareth nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott von Ewigkeit ist und bestärkt ihn zugleich für seinen schweren Weg, den er hier auf Erden gehen musste, der ja nun erst anfing und dann sogleich ihn in die Wüste führen sollte, um für uns, um unseretwillen, vom Teufel versucht zu werden.

    Zugleich aber bezeugt dieser Text auch die hohe Bedeutung, den hohen Wert der Taufe, auch deiner Taufe. Da wird so recht deutlich, dass sie keine nebensächliche Sache ist, nicht bloßes Wasser, sondern dass sie allerdings ein Werk der heiligen Dreieinigkeit an dir ist. Denn sie geschieht ja in dem Namen Jesu (Apg. 2,38; 10,48). Das heißt, der, der da tauft, der handelt im Auftrag, in Stellvertretung des dreieinigen Gottes, oder, anders ausgedrückt, der dreieinige Gott handelt durch den Taufenden. Aber die Taufe ist noch mehr: Sie ist Taufe auf den Namen Jesu (Apg. 8,16; 19,5) oder hinein in den Namen des dreieinigen Gottes (Matth. 28,19). Das heißt: In der heiligen Taufe bist du dem dreieinigen Gott übereignet worden, bist du ihm anvertraut worden, dass du sein eigen sein sollst. Noch mehr: Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Röm. 6,3-4.) In deiner Taufe ist dein alter Mensch mit Christus gekreuzigt worden (Röm.6,6) und ist dein neuer Mensch mit Christus auferstanden. So bist du aufs Innigste mit Christus in der Taufe verbunden worden, ihm zu gehören, sein eigen zu sein, sein Heil zu haben und für ihn zu leben (Röm. 6,11).

    Und so frage ich dich: Lebst du auch aus deiner Taufe? Hast du die Gnade noch, die du in der Taufe empfangen hast? Oder bist du dadurch, dass die Sünde wieder übermächtig geworden ist, aus der Taufgnade gefallen und gehst wieder den breiten Weg der Sünder zur Verdammnis? Dann bedenke doch das, was dein Retter auch für dich erlitten hat, wie er schon bei seiner Taufe dein ganzes Elend auf sich nahm, nur um dann noch mehr für dich zu leiden, um dich zu erretten. Bitte den HERRN um rechte Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis, dass dir deine Sünde recht leid wird und du sie los sein willst. Und flehe ihn auch an um rechte Christuserkenntnis, dass du doch in Jesus von Nazareth auch deinen Retter lebendig erkennst und im herzlichen Vertrauen, Glauben empfängst, ergreifst.

    Lebst du aber noch oder wieder aus der Taufgnade, so bitte den HERRN, dass er dich fest erhalte auf diesem schmalen Weg zum ewigen Leben. Bitte ihn, dass er dir immer wieder rechte Sündenerkenntnis, Reue, Umkehr, Ergreifen der Vergebung, rechte Hingabe und Nachfolge wirke, damit du auf dem Weg des Lebens zur ewigen Herrlichkeit gelangst, wo du ihn sehen wirst, wie er ist (1. Joh.3,3). Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber Johannes 1,35-42: Ein Juenger Jesu Christi werden

 

Johannes 1,35-42: Am andern Tag standen abermals Johannes und zwei seiner Jünger. Und als er sah Jesus wandeln, sprach, er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und zwei seiner Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen:  Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi (das ist verdolmetscht,  Meister), wo bist du zur Herberge? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht es! Sie kamen und sahens und blieben  denselben Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer aus den zwei, die von Johannes hörten und Jesus nachfolgten, war  Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet als erster seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir  haben den Messias gefunden (welches ist verdolmetscht: der Gesalbte). Und er führte ihn zu Jesus. Da ihn Jesus sah, sprach er: Du bist Simon,  Jonas Sohn; du sollst Kephas heißen (das wird verdolmetscht: ein Stein

 

    Wieder sind wir bei Johannes dem Täufer am Jordan. Es ist nach Jesu Taufe. Immer wieder hält sich der Heiland in der Nähe des Täufers auf. Schon am Vortag hatte dieser in seiner Predigt bewusst und betont auf Jesus von Nazareth als den Messias hingewiesen: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. (Joh. 1,29.) Das ist der Kern der Botschaft, das ist das ganze Evangelium in einem Satz. Darum geht es ja: um Rettung von den Sünden. Darum geht es überhaupt bei Jesus Christus. Nicht um ein Sozialprogramm, nicht um eine bessere, moralischere Lebensführung, nicht um irgendeinen Lebenssinn, obwohl all diese Dinge dann als Folge durchaus auch kommen. Aber im Zentrum steht das eine große Dilemma, welches das Leben eines jeden Menschen überschattet: die Sündenschuld. Und um uns aus diesem Dilemma, dieser Not, über der das Urteil der Verdammnis steht, zu retten, darum geht es, darum ist Gott zugleich wahrer Mensch geworden.

    Aber all dies, und was er dabei während seines Erdenlebens für uns getan hat, all dies würde dir nichts nützen, wenn du nicht zu ihm gerufen würdest. Und so lasst uns heute unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Ein Jünger Jesu Christi werden

1. Den Ruf hören und annehmen

2. Jesus Christus kennen lernen

 

    1. Den Ruf hören und annehmen. Johannes der Täufer hatte die, die bei ihm waren, das Volk, das zur Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden gekommen war, hingewiesen auf den Einen, der allein uns helfen kann: das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Am folgenden Tag ist er wieder mit zwei Jüngern zusammen, Männern, die sich ihm, Johannes dem Täufer, angeschlossen haben, weil sie mehr von ihm lernen wollen im Glauben. Und da sieht er wieder Jesus von Nazareth in der Nähe sich aufhalten. Und wieder erhebt er, Johannes der Täufer, seine Stimme: Siehe, das ist Gottes Lamm. Er greift damit das auf, was schon durch das Passahlamm vorgebildet wurde: Ihr sollt ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein Männliches, und ein Jahr alt. … Und ein jeglicher Haufen in ganz Israel soll es schlachten gegen Abend. Und ihr sollt von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die Oberschwelle damit bestreichen an den Häusern, darinnen ihr esst. (2. Mose 12,5a.6b-7.) Um dieses Lammes willen, das sie damals schlachten mussten, mit dessen Blut sie Pfosten und Sturz an der Tür bestrichen, um dieses Lammes willen wurden sie verschont, als das Gericht über die Erstgeburt in Ägypten ging. Dieses Lamm ist zugleich aber auch ein Typos, ein Vorbild auf den, der sich an unserer Stelle opfern sollte. Der Prophet Jesaja hat von ihm geschrieben. Und auch das nimmt Johannes auf mit seinen Worten: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jes. 53,4-5.) Und an anderer Stelle wird der Retter in seiner Haltung beschrieben: Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften; mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. (Jes. 50,6.) All das klingt mit in den Worten Johannes: Siehe, das ist Gottes Lamm.

    Warum weist er seine Jünger so ausdrücklich auf ihn hin? Nun, er, Johannes, ist ja nicht der Messias, das hat er immer wieder betont, gerade auch den Pharisäern und anderen Vertretern der Kirchenleitung, die zu ihm gesandt worden waren. Er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht Christus. (Joh. 1,20.) Er war ja vielmehr der Vorläufer, derjenige, der vor ihm, dem Messias, hergehen sollte, sozusagen ihm den Weg, die Menschen vorzubereiten, damit die Herzen gerne auf das Wort Christi hörten. Auch über ihn weissagte ja Jesaja: Es ist eine Stimme eine Predigers in der Wüste: Bereitet dem HERRN den Weg; macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserm Gott! (Jes. 40,3.) Und durch Maleachi, den letzte Prophet des Alten Bundes vor der Zeit Christi, etwa 400 Jahre vor der Ankunft des Retters, verkündet der HERR: Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der HERR, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, des ihr begehrt. (Mal. 3,1.) So und nicht anders hat sich Johannes verstanden: Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste. Richtet den Weg des HERRN! Wie der Prophet Jesaja gesagt hat. (Joh. 1,23.) Wenn er Menschen um sich gesammelt hat, dann nur vorläufig, um sie zu dem zu senden, der allen der Messias, der Retter, der Heiland ist, Jesus Christus. Und genau das macht er mit seinen Worten: Siehe, das ist Gottes Lamm. Er weist hin auf den, den sie wirklich brauchen, bei dem allein sie sich Hilfe, Rettung suchen und finden sollen. Der Täufer wollte nichts anderes, als dass seine eigene Schar dadurch immer kleiner wurde, die Christi aber immer größer. Einige seiner Jünger hatten das nicht verstanden und sich darüber geradezu beklagt bei ihm. Denen sagte er dann: Ein Mensch kann sich nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam, der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. (Joh. 3,27-30.) Wegweiser auf Jesus Christus – das sollte Johannes der Täufer sein, und nichts anderes wollte er sein. Und nichts anderes sollen auch wir als Christen sein gegenüber anderen Menschen: Hinweis auf Christus, sie zu ihm rufen, zu ihm führen.

    Wie reagieren nun die beiden Jünger, die bei Johannes sind, Andreas und der spätere Apostel Johannes? Sie überhören das Wort nicht, wie es so viele heute machen. Viele hören vielleicht noch den Ruf, den Wegweiser zu Christus, aber sie beachten ihn nicht weiter, weil sie ihn gar nicht hören wollen, weil er ihnen uninteressant, für sie nicht relevant erscheint. Andere hören ihn, setzen sich damit auseinander, wollen aber gerade diesen nicht. Nein, sie wollen vielleicht mit Gott ins Reine kommen, aber auf ihre eigene Weise, mit ihren Anstrengungen, ihren Beiträgen. Anderen ist dieser Ruf nur störend, passt nicht in ihren Alltag, der so sehr mit anderen Dingen angefüllt ist. Deshalb nehmen sie den Ruf nicht an. Wieder andere schieben ihn in eine Nische, in der er ein ziemlich nebensächliches Dasein fristen muss. Wie gehst du mit dem Ruf zu Christus um? Was machst du mit Christus? Welche Stelle hat er in deinem Leben?

    Andreas und Johannes überhören den Ruf ihres bisherigen Meisters nicht. Sie gehen Jesus hinterher. Und Jesus bereitet ihnen den Boden, kommt auf sie zu: Was sucht ihr? Und sie antworten, etwas unbeholfen: Wo ist du zur Herberge. Und Jesus, herzlich einladend: Kommt und seht es!  Auch dich lädt Christus noch heute ein, ihn doch recht kennen zu lernen. Du fragst, wie das heute noch geschehen kann? Gewiss, du kannst nicht, wie damals Andreas und Johannes, diese private Unterredung mit ihm von Angesicht zu Angesicht haben – aber du hast sein Wort. In seinem Wort lernst du ihn kennen. Lies sein Wort aufmerksam, unter Gebet, damit der Heilige Geist es dir aufschließe. Sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt. (Joh. 5,39.) So hat es Christus selbst ausgedrückt. Und Paulus setzt es um: Du aber bleibe in dem, das du gelernt hast und dir vertraut ist, da du weißt, von wem du gelernt hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißt, kann dich diese unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. (2. Tim. 3,14-15.) Sein Wort unterweist dich zur Seligkeit, zur Rettung – denn durch sein Wort wirkt er Sündenerkenntnis und Glauben.

 

    2. Der Ruf zu Jesus leitet über dazu, ihn wirklich kennen zu lernen, als den, der er ist – und der er damit auch für dich sein will. Andreas und Johannes haben diese Einladung Jesu angenommen und den ganzen Tag mit ihm verbracht. Für den Apostel Johannes war dies, wie für Andreas, ein einschneidendes Erlebnis. Denn ihm ist noch ganz klar, wann sie da mit Jesus zusammen trafen: Es war um die zehnte Stunde. Das war nicht nach jüdischer Zeit, denn dann wäre es vier Uhr nachmittags gewesen, kurz vor Abend also. Sondern es dürfte die römische Zeit gewesen sein, die Johannes eigentlich durchweg verwendet, also zehn Uhr vormittags. Es wird uns nicht näher von dieser gemeinsamen Zeit berichtet, was sie da alles besprochen haben, was Christus ihnen dargelegt hat.

      Aber wird erfahren dann etwas von der Wirkung dieser Unterredung. Und diese Wirkung lässt uns erahnen, worum es gegangen sein muss, wenn Andreas seinem Bruder Simon gegenüber sagen konnte: Wir haben den Messias gefunden. Wer zu Jesus kommt, wer zu seinem Wort, der Bibel kommt, der hört ihn, der lernt ihn kennen: Da erkennst du, dass Jesus von Nazareth eben nicht nur wahrer Mensch ist, sondern wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person, Gottes Sohn. So bezeugte es schon der Engel Gabriel Maria: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten, darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden. (Luk. 1,35.) Und der Apostel Johannes selbst schreibt davon: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. … Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. (Joh. 1,1.14.) Ja, das ist ja das Wunderbare, das damit verbunden ist: Gott selbst wurde Mensch, dir Mensch zugut. Um deinetwillen ist der wahre Gott zugleich wahrer Mensch geworden, aus lauter Liebe zu dir. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh. 3,16.) Und dieser wahre Gott und wahre Mensch, Jesus Christus, er hat um deinetwillen noch etwas getan: Für dich hat er sich stellvertretend dem Gesetz Gottes unterworfen, um es stellvertretend für dich zu erfüllen. Da aber die Zeit erfüllt ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. (Gal. 4,4-5.)

    Er ist der, der sich bezeugt hat durch eine Fülle von Wundern, die bereits im Alten Bund vorhergesagt wurden.  Alsdann werden der Blinden Augen aufgetan werden, und der Tauben Ohren werden geöffnet werden. Alsdann werden die Lahmen löcken wie ein Hirsch, und der Stummen Zunge wird Lob sagen. (Jes. 35,5-6a.) Solches konnte Jesus Christus anführen, als spätere Jünger des Täufers voll Zweifel fragten ob er, Jesus von Nazareth, wirklich der Messias sei. Wir wissen heute auch, dass er all das, was im Alten Testament von ihm vorhersagt wurde, von seinem Rettungswerk, seinem Leiden und Sterben, auch erfüllt hat. Er ist wahrhaft das Lamm Gottes geworden, er hat wahrhaft unsere Sünden auf sich genommen und vollkommen für sie bezahlt. Er hat unsere Sünden selbst geopfert an seinem Leib auf dem Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. (1. Petr. 2,24.) Und wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petr. 1,18-19.) Darum bezeugt dann der Apostel Johannes später: Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. (1. Joh. 1,7b.) Was das heißt führt Paulus noch weiter aus: An ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade. (Eph. 1,7.)

    Vor allem aber: Er, Jesus Christus, ist nicht im Tod geblieben, sondern am dritten Tag leiblich wieder auferstanden, gesehen, gesprochen, betastet worden von den Jüngern. Damit hat Gott der Vater öffentlich proklamiert, dass er das Opfer seines Sohnes angenommen hat, dass er versöhnt ist mit der Welt, dass er in Christus die Sünden nicht zurechnet, sondern vergeben hat. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. (2. Kor. 5,19a-b.) Denn: Er ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt. (Röm. 4,25.) So hat er dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen an das Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Tim. 1,10.)

    So lernst du ihn, Jesus Christus, wahrer und wahrer Mensch in einer Person, in der Bibel kennen. Ja, du hast all das schon gehört, hast es im Unterricht mitbekommen – aber kennst du ihn für dich persönlich auch schon so? Hast du es schon für dich im Glauben, Vertrauen ergriffen, dass er auch für dich gekommen ist, auch für dich sich dem Gesetz unterwarf, auch deine Sünden auf das Kreuz trug, Gott auch mit dir versöhnte und so auch dir Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott, Gotteskindschaft, Freispruch im Jüngsten Gericht und ewiges Leben erworben hat?

    O du, der du noch weit weg bist, der du vielleicht gerade mal ein erstes Interesse an Christus gewonnen hast, lass ihn zu dir reden durch das Gesetz, damit du recht erkennst, warum du ihn als Retter benötigst. Ja, bitte um rechte Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis. Nur dann wirst du ihn auch als Retter erkennen, als deinen Retter.

    Und du, der du schon erste Sündenerkenntnisse hast, lass ihn weiter an dir arbeiten, aber erkenne ihn auch immer besser als den, der allein dich aus aller Sünde rettet. Ja, weiche seinem Urteil nicht aus, dass niemand durch eigene Anstrengungen, Mitarbeit, Beten, Wirken sich den Himmel verdienen oder mitverdienen kann. Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht. (Gal. 2,16.)

    Du aber, der du ihn schon wie Andreas und Johannes erkannt und im Glauben empfangen, ergriffen hast als deinen Retter, mache das nun auch fest, übergib als Erlöster ihm nun aus Dankbarkeit dein Leben, sage es ihm, dass er auch dein HERR sein soll. Und dann wirke, wie du hier von Andreas und Johannes lernst. Das, was sie da erkannt haben, dass Jesus von Nazareth wahrer Gott und wahrer Mensch, der Retter für alle Menschen, ist, das haben sie nicht für sich behalten können, sondern haben es zunächst einmal ihren Brüdern mitgeteilt. Andreas war dabei der erste, der seinen Bruder Simon fand und ihm sagte: Wir haben den Messias gefunden. Dass er das Simon so einfach sagen konnte zeigt, dass wohl dieses Thema bei ihnen durchaus aktuell war. Sie werden auch zuvor schon Juden gewesen sein, die auf den Messias gewartet haben. Und nun konnte Andreas die frohe Botschaft weitergeben: Er ist da, Johannes und ich haben ihn gefunden. Und er führte ihn zu Jesus. Damals ging das ja buchstäblich. Aber auch du kannst es machen, indem du ihm erzählst, was dir Jesus bedeutet, wie du ihn gefunden hast, was er in deinem Leben ist, warum auch er ihn braucht. Mache durch die zehn Gebote ihm deutlich, wie unsere Lage, auch seine Lage doch ist, verstrickt im Netz der Sünden, unentkommbar darinnen gefangen. Male mit deinen Worten ihm dann Jesus vor die Augen, wer er ist, was er für dich und für ihn getan hat. Verwende ruhig auch Luthers Erklärung zum zweiten Glaubensartikel dazu. Lade ihn ein zum Glauben, zum Vertrauen auf den Retter.

    Das Wunderbare, das Simon damals erleben durfte: Jesus Christus kennt ihn sofort. Er erwies sich ihm sogleich als der wahre Gott und wahre Mensch, der den, der ihm gegenübersteht, kennt, seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – niemand braucht ihm dazu etwas zu sagen. Und so nennt er ihn Kephas, Griechisch Petros, Stein. Ein Mann, der fest gegründet ist auf dem wahren Felsen, dem wahren Fundament der Gemeinde, Jesus Christus (1. Kr. 3,11). Und das, trotz all dem, was er ja auch voraussah bei Simon Petrus, seinem Wanken, seinem Verrat, seinem Schwanken in Antiochia. Das zeigt auch etwas von Gottes Gnade.

    Darum: Lass dich rufen, weiche dem Ruf nicht aus, lerne Jesus Christus kennen durch sein Wort – und dich selbst im Spiegel des Gesetzes – und lass dich so von ihm als von deinem Retter finden. Vertraue auf ihn allein, wenn es um deine ewige Errettung geht. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias ueber Matthaeus 5,27-32: Das sechste Gebot

 

Matthäus 5,27-32: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat  schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Ärgert dich aber dein rechtes Auge; so reiß es aus und wirf‘s von dir.  Es ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze  Leib in die Hölle geworfen werde. Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab, und wirf sie von dir. Es  ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze  Leib in die Hölle geworfen werde. Es ist auch gesagt: Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr  geben einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet (es sei denn um  Ehebruch), der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene  freit, der bricht die Ehe.

 

    Jesus Christus ist mit seinen Jüngern zusammen auf einem Berg. Um diese Schar ist in einem weiteren Umkreis viel Volk versammelt, das mithörte. Aber direkt spricht der HERR seine Jünger an. Und da hat er ihnen nach den Seligpreisungen eine Grundordnung für das Reich Gottes, das Himmelreich gegeben: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. (Matth. 5,20.) Das ist eine ungeheure Aussage. Die Pharisäer galten damals als so etwas wie die geistliche Elite bei den Juden. Sie hatten in manchen Bereichen sehr strenge Regeln, die sie beachteten. So gaben sie etwa von allem den Zehnten, selbst von den Küchenkräutern, was gar nicht vorgeschrieben war. Warum machten sie das? Nun, sie wollten dadurch Gott gefallen, meinten, sich so ein Guthabenkonto bei Gott zu erwirtschaften und sich damit den Himmel zu verdienen. Der HERR Jesus beschreibt sie im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner: Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe. (Luk. 19,11.12.) Diese Werkgerechtigkeit, die durch das Gesetz versucht, Gott zu gefallen, führt dann aber auch immer, da ja allerdings die Menschen schnell merken, dass sie das Gesetz nicht wirklich erfüllen können, zu eigenartigen Verkürzungen des Gesetzes, zu einer Veräußerlichung der Forderungen Gottes.

    Es meine aber niemand: Nun, so waren damals die Pharisäer. O, dieser Pharisäer steckt in uns allen drinnen, denn er entspricht so recht dem Wesen des alten Menschen. Der will gerne etwas beitragen zu seiner Erlösung. Der will nicht mit leeren Händen vor Gott dastehen, der will sich eine Anerkennung bei Gott erwerben. Darum verfallen so viele darauf, dass sie an ihrer Bekehrung mitwirken wollen, wenn sie ganz fromm dabei sind, dann heißt das, nicht aus eigener Kraft, sondern mit Hilfe der vorlaufenden Gnade. Das ist geradeso wie bei Erasmus und den römischen Katholiken, aber ist letztlich auch die evangelikale Ansicht. Oder es werden bestimmte Regeln aufgestellt, was du darfst oder nicht darfst, auch wenn davon nichts im Wort Gottes steht. Wenn du diese Regeln nicht einhältst, dann bist du nicht wirklich bekehrt. Da geht es dann etwa um die Kleidung, die Haarlänge der Frau, da geht es um das, was du am Sonntag darfst oder nicht – und zwar außerhalb der Wochentagsarbeit – oder es geht darum, ob du einen Fernseher haben darfst, Alkohol zu dir nehmen oder was sonst noch an neuen Geboten aufgestellt werden. Das ist alles nichts anderes als modernes Pharisäertum.

    Und nun sagt der HERR Jesus: Das reicht nicht aus. Damit kommst du nicht in den Himmel. Das muss für die Jünger im ersten Moment ein Schock gewesen sein. Wie: Nicht einmal all diese Anstrengungen reichen aus? Was denn noch? Auch der junge Mann, der später einmal zu Jesus kam, dachte so: Ich habe die zehn Gebote gehalten – was muss ich jetzt noch machen, um in den Himmel zu kommen? (Matth. 19,16 ff.) Jesus Christus aber hat dies anders gemeint. Er wollte damit sagen: Diese Werkgerechtigkeit der Pharisäer und auch aller Christen reicht nie aus. Dadurch kommt niemand in den Himmel. Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht. (Röm. 3,20a; Gal. 2,16.) Die bessere Gerechtigkeit – das sind nicht noch mehr Anstrengungen, nicht noch weitere Regeln, Gesetze. Nein, die bessere Gerechtigkeit, das ist eine Gerechtigkeit, die du selbst gar nicht hast, gar nicht erbringen kannst. Das ist die fremde Gerechtigkeit, die dir zugerechnet, geschenkt wird, das ist Christi Gerechtigkeit, die er dir durch seinen Gehorsam, Leiden und Sterben erworben hat und die dem Glauben zugerechnet wird. Wie Paulus sagt: Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben. (Röm. 21,-22.)

    Diese bessere Gerechtigkeit aber hat zur Voraussetzung, dass du vor Gott ganz arm geworden bist, dass du unter den Hammerschlägen des Gesetzes erkannt hast, dass du ein abgrundtief verdorbener Sünder bist, der Gott gar nichts bringen kann, nichts, der tot ist in Übertretungen und Sünden (Eph. 2,1) und darum einen Erlöser, einen Retter benötigt, der für ihn eintritt, der alles für uns längst bezahlt hat – nicht mit Gold oder Silber, sondern durch sein teures Blut und sein unschuldiges Leiden und Sterben, eben Jesus Christus (1. Petr. 1,18-19). Bei dieser besseren Gerechtigkeit wird auch die Sünde nicht nur so oberflächlich nach der äußerlichen Tat betrachtet, sondern da geht Gottes Gerichtsschwert tiefer, denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert und durchdringt, bis dass es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. (Hebr. 4,12.) Da geht es eben schon um die Haltung deines Herzens. Was das heißt, das führt unser Retter jetzt aus an einzelnen Geboten, zunächst am fünften und dann am sechsten Gebot.

    Und so lasst uns heute unter dem Beistand des Heiligen Geistes seine Auslegung betrachten zum

 

Sechsten Gebot

 

    Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Das ist das Gebot, so, wie es bei Mose im zweiten und fünften Buch aufgezeichnet ist. Und da meinten nun damals die Pharisäer und meinen heute noch viele Christen: Wenn ich verheiratet bin und habe dann nicht mit jemand drittes Geschlechtsverkehr, dann habe ich das Gebot gehalten und alles ist gut. Und die noch liberaler sind, und das geht ja hinein bis in einst konservative Kreise, die sagen gar unter dem Einfluss des Zeitgeistes: Wenn zwei nicht verheiratet sind, aber sich doch lieben und für einander da sein wollen, so können sie auch wie Mann und Frau zusammen kommen, das sei dann keine Sünde. Ich werde da später noch darauf eingehen. Aber genügt es, damit du das Gebot erfüllt hast, wenn du nicht fremd gehst, dass du dann das sechste Gebot gehalten hast? Auch wenn du sonst vielleicht deiner Frau oder die Frau ihrem Mann schon sehr kühl, distanziert gegenüber bist, wenn ihr euch nur ständig streitet, oder du als Mann deine Frau schlägst oder sie immer wieder demütigst, ihre Leistungen nicht würdigst? Du meinst dennoch, du habest das sechste Gebot erfüllt?

    Was sagt der HERR Jesus: Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, ihrer zu begehren, der hat  schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Bedenke das also sehr gut, denn das ist Gottes Auslegung selbst des Gebotes. Wenn du also als Mann eine andere Frau siehst und sie dir gefällt und du meinst, es wäre doch schön, mit ihr zusammen zu sein, oder wenn du als Frau einen anderen Mann siehst, hörst und dich zu ihm hingezogen fühlst, oder wenn du Mann, Frau, dir in Gedanken vorstellst, wie es anders wäre, wenn du einen anderen Partner hättest, dich vielleicht sogar nach jemand anders sehnst, oder dir vorstellst, wie es alles nach deiner Meinung besser gelaufen wäre, wenn du jemand anders geheiratet hättest: All das, das macht unser HERR Jesus Christus hier deutlich, all das ist bereits Bruch des sechsten Gebotes, ist Sünde gegen das sechste Gebot. Ebenso natürlich auch, wenn du dir in Zeitungen, Zeitschriften, Filmen, Internet unsittliche, unzüchtige Dinge ansiehst, anhörst. All das ist Sünde, ist Bruch des sechsten Gebotes, denn damit entheiligst du die Ehe, das andere Geschlecht, damit füllst du dein Herz, deine Gedanken, Sinne mit unzüchtigem, ehebrecherischem, hurerischem Inhalt. Die Sünde, das macht der HERR Jesus hier deutlich, die Sünde beginnt im Herzen, da hat sie ihren Sitz, bemächtigt sich der Gedanken und Sinne und wird schließlich zur Tat. Ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird. Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod. (Jak. 1,14-15.)

    Darum gilt es, als Christ den Kampf gegen die Sünde entschieden in Angriff zu nehmen: Ärgert dich aber dein rechtes Auge; so reiß es aus und wirf‘s von dir.  Es ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze  Leib in die Hölle geworfen werde. Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab, und wirf sie von dir. Es  ist dir besser, dass eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze  Leib in die Hölle geworfen werde. Was meint unser Heiland damit? Will er, dass du deinen Körper verstümmelst? Das kann nicht sein, denn damit würde er seiner Aussage im vorhergehenden Vers widersprechen, dass die Sünde im Herzen sitzt. Das kann also nicht wörtlich gemeint sein. Er macht vielmehr deutlich: Es geht um den entschiedensten Kampf, es gilt, die Wurzel der Sünde anzupacken, es gilt, ihr keinerlei Anrecht zu lassen. So oft stehen wir in der Gefahr, gerade in den Schoß- oder Charakter- oder Lieblingssünden, deren Ausbruch vielleicht zu bedauern, auch verhindern zu wollen, aber pflegen sie irgendwie in den Gedanken, Lüsten, Begierden, Sehnsüchten weiter. Dann ist sie immer noch da, als Sünde. Denn meine ja nicht, nur die Tat sei Sünde. Nein, wie der HERR Jesus hier sagt: Sie sitzt im Herzen. Schon die böse Lust ist Sünde, die Verdammnis mit sich bringende Sünde. Denn ich wusste nichts von der Sünde, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Lass dich nicht gelüsten! (Röm. 7,7c.) Es gilt das, was Paulus im Brief an die Epheser so deutlich hervorhebt: den alten Menschen ausziehen, den neuen Menschen anziehen. Das ist zwar grundsätzlich bei der Taufe und bei der Bekehrung geschehen, aber es muss nun auch täglich im Kampf gegen die Sünde praktiziert werden. Davon spricht Luther im Hauptstück von der Taufe, wenn er auf ihre tägliche Anwendung kommt, nämlich den alten Menschen täglich zu ersäufen mit allen Lüsten und Begierden. Wie aber geschieht das? Sobald dir eine sündliche Neigung, Lust, Begierde, Meinung hochkommt, sie sofort als solches deklarieren und den Christus in dir bitten, dass du mit seiner Kraft sie zurückstößt und ihm, den Christus für dich, deine Schuld bekennen und seine Vergebung ergreifen. So wirst du je länger je mehr auch Sieg erlangen, vielleicht sogar auf Dauer. So lange du aber mit der Sünde spielst, weil sie dir letztlich doch irgendwie gefällt, du einen Hang zu ihr hast, so lange kannst du sie nicht überwinden. Darum: Beuge dich bewusst und willentlich unter das, was du als Sünde erkennst, bekenne es Christus, der für dich Mensch geworden, das Gesetz erfüllt hat, für dich gestorben und auferstanden ist und nimm seine Kraft in Anspruch, der doch nun, wenn du an ihn glaubst, in dir lebt, in dir mit dem Vater und dem Heiligen Geist Wohnung gemacht hat.

    Sünde gegen dieses Gebot, wie schon anfangs erwähnt, liegt aber nicht nur vor, wenn du in der Ehe lebst und dann in Gedanken, Worten oder Werken gegen sie sündigst, sondern auch dann, wenn du nicht verheiratet bist. Zum einen, indem du eben deine Gedanken mit unsittlichem, unzüchtigem Inhalt füllst, etwa durch das, was du liest, dir ansiehst, anhörst, aber auch dadurch, dass du mit jemandem Geschlechtsverkehr hast, mit dem du nicht verheiratet bist. Sage nur nicht, die Bibel würde das doch nicht ausdrücklich verbieten. Du irrst dich. Wenn du etwa die alttestamentlichen Ehegesetze in 5. Mose 22 ansiehst, so stellst du fest, dass ein Mann, wenn er mit einem Mädchen, das noch nicht verlobt war, Verkehr hatte, so musste er sie heiraten und durfte sich nicht von ihr scheiden lassen und musste auch dem Vater des Mädchens noch eine Entschädigung zahlen. Gott nennt all das, was außerhalb der Ehe geschieht, wo also kein Ehebruch vorliegt, Hurerei. Und das ist eine schwere Schande für die betroffenen Menschen und eine schreckliche Sünde. Es ist Gericht Gottes, wenn er so etwas in größerem Umfang über ein Volk kommen lässt: Darum werden eure Töchter auch zu Huren und eure Bräute zu Ehebrecherinnen werden. (Hos. 4,13c.) Da steht nichts von Vergewaltigung, wie es in Kriegszeiten geschieht. Nein, das ist ein freiwilliges Hingeben. Und es ist Sünde. Bedenke, was der Heilige Geist in seinem Wort dazu sagt: Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten werden das Reich Gottes nicht erben? Lasst euch nicht verführen: Weder die Hurer, noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Homosexuellen, noch die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben. (1. Kor. 6,9-10.) Denn ihr sollt wissen, dass kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger (welcher ist ein Götzendiener) Erbe hat an dem Reich Christi und Gottes. (Eph. 5,5.) Darum darf die Gemeinde solches nicht dulden, weder Ehebruch noch Zusammenleben ohne rechtlich geschlossene Ehe, denn das ist Sünde. Wenn du das aber erkannt hast und es dir wahrhaft von Herzen Leid ist, so kehre um, bekenne dem HERRN Jesus Christus deine Sünde und ergreife seine Vergebung. Denn so geht der Text aus dem gerade gelesenen Teil im ersten Korintherbrief weiter: Und solche sind euer etliche gewesen, aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des HERRN Jesus und durch den Geist unsers Gottes. (1. Kor. 6,11.)

    Nun aber geht der HERR Jesus noch auf einen sehr wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit dem sechsten Gebot ein: die Scheidung. Es ist auch gesagt: Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr  geben einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet (es sei denn um  Ehebruch), der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene  freit, der bricht die Ehe. Er wusste natürlich, dass Mose im fünften Buch den Scheidebrief eingeführt hatte. Aber er nennt in einem anderen Zusammenhang auch den Grund dafür: Mose hat euch erlaubt, euch von euren Frauen zu scheiden, um eures Herzens Härtigkeit willen; aber von Anbeginn an ist’s nicht so gewesen. (Matth. 19,8.) Damit sagt er doch ganz klar: Wer von dem Scheidebrief Gebrauch macht, der wendet zwar ein staatliches Recht an, aber vor Gott ist er dennoch ein Sünder, denn er bezeugt damit, dass sein Herz verhärtet ist. Für den HERRN Jesus gibt es nur einen Grund für Scheidung, den führt er hier an und auch in der späteren Unterredung darüber mit den Pharisäern: Ehebruch. Wenn die Ehe gebrochen wurde, dann wurde sie damit faktisch aufgelöst. Dann hatte der Teil, der nicht die Ehe offensichtlich gebrochen hat, die Möglichkeit, nicht die Todesstrafe vollziehen zu lassen, sondern sich scheiden zu lassen. Die Möglichkeit – nicht das Gebot. Der HERR Jesus sagt nicht, dass auf Ehebruch automatisch die Scheidung erfolgen muss. Wer stark genug ist im Glauben und auch das vergeben kann und die Ehe fortsetzen, wenn wirklich Umkehr des anderen Teils vorliegt, der tut gut. Wer aber das nicht kann, oder auch weil keine Umkehr des anderen Teils vorliegt, die Scheidung einreicht, der sündigt in einem solchen Fall nicht.

    Wenn aber sonst die Scheidung vollzogen wird vor dem Staat, sei es, weil man sagt, man liebe sich nicht mehr, oder weil man sich gestritten hat, oder weil man meint, damals einen Fehler begangen zu haben, als man den Partner geheiratet habe, oder weil man meine, man passe nicht zueinander, man sei zu unterschiedlich oder sonst etwas, dann wisse: Das ist Sünde. Und wenn einer der beiden Teile oder beide jemand anders dann heiraten, so liegt tatsächlich jeweils Ehebruch vor, und zwar von dem jeweils geschiedenen Teil wie auch von Seiten dessen, der so jemand heiratet. Vor dem Staat mag die Ehe geschieden sein, vor Gott aber ist sie es nicht. Das bedenke wohl. Etwas anderes ist es, wenn die beiden Teile, die sich geschieden haben, einander wieder heiraten. Das ist es, was der HERR will, dann findet Umkehr, Versöhnung und Fortsetzung der Ehe statt.

    Seelsorgerlich kann es in Einzelfällen angeraten sein, wenn wahrhaft Buße stattgefunden hat, die aufgelöste Ehe nicht wieder herstellbar ist, dass, damit der Betroffene nicht in Hurerei verfällt, eine neue Ehe zugelassen wird, die aber nicht kirchlich getraut wird, für die der Pastor aber ein Gebet spricht.

    Die Ehe, wie sie von Gott seit dem Paradies geordnet ist, das muss in unserer verwirrten Zeit noch gesagt werden, ist nur die lebenslange Gemeinschaft eines Mannes mit einer Frau, keine Vielehe, auch keine Homo-Ehe. Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und werden die zwei ein Fleisch sein. (Matth. 19,5.) Das ist Gottes Ordnung, nichts anderes. Alles andere ist Sünde.

    Aber für alle Sünden gegen das sechste Gebot, auch das sei hier noch einmal betont, gilt: Auch dafür gibt es Umkehr, auch dafür gibt es Vergebung, denn auch dafür ist Christus am Kreuz gestorben. Darum: Verharre nicht in solchen Sünden, sondern lass dich umkehren von Gottes Geist und empfange, ergreife Christi Vergebung. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber Johannes 4,(1-)5-14: Erfuelltes Leben

 

Johannes 4,1-14: Da nun der HERR inne ward, dass vor die Pharisäer gekommen war, wie Jesus  mehr Jünger machte und taufte als Johannes (wiewohl Jesus selber nicht taufte, sondern seine Jünger), verließ er das Land Judäa und zog wieder nach Galiläa. Er musste aber durch Samaria reisen. Da kam er in eine Stadt Samarias, die heißt Sichar, nahe bei dem Dörflein,  das Jakob seinem Sohne Joseph gab. Es war aber daselbst Jakobs Brunnen.

    Da nun Jesus müde war von der Reise,  setzte er sich also auf den Brunnen; und es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau von Samaria, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr:  Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, dass sie Speise kauften. Spricht nun die samaritische Frau zu ihm: Wie bittest du von mir zu  trinken, so du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? (Denn die  Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.) Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes,  und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, du bätest ihn,  und er gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: HERR, hast du doch nichts, damit du schöpfst,  und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat,  und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh? Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den  wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich  nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in  ihm ein Brunn des Wassers werden, das zu ewigem Leben sprudelt.

 

    Als unser Retter und HERR Jesus Christus einst bei dem betrügerischen Zollbeamten Zachäus eingekehrt war, der durch Betrug ein großes Vermögen zusammengeschachert hatte, und dieser, getroffen von Jesu Predigt, umkehrte und zum rettenden Glauben kam, da erklärte der HERR dieses sein Verhalten der murrenden, aufgebrachten Menge, die nicht verstand, wie er mit solch einem großen Sünder verkehren konnte: Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Luk. 19,10; Matth. 18,11.) Damit hat er den ganzen Inhalt seines Lebens hier auf Erden beschrieben, seinen Auftrag, mit dem er hier unterwegs war: Seelen für die Ewigkeit erretten.

    Nichts anderes war auch seine Absicht, weshalb er auf dem Weg von Judäa nach Galiläa durch Samaria ging und bei dem Jakobsbrunnen bei Sichar Rast machte. Schon der Weg selbst war für einen Juden eigentlich ungewöhnlich. Bei der Haltung der Juden gegenüber den Samaritern – und umgekehrt war es nicht anders – machten sie eigentlich immer einen großen Bogen um diese Gegend, auch wenn dies eine weitere Reise erforderte. Jesus aber hat, auch wenn er während seines Lebens in erster Linie für sein Volk Israel gekommen war – Ich bin nicht gesandt als nur zu den verlorenen Schafen von dem Haus Israel (Matth. 15,24) – so hat er doch immer wieder auch zu Menschen aus anderen Völkern das Heil gebracht, denke nur an den römischen Hauptmann von Kapernaum. Darum hatte er auch für die Samariter ein brennendes Herz und wusste in seiner Allwissenheit, dass hier Seelen waren, die zubereitet waren, um gerettet zu werden.

    Und so kam es zu dieser ungewöhnlichen Begegnung: Der Jude Jesus von Nazareth spricht die samaritische Frau an, ihm aus dem Brunnen zu trinken zu geben. Dass er sie überhaupt angesprochen hatte, war schon an sich geradezu sensationell. Deshalb reagiert sie zunächst gar nicht auf diese Bitte und fragt nur erstaunt: Wie bittest du von mir zu  trinken, so du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Gottes Evangelium sprengt die Grenzen zwischen Klassen, Rassen, Völkern, Kulturen, denn es geht hinaus in alle Welt und soll allen Menschen zur ewigen Rettung gepredigt werden. Das ist immer wieder wichtig. Nicht, dass die Volksgrenzen und Volksgemeinschaften unbedeutend wären. Gott selbst hat sie ja als Notordnungen in dieser sündigen Welt gesetzt und will daher auch, dass sie erhalten bleiben. Aber sie sollen sich nicht feindselig gegenüberstehen, sondern in gegenseitiger Achtung und Respekt ein Volk die Freiheit und Eigenart des anderen akzeptieren und dem anderen mit Liebe begegnen.

    Jesus Christus hat das Gespräch mit dieser Frau gesucht und hat die Bitte um Wasser als Einstieg verwendet. Nun geht er einen entscheidenden Schritt weiter auf das geistliche Gebiet: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes,  und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, du bätest ihn,  und er gäbe dir lebendiges Wasser. Er bleibt also bei dem Bild, dem Wasser, bringt aber drei neue Aspekte ein: die Frage nach seiner Person, die Frage nach der Gabe Gottes und die Sehnsucht nach lebendigem oder fließendem Wasser. Darauf geht die samaritische Frau ein, auch wenn sie die geistliche Ebene noch nicht versteht, sondern auf der natürlichen Ebene bleibt. Woher soll dieser jüdische Mann lebendiges, also fließendes, frisches Wasser hier in der Wüstengegend herholen? Wenn das tatsächlich aus dem Brunnen wäre, dann doch nur von ganz unten – und der Brunnen ist tief. Sie bemerkt aber: Dieser Mann, der sie angesprochen hat, muss ein besonderer Mann sein. Wer ist der, der ihr so etwas anbieten kann? Nun geht Jesus noch einen Schritt weiter und kommt auf den entscheidenden Punkt zu sprechen: Wer von diesem Wasser trinkt, den  wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich  nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in  ihm ein Brunn des Wassers werden, das zu ewigem Leben sprudelt.

    Er bleibt in dem Bild vom Wasser, verwendet es als Gleichnis: Das Wasser, das sie aus dem Brunnen holt, das erquickt zwar, aber doch nur für eine begrenzte Zeit. Dann muss sie wieder kommen, um erneut zu schöpfen und zu trinken. Er aber hat mehr zu bieten, ein Wasser, nach dem kein erneuter Durst mehr kommt, ein Wasser, das sogar zu ewigem Leben quillt, sprudelt. Damit stellt er die so entscheidende Frage in den Raum: Welches Wasser begehrst du eigentlich, dasjenige, das dir immer wieder Durst bereitet, oder dasjenige, das allen Durst für immer stillt? Anders ausgedrückt: Was erfüllt dein Leben, was macht dein Leben aus? Zeitliches oder Ewiges?

    Und so lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes bedenken:

 

Erfülltes Leben

1. Suchst du es in den Dingen dieser Welt?

2. Oder lebst du aus der Fülle Christi?

 

    1. Erfülltes Leben – Suchst du es in den Dingen dieser Welt? Es ist die grundlegende Frage, der jeder sich stellen muss, die sich auch jeder stellen muss: Wofür lebe ich eigentlich? Was macht mein Leben aus? Was ist die Triebkraft, die Triebfeder meines Lebens? Da sind so viele Dinge, die vielleicht dein Leben einnehmen. Der eine ist gepackt, getrieben von Ehrgeiz, will Karriere machen, immer höher in der Leiter steigen, koste es was es wolle. Dafür drängt er rücksichtslos vielleicht auch Kollegen zur Seite, vernachlässigt seine Familie. Dem anderen geht es um das Ansehen bei seinen Mitmenschen, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, er lebt sozusagen von der Anerkennung durch die anderen. Oder du lebst für deine Familie, sie ist dein ein und alles. Oder du gehst auf in deiner Arbeit, oder dein Haus ist dein Lebensinhalt, oder dein Hobby, der Verein, der Sport. Bei wieder anderen ist es die Politik, oder die Wissenschaft, oder die Tradition. Was nimmt dein Herz ein? Du bemerkst es, wenn du das verlierst oder wenn du dir zumindest vorstellst, dass du es verlierst – nicht war, dann kommt dir dein Leben vor wie ein nichts, leer, unnütz, wertlos. Und so erscheinen die meisten der aufgezählten Dinge doch ganz harmlos, auf den ersten Blick. Gewiss, Ehrgeiz, Karrieredenken, auch Gieren nach Ansehen bei den Menschen, dass gehört zu dem, was die Bibel von vornherein als Hoffart bezeichnet, was Sünde ist. Aber das andere, die Familie, das Haus, der Sport, das Hobby, die Wissenschaft – das sind doch an sich keine bösen Dinge. Und doch, bedenke einmal, wie der HERR die Menschen zur Zeit Noahs und die zu Sodom beschrieben hat, Menschen, die dem Gericht verfallen waren: Sie aßen, sie tranken, sie freiten, sie ließen sich freien – bis auf den Tag, da Noah in die Arche ging, und kam die Sintflut und brachte sie alle um. Desgleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten. An dem Tag aber, da Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. (Luk. 17,27-29.) Das hört sich alles so harmlos an, wie das Leben dieser Menschen beschrieben wird. Da ist doch anscheinend nichts Schlimmes daran. Otto Normalverbraucher findet das doch ganz in Ordnung. Was soll daran zu kritisieren sein?

    Es geht sogar noch auf eine fromme Tour: Ich bin am achten Tag beschnitten, einer aus dem Volk Israel, des Geschlechts von Benjamin, ein Hebräer aus den Hebräern und nach dem Gesetz ein Pharisäer, nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit im Gesetz gewesen unsträflich. (Phil. 3,5-6.) So konnte Paulus von sich sagen im Blick auf sein altes Leben. Ja, welch frommer Jude der damaligen Zeit sehnte sich nicht nach solch einer Biographie. Wer wäre damals nicht stolz darauf gewesen, oder, wenn er religiös ist, auch heute, mit entsprechendem Inhalt? Aber was sagt Paulus, nachdem er von Christus bekehrt worden war, dazu? Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Denn ich achte es alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu, meines HERRN, um welches willen ich alles habe für Schaden gerechnet, und achte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne. (Phil. 3,7-8.) Ja, wenn du ein religiöser Mensch bist, wenn du eiferst um ein frommes Leben, wenn du dich anstrengst, Gott zu gefallen, wenn du bemüht bist, alles nur Erdenkliche zu tun, damit er dich doch in den Himmel nimmt – nicht wahr, dann muss dir das ziemlich aufgestoßen sein, wenn Paulus all das als Schaden, als Dreck sogar bezeichnet. Da kannst du nur noch den Kopf darüber schütteln.

    Wenn nun aber selbst dieser religiöse Eifer nichts zählt – was ist dann mit dem scheinbar so harmlosen Leben, das uns aus der Zeit Noahs und Sodoms berichtet wird? Merkst du da etwas? Wenn das alles ist in deinem Leben, wenn das dein Leben ausmacht, das, was du tust, das, wo du etwas erbringst, verdienst, wenn das alles ist – so bist du, wie fromm du dabei sein magst, doch ziemlich arm dran. Denn: All das vergeht doch irgendwann. Deinen Beruf wirst du einmal nicht mehr ausüben, spätestens wenn du Rentner wirst, im schlimmen Fall schon, wenn du durch einen Unfall daran gehindert wirst. Und was dann? Deine Kinder werden irgendwann erwachsen und verlassen das Haus – und was füllt dann dein Leben aus? Dein Mann, deine Frau stirbt einmal – wie bleibst du zurück? Dein Haus kann durch Feuer, Erdbeben oder eine andere Katastrophe zerstört werden. Vielleicht kannst du es wieder aufbauen, vielleicht aber auch nicht – und dann? Bedenke: Spätestens mit dem Tod musst du es zurück lassen. Und so ist es auch mit der Wissenschaft, der Politik, der Macht, dem Ansehen, dem Reichtum. Bedenke doch einmal: All das sind vergängliche Dinge. Oder du, der du gar nicht von solchen scheinbar harmlosen Dingen bestimmt bist, sondern dich der Lust, den Begierden, dem Vergnügen hingibst, der Fleischeslust: Auch das vergeht einmal, wenn es dir nicht vielleicht sogar Süchte, Krankheiten einbringt schon zuvor – und dann? Die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit. (1. Joh. 2,17.)

    Merkst du, was fehlt, was das alles Entscheidende ist? Ja, du kannst in dieser Welt ein anständiges, ein ehrbares Leben führen, anerkannt von deinen Mitmenschen, geliebt von deiner Familie und Verwandten, erfolgreich im Beruf – und doch: Vor Gott ist das alles im Endgericht nichts. Er erkennt es insofern an, dass die bürgerlichen Wohlständigkeit ihren Wert hat für das Leben in dieser Welt und deine Pein nicht so schlimm sein wird wie die eines Menschen, der nur seiner unreinen Lust, seinen Trieben gefrönt hat. Aber was die Ewigkeit angeht, darum, ob du in den Himmel oder die Hölle kommst, da hat das keinerlei Wert. Da macht Gott einen ganz dicken Strich durch. O, dass du doch schon diesem Leben erkennst, wie leer dein Leben doch ist.

    Denn was fehlt? Es fehlt das alles Entscheidende: Es fehlt Gott selbst in diesem Leben. Das Leben aus Gott, das Leben durch Gott, das Leben mit Gott – das fehlt. Und wo das fehlt, da bleibt dieses Leben, so angefüllt mit vielerlei Dingen dieser Welt es auch sein mag, da bleibt dieses Leben ein Torso. Darum:

 

    2. Lebst du aus der Fülle Christi? Genau darum ging es Christus hier in dem Gespräch mit der samaritischen Frau. Daraus ging ja seine Rede hinaus: Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewiglich  nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in  ihm ein Brunn des Wassers werden, das zu ewigem Leben sprudelt. Christus spricht hier von einem Wasser, das er geben wird, durch das der Durst auf ewig gelöscht wird. Christus spricht hier in Gleichnisform, greift das Bild vom Wasser, das auch bisher schon das Gespräch gekennzeichnet hatte. Er nimmt dabei entsprechende alttestamentliche Bilder auf. In seiner Hirtenrede hat er das, was er dir geben will, so zusammengefasst: Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volle Genüge haben. (Joh. 10,11.) Er will also, dass du die Fülle hast, wahres Leben und dadurch all das, was du wirklich brauchst. Und was ist das? Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. (Joh. 3,36a.) Ewiges Leben, das will er dir geben. Jesaja sprach von dem Heilsbrunnen, aus dem Gottes Volk schöpfen wird: Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. (12,3.) Jesus Christus ist DER Heilsbrunnen. An anderer Stelle sagt der HERR auch durch Jesaja: Ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf die Dürre; ich will meinen Geist auf deinen Samen gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen. (44,3.) Hier erklärt er es selbst: Das Wasser, wodurch das Durstige getränkt, gesättigt wird, ist Gottes Heiliger Geist, der durch Wort und Sakrament zu uns kommt. Es geht also um das ewige Heil. Darum ruft er auch durch Jesaja uns allen zu: Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauft und esst; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch! (55,1.) Das, worum es geht, das Heil, das ewige Leben, das ist die Gabe Gottes, von der Christus schon zuvor im Gespräch redete, das sollst du umsonst nehmen, wie er hier durch Jesaja einlädt.

    Aber wer kommt zu dem Heilsbrunnen? Wer holt sich das Wasser des Lebens, das frei, umsonst ist? Wer hat wirklich diesen Durst? Hast du ihn? Kannst du mit dem Psalmisten sprechen: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? (Ps. 42,2-3.) Diesen Durst wirst du erst verspüren, wenn du wirklich lebendig erkannt hast, wie geistlich ausgedörrt, tot du bist in Übertretungen und Sünden (Eph. 2,1). Darum ist das erste, was der Heilige Geist an dir wirkt, wenn er ein erstes Interesse an der Religion in dir wecken konnte, dass du Sündenerkenntnis bekommst. Erst einzelne Sünden, die eine oder andere, die in deinem Leben besonders bestimmend ist, dann im weiteren Verlauf, nachdem du den Kampf gegen die Sünde aufgenommen hast, führt er dich weiter, dass du so recht den Fels der Sünde in deinem Herzen erkennst, die Erbsünde, dein Erbverderben, deine abgrundtiefe Verdorbenheit und dass du Gott gar nichts bringen kannst. Ja, es ist so wichtig, dass du erkennst, wie nichtig vor Gott dein ganzes bisheriges Leben ist, dass du mit Paulus erkennst, wie elend, wie schädlich auch all deine religiösen Anstrengungen sind, mit denen du meintest, etwas bei Gott verdienen zu können. So, nur so wird der rechte Durst, der rechte Hunger nach Gottes Wort entzündet. Das ist es auch, was Christus dann im weiteren Verlauf des Gesprächs bei der Frau zunächst bewirkte, als er sie aufforderte, ihren Mann zu holen, und sie zugeben musste, dass sie keinen Mann hatte. So konnte Christus sie einer zentralen Sünde ihres Lebens überführen, ihrer Hurerei, dass sie fünf Männer gehabt hat, und auch der, mit dem sie jetzt lebte, war nicht ihr Ehemann.

    Wenn du so zu Erkenntnis deiner Sünden kommst, wenn du vielleicht mit Schrecken erkennst, wie all dein bisheriges Leben vor Gott ein Nichts ist, wertlos – dann verzweifle nicht, sondern beuge dich in Demut unter dieses Urteil Gottes. Ja, du kannst nicht anders denn als ein Bettler zu ihm kommen. Selig sind, die geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihrer. (Matth. 5,3.) Nur ein leeres Gefäß kann Christus mit seiner Fülle beschenken. Ja, dann komm zu ihm, so, wie die Sünder, die betrügerischen Zollbeamten und die Huren zu Christus kamen, weil sie bei ihm nicht nur Sündenerkenntnis, sondern auch Vergebung fanden. Ja, komm zu ihm, wie der Zöllner zu ihm kam, von dem Christus im Gleichnis berichtet, der demütig, zerknirscht von fern im Tempel steht und nur von Herzen fleht: Gott, sei mir Sünder gnädig. (Luk. 18,13c.) Vergebung, die hat Christus für dich bereit. Vergebung war das erste, was er dem von Gicht geplagten Mann zusprach, der zu ihm auf einer Bahre gebracht wurde: Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. (Matth. 9,2.) Dass du Vergebung deiner Sünden hast, das ist das Allerwichtigste, wichtiger auch als deine Gesundheit. Denn was würde es dir nutzen, wenn du gesund in die Hölle fährst, aber als ein kranker, ja ein verkrüppelter Mensch in den Himmel kämst?

    Es geht also um nichts anderes als um die grundlegende Umkehr im Leben, die stattgefunden haben muss, wenn du nicht in der Taufgnade geblieben bist, oder aber, wenn du in ihr geblieben bist, die sich dann zeigt als lebendige, bewusste Sünden- und Heilserkenntnis in Christus. Hast du sie?

    Nur so kann dein wahrer, dein geistlicher Durst gestillt werden. Aber, fragst du vielleicht, ist es nicht so, dass auch die an Christus Gläubigen immer wieder Zeiten der Dürre durchmachen? Gewiss. Das liegt aber nicht an Christus, nicht am Evangelium, sondern das liegt an uns, die wir in dieser Welt auch als Christen zwar Gerechtfertigte sind, aber zugleich Sünder bleiben, daher angefochten, auch oftmals fallen und darum immer wieder der Umkehr, der täglichen Reinigung, der täglichen Erneuerung der Hingabe bedürfen.

    Das aber sollst du wissen: Wenn der Heilige Geist durch das Evangelium dich bekehrt hast, so dass du im rettenden Glauben an deinen Heiland stehst und ihn liebst, so wird er mit dem Vater und dem Heiligen Geist zu dir kommen und Wohnung bei dir machen. Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. (Joh. 14,23.) Christus selbst also kommt mit Vater und Geist zu dir und bringt allerdings alle seine Fülle mit sich, die er hat, damit du Teil an ihr hast. Ja, er will in dir, durch dich leben, sich entfalten. So soll es dazu kommen, dass immer weniger dein altes Ich lebt, immer mehr Christus in dir. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich gegeben hat. (Gal. 2,20.) So konnte Paulus von sich sagen.

    Und mit dieser Fülle will er dich auch zu einem Träger des ewigen Lebens zu anderen machen. Denn wie sagte er dann doch beim Laubhüttenfest? Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leib werden Ströme des lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten. (Joh. 7,38.39a.) Er lebt in dir und du in ihm. Und so sollst du mit deinem Leben und mit deinen Worten ein Bote des Evangeliums, der frohen Botschaft werden, wie er in der Bergpredigt es ausgedrückt hat: Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt. (Matth. 5,13.) Du wirst es nicht erst irgendwann, sondern du bist es, wenn du im Glauben an Christus stehst, weil er dann in dir wohnt.

    Wenn du von diesem Durst nach Christus, nach seiner Gnade, seiner Vergebung noch nichts weißt, dann flehe ihn dann, dass er doch durch seinen Geist diesen Durst in dir erwecke, dass er doch durch sein Gesetz rechte Sündenerkenntnis in dir wirke, damit du ihn, Christus, als deinen Retter erkennst, seine Fülle empfängst und dann mit ihm lebst.

    Du aber, der du schon erweckt bist, bei dem der Durst schon entzündet wurde, der du vielleicht ringst mit deinen Sünden und zuweilen deshalb am Verzweifeln bist: Wisse: Wenn dir solches widerfährt, dann ist der Heilige Geist bei dir am Wirken. Und das ist gut. Beuge dich unter deine Sünden und lasse Christus deinen Durst löschen. Bekenne ihm deine Sünde, ergreife seine Vergebung, lebe aus seiner Fülle.

    Und du, der du schon in der Gnade des Heilandes lebst: Lass dich nicht wieder verstricken in die vergänglichen Dinge dieser Welt. Bleibe an ihm, an seinem Wort und Sakrament, wodurch er dich bei sich erhält und dir die rechte Fülle des Lebens gibt. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum vierten Sonntag nach Epiphanias ueber Johannes 1,43-51: Warum wir einen festen Grund haben, wenn glauben, dass Jesus Christus der Messias Israels und Retter der Welt ist

 

Joh. 1,43-51: Am andern Tag wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen und findet  Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von  welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben, Jesus, Josephs  Sohn, von Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann von Nazareth Gutes kommen? Philippus  spricht zu ihm: Komm und siehe es! Jesus sah Nathanael zu sich kommen und spricht von ihm: Siehe, ein rechter  Israelit, in welchem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und  sprach zu ihm: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum  warst, sah ich dich. Nathanael antwortet und spricht zu ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du  bist der König von Israel. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt  habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum; du wirst noch  Größeres als das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, von nun an werdet  ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf–und herabfahren  auf des Menschen Sohn.

 

    Jesus Christus war in der Nähe von Johannes dem Täufer gewesen, am Jordan, wie wir vor einigen Wochen gehört haben. Dort waren Andreas und Simon sowie Johannes Zebedäus zu ihm gestoßen, wohl auch Jakobus Zebedäus, die alle bei Johannes dem Täufer waren, aber eigentlich aus Galiläa stammten. Nun, nach der Taufe, wollte sich der HERR Jesus wieder nach Galiläa wenden. Der Täufer hatte seinen Wirkbereich in Judäa am Jordan, als derjenige, der die Menschen auf Christus vorbereitete. Christus selbst aber wollte und sollte das Wort erfüllen, das schon Jesaja von Galiläa einst gesagt hatte: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Land, scheint es hell. (Jes. 9,2.) Nun sollte Galiläa das widerfahren, von dem Matthäus berichtet: Das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und die da saßen am Ort und Schatten des Todes, denen ist ein Licht aufgegangen. (4,16.) Die Verheißung des Alten Testament erfüllt sich jetzt durch Jesus von Nazareth, dem Messias und Retter der Welt.

    Auf diesem Weg dahin findet der HERR Philippus. Wenn der Heilige Geist das hier so bezeichnet, dass hier finden steht, so macht er deutlich, dass Christus gerade nach ihm Ausschau gehalten hat. Der HERR begegnet niemandem zufällig, ruft auch niemanden zufällig, sondern führt in der Zeit das aus, was er schon in alle Ewigkeit, vor Erschaffung der Welt sich vorgenommen hat, denn da hat er uns berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt (2. Tim. 1,9). Nicht du suchst zuerst Gott und findest ihn dann, es ist umgekehrt: Gott sucht dich und findet dich und zieht dich zu sich – und so, so findest du ihn.

    Philippus folgt dem Ruf Jesu. Es wird berichtet, dass er wie Andreas und Simon Petrus aus der Stadt Bethsaida war. Wenn das so ausgedrücklich gesagt wird, ist es wahrscheinlich, dass sie sich kannten. Wir können hier von so etwas wie einem messianischen Freundeskreis sprechen, also einem Kreis von Freunden, die alle auf den Messias Israels von Herzen warteten. Und gleich am ersten Tag hört Philippus viel von Jesus von Nazareth, denn er erkennt in ihm den, von dem Mose und die Propheten geschrieben haben, also den seit dem Sündenfall verheißenen Retter. Denn er, Philippus, kann gar nicht anders, er muss diese so beglückende, diese so entscheidende Neuigkeit einem weiteren Freund mitteilen: Nathanael. Wenn er ihm das so sagen konnte, zeigt dies, dass Nathanael in der Schrift bewandert war, dass er eben diese Verheißungen, Weissagungen kannte. Und Philippus konnte konkret werden: Jesus, Josephs Sohn, von Nazareth. Aber damit erntet er nicht sogleich Begeisterung, Beifall. Im Gegenteil. Nazareth kommt im Alten Testament nicht vor. Es ist ja allerdings nur ein ganz kleiner, unbedeutender Ort. Das war Bethlehem zwar auch, aber immerhin war es die Geburtsstadt Davids und hatte die Verheißung, dass in ihr der Messias geboren werden sollte. Aber Nazareth? Das lag in Galiläa, und Galiläa mit seiner Mischbevölkerung hatte bei Juden keinen guten Ruf. Daher die doch sehr verwunderte, zweifelnde Frage: Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Philippus kann diese Frage gar nicht verstehen. Aber er regt sich darüber nicht auf. Er ist viel zu fest in seinem Glauben. So lädt er Nathanael einfach ein: Komm und sieh es! Das ist ja so wichtig, dass du mit deinen Zweifeln, deinen Fragen nicht um dich kreist, sondern zu Jesus kommst, sie mit ihm besprichst, ihm hinlegst. Und Jesus sieht Nathanael kommen. Auch er nimmt ihm die Zweifel, die Fragen nicht übel, sondern empfängt ihn freundlich: Ein rechter Israel, in dem kein Falsch ist. Er hatte erkannt, dass, anders als bei den Pharisäern und Schriftgelehrten, bei Nathanael keine grundsätzliche Ablehnung vorlag, sondern er nur aus seiner Schriftkenntnis gewisse Dinge noch nicht verstehen konnte. Nathanael ist über diese Worte verständlicherweise verwundert. Woher kennst du mich? Und dann die Antwort, die noch mehr überraschte, aber auch alles wendete: Ehe denn dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. Die israelitischen Häuser damals hatten oft nur einen Raum. Um also Ruhe zu haben, etwa zum Gebet, zur Schriftlese, ging man dann nach draußen, an einen abgeschiedenen Ort. Der Feigenbaum mit seinen langen Ästen und dichten Blättern bot so einen abgeschirmten Raum, der von außen eigentlich nicht einsehbar war. Hier war Nathanael ganz für sich gewesen. Aber Jesus von Nazareth, wahrer Gott und wahrer Mensch, der die Herzen der Menschen kennt, der alles weiß, alles sieht, alles erkennt, der hat ihn auch dort gesehen und erkannt. Und da erfasst es Nathanael sofort, in der Tiefe: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel. Ein gewaltiges Zeugnis. Eine ganz klare Erkenntnis: Dieser Jesus von Nazareth ist kein bloßer Mensch, nein, er ist Gott selbst, ist Gottes Sohn, ist der im Alten Bund verheißene König von Israel. Damit war für ihn die Sache ganz klar – auch er hatte nun den Messias gefunden, ja, war von ihm durch seinen Boten gefunden worden.

    Und der HERR kann ihm verheißen, dass er noch Größeres sehen wird: Denn da, wo Christus ist, da ist der Himmel offen, da kommt Gottes Segen zu uns.

    Diese Vorgänge nun machen uns deutlich:

 

Warum wir einen festen Grund haben, wenn wir glauben, dass Jesus von Nazareth der Messias Israels und Retter der Welt ist

1. Weil er im Alten Bund verheißen ist und diese Verheißungen im Neuen Bund erfüllt sind

2. Weil er sich selbst in seinem Wort uns offenbart

 

    1. Weil er im Alten Bund verheißen ist und diese Verheißungen im Neuen Bund erfüllt sind. Philippus wies in seinen Worten an Nathanael darauf hin: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben. Wir haben eine Fülle von Verheißungen und Weissagungen auf den Messias im Alten Testament. Jakob sagte von ihm: Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden, noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme und demselben werden die Völker anhangen. (1. Mose 49,10.) Damit wurde deutlich, dass er aus dem Stamm Juda kommen wird. David wurde dann mittels Nathan verheißen: Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leib kommen soll, dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewiglich. (2. Sam. 7,12-13.) Beide Stammtafeln, für Josef bei Matthäus und für Maria bei Lukas, zeigen an, dass Jesus von Nazareth aus dem Stamm Juda kam und ein Nachfahr von David ist. Lukas betont dies ausdrücklich, als er Maria einführt als eine Jungfrau vom Hause David, die vertraut war einem Mann mit Namen Joseph; und die Jungfrau hieß Maria. (1.27.)

    Jesaja betont, gemäß dem hebräischen Text, dass der Messias wahrer Gott ist: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rat, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst. (9,6). Jeremia spricht von ihm als von dem HERRN, der unsere Gerechtigkeit ist (Jer. 23,5). Und Maleachi, der letzte der Propheten des Alten Bundes, weissagt: Und bald wird kommen zu seinem Tempel der HERR, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, des ihr begehrt. Siehe, er kommt! Spricht der HERR Zebaoth. (3,1.) Der Engel Gabriel, der Maria die Schwangerschaft durch den Heiligen Geist ankündigte, weissagte auch von dem Kind: Der wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden, und Gott der Vater wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben. Und er wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich, und seines Königreichs wird kein Ende sein. (Luk. 1,32-33.) Hier haben wir beides: Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person. Und der Heilige Geist nennt ihn durch Matthäus Immanuel, das ist verdolmetscht, Gott mit uns (Matth. 1,23). Johannes stellt ihn uns vor: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht. … Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,1-3.14.) Auch hier wird Christi Gottheit und Präexistenz, also seine Existenz von Ewigkeit her, betont, ebenso aber auch, dass er zugleich in der Zeit wahrer Mensch wurde.

    Dass die Geburt durch eine Jungfrau geschehen solle, verkündigte Gott schon durch Jesaja: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel. (7,14.) Diese Weissagung bestätigt Matthäus im Zusammenhang mit der Offenbarung des Engels an Joseph. Und von Maria heißt es bei Lukas ganz klar: eine Jungfrau vom Hause David, die vertraut war einem Mann mit Namen Joseph; und die Jungfrau hieß Maria. (1,27.)

    Vor allem aber wird das Leiden des Messias geweissagt, in den Psalmen etwa, aber auch bei Jesaja: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (53,4-5.) Die Passionsgeschichten in allen vier Evangelien sprechen ausführlich von diesem Leiden. Und Petrus sagt von ihm: Welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. (I.,2,24.)

    Auch seine Auferstehung finden wir geweissagt, nämlich in Psalm 16,10: Denn du wirst meine Seele nicht in der Hölle lassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger verwese. Petrus hat gerade diesen Vers aufgegriffen in seiner Pfingstpredigt und damit erwiesen, dass diese Verheißung durch Christus erfüllt ist. Den Auferstandenen haben die Jünger ja gesehen, mehrfach. Und von seiner Himmelfahrt spricht schon Ps. 68,19: Du bist in die Höhe gefahren und hast das Gefängnis gefangen; du hast Gaben empfangen für die Menschen, auch die Abtrünnigen, dass Gott der HERR dennoch daselbst bleiben wird.

    Vieles mehr finden wir in Jesus von Nazareth erfüllt, etwa auch die große Menge der Wunder, die er getan, von denen auch Jesaja schon weissagte, und worauf er verweisen konnte, als fragend die Johannesjünger kamen, die im Zweifel waren, ob er wohl der Messias sei.

    Du hast also einen festen Grund in Gottes Wort, wenn du festhältst im Glauben, dass Jesus von Nazareth der im Alten Bund verheißene Messias, Retter der Welt ist, und kannst es darlegen anhand der Weissagungen des Alten Testaments, die sich im Neuen Testament erfüllt haben. Gerade Matthäus führt das in seinem Evangelium besonders aus, das ja auch zunächst vor allem für Menschen aus der Judenschaft geschrieben war.

 

    2. Weil er sich selbst in seinem Wort uns offenbart. Philippus hatte den fragenden Nathanael eingeladen, doch Jesus von Nazareth persönlich kennen zu lernen: Komm und sieh es! Nun, in der Weise, wie damals Nathanael eine direkte Begegnung mit Jesus Christus hatte, ist sie heute nicht mehr möglich. Aber das heißt nicht, dass Christus nicht deine Fragen, deine Zweifel dir beantworten könnte, nämlich durch sein Wort. Wenn es dir ernst ist mit deinen Fragen, die du vielleicht hast, mit deinen Zweifeln, die unter Umständen aufkommen, dann fliehe den HERRN nicht, dann vergrabe dich nicht in deine Gedanken, sondern komm zu ihm in seinem Wort. Wie sagte er doch den Pharisäern und Schriftgelehrten: Sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt. (Joh. 5,39.) Durch sie überwindest du deine Zweifel, durch sie beantwortet er dir deine Fragen. Durch sie führt dich sein Heiliger Geist zum rettenden Glauben und erhält dich auch darin: Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und dir vertraut ist, da du weißt, von wem du gelernt hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißt, kann dich dieselbe unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. (2. Tim. 3,14-15.) Diese aber sind geschrieben, dass ihr glaubt, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und dass ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen. (Joh. 20,31.) Durch sein Wort gibt er dir auch Heilsgewissheit, dass du getrost glauben und wissen darfst, dass du sein Kind und einst bei ihm in der Herrlichkeit bist: Solches habe ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, auf dass ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, und dass ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. (1. Joh. 5,13.)

    Durch Christus bist du versöhnt mit Gott, und der Glaube hat diese Versöhnung empfangen und lebt nun im Frieden mit dem dreieinigen Gott. Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus. (Röm. 5,1.)

    In ihm hast du auch Trost in allen Bedrängnissen, Nöten, Trübsalen, wenn du dich nur an ihn hältst. Gelobt sei Gott und der Vater unsers HERRN Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal. (2. Kor. 1,3.4a.)

    Christus zeigt sich dir aber auch darin, dass er dir Sieg über die Sünde gibt, dass die Sünde dich nicht mehr beherrschen darf. Denn dazu ist er ja gekommen, dass er die Werke des Teufels zerstöre (1. Joh. 3,8a). Darum kannst du mit seiner Hilfe, aus seiner Kraft, auch die Lüste und Begierden kreuzigen, denn er gibt dir ja neues Leben. Darum ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden. (2. Kor. 5,17.) Das heißt nicht, dass die Sünde sich nicht mehr meldet. Immer wieder wird der Teufel versuchen, dich zu Fall zu bringen – und wisse: Es wird ihm auch oft gelingen. Aber bleibe dann nicht liegen, sondern bringe deine Schuld Jesus Christus im Gebet und empfange, ergreife erneut seine Vergebung, mit der er dich reinigt. Ja, kämpfe täglich den guten Kampf des Glaubens, gib täglich den alten Menschen in den Tod, ziehe täglich den neuen Menschen an (Eph. 4,22-24).

    Vor allem: Christus erhört deine Gebete. Er lädt dich ein, fordert dich ja unbedingt auf, ihn in allem anzurufen: Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan. (Matth. 7,7.) Und er verheißt dir: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangen werdet, so wird’s euch werden. (Mark. 11,24.) Versuche nur nicht, ihm Art und Weise und Zeitpunkt vorzuschreiben, denn er ist ein souveräner Gott.

    Wenn du also dich wahrhaft auf ihn einlässt, auf sein Wort dich einlässt, dass du es tust, so wirst du erfahren: Jesus antwortete ihnen und sprach: Meine Lehre ist nicht mein, sondern des, der mich gesandt hat. So jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede. (Joh. 7,16.17.) Du wirst ihn erkennen als den, der er wahrhaft ist, wahrer Gott und wahrer Mensch, dein Retter. Und wenn du ihn so empfängst und ergreifst, so wird er sich auch in deinem Leben erweisen, so, wie er es in seinem Wort verheißen hat.

    Wenn du aber dabei in deinen Sünden weiter dahinlebst und meinst, das alles miteinander verbinden zu können, so wisse, dass Christus dich nicht erhören wird, dass du auch all das, was du meinst zu haben, tatsächlich nicht hast, denn Gott hasst die Sünde. Darum lass dich deiner Sünden und deiner Verdorbenheit durch sein Wort überführen, bitte ihn um rechte Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis, damit du ihn dann auch recht als deinen Retter empfangen und ergreifen kannst.

    Bleibe aber dabei nicht auf halbem Wege stehen, begnüge dich nicht mit ein wenig Sündenerkenntnis, oder auch viel Sündenerkenntnis, und meine dann, durch deine Anstrengungen, durch dein Wirken würdest du mit Gott zurecht kommen. Nein, dem ist nicht so. Du magst zwar erweckt sein, religiös sein – aber bekehrt bist du deshalb noch nicht. Erst wenn dein altes Ich wirklich zuschanden geworden ist, wenn du erkennst, dass du Gott nichts bringen kannst und alles nur Gnade ist, und du so allein aus seiner Gnade um Christi willen lebst, erst dann bist du von neuem geboren. Bitte den HERRN darum, dass er das doch bei dir wirke.

    So lasst uns fest halten an seinem Wort, darinnen festen Grund finden im Alten und Neuen Testament durch all die Weissagungen, die sich schon erfüllt haben, und durch all den Reichtum, aus dem du leben darfst. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Verklaerungssonntag ueber Markus 9,2-8: Jesus allein hoeren

 

Markus 9,2-8: Und nach sechs Tagen nahm Jesus zu sich Petrus, Jakobus und Johannes und  führte sie auf einen hohen Berg besonders alleine und verklärte sich  vor ihnen. Und seine Kleider wurden hell und sehr weiß wie der Schnee, dass sie kein  Färber auf Erden kann so weiß machen. Und es erschienen ihnen Elia mit Mose und hatten eine Rede mit Jesus. Und Petrus antwortete und sprach zu Jesus: Rabbi, hier ist gut sein; lasst  uns drei Hütten machen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Er wusste aber nicht, was er redete; denn sie waren bestürzt. Und es kam eine Wolke, die überschattete sie. Und eine Stimme fiel aus  der Wolke und sprach: Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören. Und bald danach sahen sie um sich und sahen niemand mehr als allein  Jesus bei ihnen.

 

    Wenn Jesus Christus in die Nachfolge ruft, dann macht er deutlich, dass Nachfolge Sterben des alten Ich, Selbstverleugnung bedeutet: Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s behalten. (Mark. 8,34-35.) Das geht ganz und gar gegen die Richtung der Welt, ganz und gar gegen die natürliche menschliche Haltung, die doch sagt: Wie du mir, so ich dir. Wie er andere reagiert, antwortet, so fallen auch entsprechend die eigenen Schlüsse aus. Oder: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Da regiert nicht die Liebe, die doch Christus zum zentralen Gebot für seine Jünger erhoben hat: Ein neues Gebot gebe ich euch: Dass ihr euch untereinander liebt. (Joh. 13,34.) In der konkreten Umsetzung heißt das etwa in der Bergpredigt: Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten. … Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen. (Matth. 7,12; 5,44.)

    Diesen Weg dem HERRN nach durchzuhalten, das ist gerade in Krisensituationen besonders schwierig, dann, wenn alles schier zu zerbrechen droht, wenn bildlich gesprochen einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Unser HERR Jesus Christus wusste, dass genau diese Lage bald eintreten sollte mit seiner Passion, besonders wenn er dann gefangen genommen, verurteilt, ans Kreuz geschlagen und sterben würde. Wie würden seine Jünger da reagieren, wie würden sie diese Ereignisse überstehen? Gerade um sie dafür zu stärken, sollten die drei als Säulen des Jüngerkreises geltenden Petrus, Jakobus und Johannes teilhaben an einer besonderen Begegnung, die der Vater ihm gewähren wollte.

    Wir lesen in unserem Text, dass sechs Tage nach dem Bekenntnis der Jünger durch Petrus in Caesarea Philippi und seiner Predigt über die Nachfolge er mit diesen drei auf einen hohen Berg ging. Der Name wird uns nicht überliefert. Auf diesem Berg geschah nun Außergewöhnliches. Christus wurde verklärt, das heißt, seine Kleidung wurde weiß wie Schnee, ja, weißer als Licht (Matth. 17,2), sein Angesicht glänzte (Matth. 17,2). Hatten sie den HERRN bisher nur in seiner Erniedrigung gesehen, so sahen sie ihn nun zumindest in Ansätzen im Glanz seiner göttlichen Majestät.

    Aber das war noch nicht alles. In besonderer Klarheit erschienen ihm Mose und Elia, die sozusagen die Kerngestalten neben dem Messias im Alten Bund sind, um mit ihm, Jesus Christus, über das zu reden, was in Jerusalem ihn erwartete, aber auch, was er damit für alle Menschen erwerben würde (Luk. 9,31). Die Jünger haben das Gespräch selbst nicht mitbekommen, denn sie fielen in Schlaf (Luk. 9,30), aber als sie wieder erwachten, sahen sie die beiden Gestalten in ihrer himmlischen Klarheit und wie sie nun, nach dem Ende der Unterredung mit dem HERRN, im Weichen waren. Einerseits waren sie bestürzt über all das, was sie da sahen, mitbekamen; andererseits war dies alles so kostbar, so gewaltig, so friedvoll, so herrlich, dass sie es für immer festhalten wollten: Lass uns drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. So sprach Petrus in seiner Spontaneität und Impulsivität. Interessant: Sie hatten Mose und Elia erkannt, obwohl sie doch die beiden nie zuvor gesehen hatten. So wird es einst im Himmel sein.

    Aber bevor sie noch weiter sich damit beschäftigen konnten, überschattete sie eine Wolke, so dass sie erschraken (Luk. 9,34) und Gott selbst redete zu ihnen: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören. (Matth. 17,5.) Nicht auf Zeichen und Wunder sollten sie sehen, nicht großartige Ereignisse erwarten, sondern Jesu Wort, das ist es, worum es geht, damals für die Jünger, wie auch heute für uns. Und als sie sich von ihrem Schrecken etwas erholt hatten, auch Jesus ihnen zusprach: Fürchtet euch nicht! (Matth. 17,7) und sie sich erhoben, sahen sie nur Jesus allein!

    Jesus allein, den allein hören. Das ist ein bedeutsamer Fingerzeit Gottes auch für uns. Und so uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Jesus allein hören

1. hinsichtlich unserer Erweckung

2. hinsichtlich unserer Rechtfertigung

3. hinsichtlich unserer Heiligung

 

    1. Jesus allein hören – hinsichtlich unserer Erweckung. Wenn wir von Erweckung sprechen, so meinen wir damit das, was unser Retter zunächst in unserem Leben bewirken muss, damit es anders mit uns wird, damit wir schließlich doch herausgerissen werden können aus Satans Reich: nämlich dass wir, du und ich, zu rechter Sündenerkenntnis kommen. Jesus Christus ist der Ausgangspunkt dieses erweckenden Handelns und er ist zugleich der Zielpunkt, denn auf ihn läuft es hinaus.

    Jesus Christus ist der Ausgangspunkt des erweckenden Wirkens, denn dazu sendet er seinen Geist, dass er dies durchs Wort, dem verkündeten, dem gelesenen, dem bezeugten, bewirke: Und wenn derselbe kommen wird, der wird die Welt strafen um die Sünde und um die Gerechtigkeit und um das Gericht: Um die Sünde, dass sie nicht glauben an mich; um die Gerechtigkeit aber, dass ich zum Vater gehe, und ihr  mich hinfort nicht seht; um das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. (Joh. 16,8-11.) Es geht dabei darum, dass all deine Selbstgerechtigkeit zerbrochen wird, dass all deine Stützen, die du dir für das Leben gezimmert hast, um zu bestehen, zerschlagen werden, dass das Bild zerberstet, das du von dir und deinem Leben dir gemacht hast. Denke nur an Nikodemus, diesem Obersten der Pharisäer, einem angesehenen Theologen, dem der HERR sagte: Du musst von neuem geboren werden. Wenn jemand nicht von neuem, aus Wasser und Geist, geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. (Joh. 3,7.3.5.) Das war diesem Mann noch nie bewusst gewesen. Das war ein Strich durch sein ganzes bisheriges Leben, meinte er doch, auf dem richtigen Weg in den Himmel zu sein. Oder Saulus. Worauf bildete der sich doch alles etwas ein: Er war ein Israelit, aus dem Stamm Benjamin, gehörte zum Kreis der Pharisäer. Dazu hatte er bei Gamaliel studiert, war ein Eiferer nach dem Gesetz, ja, er konnte von sich sagen, dass er nach dem äußeren Buchstaben des Gesetzes unsträflich gewesen war. Aber all das stürzte ein vor Damaskus. All das musste der HERR ihm zerschlagen, dass er schließlich zu dem Punkt kam: Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden geachtet. Denn ich achte es alles für Schaden gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi Jesu, meines HERRN, um welches willen ich alles habe für Schaden gerechnet und achte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne. (Phil. 3,7-8.) Es geht um nicht mehr und nicht weniger, als dass du mit leeren Händen vor Gott dastehst, wirklich geistlich arm wird, arm für Gottes Geist (Matth. 5,3).

    Dies geschieht dadurch, dass du durch das Gesetz erkennst, wie weit du entfernt bist von dem Anspruch Gottes an dein Leben, wie weit du davon entfernt bist, Gott über alles zu lieben, zu ehren, ihm zu vertrauen und seine Gebote zu erfüllen. Ja, das Gesetz führt dich zu dem Punkt, an dem du erkennen musst, dass Sünde nicht nur einige kleine Fehler, Unglücke in deinem Leben sind, die sich wieder ausbügeln lassen, sondern dass da ein Fels der Sünde in deinem Herzen sitzt, den du nicht wegbewegen kannst. So sollst du erkennen, dass du Gott nichts bringen kannst. Und damit treibt gerade das Gesetz dich zu Christus als dem, der es für dich erfüllt hat, stellvertretend. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch den Glauben gerecht würden. (Gal. 3,24.) Auch dann, wenn du schon wiedergeboren bist, brauchst du es immer wieder, damit du nicht auf den Wahn verfällst, als Christ deine eigene Gerechtigkeit erwerben zu können, um vor Gott zu bestehen. Nein, auch da gilt, was Paulus von sich sagt: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? Ich danke Gott durch Jesus Christus, unsern HERRN. (Röm. 7,24-25a.)

    All deine eigene Gerechtigkeit, all deine eigenen Anstrengungen fallen dahin. Dann gilt nur noch Christus, der dir die Gerechtigkeit erworben hat, mit der allein du vor Gott bestehen kannst. Da gilt dann für dich: Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht. (Röm. 10,4.)

 

    2. Jesus allein hören – hinsichtlich deiner Rechtfertigung. Und das heißt doch nichts anderes als dies: Du kannst dazu, dass du gerettet wirst, dass du in den Himmel kommst, dass du Gottes Kind wirst, Gott mit dir versöhnt wird, du Frieden mit Gott bekommst – zu all dem kannst du nichts, wirklich gar nichts beitragen. Gerade hier gilt in höchstem Maße: Jesus allein!

    Jesus allein ist es, der deine Sünden getragen hat. Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. (JOh. 1,29.) Alle Sünden aller Menschen aller Zeiten hat er also an seinem Leib auf das Holz, das Kreuz geopfert (1. Petr. 2,24). So war es Gottes Wille. Den hat er umgesetzt in der Zeit: Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt. (2. Kor. 5,21.) Er, Jesus Christus, hat auf Golgatha ein einmaliges, für alle Zeiten gültiges, Opfer für unsere, auch für deine, Sünden gebracht, dem nichts, gar nichts mehr hinzuzufügen ist. Denn mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden. (Hebr. 10,14.)

    Er, dein Retter, hat mit seinem Blut vollkommen die Strafe bezahlt, da ist nichts zurückgeblieben, was du noch zu begleichen hättest. Und wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petr. 1,18-19.) Damit hat er uns geschenkt alle Sünden und ausgetilgt die Handschrift, so gegen uns war, welche durch Satzungen entstand und uns entgegen war, und hat sie aus dem Mittel getan und an das Kreuz geheftet. (Kol. 2,13c-14.)

    Damit hat er dir die Gerechtigkeit erworben, die allein vor Gott gilt und die Gott dem Glauben an Christus zurechnet. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. (2. Kor. 5,19.) Keine Werke können dir diese Gerechtigkeit erlangen – nur im Glauben, im herzlichen Vertrauen auf Jesus Christus als deinem Retter, Heiland, empfängst, ergreifst du sie. Und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist, welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut. (Röm. 3,24-25a.) Rechtfertigung: Das ist keine Änderung deiner Natur, das ist keine qualitative Änderung. Nein, Rechtfertigung, das ist Gerechtsprechung, das ist ein Urteil Gottes über dich Sünder. Grundsätzlich hat er das Urteil – Freispruch – schon mit der Auferweckung Christi von den Toten über alle Sünder gesprochen, weil er durch Christi Opfer versöhnt ist und deshalb grundsätzlich die Sünden nicht zurechnet. Aber nur der hat das auch, der dieses Geschenk für sich persönlich im Glauben empfängt, ergreift, dem Glauben, den auch der HERR dir schenkt. Nach welcher Weise auch David sagt, dass die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedeckt sind. Selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünden zurechnet. (Röm. 4,6-8.) Wer aber nicht an Christus glaubt, der weist damit dieses Gnadengeschenk zurück, über dem bleibt der Zorn Gottes (Joh. 3,36), das bedenke, o Sünder!

    Der Glaube ist das Werkzeug, die Nehmehand, die das empfängt, was Christus dir durch seinen Gehorsam, sein Leiden und Sterben erworben hat – und hat damit das volle Heil, allein aus Gnaden. Denn aus Gnaden seid ihr errettet worden durch den Glauben; und dasselbe nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, damit sich nicht jemand rühme. (Eph. 2,8-9.) Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben. (Röm. 3,21-22.)

    So wirst du durch Christus und mit Christus aus Gnaden durch das Evangelium, empfangen im Glauben, wiedergeboren, aus einem geistlich toten zu einem geistlich lebendigen Menschen. Gott aber, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat: Da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christus lebendig gemacht (denn aus Gnaden seid ihr selig geworden) und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus. (Eph. 2,4-6.) Er hat euch mit ihm lebendig gemacht, da ihr tot wart in den Sünden und in der Vorhaut eures Fleisches. (Kol. 2,13a-b.) Schon in der heiligen Taufe hat er dir das zugeeignet. Ihr seid mit ihm begraben durch die Taufe; in welchem ihr auch seid auferstanden durch den Glauben, den Gott wirkt, welcher ihn auferweckt hat von den Toten. (Kol. 2,12.)

 

    3. Jesus allein hören – hinsichtlich unserer Heiligung. So weit würden viele Christen dem auch irgendwie noch zustimmen. Aber dann, so meinen sie, dann wäre sozusagen ihre Zeit gekommen. Die Heiligung, das sei ihr Werk. Jetzt seien sie sozusagen mit Kraft aufgeladen worden wie ein Akku und könnten nun für Gott leben. Das ist aber eine völlig falsche Sichtweise, wenn auch weit verbreitet. Denn Christus ist auch Ausgangspunkt und Triebkraft deiner Heiligung – und auch ihr Ziel, nämlich dass er dadurch geehrt, verherrlicht wird mit dem Vater und dem Heiligen Geist. Denn Christus Jesus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Erlösung und zur Heiligung. (1. Kor. 1,30.)

    Du kannst ihm nur nachfolgen, wenn du immer wieder neu aus seiner Liebe lebst, wenn also der Christus für dich dir täglich vor Augen steht. Denn die Liebe Christi dringt uns also, dass wir halten, dass, wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben; und er ist darum für alle gestorben, damit die, so da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. (2. Kor. 5,14-15.) Seine Liebe gibt dir die Kraft, alles zu überwinden. In dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. (Röm. 8,37.) Und diese Liebe, die durch anreizt in der Nachfolge, die ist ja so groß, dass sie dir schon galt, als du noch Sünder warst. Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. (Röm. 5,8.) Das ist die Triebkraft der Heiligung.

    Heiligung – das heißt auch: Christus nachfolgen als dem, der uns ein Vorbild hinterlassen hat. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen. (1. Petr. 1,21.) Darum: Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete er das Kreuz und achtete der Schande nicht und ist gesessen zur Rechten auf dem Stuhl Gottes. Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, dass ihr nicht in eurem Mut matt werdet und ablasst. (Hebr. 12,2-3.)

    Heiligung heißt aber vor allem: Christus lebt nun in dir und du dadurch in ihm. Er lebt in dir, nicht nur, weil sein Geist dich leitet, sondern weil die heilige Dreieinigkeit selbst Wohnung in dir gemacht hat. Und so will er sich nun in dir entfalten, will durch dich leben. Das ist die ausführende Wirkkraft der Heiligung. Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. (Joh. 14,23.) Darum gilt es auch immer wieder zu beten: Auch erkennen, dass Christus lieb haben viel besser ist als alles Wissen, auf dass ihr erfüllt werdet mit allerlei Gottesfülle. (Eph. 3,19.)

    Und so frage ich dich: Kennst du Jesus Christus schon so als den, der durch seinen Geist mittels des Gesetzes die Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis in dir geweckt, dir dann rechte Christuserkenntnis und den rettenden Glauben geschenkt hat und nun auch in dir und durch dir lebt? Bedenke, so lange du ihn nicht kennst als deinen Retter, bist du fern von ihm, bist du verloren. Lernst du ihn erst im Gericht kennen, ist es zu spät. Nur wer ihn hier kennen lernt als seinen Heiland und bei ihm bleibt, wird auch in der Ewigkeit bei ihm sein. Flehe doch zum HERRN, dass du rechte Sünden- und Heilserkenntnis bekommst.

    Du aber, der du wohl erweckt bist, aber doch noch nicht allein auf ihn dein Vertrauen zu deinem Heil, deiner ewigen Rettung setzt: Bedenke: Auch du bist noch verloren, solange du ihn nicht als deinen alleinigen Heilsgrund hast. Wohl arbeitet sein Geist an dir – aber so lange er noch nicht zum Ziel mit dir gekommen ist, bist du noch nicht errettet. Widerstrebe ihm nicht – und empfange, ergreife doch ihn, Christus, als den allein, der dich von Sünden errettet.

    Du nun, der du getrost und gewiss bist, dass Christus dein Retter ist, bleibe bei ihm, halte dich an sein Wort, lass dich immer wieder stärken durch seinen Leib und Blut unter Brot und Wein im Sakrament – und lebe nun mit ihm. Lass den Christus in dir sich entfalten, gerade auch, indem du immer wieder auf den Christus für dich blickst und auf sein Wort, seine Wegweisung für dich. Amen.

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Septuagesimae (70 Tage vor Ostern) ueber Lukas 10,38-42: Eins ist not!

 

Lukas 10,38-42: Es begab sich aber, da sie wandelten, ging er in einen Markt. Da war eine  Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich zu Jesu  Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat  hinzu und sprach: HERR, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester  lässt alleine dienen? Sage ihr doch, dass sie es auch angreife! Jesus aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha, du hast viel  Sorge und Mühe! Eines aber ist not: Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von  ihr genommen werden.

 

    Das dritte Gebot, wie wir es in der neutestamentlichen Fassung haben, lautet: Du sollst den Feiertag heiligen. Und Luther legt dieses Gebot im Kleinen Katechismus so aus: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen.“ Die Weise, wie sie uns vom Alten Bund her bekannt ist, dass am Sabbath faktisch so ziemlich alles arbeiten verboten war, dass ein ganz bestimmter Tag in der Woche von Gott ausgesondert worden war – all das finden wir so im Neuen Bund nicht mehr. Einer hält einen Tag vor dem andern; der andere hält alle Tage gleich. Ein jeglicher sei in seiner Meinung gewiss. (Röm. 14,5.) So schreibt der Apostel Paulus an die Römer. Und an die Kolosser: So lasst nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte Feiertage oder Neumonde oder Sabbathe, welches ist der Schatten von dem, was zukünftig war; aber der Körper selbst ist in Christus. (2,16-17.) Worum geht es also im dritten Gebot? Es geht, wie Luthers Erklärung sehr deutlich macht, um unsere Stellung zu Gottes Wort, darum, wie wir damit umgehen, um die tägliche Bibellese, Andacht, um den Gottesdienstbesuch. Und da warnt der HERR eindringlich davor, dass uns Gottes Wort nur eine Nebensache ist, dass wir gleichgültig sind gegenüber dem, was Gott in seinem Wort sagt, oder dass wir es nur ab und an, sporadisch, oberflächlich lesen. Und ähnlich ist es auch mit dem Gottesdienst. Kommst du, um zu hören? Oder kommst du nur so aus Gewohnheit, oder weil die Eltern gehen, oder weil es von dir erwartet wird? Nimmst du überhaupt etwas mit, oder döst du vor dich hin, schläfst vielleicht sogar? Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus Gottes gehst, und komm, dass du hörst. (Pred. 4,17a-b.)

    Wie wichtig deine Stellung zu Gottes Wort ist, das macht der HERR Jesus auch in unserem heutigen Abschnitt deutlich. Darum lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Eins ist not!

1. Was ist das Eine, das Not tut?

2. Die Gefahr, dieses Eine zu versäumen

 

    1. Was ist das eine, das Not tut? Nach dem Gespräch mit dem Pharisäer, in dessen Verlauf Jesus Christus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählte, ging er mit seinen Jüngern weiter. Er selbst kam dabei in einen Ort, wahrscheinlich Bethanien. An diesem Ort wohnten drei Freunde des HERRN, Martha, Maria und Lazarus. Bei ihnen kehrte er ein, denn Martha, die wohl die Älteste der drei war, nahm ihn auf in ihr Haus. Und da fand nun eine eigenartige Trennung der beiden Schwestern Maria und Martha statt: Martha, die den HERRN auch sehr liebte, meinte, diese ihre Liebe ihm dadurch zeigen zu sollen, dass sie sich in der Küche sehr beschäftigte, um ein gutes Mahl zu bereiten. Maria dagegen setzte sich zu Jesu Füßen, um seiner Rede, seiner Lehre zuzuhören, damit ihr nichts davon entging. Martha, die so eifrig, so geschäftig war, war empört darüber. Wäre es nicht richtig, wenn ihre Schwester ihr helfen würde, mitarbeiten, anstatt es sich zu Jesu Füßen bequem zu machen? Schließlich kann sich Martha nicht enthalten und spricht den Meister selbst an, der doch eigentlich es auch hätte merken müssen: HERR, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie es auch angreife! Hörst du den vorwurfsvollen Ton, besonders aus der Frage? Sie hatte erwartet dass Jesus Christus sie von sich aus schon in die Küche geschickt hätte. Da dies aber nicht geschah, forderte sie ihn nun direkt dazu auf. Aber was muss sie zu ihrem Erstaunen hören? Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe! Eines aber ist Not! Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. Jesus gehorcht also dem Ansinnen Marthas in keiner Weise. Im Gegenteil. Er lobt Maria für ihre Haltung und verwarnt Martha. Warum? Weil Maria das gute Teil erwählt hat, sich um das Eine bekümmert, das wirklich Not ist. Was aber ist dieses Eine, das Not ist?

    Zunächst einmal die herzliche Liebe zu Jesu, zu Gottes Wort. Das ist das Erste, was an Maria auffällt. Jesu Wort ist ihr so wichtig, dass sie auch Spannungen mit ihrer Schwester, die das zunächst nicht versteht, in Kauf nimmt. Sie sitzt da zu Jesu Füßen ganz allein und fragt nicht, ob das jetzt anderen wichtig, angenehm oder vielleicht sogar ärgerlich ist. Weil sie Jesus lieb hat, darum liebt sie auch sein Wort. Und das ist heute nicht anders. Du kannst nicht sagen, dass du Jesus liebst, während du mit seinem Wort nicht viel zu tun hast oder haben willst, es kaum liest, nicht darüber nachsinnst. Bedenke, was der HERR sagt: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten. (Joh. 14,23a.) Deine Stellung zu Jesus Christus, zu dem wahren, lebendigen, dreieinigen Gott, zeigt sich an deiner Stellung zu seinem Wort. Es geht hier um die Herzenshaltung. Und die wird daran deutlich, ob und wieviel Zeit du dir für sein Wort nimmst, was dir sein Wort bedeutet. Was es heißt, den HERRN und sein Wort zu lieben, das kannst du an David in den Psalmen 119 und 19 lernen. Wie wichtig ihm Gottes Wort ist, macht er schon deutlich mit den Worten: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. (V. 105.) Gottes Wort ist ihm lieb; Gottes Gesetz, Gottes Gebote sind ihm nicht Zwang, Last, sondern er hat Lust zu ihnen: Ich habe Lust an deinen Geboten, und sie sind mir lieb. (V. 47.) Sie sind ihm wertvoll, kostbar. Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold, sie sind süßer als Honig und Honigseim. (Ps. 19,11.) Darum hat er wirklich Freude an Gottes Wort. Es erfrischt, es ermutigt, erquickt: Das Gesetz des HERRN ist ohne Tadel und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen. (Ps. 19,8-9.) Du merkst aus diesen Worten, wie kostbar, wie wertvoll ihm Gottes Wort ist. Bedenke nur einmal, was Gottes Wort alles macht: es erquickt, ist gewiss, macht weise, ist richtig, erfreut, ist lauter und erleuchtet. Welch ein gewaltiges Wort! Und wie steht dein Herz dazu? Könnten das auch deine Worte sein? Beschreiben diese Psalmen auch deine Herzenshaltung? Kannst du danken für sein Wort, wie es in Psalm 119 lautet: Ich danke dir von rechtem Herzen, dass du mich lehrst die Rechte deiner Gerechtigkeit. (V. 7.) Welch eine Freude daran, von Gottes Wort unterwiesen zu werden, Gottes Wort, Gottes Weisungen, Gottes Recht und Gottes Verheißungen zu lernen. Wie steht es da mit dir? Ja, wer solch eine Freude an Gottes Wort hat, der sieht auch zu, dass er es behält. Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht gegen dich sündige. (V. 11.) Ich habe Lust zu deinen Zeugnissen; die sind meine Ratsleute. (V. 24.) Hier merkst du etwas von diesem konsequenten, entschiedenen Leben aus dem Wort. Der gesamte Psalm spricht davon. Wer so mit Gottes Wort umgeht, wem es so wichtig, so bedeutend ist, so ein Herzensanliegen, der zieht auch wirklichen Gewinn daraus. Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute kriegt. (V. 162.) Ein großer Gewinn ist der Friede mit dem HERRN, den sein Evangelium dir schenkt: Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben, und werden nicht straucheln. (V. 165.)

    Was also ist das Eine, das Not tut? Es ist diese herzliche Liebe zu Christus und seinem Wort. Damit aber hängt das andere ganz eng zusammen, das auch immer wieder schon angeklungen ist: nämlich Jesus Christus und sein Wort annehmen. Es geht ja nicht nur darum, dass du dir Zeit reservierst, um das Wort zu lesen, um in den Gottesdienst, in die Bibelstunde zu kommen. Nein, es geht noch um viel mehr: Es geht darum, was du mit dem machst, was du da hörst. Geht es dir in das eine Ohr hinein und aus dem anderen wieder heraus? Oder denkst du nach über das Wort, bewegst du es, wie Maria, die Mutter des HERRN, in deinem Herzen (Luk. 2,19.51)? Erinnerst du dich an das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld? Wie traurig, dass langfristig nur ein Viertel des Samens Frucht gebracht hat, Frucht, die bleibt. Zu welchem Teil des Ackers gehört dein Herz? Wirst du Frucht bringen für Christus, Frucht, die bleibt? Das heißt aber: Jesus Christus aufnehmen, nämlich ihn im Glauben als deinen Retter, deinen Erlöser empfangen, ergreifen. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben. (Joh. 1,12.) Das aber setzt ja voraus, dass du schon zuvor auch das Wort des Gesetzes nicht zurückgewiesen hast, nicht umgebogen, verharmlost, verniedlicht hast, sondern dich gebeugt hast unter die Hammerschläge des Heiligen Geistes und so zu rechter Erkenntnis deiner Sünden, ja, deiner abgrundtiefen Sündenverdorbenheit und deshalb Verlorenheit gekommen bist und erkannt hast, dass du selbst Gott nichts, gar nichts bringen kannst und vielmehr einen Erlöser brauchst – und ihn in Christus lebendig erkannt hast. Jesus aufnehmen aber heißt in der Folge auch: sein Wort aufnehmen. Sein Wort hören muss auch eine Konsequenz haben: seinem Wort gehorchen. Denn das Wort, das du hörst, liest, nutzt nichts, wenn du dich nicht beugst unter das Wort, wenn du nicht dem gehorchen willst, was das Wort sagt. Das aber nun nicht aus Zwang, nicht unter dem Druck des Gesetzes, sondern weil es das Wort deines Retters ist, der dich liebt und den du, als Erlöster, nun wieder liebst. Du willst ja jetzt von Herzen sein Wort halten, du willst ja von Herzen seinen Willen tun. Darum liest du das Wort dann auch mit dem brennenden Verlangen, zu erfahren, zu erkennen, was Gottes Wille ist – und zu gehorchen. Paulus spricht von dem Gehorsam des Glaubens. Wir haben empfangen Gnade und Apostelamt, unter allen Heiden den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter seinem Namen. (Röm. 1,5.) Du kannst diesen Weg der hingebenden Nachfolge aber nur gehen, wenn du selbst täglich an Jesus Christus bleibst, wenn du aus seiner Kraft lebst, denn er, Christus, und zwar gerade der Christus für uns, der für uns Gekreuzigte und Auferstandene, ist der Kern, der Mittelpunkt der ganzen Bibel, Alten und Neuen Testaments. Denn ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. (1. Kor. 2,2.)

    Was also ist das Eine, das Not tut? Es ist die herzliche Liebe zu Christus und seinem Wort, es ist das annehmen von Christus und seinem Wort – und es ist das Leben mit dem Wort, weil das Wort Kraft hat. Durch das Wort schenkt dir Gott der Heilige Geist das ewige Leben, den rettenden Glauben, und erhält dich auch darin. Ihr seid wiederum geboren, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewiglich bleibt. (1. Petr. 1,23) schreibt der Apostel Petrus. Darum verweist der HERR Jesus auch die Pharisäer an das Wort Gottes: Sucht in der Schrift, denn ihr  meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt. (Joh. 5,35.) Darum ermahnt Paulus auch seinen Schüler Timotheus, dass er unbedingt am Wort bleibt, das er ja von Kind auf gelernt hat: Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und dir vertraut ist, da du weißt, von wem du gelernt hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißt, kann dich dieselbe unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. (2. Tim. 3,14-15.)

    Diese Kraft des Wortes Gottes gilt aber nicht nur im Blick auf die Bekehrung, die Wiedergeburt, sondern gerade auch für dein Leben als Christ. Durch sein Wort will der HERR dich leiten. Gerade auch deshalb heißt es ein Licht auf deinem Weg, ist es ein Licht an einem dunklen Ort (2. Petr. 1,19). Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, dass ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt. (2. Tim. 3,16-17.) Darum ist es auch so wichtig, dass du am Wort bleibst, dass du Gottes Wort jeden Tag liest. Lege eine bestimmte Zeit fest, am besten am Morgen, an dem du die Bibel liest. Lies sie unter Gebet, lass Gott wirklich zu dir reden. Lies mit der Haltung, dass du dich lehren, dass du dich korrigieren lassen willst, dass du gehorchen willst. So kann Gott der HERR dich reich beschenken.

 

    2. Wie wir an Martha sehen, ist die Gefahr aber sehr groß, genau dies Eine, das Not tut, zu versäumen. Dabei war Martha ja nicht ungläubig. Sie war auch nicht gleichgültig gegenüber Jesus Christus. Nein, sie war fromm und wollte auch ein frommes Leben führen. Aber wenn du dich da nicht vom Wort leiten lässt, kannst du in große Gefahr kommen, so wie Martha: nämlich dass das fromme Ich dominant wird, dass es ins Zentrum tritt anstatt Christus und sein Wort. Die eigenen Werke treten dann in den Vordergrund. Da glaubst du letztlich nicht mehr an Jesus Christus, da dein Vertrauen nicht allein auf ihm, deinem Retter, gegründet ist, sondern du immer auch vor Augen hast: Das und das habe ich getan; so habe ich mich für Gott angestrengt; diese und jene Opfer habe ich gebracht. Das muss Gott doch gefallen. So kann auch bei gut gemeinten frommen Diensten dir mehr und mehr die Zeit für Gottes Wort fehlen. Oder du nimmst sie dir noch, weil das ja auch zum Christsein dazu gehört, aber du hast gar nicht  mehr die Ruhe dazu, auch nicht mehr die rechte Herzenshaltung. Darum muss Christus hier Martha zwar liebevoll, aber doch bestimmt zurechtweisen: Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe. Das darf nicht das Kennzeichen deines Christentums sein.

    Aber das ist nur die eine Haltung, die dich in Gefahr bringen kann, das Eine, was Not tut, zu versäumen. Das andere ist dies, dass du es vielleicht gar nicht so ernst nimmst mit dem Wort, dass es dir nicht so wichtig ist, dass du überhaupt der Meinung bist, beim Christsein komme es vor allem darauf an, wie du lebst, was du machst. Nun ist das gewiss sehr wichtig. Wo das fehlt, da ist etwas sehr schief gegangen, denn da ist der Glaube, wenn er überhaupt da ist, sehr krank, denn wenn er gesund wäre, würde er Frucht bringen, es ginge gar nicht anders. Ein guter Baum bringt gute Früchte. (Matth. 7,17.) Bedenke: Die ewige Rettung kommt aus dem Wort, nicht aus den Werken. Die Werke folgen dem Wort, nicht umgekehrt. Darum: Versäume nicht, Gottes Wort zu lesen! Wer nicht regelmäßig in der Bibel liest und betet, wem das gar nicht wichtig ist, der steht in großer Gefahr, aus der Gnade zu fallen oder er ist noch gar nicht bekehrt.

    Die Gefahr dabei ist ja, auch für Christen, dass die Dinge dieser Welt, das Irdische, der Beruf, die Familie, die Karriere, das Auto, das Haus, das Hobby Christus und sein Wort in den Hintergrund, in eine Nische drängen. Beruf, Familie, Hobby sind sicher wichtig – aber sie dürfen nicht das, was absoluten Vorrang haben sollte, verdrängen. Wie willst du dem Zeitgeist widerstehen, wenn du in deiner Haltung, deinem Denken nicht durch Gottes Wort verändert, korrigiert, erneuert wirst? Wie soll dein inwendiger Mensch wachsen, wenn er keine Nahrung bekommt?

    Darum ist es so wichtig, dass du dein Leben, also vor allem deinen Tagesablauf, strukturierst, zumindest grob. Setze Prioritäten in deinem Leben. An erster Stelle sollten Gott und sein Wort stehen. Dafür setze dir eine feste Zeit, möglichst am Morgen, in der du die Bibel liest und betest. So kann der HERR dir helfen, durch den Tag zu kommen. Du wirst Wegweisung in vielen Fragen deines Lebens, deines Berufs bekommen.

 

    Eins ist Not: Jesus Christus und sein Wort! Du, der du bisher noch fern bist von dem Retter der Welt, lass dich rufen, damit zu beginnen, sein Wort regelmäßig zu lesen. Lies es unter Gebet, bitte darum, dass der Heilige Geist dich erleuchtet, dass du Gottes Willen erkennst, wie weit du von ihm entfernt bist – und dass du Christus erkennst als deinen Retter, der für dich das Gesetz erfüllt hat. Er hat auch deine Sünden auf sich genommen und auch für sie am Kreuz alles bezahlt. Er hat Gott mit dir versöhnt. Erkenne, empfange ihn durch sein Wort.

    Du, der du schon erweckt bist, bleibe nicht auf halbem Weg stehen. Bleibe fest am Wort, lies täglich in der Bibel und komme in den Gottesdienst. Bitte um Gottes Geist und dass er rechte Sünden- und vor allem lebendige Christuserkenntnis in dir wirkt. Widerstrebe ihm nicht, wenn er dir Schuld, Sünde offenbart. Beuge dich darunter, bekenne Christus deine Schuld und empfange seine Vergebung.

    Und du, der du schon im rettenden Glauben stehst: Bleibe an Wort und Sakrament. Denn die Mittel, durch die der Heilige Geist dich neu geboren hat, sind auch die Mittel, durch die er dich darin erhält, fördert, zurüstet. Folge Maria in ihrer Liebe zu Christus und seinem Wort, und lass dich warnen durch das Beispiel Marthas, die über frommem Dienst das Wort vergaß. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) ueber Johannes 11,20-27: Der herrliche Trost der Christusglaeubigen angesichts des Todes

 

Johannes 11,20-27: Als Martha nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria  aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesus: HERR, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre  nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, dass, was du bittest von Gott, das wird dir Gott  geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der  Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich  glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubest  du das? Sie spricht zu ihm: HERR, ja, ich glaube, dass du bist Christus, der Sohn  Gottes, der in die Welt gekommen ist.

 

    Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahin müssen. Denn unsere Missetat stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz. (Ps. 90,7-9.) Mit diesen Worten beschreibt Mose in Psalm 90, dem einzigen Psalm, den wir von Mose haben, den Grund, warum wir Menschen sterben müssen. Wir mögen vordergründig an Krebs oder Herzinfarkt, aufgrund eines Unfalls oder einfach aus Altersschwäche sterben – aber der wahre Grund, der dahinter steht, ist Gottes Zorn über die Sünde und ist unsere Sünde, die überhaupt erst Tod, Leid, Krankheit, Not, Elend in diese Welt gebracht hat. Dies sollten wir selbst auch immer wieder bedenken, wenn wir etwa im Familien-, Verwandten-, Bekannten- oder Freundeskreis mit dem Tod konfrontiert werden. Der Tod ist nichts Natürliches, wie es einige behaupten. Er ist auch nicht ursprünglich von Gott in der Schöpfung vorgesehen gewesen, sondern ist vielmehr eine Folge des Sündenfalls, der Abkehr von uns Menschen von Gott.

    Dennoch aber wäre es verkehrt zu denken, wie es ja viele heute machen, mit dem Tod sei alles aus, darum müssten wir das Leben genießen. Nein, mit dem Tod ist keineswegs alles aus. Und das ist das einerseits Schreckliche, andererseits aber auch Trostvolle. Das ist schrecklich, nämlich für den, der hier in diesem Leben ohne Gott lebt, vor allem, ohne Gott stirbt. Denn wenn du ohne Gott gestorben ist, so wirst du auch die Ewigkeit, die danach kommt – bedenke: Ewigkeit, ohne Ende – ohne Gott verbringen, daher in Pein, Qual, Leid, im Feuersee. Trostvoll aber für alle, die hier in diesem Leben sich an ihren Retter Jesus Christus gehalten haben, im Glauben an ihn entschlafen sind und so durch den Tod in seine Herrlichkeit für immer eingegangen sind.

    Warum wir als an Jesus Christus Gläubige diesen Trost haben können, und zwar sehr begründet, das führt der HERR selbst an in unserem heutigen Abschnitt, seinem Gespräch mit Martha kurz nach dem Tod von derem Bruder Lazarus. Und so lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Der herrliche Trost der Christusgläubigen angesichts des Todes

1. Christus ist die Auferstehung und das Leben

2. Wir können der eigenen zukünftigen Auferstehung gewiss sein

3. Allein der Glaube hat diesen Trost

 

    1. Christus ist die Auferstehung und das Leben. Als Martha von den Juden, die Jesus Christus auf seinem Weg nach Bethanien begegnet waren, hörte, dass er da ist, eilte sie, tief bewegt, ohne an ihre Schwester Maria zu denken, sogleich hinaus, ihm entgegen. Immer noch war ihr Innerstes, wie das ihrer Schwester, zutiefst aufgewühlt über dem schmerzlichen Verlust. Wie hatten sie doch gehofft, Jesus Christus würde noch rechtzeitig kommen, bevor die Krankheit Lazarus dahinrafft. Aber selbst wenn der HERR sofort bei der Mitteilung durch den Boten aufgebrochen wäre, so wäre er nicht mehr vor dem Sterben des Lazarus eingetroffen. Nun aber war er noch zwei Tage an seinem Aufenthaltsort geblieben, damit die ihn ehrende und verherrlichende Tat, die der Vater vorgesehen hatte, umso klarer, eindrücklicher werde.

    All die Hoffnungen, die sie hatten, all die Betrübnis, die immer noch da ist, all das sprudelt geradezu aus Martha heraus, als sie dem HERRN Jesus begegnet: HERR, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Das ist der gewisse, feste Glaube, den sie hatte. Er, der HERR, hat auch Macht über Krankheit und Tod. Das ist ein rechter Glaube, wie er sein soll. Und sie setzt noch hinzu, ohne wohl selbst recht zu wissen, worauf sie damit hinaus will, wie auch der Glaube oft nicht weiß, wie noch Hilfe kommen soll – aber weiß, dass Gott alles möglich ist: Aber ich weiß auch noch, dass, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Ja, bei Gott ist kein Ding unmöglich (Luk. 1,37). Jesus entgegnet ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Er deutet damit ja an, was er vorhat, aber so versteht es Martha im Moment noch nicht: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tag. Damit macht sie deutlich, dass auch die Gläubigen im Alten Bund allerdings an die Auferstehung des Fleisches glaubten. Der HERR Jesus beweist diese wichtige Lehre unseres Glaubens ja gegenüber deren Leugnern, den Sadduzäern, aus den Worten des Alten Bundes. Hiob bezeugt sehr klar, sehr ins Einzelne gehend, diesen Glauben: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erde auferwecken; und werde danach mit dieser meiner Haut umgeben werden und werde in meinem Fleisch Gott sehen. Denselben werde ich mir sehen, und meine Augen werden ihn schauen, und kein Fremder. (19,25-27a.)

    Und diesen Glauben bestätigt und vertieft Christus nun hier. Denn er gibt jetzt die rechte Grundlage für diesen Glauben: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Jesus Christus macht hier deutlich: Ja, es gibt eine Auferstehung des Fleisches, eine Auferstehung der Toten. Nicht in dem Sinn, wie es etliche meinen, dass sie in der Erinnerung weiterleben, oder dass ihre Taten weiterleben, ihr Ruhm, ihr Andenken, das sie durch ihre Handlungen, Errungenschaften hinterlassen haben. Nein, sondern sie selbst werden auferstehen, leiblich, im Fleisch. Warum? Weil Jesus Christus selbst die Auferstehung und das Leben ist. Was heißt das? Dieser Satz ist von elementarer Tiefe. Er ist einer der sieben Ich-bin-Worte Jesu, wie der Heilige Geist sie uns durch Johannes überliefert hat. Sie knüpfen an die alttestamentliche Gottesbezeichnung Jahwe an, Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde. Mit diesen Ich-bin-Worten drückt der HERR Jesus Christus aus, dass er wahrer Gott ist, dass er Jahwe ist, wie er auch im Alten Testament, etwa im Zusammenhang mit dem Gericht an Sodom und Gomorrha, aber auch in der Weissagung Jeremias genannt wird. Dass es gerade sieben Ich-bin-Worte sind, ist übrigens auch kein Zufall, sondern sieben ist die Zahl der göttlichen Vollkommenheit. So beschreiben gerade diese sieben Ich-bin-Worte in besonderer Weise das göttliche Wesen.

    Was also sagt der HERR Jesus hier? Er macht deutlich: Ich gebe nicht nur Leben, ich erwecke nicht nur auf, ich vermittle nicht nur die Auferstehung. Nein, ich BIN das Leben. Das heißt: Ohne mich, ohne die Verbindung mit mir, ohne die Gemeinschaft mit mir durch den rettenden Glauben gibt es kein Leben. O ja, du kannst physisch zwar auch ohne Jesus Christus über die Runden kommen. Du vergisst allerdings dabei, dass er dich geschaffen hat samt allen Kreaturen, dir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder gegeben hat und noch erhält. Dazu ist er es, der dir Kleider und Schuhe, Essen und Trinken, Frau und Kind, Arbeit und alle Güter gibt, dazu dich versorgt mit aller Nahrung und Notdurft und dich beschirmt vor aller Gefahr. Das heißt, du willst es nur nicht merken, nicht wahrhaben, nicht wahrnehmen, wie sehr du aus seiner Güte täglich lebst. Also, du kannst also sehr wohl physisch leben, ohne tatsächlich im Glauben mit Jesus verbunden zu sein. Aber vor Gott ist das kein wahres Leben, weil du damit dich deiner eigentlichen Bestimmung, deinem eigentlichen Auftrag, deinem eigentlichen Ziel für Zeit und Ewigkeit entfremdet hast. Das ist nicht das Leben, das Gott für dich vorgesehen hat. So wirst du auch ohne den Glauben an Jesus Christus auferweckt werden, o ja, aber eben nicht zum ewigen Leben als Leben mit Christus, in seiner Herrlichkeit, da, wo es keine Tränen, kein Leid, keine Krankheit, keinen Tod, keine Not mehr gibt. Sondern deine Zukunft ist dann die ewige Gottesferne, in großer, nie endender Qual und Pein.

    Jesus Christus gibt nicht nur das Leben, er ist es selbst, es gehört einfach zu ihm, zu seinem Wesen. So führt ihn Johannes schon gleich zu Beginn des Evangeliums ein: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (1,4.) Und in seinem ersten Brief geht er nochmals darauf ein: Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unsern Augen, das wir beschaut haben, und unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens, und das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und zeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, welches war bei dem Vater und ist uns erschienen. (1,1-2.) Und zum Abschluss desselben Briefes bezeugt er klar: Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. (5,20.) Christus ist das Leben, das wahre Leben, so, wie Gott es für uns, für dich und mich haben will. Und darum kannst du es auch nur mit ihm, in ihm haben. Er selbst sagt von sich in einem weiteren Ich-bin-Wort: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. (Joh. 14,6.) Auch da hebt er diese grundlegende Lehre nochmals hervor.

    Und er, der das Leben ist, er hat auch den Tod überwunden. Das ist die großartige Botschaft von Ostern, die Botschaft der leiblichen Auferweckung, Auferstehung Jesu Christi am dritten Tag. Paulus schreibt darüber an Timotheus: Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen an das Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Tim. 1,10.) Die Macht und damit auch der Schrecken des Todes sind gebrochen, haben ihre grausame Herrschaft verloren für den, der sich an Jesus Christus hält. In Christus kannst auch du teilhaben an diesem Triumph über den Tod: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Aber der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unsern HERRN Jesus Christus! (1. Kor. 15,55-57.)

    Wie aber ist es möglich, dass der Tod besiegt ist? Im Hebräerbrief lesen wir: Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er’s gleichermaßen teilhaftig geworden, auf dass er durch den Tod die Macht nähme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist, dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten. (2,14-15.) Er, Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, hat unser Fleisch angenommen, ist in der Zeit, wie gleich nach dem Sündenfall verheißen, Mensch geboren wurden, von der Jungfrau Maria. Und das mit keinem anderen Ziel, als schließlich für uns am Kreuz zu sterben. Und zwar als der Reine, Unschuldige, der die Sünden der ganzen Welt auf sich genommen hat (Joh. 1,29), um sie für uns zu tragen. Denn auch Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben. … Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. (Röm. 5,6.8.) Petrus merkt dazu an: Welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. (1. Petr. 2,24.)

    Durch die Sünde war der Tod in die Welt gekommen. Weil Jesus Christus also die Ursache des Todes, die Sünde auf sich nahm und für sie die Strafe trug, hat er uns erlöst von der Gewalt des Todes.

    2. Darum kannst auch du im Glauben an Jesus Christus deiner leiblichen Auferstehung gewiss sein. Die Macht des Todes ist, wie schon dargelegt, gebrochen. Wer sich an Jesus Christus als seinen Retter hält, aber auch nur der, darf getrost und gewiss sein: Der Tod ist nicht das Letzte, sondern ist der Durchgang in die ewige Herrlichkeit, in die nie endende Gemeinschaft mit Jesus Christus und dem Vater und dem Heiligen Geist im Himmel. Das ist die Zukunft. Um diese Zukunft wusste Martha schon vom Alten Bund her. Und Christus bekräftigt diesen Glauben und gibt dazu noch das unumstößliche Fundament, sich selbst, seinen Gehorsam, Leiden und Sterben. Schon zuvor hatte er dies hervorgehoben. Das ist aber der Wille des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. … Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken. (Joh. 6,40.54.)

    Christus hatte ja auch von der künftigen Auferstehung gesprochen: Verwundert euch des nicht; denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übels getan haben, zur Auferstehung des Gerichts. (Joh. 5,28-29.) Auch gegen die Sadduzäer hatte er ja die Tatsache der Auferstehung des Fleisches vehement verteidigt, wie auch Paulus dies dann später machte. Der Apostel bekräftigt an verschiedenen Stellen die Auferstehung des Fleisches, so wenn er schreibt: Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wird anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. (Röm. 8,17.) Oder wenn er an die Korinther schreibt: Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, dass wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel. Und über demselben sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, und uns verlangt, dass wir damit überkleidet werden. (2. Kor. 5,1-2.) Und an die Thessalonicher schreibt er: Denn so wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch, die da entschlafen sind durch Jesus, mit ihm führen. (1. Thess, 5,14.) In diesem Glauben ist Paulus auch dem Tod entgegen gegangen, wie er an Timotheus schreibt: Hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der HERR an jenem Tag, der gerechte Richter, geben wird, nicht mir aber allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung liebhaben. (2. Tim. 4,8.) Und in der Offenbarung darf Johannes schon die unzählige Schar der Gläubigen schauen, die um den Thron versammelt sind aus allen Völkern und Sprachen, angetan mit weißen Kleidern und Palmen in ihren Händen (7,9).

    Darum kannst du, wenn du an Jesus Christus als deinen Retter glaubst, auch dessen gewiss sein, dass du leiblich auferstehen wirst, dass du einen neuen, unverweslichen, mit Kraft ausgestatteten himmlischen Leib erhalten wirst und für immer bei Christus sein wirst in der ewigen Herrlichkeit. Denn, wie es Christus schon seinen Jüngern vor seiner Kreuzigung bestätigte, hat er ja unsere Stätte im Himmel längst bereitet (Joh. 14,1 ff.) und ist unser Wandel jetzt schon im Himmel, von wo wir warten des Heilandes Jesus Christus, des HERRN (Phil. 3,20). Und was wird er machen? Welcher unsern nichtigen Leib verklären wird, dass er ähnlich werde seinem verklärten Leid, nach der Wirkung, damit er kann auch alle Dinge ihm untertänig machen. (Phil. 3,21.)

 

    3. Das alles aber hast du allein durch den Glauben. Das heißt: Nur der wird einst bei Christus in der Herrlichkeit sein, wer hier an ihn als seinen Retter glaubt. Wer nicht glaubt wird, wie schon gesagt, zwar auch auferstehen, aber zu ewiger Schmach und Schande, zu ewiger Pein, wo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlischt. Glauben meint dabei nicht: ein ordentliches Leben führen, auch nicht, ein bürgerlich vorbildliches Leben führen. Glauben meint auch nicht, die Aussagen des apostolischen Glaubensbekenntnisses für richtig zu halten. Nein, Glauben meint, dass du dich selbst als jemand erkannt hast, der vor Gott wahrhaft schuldig ist, der ein Sünder ist, der also Gott nichts, gar nichts bringen kann, natürlicherweise tot ist in Übertretungen und Sünden – und der daher einen Retter, einen Heiland, einen Erlöser nötig hat, der für ihn die Schuld bezahlt. Wenn du dann in Jesus Christus auch deinen Retter erkannt hast, der auch für dich Mensch wurde, auch um deinetwillen sich dem Gesetz unterwarf, es auch für dich erfüllte, auch deine Sünden auf sich nahm und auf für sie am Kreuz die Strafe völlig bezahlt hat – und dies im herzlichen Vertrauen für dich in Anspruch nimmst, dann beuge dich unter deine Schuld, bekenne sie ihm, ergreife seine Vergebung und sei getrost, dass er dein Retter ist, der auch dich einst auferwecken wird. Aus Dankbarkeit gib ihm dann dein Leben, weihe es ihm, dass er dich regiere, dass er dein Sinnen und Trachten verändere und präge. Das ist der lebendige Glaube, von dem die Bibel spricht.

    Aber kein Werk, keine Buße, keine Hingabe ist es, die dir das ewige Leben erwerben. Da halte dich stets und immer an Christus, an ihn allein, der alles schon für dich getan hat. Um seinetwillen allein kannst du getrost sein. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Estomihi (Sei mir ein starker Fels; Ps. 31,1) ueber Markus 10,35-45: Wen wird Gott ehren?

 

Markus 10,35-45: Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und  sprachen: Meister, wir wollen, dass du uns tust, was wir dich bitten  werden. Er sprach zu ihnen: Was wollt, ihr, dass ich euch tue? Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen, einer zu deiner Rechten  und einer zu deiner Linken, in deiner Herrlichkeit. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr  den Kelch trinken, den ich trinke, und euch taufen lassen mit der Taufe,  da ich mit getauft werde? Sie sprachen zu ihm: Ja, wir können es wohl. Jesus aber sprach zu ihnen:  Zwar ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden  mit der Taufe, da ich mit getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten und zu meiner Linken, steht mir nicht  zu, euch zu geben, sondern welchen es bereitet ist. Und da das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. Aber Jesus rief sie und sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass die weltlichen  Fürsten herrschen, und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. Aber also soll es unter euch nicht sein, sondern welcher will groß werden  unter euch, der soll euer Diener sein. Und welcher unter euch will der Vornehmste werden, der soll aller Knecht  sein. Denn auch des Menschen Sohn ist nicht kommen, dass er sich dienen lasse,  sondern dass er diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele.

 

    Selbstliebe, Selbstverwirklichung, das sind nicht nur Schlagworte, die immer wieder auftauchen, nein, sie beschreiben auch die Grundhaltung der Welt, der Menschen dieser Welt: Sie drehen sich um sich selbst, sie wollen sich, ihre Ideen, ihre Vorstellungen, ihre Sehnsüchte, ihre Ansichten verwirklichen, wollen etwas werden, wollen, wenn möglich, groß herauskommen. Dazu sind sie bereit, wenn es sein muss, auch etwas auf sich zu nehmen. Vor allem aber erhoffen sie sich dadurch schließlich Genuss, Vergnügen, unter Umständen auch Reichtum, Macht, Ansehen. Wir werden in unserem Leben immer wieder mit solchen Ansichten konfrontiert, ja, wir sind ihnen geradezu auf Schritt und Tritt ausgesetzt, weil das der Geist oder besser Ungeist dieser Welt ist, einer materialistisch ausgerichteten Welt.

    Da stehen wir als Christen in der Gefahr, uns auch darauf einzulassen, zu meinen, auch so werden zu müssen, um in dieser harten, unerbittlichen Welt bestehen zu können. Gerade dann, wenn wir Zurücksetzung, Unterdrückung, Ausbeutung, Ablehnung erfahren haben, kann es sein, dass wir meinen, darauf mit eben dieser Einstellung der Welt antworten zu müssen. Aber kann das wirklich der Weg sein? Ist das wirklich die Antwort?

    Bedenken wir mit diesem Hintergrund unter dem Beistand des Heiligen Geistes heute:

 

Wen wird Gott ehren?

1. Nicht den, der sich selbst für wert erachtet

2. Sondern den, der demütig ist und dem Nächsten dient

 

    1. Nicht den, der sich selbst für wert erachtet. Im bürgerlichen Leben in dieser Welt spielen Fleiß, Treue, Talente, die man hat, Karriere, die man macht, eine große Rolle. Dadurch wollen sich die Menschen Ansehen erwerben, wollen etwas gelten, geachtet werden. Kurz: Sie wollen geehrt werden

    Da ist es nun interessant, dass Jakobus und Johannes, die beiden Söhne des Zebedäus, die hier, mit ihrer Mutter als Mittlerin, wie uns Matthäus berichtet, an den HERRN Jesus herantreten, danach ja anscheinend nicht trachten. Ihnen geht es nicht um diese doch so irdischen, so vergänglichen Dinge. Denn, was nutzen dir Karriere, Reichtum, Macht, Ansehen, ein großes Haus, ein Luxusauto – nichts davon kannst du im Tod mitnehmen, nichts davon hat für die Ewigkeit irgendeine Relevanz. Jakobus und Johannes bitten um etwas ganz anderes, um etwas, bei dem es um die Ewigkeit geht: Gib uns, dass wir sitzen, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken, in deiner Herrlichkeit. Wie waren sie auf diesen Gedanken gekommen, so etwas zu bitten, solch einen Ehrenplatz zu beanspruchen?

    Nun, da müssen wir etwas zurückblicken. Und da stellen wir fest, dass die Jünger doch auch immer wieder noch sehr irdisch dachten. Nicht lange vor dieser Bitte hatten die Jünger unter einander sich gestritten, welcher wohl der Größte wäre (Mark, 9,34). Jesus Christus hatte sie sehr ernst und plastisch zurecht gewiesen: So jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein vor allen und aller Knecht. Und er nahm ein Kindlein und stellte es mitten unter sie und herzte dasselbe und sprach zu ihnen: Wer ein solches Kind aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern der, der mich gesandt hat. (Mark. 9,35-37.) Da macht er schon deutlich, worum es wirklich geht, was echte Größe ausmacht, die vor Gott etwas ist: nämlich in Demut gegründeter Dienst.

    Unmittelbar aber vor der Bitte der beiden Zebedäussöhne war ein junger Mann zu Jesus Christus gekommen und hatte gefragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erwerben. Der war also der Ansicht, dass man durch Leistung, durch Werke, durch eigene Anstrengungen in den Himmel kommen könnte. Der HERR Jesus freute sich einerseits über diesen Wunsch und Eifer des Mannes, aber er sah auch tiefer, sah sein Herz und musste da auch den Götzen dieses Jünglings erkennen: den Mammon, den Reichtum. Daher rief er ihn dazu auf, doch alles zu verkaufen und ihm, Jesus Christus, nachzufolgen. Da wandte sich der junge Mann um, das war ihm zu viel. Die Jünger waren entsetzt gewesen, vor allem, als der HERR erklärend hinzusetzte: Liebe Kinder, wie schwer ist’s, dass die, so ihr Vertrauen auf Reichtum setzen, ins Reich Gottes kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. (Mark. 10,24.) Petrus war da der erste gewesen, der seine Sprache wiedergefunden hatte und meinte, dass sie, die Jünger, dann doch gar keine so schlechten Karten hätten: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns dafür? (Matth. 19,27.) Hatten sie, die Jünger, nicht genau das getan, was Jesus von dem jungen Mann verlangt hatte? Hatten sie damit nicht ein Opfer erbracht, das vor Gott ein großer Pluspunkt sein musste? Jesus Christus bestätigt diese Auffassung nicht, hebt aber hervor, dass sie gewiss, wenn sie im Glauben dies alles getan haben, großen Gewinn haben: Wahrlich, ich sage euch, es ist niemand, so er verlässt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mit Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. Viele aber werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind. (Mark. 10,29-31.) Wichtig ist gerade auch dieser letzte Satz, denn er ist eine ernste Warnung: Wer sich auf das, was er um Christi willen getan hat, etwas einbildet, meint, damit gut dazustehen vor Gott, etwas bei Gott erworben zu haben, der wird es alles verlieren. Die aber, die vor anderen wie ein Nichts dastehen, aber in stiller Treue, unscheinbar, unbeachtet von anderen, ihrem HERRN dienen, die werden von Gott hoch erhoben werden.

    Jakobus und Johannes haben diesen letzten Satz nicht beachtet. Sie haben nur daran gedacht, was sie alles schon aufgegeben haben. Dann hatte Christus direkt daran seine dritte Leidensankündigung gesetzt. Und da haben sie etwas gehört von der Auferstehung. Und damit haben sie dann sogleich ein zukünftiges Reich Gottes verbunden, das sie sich nun doch wieder recht irdisch vorgestellt haben, mit Rangstufen wie in dieser Welt – und da meinen sie, da müssten ihre Aussichten doch sehr gut sein.

    Der HERR Jesus versucht ihre Selbstüberschätzung in Grenzen zu weisen, zu dämpfen: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, und euch taufen lassen mit der Taufe, da ich mit getauft werde? Da sind sie immer noch sehr mutig: Ja, wir können es wohl. Interessant: Jesus Christus bestätigt, dass sie das einst tun werden. Wir wissen ja, dass Jakobus später durch Herodes Antipas den Märtyrertod erlitten hat (Apg. 12,1-2). Und Johannes ist zwar sehr alt geworden, hat aber um seines Glaubens willen auch Gefangenschaft, Verbannung zu erdulden gehabt. Dann aber setzt der HERR Jesus Christus ein großes Aber hinzu, das all dieses Verdienstdenken, diese Werkgerechtigkeit hinwegfegt: Zu sitzen aber zu meiner Rechten und zu meiner Linken, steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern welchen es bereitet ist. Gott der HERR hat dies schon von Ewigkeit her geordnet. Das ist alles reine Gnade, reines Geschenk.

    Es ist ein furchtbarer Irrweg, wer denkt, er könne sich durch seine Anstrengungen etwas bei Gott erwerben, er könne dafür sorgen, von Gott geehrt zu werden. Bedenkt doch, was der HERR einst den Pharisäern sagte. Sie waren zu einem Gastmahl versammelt, auch Jesus war eingeladen, und musste sehen, wie da ein Gerangel um die besten Plätze stattfand. Jeder wollte die Ehrenplätze haben, meinte, sie stünden ihm zu. Höre, was der HERR dazu zusammenfassend sagt: Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden. (Luk. 14,11.) Nicht das Werk der Selbsterniedrigung ist da gemeint, denn das könnte ja durchaus mit Berechnung geschehen, sondern die Herzenshaltung, die dann wie selbstverständlich so handelt. Denn wer nach eigener Ehre sucht, der wird Christus verlieren, weil er der Welt anhängt, sein Fähnlein nach dem Wind der Welt dreht. Auch das hatte der HERR Jesus erfahren müssen und hat es den Menschen auch gesagt: Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt? Und die Ehre, die von Gott allein ist, sucht ihr nicht. (Joh. 5,44.) Daher warnt schon Jeremia: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und mit seinem Herzen vom HERRN weicht. (Jer. 17,5.) Wenn du denkst, du könntest irgendetwas vor Gott dir erwerben, wenn du meinst, du könntest ihm irgendetwas bringen, dann hast du dich selbst, deine abgrundtiefe Verdorbenheit, deinen geistlichen Tod noch nicht erkannt, noch gar nicht begriffen, wie bedürftig du bist (Eph. 2,1-3). Durch Jesaja warnt daher der HERR: Wehe denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug! (5,21.)

    All das ist nämlich die Haltung der Welt, des Reiches dieser Welt, in dem der Satan der Fürst ist. Der HERR Jesus macht es ganz deutlich: Ihr wisst, dass die weltlichen Fürsten herrschen, und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. Aber so soll es unter euch nicht sein. Das ist die Ordnung in dieser Welt, und so wird es sein, so lange sie existiert. Da gibt es Machtstrukturen. Da mag es auch vereinzelt solche Staatsführer geben, die ihre Macht wirklich zum Wohl ihres Volkes einsetzen. Aber die Grundlinie ist doch die, dass sie Macht haben wollen und es denen, die unter ihnen sind, auch fühlen lassen. Sie halten sich letztlich für mächtiger, als sie wirklich sind, weil sie die Verantwortung vor Gott nicht sehen, und nutzen ihre Macht auch schamlos zur Unterdrückung anderer aus. So aber soll es im Reich Gottes nicht sein. Das darf nicht die Haltung der Jünger Jesu sein. Christus grenzt hier eindeutig das Himmelreich ab vom Weltreich. Wer im Reich Gottes sein will, der muss umdenken, voll und ganz, der muss sich verändern lassen durch Erneuerung seines Sinnes, dass er erkennen mag, was der gute und der wohlgefällige Gotteswille ist (Röm. 12,2.)

 

    2. Sondern den, der demütig ist und dem Nächsten dient. Jesus Christus kommt dann sogleich darauf zu sprechen, was nun die so gänzlich andere Grundhaltung seines Jüngers sein muss, im Unterschied zu der Haltung der Menschen dieser Welt: Welcher will groß sein unter euch, der soll euer Diener sein. Und welcher unter euch will der Vornehmste werden, der soll aller Knecht sein. Das ist die Grundhaltung, die dir als Christ gebührt, das ist die Grundhaltung des Jüngers Jesu: Diener sein. Nur der ist wirklich groß, groß im Reich Gottes, groß in den Augen Gottes. Nicht also unbedingt der, der berühmt ist, der einem großen Werk vorsteht, der eine Gemeinde leitet, sondern der, der von Herzen ein Diener ist. Ja, der HERR Jesus geht noch einen Schritt weiter: Wer wirklich ganz oben stehen will, der muss aller Knecht, Sklave sein, das heißt, der muss bereit sein, gerade auch für die Geringsten, Elendesten da zu sein, um ihnen zu dienen. Das ist die Herzenshaltung des Christen gemäß der Bibel. Das ist eine ungeheure Herausforderung an uns, eine gewaltige Anfrage, weil damit auch die Frage im Raum steht: Ist das auch deine Haltung? Oder fehlt sie dir? Das ist keine natürliche Haltung, sondern sie kann dir nur geschenkt werden, sie will vom HERRN erbeten sein.

    Christus selbst kann sich als Beispiel, als alles überragendes Vorbild hinstellen: Denn auch des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Bezahlung für viele. Wie willst du sein Jünger sein, wenn du ihm gerade auf diesem grundsätzlichen Pfad nicht nachfolgst? Er, der doch der HERR aller Herren ist, der König aller Könige, der allmächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge, dem alle Ehre gebührt – er ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. Er ist arm geworden für uns. Denn ihr wisst die Gnade unsers HERRN Jesus Christus, dass, ob er wohl reich ist, ward er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. (2. Kor. 8,9.) Er ist gekommen, um zu dienen. Er hat den Elenden, den Kranken, den Blinden gedient, indem er sie geheilt hat, sehend gemacht, laufend gemacht, wieder auferweckt hat. Vor allem aber hat er mit der Fußwaschung am Abend seiner Gefangennahme dies noch einmal eindrücklich vor Augen geführt. Ihr heißt mich Meister und HERR und sagt recht daran; denn ich bin’s auch. So nun ich, euer HERR und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt ihr auch euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe. (Joh. 13,13-15.) Es geht dabei nicht nur um die äußere Handlung, sondern immer wieder vor allem um die Herzenshaltung, die dann auch recht solche Früchte bringt. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. (Röm. 12,16b-17a.) Das widerspricht ja allerdings dem Denken, der Haltung der Welt. Aber das sollte dich nicht wundern. Es geht immer wieder darum, dass du eine Grundsatzentscheidung triffst: die Welt oder Christus. Und dann, aus dieser grundsätzlichen Entscheidung heraus, sie dann aber auch umsetzt im Alltag. Denn wenn das nicht geschieht, fällst du tatsächlich wieder zurück in die Welt. Tut nichts aus Zank oder eitler Ehre, sondern durch Demut achtet euch untereinander einer den andern höher als sich selbst. (Phil. 2,3.) Kannst du das? Oder willst du selbst geachtet, geehrt, hoch angesehen sein? Dieser Weg ist nicht einfach, ja, er ist gegen unsere menschliche Natur. Aber es ist Christi Weg. Du bist also auf ihm nicht allein, sondern dein Retter geht mit dir.

    Das ist allerdings kein Leben der Selbstliebe, der Selbstverwirklichung, wie es die Welt liebt, wie es die Welt propagiert, sondern ein Leben der Selbstverleugnung, der Hingabe an Christus und durch ihn auch für den Nächsten. Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. (Mark. 8,34.) Das ist keine Selbstzerstörung. Denn deinen wahren Wert, deine wahre Ehre hast du dadurch, dass Christus dich erschaffen hat und deine Sünden auf sich genommen und am Kreuz auch für dich gestorben ist, Gott auch mit dir versöhnt, auch dir ewiges Leben erworben hat, dich liebt und du als sein Kind mit ihm leben darfst. Dies, dass du sein Gottes Kind, dass du Christi Bruder, Schwester bist, dass ist deine eigentliche, deine wahre Identität als Christ. Das macht deine Persönlichkeit aus, nicht Ansehen bei den Menschen, Anerkennung durch die Menschen. Das ist nicht immer leicht durchzuhalten, gewiss. Aber das ist der Weg.

    Die Welt ist bestimmt von Egoismus, von Interessen, von Macht, von Gier nach Besitz, Reichtum, Einfluss, Ansehen, aufgebaut auf Unterdrückung, Ausbeutung. Das darf nie dein Weg als Christ sein. Es geht um ein Leben der hingebenden Liebe zu Christus und durch ihn zum Nächsten, selbst zum Feind. Das ist das genaue Gegenteil der Haltung, des Lebens der Welt. In diesem demütigen, hingebenden, liebenden Dienen zeigt sich die wahre Größe des Christen. Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren. (Joh. 12,26.) Hast du es gehört? Unsere Frage war doch, wen Gott ehren wird? Hier hast du die Antwort: Wer Christus von Herzen dient, den wird der Vater ehren.

    Der Bereich der Diakonie ist ein Bereich, in dem dies besonders konkret gelebt werden kann und auch immer wurde. Der Dienst der Diakonissen war gerade davon einst geprägt. „Ich dien“ war ihr Wahlspruch. Darum ging es. Es war ein Dienst aus wirklicher Hingabe an Christus. Dass wir heute kaum noch Diakonissen haben, ist gewiss auch eine gewaltige Anfrage an das geistliche Niveau in den Gemeinden wie überhaupt die geistliche Grundhaltung der heutigen Christenheit.

    Aber nicht nur dort kannst du diese Haltung leben, obwohl es natürlich schon ungeheuer viel verlangt, auch als Diakon, als Pfleger, wenn du Alkoholikern, Drogensüchtigen dienen musst, aber schon auch, wenn es um Kranke, Bettlägrige, pflegebedürftige alten Menschen geht. Aber auch der Dienst in der Mission ist ähnlich herausfordernd, und verlangt ja, dass du nicht als Herr dort auftauchst, sondern als ein solcher, der den Heiden dienen will, ihnen helfen will zum rettenden Glauben. Das kann alles mit sehr viel Ablehnung, Verspottung, auch Verfolgung, Anfeindung verbunden sein, gerade auch in unserer heutigen Zeit. Paulus gibt davon ein sehr deutliches Zeugnis: Ich halte aber, Gott habe uns Apostel für die Allergeringsten dargestellt, als dem Tod übergeben. Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt und den Engeln und den Menschen. Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr herrlich, wir aber verachtet. Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger, Durst und sind nackt und werden geschlagen und haben keine gewisse Stätte und arbeiten und wirken mit unseren eigenen Händen. Man schilt uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s; man lästert uns, so flehen wir. Wir sind stets wie ein Fluch der Welt und ein Fegopfer aller Leute. (1. Kor. 4,9-13.) Das ist der Weg derer, die demütig dem Nächsten dienen, nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Kraft und Liebe Christi. Folge auf diesem Weg deinem Retter nach. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Invocavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhoeren, Ps. 91,15) ueber Matthaeus 16,21-26: Was ist Nachfolge Jesu Christi?

 

Matthäus 16,21-26: Von der Zeit an fing Jesus an und zeigte seinen Jüngern, wie er müsste  hin nach Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern  und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen. Und Petrus nahm ihn zu sich, fuhr ihn an und sprach: HERR, schone dein  selbst; das widerfahre dir nur nicht! Aber er wandte sich um und sprach zu Petrus: Heb dich, Satan, von mir!  Du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was  menschlich ist.

    Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der  verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein  Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch  Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine  Seele wieder löse?”

 

    Der Religionssoziologe Detlef Pollack hat in einer vergleichenden Studie über Religiosität in den USA und den europäischen Ländern auf die sehr unterschiedliche Stellung der Religion im persönlichen Leben auf diesen beiden Kontinenten hingewiesen. In der BRD und in Europa überhaupt, vor allem Westeuropa, nimmt die persönliche Gottesbindung immer mehr ab. Immer mehr Menschen glauben, wenn überhaupt, nur noch an eine nicht weiter definierte „höhere Gewalt“, ohne eine persönliche Gottesbeziehung zu haben. Ganz anders in den USA, wo Gott viel stärker das persönliche Leben beeinflusst, bestimmt. Pollack sieht einen der Gründe in den sehr unterschiedlichen Gottes- und Glaubensauffassungen. In Europa sieht er sie hauptsächlich geprägt von Gnade, Liebe und Barmherzigkeit. Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit dagegen sind gänzlich in den Hintergrund getreten, wenn nicht überhaupt verschwunden. Dass der gerechte und heilige Gott auch ein richtender Gott ist, ist für den Durchschnittseuropäer kaum noch präsent. Oder dass der heilige Gott auch Forderungen an uns stellt, uns zu konkreter Nachfolge herausfordert, die auch etwas kosten kann, erscheint den meisten völlig unvorstellbar. Ganz anders sieht es in den Staaten aus. Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit ist dort durchaus im Denken und Handeln vorhanden, die Tatsache, dass er einst uns und unser Leben richten wird, gehört zum „normalen christlichen Glauben“ einfach mit dazu. Christ zu sein, ist dort durchaus herausfordernd, weil es auch einen entsprechenden Lebensstil verlangt. Das hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass es die Volkskirchen, wie in Europa, dort nicht gibt, sondern sie allesamt Freiwilligkeitskirchen sind, Freikirchen. Und diejenigen Kirchen, die allerdings in ihrer Geisteshaltung den europäischen am nächsten kommen, sind auch diejenigen, die am stärksten abnehmen. Die wachsenden sind dagegen, neben denen, die eine oberflächliche, zeitgeistige Religiosität pflegen, diejenigen, die gemäß der Schrift ein entschiedenes, konsequentes Christsein verkünden.

    In unserem heutigen Text spricht unser Heiland und HERR Jesus Christus gerade auch dieses Thema an. Und so lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes bedenken:

 

Was ist Nachfolge Jesu Christi?

1. Was ist Nachfolge Christi nicht unbedingt?

2. Wem folgen wir nach?

3. Was ist der Kern der Nachfolge Christi?

 

    1. Was ist Nachfolge Christi nicht unbedingt? Das Thema der Nachfolge Christi ist kein neues. Es durchzieht die gesamte Kirchengeschichte. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden. Es sind dabei aber auch immer wieder Konzepte vorgelegt worden, in denen sozusagen genau beschrieben wird, was ein Christ in der Nachfolge alles nicht darf, worauf er unbedingt verzichten muss, um ein Nachfolger, ein Jünger Jesu zu sein. Lange Zeit ist dabei der Mönch das große Leitbild gewesen. Weltflucht, Askese, Armut, Verlassen des Berufs, Verlassen der Familie, unter Umständen sogar Einsamkeit, waren dabei die grundlegenden Forderungen, ohne deren Erfüllung du nicht Nachfolger Christi sein könntest. Stimmt das? Nun, all diese Dinge können als Herausforderungen an dein Leben als Christ herantreten, wir werden davon noch hören. Ja, es kann sein, dass du sogar mit sehr viel davon konfrontiert wirst, denke an diejenigen Christen, die in Verfolgungsländern leben, die sich zu Untergrundgemeinden halten müssen. Oder an diejenigen, die um ihres Glaubens willen tatsächlich verfolgt sind, sich verstecken müssen, vielleicht auch in Lagern inhaftiert sind. All das kann kommen und ist ein Teil unserer Fremdlingschaft in dieser Welt. Aber das an sich macht noch nicht das Christsein aus. Denn die leibliche Übung ist wenig nütz. (1. Tim. 4,8a.) Andere sagen, man dürfe keine irdischen Annehmlichkeiten haben, keine Bequemlichkeiten, ja, wir dürften uns nicht einmal an dem von Gott Geschaffenen erfreuen und wollen auch Gottes Ordnungen wie die Ehe außer Kraft setzen. Aber all das ist nicht biblisch. Das sind vielmehr endzeitliche Charakteristika antichristlicher Irrlehren. Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleisnerei Lügenredner sind und ein Brandmal in ihrem Gewissen haben und gebieten, nicht ehelich zu werden und zu meiden die Speisen, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen und denen, die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird. (1. Tim. 4,1-4.) So lasst  nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte Feiertage oder Neumonde oder Sabbathe, welches ist der Schatten von dem, was zukünftig war; aber der Körper selbst ist in Christus. (Kol. 2,16.17.) Das ist ganz wichtig: Christusnachfolge besteht nicht in einigen äußerlichen Verzichtsmaßnahmen – obwohl all diese Verzichte vielleicht um Christi willen aus der besonderen Lage heraus im Leben kommen mögen – sondern sie hat eine ganz andere Grundhaltung.

 

    2. Lasst uns zunächst bedenken, wem wir nachfolgen. Da ist es nun ganz wichtig, dass wir betrachten, was Christus direkt vor der Beschreibung der Nachfolge sagt. Da gibt er nämlich seine erste Leidensankündigung. Wie er müsste nach Jerusalem gehen und viel leiden von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tag auferstehen. Als Jesu Jünger folgst du also dem nach, der viel hat leiden müssen von seinem eigenen Volk, ja, von den Leitern seiner Kirche. Jesus Christus ist ein Mann der Leiden gewesen. Sein ganzes Leben ist eigentlich eine einzige Passion gewesen, hat doch er, der lebendige, heilige Gott, sich ständig mit sündigen Menschen abgeben müssen, hat die Trägheit, weltliche Gesinnung seiner Jünger ertragen müssen.

    Aber das war ja sozusagen nur das Präludium, das Vorspiel zu der großen Passion, die mit dem Einzug in Jerusalem begann, um dann einzumünden in den dramatischen letzten Akt mit der Gefangennahme in Gethsemane. Und all das endete mit seinem Tod. Du folgst dem nach, der sein Leben für dich und alle Menschen gelassen hat. Bedenke, was Johannes dazu im ersten Brief schreibt: Daran haben wir erkannt die Liebe, dass er sein Leben für uns gelassen hat; und wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. (3,16.) Das muss unter Umständen nicht sein – aber es kann sein. Und dass du es einsetzen sollst für deine Brüder, ihnen zu dienen, zu helfen, beizustehen, wo sie um ihres Glaubens willen angegriffen werden, das gehört selbstverständlich auch mit dazu.

    Nachfolge Jesu Christi. Das heißt, dem nachfolgen, der um unseretwillen alles aufgegeben hat, der um unseretwillen die Herrlichkeit beim Vater verlassen hat. Ihr wisst die Gnade unsers HERRN Jesus Christus, dass, ob er wohl reich ist, ward er doch arm um euretwillen, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet. (2. Kor. 8,9.) Das ist nicht vereinbar mit einer Haltung, die vor allem darauf aus ist, immer mehr zu bekommen, die auf ihr Recht pocht, ihre Interessen, ihre Stellung bei den anderen, ihr Ansehen. Bedenke: Als Christ folgst du dem nach, der das alles für dich aufgegeben hat, ja, von dem es heißt: Welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, hielt er’s nicht für einen Raub, Gott gleich sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden, erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. (Phil. 2,6-8.) Und das ist geschrieben, damit ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war (Phil. 2,5). Das bedenke.

    Dabei war er so arm, dass er nicht einmal ein eigenes Einzimmerhaus hatte. Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege. (Luk. 9,58.) Kannst du, wenn es sein muss, ihm darin auch folgen?

    Du folgst dem nach, der sanftmütig und demütig war, so sehr, dass er gegen die falschen Anschuldigungen schwieg, welcher keine Sünde hat getan, ist auch kein Betrug in seinem Mund erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt; er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet. (1. Petr. 2,22-23.)

 

    3. Das führt uns zu dem, was der Kern der Nachfolge Jesu Christi ist, was der HERR hier in unserem Text auch anführt: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Die Grundhaltung also des Nachfolgers, des Jüngers Jesu Christi ist nicht Selbstfindung, Selbstliebe, Selbstverwirklichung, ist nicht ringen um Anerkennung bei den Menschen, sondern das genaue Gegenteil von dem allen, nämlich Selbstverleugnung. Es geht also um ein Leben, in dem du dir nicht mehr selbst gehörst, sondern dem, der für dich gestorben und auferstanden ist. Das ist ein Leben, in dem es nicht mehr um deine Interessen, deine Vorstellungen, deine Wünsche, deine Ansichten, deine Karriere, deinen Ehrgeiz, deine Ziele geht, sondern um Gott, seinen Willen, sein Wort. Darum ist die Grundhaltung des Jüngers Jesu, aus dieser Selbstverleugnung um Christi willen heraus, die der Hingabe des Lebens, der ganzen Person an Christus als seinem Retter und HERRN, nicht nur als einen einmaligen, grundsätzlichen Akt, sondern in täglicher Erneuerung. Ich ermahne euch, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber begebt zu einem Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. (Röm. 12,1.) Und das aus einer Haltung der herzlichsten Liebe zu dem, der dich so sehr geliebt hat, dass er für dich starb. Denn die Liebe Christi dringt uns also, da wir halten, dass, so einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für sie alle gestorben, damit die, so da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. (2. Kor. 5,14-15.)

    Solch ein Leben in der Nachfolge Christi, aus der Grundhaltung der Selbstverleugnung und Hingabe, die von vornherein die Herzenshaltung hat, alles um Christi willen zu verlassen – Also auch ein jeglicher unter euch, der nicht absagt allem, was er hat, kann nicht mein Jünger sein. (Luk. 14,33.) – kann dann unter Umständen auch dazu führen, dass du dies alles realisieren musst, wirklich alles zu verlassen, wie es die Apostel getan haben. Petrus konnte im Namen der Jünger sagen: Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. (Matth. 19,27.) Wer in die Mission geht, der muss tatsächlich sein bisheriges Leben, seine bisherige Umgebung, seine Freunde, seine Kultur verlassen. Und wer um Christi willen verfolgt wird, fliehen muss oder inhaftiert wird, der muss wirklich alles zurücklassen, was irgendwie bisher sein Leben ausgemacht hat.

    Christus nachfolgen, das kann auch heißen: Trennung von der Familie, den Angehörigen, den Freunden. Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen gegen seinen Vater und die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. (Matth. 10,34-36.)

    Denn, und das ist ganz wichtig, so schwer es uns auch fallen mag: Jesus Christus, wahren Gott und wahren Menschen, über alles lieben heißt auch, ihn mehr zu lieben als selbst die engsten Angehörigen. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert. (Matth.10,37.) Die Mission der iroschottischen Mönche im heutigen deutschsprachigen Raum konnte nur aus dieser Grundhaltung erfolgen. Wie oft versuchten die Angehörigen, sie von diesem gefährlichen Weg abzuhalten. Aber sie gingen um Christi willen. Und bedenkt: In einer Diktatur, in einem totalitären Staat, und er zieht in dieser Art bereits auf, wird es wieder so sein, dass die Kinder gegen die Eltern und umgekehrt in Stellung gebracht werden, dass einer den anderen verrät. Darum ist es von vornherein wichtig, was an erster Stelle in deinem Leben steht. Das kann auch heißen, von vornherein ganz auf die Ehe zu verzichten oder aber so zu leben, als wäre man einsam, zu haben, als hätte man nicht, wie es Paulus sagt (1. Kor. 7).

    Durch die Selbstverleugnung will der Heilige Geist eine Haltung in dir ausprägen, die dazu führt, dass du nicht mehr abhängig bist von den Dingen dieser Welt, dass du sie haben oder nicht haben kannst, wie Paulus für sich bezeugte: Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt, beide, satt sein und hungern, beide, übrig haben und Mangel leiden. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus. (Phil. 4,12-13.) Diese Haltung aber kann nur da ausgeprägt werden, wo du frei geworden bist von dem Trachten nach den Dingen dieser Welt und in Christus ruhst, in der Seligkeit, die du in ihm hast: Das ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässt sich genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht, darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasst uns begnügen. (1. Tim. 6,6-8.)

    Wenn unser HERR in seiner Rede sagt: Er muss hin nach Jerusalem gehen, so zeigt er damit an, dass der Gehorsam, den er gegenüber dem Vater ausübt, ein unbedingter ist, keiner, der an irgendwelche Bedingungen geknüpft ist. Hier auf Erden ist aller Gehorsam gegenüber Menschen immer bedingter Gehorsam, nämlich zunächst einmal, dass wir nichts gegen Gottes Willen und Gebot tun. Dann sind auch Schranken gesetzt aufgrund unserer Fähigkeiten. Man kann niemanden, der nichts von Mechanik und Technik versteht, anweisen, ein Auto zu bauen, um nur ein Beispiel zu nennen. Gott gegenüber aber muss unser Gehorsam unbedingt sein, ohne Wenn und Aber. Jesus Christus ist diesen Weg mit letzter Konsequenz gegangen. Sein Ringen im Garten Gethsemane legt davon Zeugnis ab. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. (Luk. 22,42.) Das gilt für uns nicht anders. Denn nun ihr seid frei geworden von der Sünde, seid ihr Knechte geworden der Gerechtigkeit. … Begebt nun auch eure Glieder zu Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden. (Röm. 6,18,19c.) Das Wort, das für „Knecht“ im Griechischen steht, heißt eigentlich übersetzt „Sklave“ und macht deutlich, in welch einem Verhältnis du zu Gott stehst.

    Dieser unbedingte Gehorsam, das hat Jesu Ringen in Gethsemane auch gezeigt, ist aber zugleich ein williger Gehorsam, kein gezwungener. Wenn du etwas nur tust, weil du es musst, ohne dass dein Herz dabei ist, kann es vor Gott nicht recht sein, denn der HERR sieht das Herz an, das willig Gottes Willen tut (1. Sam. 16,7). Denn wer nicht von Herzen gehorcht, zeigt damit nur an, dass er eigentlich seinen eigenen Willen durchsetzen will.

    Dieser Weg der Selbstverleugnung, der entschiedenen, konsequenten Nachfolge ist keine Kür, ist keine freiwillige Sache, die nur eine Option ist für einen Christen, sondern sie ist unbedingtes Pflichtprogramm, ist nötig. Als Christ bist du berufen in die Nachfolge Christi. Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. (Phil. 2,5.) So seid nun Gottes Nachfolger als die lieben Kinder! (Eph. 5,1.) Denn wer diesen Weg nicht gehen will, der ist auf dem Irrweg, lebt in Rebellion gegen Gott, auch wenn er formal bei Gottes Volk äußerlich dabei ist, wie es mit denen war, die zwar bei Mose in der Wüste waren, aber doch von Gott verworfen wurden. Ich hatte vierzig Jahre Mühe mit diesem Volk und sprach: Es sind Leute, deren Herz immer den Irrweg will, und die meine Wege nicht lernen wollen. (Ps. 95,10.) Bedenke: Es gibt keine billige Gnade, denn sie hat Christus das Leben gekostet. Darum hat er sich auch dich ganz zu seinem Eigentum erkauft. Es gibt daher keine Jüngerschaft, kein Christsein ohne Nachfolge. So wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. So wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. (1. Joh. 1,6-7.) Niemand aber kann diesen Weg gehen ohne Gottes Geist, also ohne durch Wort und Taufe wiedergeboren zu sein. Christlich leben wollen ohne Wiedergeburt ist nichts als ein gesetzlicher Krampf. Denn die Nachfolge beinhaltet auch die tägliche Kreuzesaufnahme, das tägliche Nachtragen des Kreuzes, das Gott gerade für dich bereithält (Luk. 9,23).

    Das aber wisse zuletzt auch: Wer hier diesen Weg der Nachfolge geht, der wird dort mit Christus in der Herrlichkeit sein. Vielfach empfängt er schon hier manche besondere Gnade Gottes. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. (Röm. 8,17.) Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Reminiscere (Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit; Ps. 25,6) ueber Lukas 10,17-20: Was wirklich zaehlt

 

Lukas 10,17-20: Die Siebzig aber kamen wieder mit Freuden und sprachen: HERR, es sind  uns auch die Teufel untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen als  einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione,  und über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch beschädigen. Doch darin freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind, freut  euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.

 

    Immer wieder sind Menschen zu Jesus Christus gekommen, weil sie ihm nachfolgen wollten. Das ist interessant. Sie hatten sehr unterschiedliche Motive. Und das Erstaunlichste dabei: Der HERR hat sie keineswegs mit offenen Armen, mit Begeisterung, empfangen, wie man das nach heutiger Meinung doch machen müsste. Nein, er war nicht der Ansicht, aufgrund seiner doch nur kleinen Schar froh über jeden Einzelnen sein zu müssen, der, aus welchen Gründen auch immer, interessiert war. Nein, er wies auf die Schwierigkeiten, die Strapazen hin, die mit der Nachfolge verbunden sind. Und er deckte auch falsche Motive auf, rief in die radikale Entscheidung zwischen ihm und der Welt, denn manche meinten allerdings, den Spagat zwischen beidem üben zu können. Für Jesus Christus aber gibt es nur ein Entweder-Oder.

    Die aber, die dann tatsächlich ihm nachfolgten, die er selbst ja berufen hatte, die sandte er auch aus. Da waren einmal die Zwölf, dieser besondere Kreis, die späteren Apostel, sozusagen der Grundkern der künftigen Gemeinde wie auch der Ausgangspunkt derer, die im Dienst an Wort und Sakrament stehen sollten. Dann war da aber auch ein größerer Kreis aus 70 Jüngern. Auch sie wurden ausgesandt als Lämmer mitten unter die Wölfe (Luk. 10,3), bevollmächtigt ganz ähnlich wie die Apostel. Auch sie bereitete er darauf vor, dass sie nicht nur Zustimmung, sondern auch Ablehnung erfahren würden.

    Und dann kehren diese 70 Jünger von ihrer Missionsreise zurück – voll Begeisterung, wie sich in ihren Worten gleich ausdrückt. Der HERR muss diese Begeisterung etwas dämpfen und zurechtrücken. Das ist auch für uns ganz wichtig. Darum lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes bedenken:

 

Was wirklich zählt

1. Was bei der Welt zählt

2. Was bei Gott zählt

 

    1. Was bei der Welt zählt. Da ist so vieles, was bei uns Menschen wichtig ist, was einen hervorragenden, ja oft den ersten Platz in unserem Leben, unserem Denken, unseren Worten, unseren Zielen einnimmt. Für die einen ist es die Karriere, dass sie beruflich vorwärts kommen, eine hohe Position erreichen, viel verdienen. Für die anderen ist es das Ansehen, das sie bei ihren Freunden, Verwandten, Bekannten haben, überhaupt, wie die Menschen sie sehen. Wieder bei anderen steht die Familie im Mittelpunkt. Dass die Familie, Mann, Frau, Kinder, Eltern einen besonderen Platz einnimmt, ist ja gewiss in Ordnung. Aber ist sie wirklich das, was über alles zählt? Für wieder andere ist es ihr Hobby, der Sport, das Wandern, das Briefmarkensammeln oder was es sonst ist, der Garten vielleicht, ihre technische Tüftelei. Sicher interessante Sachen, nicht abzulehnen. Aber gehört ihnen der erste und alles überragende Platz? Für noch andere ist es wichtig, dass sie jedes Jahr mindestens einen tollen Urlaub machen, weit weg vielleicht. Noch andere sind Idealisten, wollen sich für das Vaterland, für die Menschen, für die Armen oder für Kinder, Bedürftige einsetzen. Auch das sind gewiss sehr ehrenwerte Dinge. Aber ist das wirklich das Leben? Für wieder andere ist ihr guter Name, den sie vielleicht über Generationen ererbt haben, der einmal eine große Bedeutung hatte, wichtig. Für junge Mädchen und Frauen spielt die Schönheit, die Kleidung eine große Rolle. Aber ist es das Leben? Ist es das, was wirklich zählt?

    Denn bedenke: Du lebst nicht ewig auf dieser Welt. Und auch all diese Dinge vergehen. Nichts von dem, wovon wir gerade gesprochen haben, wirst du mitnehmen, vieles wirst du schon während deines Lebens verlieren, manches unter großen Schmerzen und Trauer. Anderes wird dir vielleicht zu einem bestimmten Zeitpunkt leicht fallen, loszulassen. Und bedenke vor allem die wichtigen, alles ins rechte Licht rückenden Worte Jesu: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse? (Mark. 8,36-37.) All diese Dinge, die uns Menschen in dieser Welt oft so wichtig, so entscheidend, so unser Leben bestimmend sind, all diese Dinge haben doch für die Ewigkeit letztlich keinen Wert. Viele sind eher gefährlich, nämlich wenn du ehrgeizig bist, Karriere anstrebst und damit der Welt verfallen bist, dem Ich. Andere, so wichtig, bedeutend sie sind, kannst du recht nur einordnen und leben, wenn du sie neu betrachten lernst im Licht der Ewigkeit von Gesetz und Evangelium her.

    Das besonders Gefährliche ist, wenn solche Lebenshaltungen in einem frommen Gewand herkommen. Einen Ansatz dazu sehen wir schon bei den 70 Jüngern. Sie waren zum Predigtdienst ausgesagt, auch zum Heilen der Kranken. Anscheinend hatten sie auch die Vollmacht, Dämonen auszutreiben, auch wenn es Jesus nicht so ausdrücklich bei der Aussendung erwähnt hatte. Nun kommen sie zurück. Voll Begeisterung! Was ist es, das ihnen so Auftrieb gegeben hat? Waren die Menschen so offen? Sind so viele zum rettenden Glauben gekommen? Nein. Das, was sie so euphorisch machte, war etwas anderes: HERR, es sind uns auch die Teufel untertan in deinem Namen. Das ist ja allerdings eine gewaltige Sache. Als der HERR Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg der Verklärung war, hatten die verbliebenen neun Apostel einen besessenen jungen Mann nicht befreien können. Und nun durften sie das erleben. Uns sind auch die Teufel untertan. Gewiss, in Jesu Namen. Aber Jesus Christus merkt, wie da der Keim liegt zu einer schiefen Entwicklung, nämlich dass sie die Vollmacht immer mehr abkoppeln von dem Geber der Vollmacht, dass sie auf ihr Können, ihre Leistung, ihre Erfolge blicken. Und das, was doch so wichtig wäre, die Rettung verlorener Seelen, tritt in den Hintergrund. Ja, Christus kann ihnen bestätigen, dass sie solche Vollmacht haben, die noch viel umfassender ist, die er dann auch erneuert bei der Aussendung der Apostel und in derem Zusammenhang für die Apostelzeit zur Grundlegung der Gemeinde. All das hat seinen Hintergrund ja darin, dass durch Christus die Macht der Teufels gebrochen ist, Satan schon vom Himmel gefallen ist wie ein Blitz, und Christus auf Golgatha der alten Schlange endgültig den Kopf zertreten wird, seine Werke zerstören. Vollendet wird dies am Jüngsten Tag, wenn Satan mit all seinen Dämonen in den feurigen Pfuhl geworden wird, für immer. Was macht der HERR damit klar? Solche Vollmacht gibt es letztlich nur in Verbindung mit ihm. Nur dann wird sie auch richtig angewandt. Wer sie löst von ihm, der wird letztlich scheitern, auch wenn er noch große Taten vollbringt.

    Und genau das ist eine ganz große Gefahr in der Kirche, immer wieder. Da stehen dann Fragen im Zentrum wie: Wie viele Menschen hast du zu Jesus geführt, will sagen, bekehrt? Wie viele Vorträge hast du gehalten? Oder du bestätigst dich selbst oder vor anderen mit Aussagen wie: Ich gehe regelmäßig in den Gottesdienst, versäume auch keine Bibelstunde; oder: Ich habe jahrelang Kinderarbeit gemacht. Oder: Ich bin in der Frauenarbeit aktiv. Ich unterstütze Flüchtlinge. All das sind sicher gute, wichtige Arbeiten. Aber Vorsicht: Ist es inzwischen das, was dein Christsein ausmacht? Ist es etwa an die Stelle der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus getreten? Hast du vergessen, was der HERR warnend am Ende der Bergpredigt betonte: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: HERR, HERR! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tag: HERR, HERR, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, haben wir nicht in deinem Namen viel Taten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe auch noch nie erkannt; weicht alle von mir, ihr Übeltäter! (Matth. 7,21-23.) Was ist das für ein Christentum, das der HERR hier als Gefahr beschreibt und verwirft? Es ist letztlich nichts anderes als die heidnische Leistungsreligion, nur in christlichem Gewand. Es ist die Religion als menschliche Leistung, als menschliches Werk, als menschliches Handeln. Da steht nicht mehr Christus im Zentrum, das, was er für dich getan hat, wer er ist, wie er ist, der Glaube als Lebensbeziehung, Lebensgemeinschaft mit ihm. Christus spricht ja hier vom Tun des Willens des Vaters. Was meint er damit?

 

    2. Das führt uns zu unserem zweiten Punkt, nämlich dem, was wirklich bei Gott zählt. Was ist es also, was bei Gott zählt? Was ist der Wille Gottes? Das hat Christus schon gleich zu Beginn seines Wirkens herausgestellt: Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mark. 1,15.) Was gehört zu dieser Umkehr? Nun, doch zuerst und vor allem, dass du dich selbst erkennst im Licht des Wortes Gottes, das, was wir auch als die Erleuchtung durch das Gesetz bezeichnen. Das heißt: Stelle dich den Forderungen Gottes in seinem Gesetz, in seinen Geboten: Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Verstand und mit aller deiner Kraft. Und deinen Nächsten wie dich selbst. In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Matth. 22,37.39-40.) Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8.) Was wirst du feststellen, was wirst du erkennen im Licht des Willens, der Forderungen Gottes? Doch nichts anderes als das, was Paulus selbst über sich als Christ noch sagen musste: Ich weiß, dass in mir, das ist, in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. (Röm.7,18a.) Oder, noch klarer, noch deutlicher ausgedrückt: Du bist tot in Übertretungen und Sünden. (Eph. 2,1.) Geistlich tot, tot für Gott, unfähig, von dir selbst her Gott an Gott zu glauben, ihn zu lieben, ihm zu dienen. Und selbst als Christ kannst du es nicht aus eigener Kraft. Denn da stellst du immer wieder fest: Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. (Röm. 7,18b.) Du musst Gott Recht geben, wenn es in der Bibel heißt: Durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht. (Röm. 3,20.) Da erkennst du, dass alle frommen Leistungen vor Gott nichts sind, ganz und gar nichts. Du begreifst, dass der, der mit frommen Leistungen sich vor Gott behaupten will, Gott lästert, Christus und seine Gnade angreift. Ja, du fasst es immer mehr, dass du vor Gott nie anders denn als Sünder dastehen kannst, nichts anderes vorzuweisen hast als ein Scheitern an seinen Forderungen. Ja, das ist ganz wichtig: Was vor der Welt unmöglich wäre, weil sie das nicht fassen kann, weil das ihrer ganzen Art, ihrer ganzen Ausrichtung, ihrer Grundhaltung widerspricht, das kannst und darfst, ja, musst du vor Gott zugeben, nicht als Leistung, sondern einfach als Eingeständnis: Dass du eine durch und durch gescheiterte Existenz bist.

    Das aber macht dich dann bereit und offen für das, was wirklich bei Gott zählt: Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind. Es gibt also Bücher bei Gott. Das wichtigste, das entscheidende Buch ist das Buch des Lebens. Da stehen die darin, die in Ewigkeit durch den Glauben an Jesus Christus gerettet werden, während diejenigen nicht darin stehen, die das Tier anbeten (Offenb. 13,8), die den antichristlichen Mächten dienen (Offenb. 17,8), die Greuel und Lügen tun (Offenb. 21,27). Schon die Formulierung – dein Name steht geschrieben im Buch des Lebens – zeigt, dass die Initiative dazu nicht von dir ausgegangen ist. Nicht du hast da deinen Namen eingeschrieben, sondern Gott der HERR selbst hat es gemacht, lange bevor du geboren wurdest, nämlich schon vor Erschaffung der Welt, mit deiner Erwählung aus Gnaden zu Rettung durch den Glauben an Jesus Christus, eine Erwählung, die er dann in der Zeit umgesetzt hat mit der Berufung zum rettenden persönlichen Glauben. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt. (2. Tim. 1,9.) Er hat dich erwählt in Christus, er beruft dich zu Christus, er erhält dich auch durch seine Macht im rettenden Glauben (1. Petr. 1,5) und macht dich einst herrlich (Röm. 8,29-30).

    Du, der du von Natur geistlich tot bist, du kannst nichts zu deiner Rettung beitragen, gar nichts. Deine geistliche Lebendigmachung, deine geistliche Auferweckung ist allein Gottes Werk durch das Evangelium. Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat: Da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christus lebendig gemacht (denn aus Gnaden seid ihr selig geworden) und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus. (Eph. 2,4-6.)

    Und warum ist das möglich? Weil Christus alles für dich getan hat. Wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem eitler Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petr. 1,18-19.) Welcher unsere Sünden geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. (1. Petr. 2,24-25.) Denn das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Wandel durch den Heiligen Geist Gott geopfert hat, reinigt unser Gewissen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. (Hebr. 9,14.) Ihn, Jesus von Nazareth, den Messias Israels und Retter der Welt, ihn empfange, ergreife im Glauben als den, der das alles auch für dich getan hat. Denn nichts anderes ist ja der rettende Glaube, als dass er dies für sich in Anspruch nimmt: Christus ist auch für mich in diese Welt gekommen, hat auch für mich das Gesetz erfüllt, hat auch meine Sünden auf das Kreuz getragen, hat auch für meine Sünden die vollkommene Strafe bezahlt, hat Gott auch mit mir versöhnt und so auch mir Vergebung der Sünden, den Frieden Gottes, Freispruch im Jüngsten Gericht und somit das ewige Leben erworben.

    Das ist, was wirklich zählt, was durchträgt für Zeit und Ewigkeit. Nicht deine Leistung, nicht dein Wirken, nicht dein Verdienst, nicht die Dinge dieser Welt – sondern allein Christus. Und der Glaube ist zuerst und zunächst und vor allem kein Tun, sondern ein Sich-an-Christus-Hängen, ist eine Beziehung zu Christus, Gemeinschaft mit Christus. Das muss auch immer im Zentrum bleiben. Nur daraus kann recht das andere erwachsen, was ja auch sein soll: die Nachfolge, das Gehorchen in den Werken, die im Alltag zu tun sind. Aber das ist nur die Folge. Die Grundlage, das Leben, das ist die Gemeinschaft mit Christus aufgrund der Rechtfertigung, die er dir mit seinem Gehorsam, Leiden, Sterben, Auferstehen erworben hat. Daran halte fest, lebe mit ihm. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Oculi (Meine Augen sehen stets auf den HERRN; Ps. 25,15) ueber Lukas 9,51-56: Das Verhalten gegenüber schwierigen Personen

 

Lukas 9,51-56: Es begab sich aber, da die Tage seiner Aufnahme gekommen waren, wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu  wandeln. Und er sandte Boten vor sich hin; die gingen hin und kamen in einen Markt  der Samariter, dass sie ihm Herberge bestellten. Und sie nahmen ihn nicht an, darum dass er sein Angesicht gewendet hatte,  zu wandeln nach Jerusalem. Da aber das seine Jünger, Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: HERR,  willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und verzehre  sie, wie Elia tat. Jesus aber wandte sich und bedrohte sie und sprach: Wisst ihr nicht,  welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht kommen, der Menschen Seelen zu verderben,  sondern zu erhalten.

 

    Mit dem neunten Kapitel bei Lukas kommen wir sozusagen an den Anfang der Zielgeraden des Lebens unseres HERRN Jesus Christus hier auf Erden. Nachdem er seinen Jüngern die entscheidende Frage gestellt hatte, wer er denn sei, und sie diese mit einem klaren Bekenntnis zu seiner wahren Gottheit beantwortet hatten, hatte er ihnen seine erste Leidensankündigung gegeben. Sie aber hatten sie willentlich überhört, weil es nicht in ihr Denken passte. Dann war er mit drei seiner Hauptjünger auf dem Berg gewesen und vor ihren Augen verklärt worden. Mose und Elia waren ihm erschienen und hatten mit ihm über das gesprochen, was in Jerusalem auf ihn wartete – und was er dabei für uns erwerben würde. Als er wieder zu der Hauptgruppe der anderen Jünger kam, musste er erfahren, dass sie nicht in der Lage gewesen waren, einen Dämon aus einem jungen Mann auszutreiben. Dennoch aber stritten diese Jünger sich danach darüber, wer wohl der Größte im Reich Gottes wäre oder sein würde. Jesus wies sie sanft, aber klar zurecht. Johannes bezeugte dann, dass sie einem Mann gewehrt hatten, der in Jesu Namen Teufel austrieb, weil er in seinem Bereich bleiben und sich nicht der Karawane anschließen wollte, die mit Jesus durchs Land zog. Auch hier musste der HERR sich seinen Jüngern entgegen stellen. Wie sehr waren sie doch immer noch von eigenem Denken, eigenen Ansichten, sehr menschlichem Verhalten geprägt.

    Dies sollte gleich darauf noch deutlicher werden. Jesus Christus bewegte sich mit seinen Jüngern in der Grenzregion von jüdischem und samaritischem Siedlungsbereich. Nun, da die Tage seiner Aufnahme gekommen waren, also die Zeit seines Leidens, Sterben, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, war sein Blick fest auf Jerusalem gerichtet. Nicht zufällig befand er sich zum Passahfest dort. Nicht als einen Unfall kam es zu seiner Gefangennahme und Kreuzigung. Nein, er ist der HERR, und er wusste, was auf ihn zukommen würde. Als wahrer Gott ist er allwissend. Er ist dem aber nicht ausgewichen, sondern bewusst diesen Weg gegangen. Nicht eilig, nein, in aller Ruhe, überall noch predigend, wo er hinkam. Und nun war es wohl darüber Abend geworden. Und weil es eine größere Schar war, die  mit ihm ging, sandte er Boten in den nächsten Ort, ein samaritanisches Dorf, um dort Quartier zu machen. Aber die Menschen wollten ihn nicht beherbergen, als sie hörten, dass er unterwegs nach Jerusalem ist.

    Sind diese Menschen nicht wie ein Bild auf auch die Menschen dieser Welt, auch unserer Zeit? Ist das nicht die Reaktion der meisten, wenn sie von Jesus Christus hören? Sie wollen ihn nicht. Er entspricht nicht dem, was ihnen wichtig, bedeutsam ist. Ja, wenn er ihnen Sensationen verspräche, Reichtum, Macht, Ansehen bei den Menschen, Erfolg im Leben; wenn er ihnen Bequemlichkeit und Vergnügen brächte, ja, dann würden sie aufhorchen. Dann wäre er ihr Mann. Wie steht es da mit dir? Was bedeutet dir Jesus Christus? Bedeutet er dir überhaupt etwas? Welche Stellung hat er in deinem Leben? All das, was die Menschen gerne möchten, das hat er nicht zu bieten und will er nicht bieten. Wenn du dann noch hörst, dass er auf dem Weg nach Jerusalem ist, dass er dorthin geht, um für unsere Sünde zu sterben – nicht wahr, dann ist es erst recht aus. Denn Sünder will keiner sein. Und wenn er es doch zugibt, dann mehr so allgemein: Alle Menschen sind ja Sünder. Aber deshalb jemand für sie sterben müsste, um die Sache bei Gott wieder in Ordnung zu bringen – nein, das halten sie dann doch für überspannt. Und du? Was denkst du darüber?

    Die Boten kommen zurück und bringen die traurige Nachricht. Was wird die Reaktion sein? Sie ist sehr aufschlussreich. Darum lasst uns unter dem Beistand des Heiligen Geistes betrachten:

 

Das Verhalten gegenüber schwierigen Personen

1. Unsere menschliche Art

2. Jesu Christi Art

 

    1. Unsere menschliche Art. Die Boten sind also angekommen und haben das Ergebnis ihrer Reise berichtet. Jakobus und Johannes, die beiden Brüder, sind empört. Sie sind noch ganz unter dem Eindruck ihres Erlebnisses auf dem Berg der Verklärung. Da hatten sie ihren Meister in seiner Herrlichkeit gesehen. Da hatten sie einen kleinen Einblick in die himmlische Herrlichkeit gehabt. Da wurde ihnen bestätigt, dass Jesus von Nazareth der Christus ist, wahrer Gott vom wahren Gott. Und hier sind nun ein paar elende Menschen, Sünder wie sie, die wagen es, diesem wahren Gott und seiner Schar die Herberge zu verwehren?! Wie ungeheuerlich. Wie können die das nur wagen. Da muss jetzt ein Exempel statuiert werden. Ist das nicht so unsere menschliche Haltung? Reagieren wir nicht so, wenn wir mit schwierigen Personen zu tun haben?

    Nicht wahr, da sind wir oft sehr schnell am Ende mit unserer Geduld, mit unserer Liebe, mit der Sanftmut. Da neigen wir dazu, kurzen Prozess zu machen, sie abzukanzeln, den Kontakt abzubrechen, sie hart anzufahren oft sonst scharf zu reagieren. So eine Sache ist dann für uns sehr schnell beendet.

    So dachten hier Jakobus und Johannes auch. Sie dachten an Elia, den sie zusammen mit Mose und ihrem Meister auf dem Berg der Verklärung gesehen hatten. Und da erinnerten sie sich daran, wie er mit bösen Leuten umgegangen war. HERR, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und verzehre sie, wie Elia tat. Das schien ihnen die einzig angemessene Antwort zu sein auf diese unverschämte Herbergsverweigerung.

    Immerhin, eines haben sie schon gelernt, und das ist sehr wichtig: Sie handeln nicht einfach aus eigenem Gutdünken, weil es ihnen gerade so einfällt. Nein, sie fragen Jesus Christus, fragen nach seinem Willen, ob es wohl auch seinem Willen entspricht, was sie vorhaben. Wenn wir das nur auch immer machten und aufmerksam daraufhin sein Wort läsen, so ginge manches wohl besser ab.

    Und wie reagiert der HERR? Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten. Was will er damit sagen. Sie, Jakobus und Johannes, aber auch wir natürlich, sollen doch bedenken, wer eigentlich unser HERR ist, welcher Geist uns doch eigentlich regiert oder regieren sollte. Und wenn du bekehrt bist, dann ist das der Heilige Geist, der Geist des Vaters und Jesu Christi. Aber hat der wirklich Jakobus und Johannes hier geleitet? Oder haben sie da nicht vielmehr den Einflüsterungen eines anderen Geistes, eines Geistes der Zerstörung, Gehör geschenkt, eines dämonischen Geistes? Es ist doch interessant, dass Christus während seines ganzen Lebens hier auf Erden bei all seinen Wundern kein Strafwunder, wie etwa Elia, vollbracht hat. Nicht, dass er nicht auch strafen kann. Er wird es zu seiner Zeit auch tun, denn er, das Lamm, wird der Richter auf dem Thron sein (Offenb. 6,16). Aber diese Zeit war damals noch nicht da.

 

    2. Und das führt uns zu unserem zweiten Punkt, nämlich Jesu Art, der wir doch immer mehr gleichförmig werden sollen. Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. (Phil. 2,5.) Schon am Ende seiner Unterredung mit Nikodemus betonte er: Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn selig werde. (Joh. 3,17.) Das schließt das Gericht nicht aus. Denn er fährt fort: Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingebornen Sohnes Gottes. (Joh. 3,18.) Das Gericht kommt, auf jeden Fall. Und er, Jesus Christus, wird auf dem Richterstuhl sitzen, wie er es auch Matthäus 25 dargelegt hat. Aber jetzt ist noch die Gnadenzeit. Jetzt ist noch die Zeit zur Umkehr. Jetzt hat er noch Geduld mit denen, die nicht aus Bosheit und Verstockung sich ihm widersetzen. Was lesen wir da über sein Erdenleben? Er erduldete das Kreuz und achtete der Schande nicht und ist gesessen zur Rechten auf dem Stuhl Gottes. Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern gegen sich erduldet hat, dass ihr nicht in eurem Mut matt werdet und ablasst. (Hebr. 12,2b-3.) Bedenke, mit welcher Feindseligkeit er von Beginn an zu kämpfen hatte. Herodes wollte ihn umbringen. Die Mehrzahl der Menschen wollte nur seine Wunder, wollten Sensationen, wandten sich ab, als er sie zum Wort rief. Die Kirchenleitung war gegen ihn, beobachtete ich mit Argusaugen und suchte, wo sie etwas gegen ihn fände. Immer wieder versuchten sie, ihm eine Falle zu stellen. Und seine Jünger? Wie oft wurde er von ihrem Kleinglauben bedrückt. Wie so gar ungelehrig erschienen sie doch. Wie wenig achteten sie auf die Leidensankündigung, noch weniger auf die Ankündigung seiner leiblichen Auferstehung. Und doch trug er das alles.

    Darin sollen auch wir ihm gleichförmig werden. Durch Paulus ruft er uns auf: Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. Es stelle sich aber ein jeglicher unter uns so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung. Denn auch Christus nicht an sich selber Gefallen hatte, sondern wie geschrieben steht: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind über mich gefallen. (Röm. 12,1-3.) Das ist ein schwerer Weg, aber es ist Christi Weg. Es ist der Weg, von dem Christus sagt: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. (Mark. 8,34.) Denn da ist allerdings schärfste Selbstverleugnung gefordert. Ja, der andere kann für dich ein Kreuz sein. Wenn es sich nicht um Irrlehre handelt, die nicht akzeptiert werden darf, oder um eine offenbare Sünde, in der er beharrt und wegen der die Sache vor die Gemeinde gebracht werden muss, gilt es, den anderen zu tragen. Wenn du das Kreuz als von Gott gegeben annimmst, wird dir das Segen bringen. Ja, wenn du all den Unfrieden in dieser Welt, der auch in dein Leben hineinragt, durch Gottes Kraft trägst, wirst du gerade darin Frieden haben. Das ist das Kreuz, das der HERR auferlegt, das ist der Weg des Friedens inmitten des Unfriedens, der Weg des Trostes inmitten des Leides, der Weg des Sieges inmitten der Niederlage, der wahren Stärke inmitten der eigenen Schwachheit. Das ist allerdings der Weg, der unserem natürlichen Empfinden, Denken vollkommen widerspricht.

    Christus hat die Sanftmütigen selig gepriesen: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. (Matth. 5,5.) Die Liebe, von der Paulus spricht, verträgt alles (1. Kor. 13,7). Und Gott hat Geduld, damit viele noch zur Buße finden. Gott verzieht nicht die Verheißung, wie es etliche für einen Verzug achten, sondern er hat Geduld mit uns und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass sich jedermann zur Buße kehre. (2. Petr. 3,9.)

    Heißt das aber, alles durchgehen zu lassen? Nein, das ist damit nicht gesagt. Es gilt nur, das wahre Ziel im Auge zu haben: Seelen zu retten. Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist. (Luk. 19,10.) Darum geht es. Darum lässt der HERR Sünde und Irrlehre nicht durchgehen. Bedenke nur, wie er mit den Pharisäern sich auseinandersetzt, versucht, ihre falschen Ansichten zu korrigieren, aber auch in scharfen Weherufen sie aufzuwecken sucht. Darum hat er auch den Jüngern die Ordnung gegeben, wie sie mit offenbaren Sündern in der Gemeinde umgehen sollen, bis hin, wenn nötig, zum Ausschluss. Denn Jesu Worte: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet! Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch gemessen werden. (Matth. 7,1-2.) sprechen sich gegen das hartherzige, lieblose Aburteilen des anderen aus, aber nicht dagegen, den anderen zu ermahnen, damit er zurecht kommt, damit er zur Sündenerkenntnis und Umkehr kommt. Daher ist es sehr wohl wichtig, dass du deine Mitmenschen, wo du sie Sünde siehst, liebevoll ermahnst, damit sie zur Sünden- und schließlich auch zur Christuserkenntnis kommen. Da, wo jemand in der Sünde oder der Irrlehre verharrt, da ist die Trennung unausweichlich – die letztlich auch das zum Endziel hat, dass die betreffende Person doch zur Besinnung gelangt.

    Als damals Elia Feuer auf die israelitischen Soldaten fallen ließ, war dem eine jahrelange warnende Predigt voraus gegangen. Aber Israel hatte Gottes Wort verworfen. Es war ihm immer feindseliger gesinnt. Und schließlich sandte der König Soldaten aus, um Elia festzunehmen und umzubringen. Um seinen Propheten gegen diese gottlosen Leute zu schützen, gab ihm der HERR die Vollmacht, sie durch Feuer vom Himmel zu vernichten. Erst als dann eine Schar demütig sich ihm näherte, ließ es sich als freier Mann mitführen. Auch der König war von seinem Todesurteil abgerückt. Die Samaritaner in unserem Text aber waren Menschen, die nur wenig von Jesus Christus wussten, wenn überhaupt etwas. Ihre Motive waren ganz andere und hatten ihren Hintergrund in der ständigen Auseinandersetzung mit den Juden. Hier war solch ein Gericht noch völlig unangebracht. Ihre Zeit zum Heil sollte erst noch kommen. Später sind viele durch Philippus zum rettenden Glauben gekommen.

    Es gilt also, die jeweilige Situation und die jeweilige Person recht im Auge zu haben, um beurteilen zu können, ob ein strenges oder ein mildes Handeln angesagt ist. Immer aber soll es aus einem demütigen und liebenden Herzen heraus kommen, das als Ziel die Rettung des Bruders, der Schwester hat. Das ist Jesu Weg. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Laetare (Freut euch mit Jerusalem; Jes. 66,10) ueber Johannes 6,47-57: Rettung allein im Glauben an Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person

 

Johannes 6,47-57: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige  Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben Manna gegessen in der Wüste und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, auf dass, wer davon isst, nicht  sterbe. Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen  wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde,  ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt. Da zankten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann dieser uns  sein Fleisch zu essen geben? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Werdet ihr  nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so  habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben,  und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte  Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich  in ihm. Wie mich gesandt hat der lebendige Vater, und ich lebe um des Vaters  willen, also, wer mich isst, derselbe wird auch leben um meinetwillen.

 

    Welche Bedeutung hat Jesus Christus für dich, für dein Leben? Wer ist er für dich? Welche Rolle spielt er in deinem Leben? Das ist DIE entscheidende Frage überhaupt, an der dein ganzes Leben, deine Zukunft, ja, deine Ewigkeit hängt. Damals weilte der HERR unter den Juden und hat ihnen gepredigt und Wunder getan. Weil sie sehr lange bei ihm waren und es schon spät am Abend war, gab er ihnen auch zu essen. Mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen sättigte er an die 5000 Mann, dazu Frauen und Kinder – ein gewaltiges Wunder, das die Menschen enorm beeindruckte, so sehr, dass sie ihn zu König machen wollten. Jesus aber entzog sich ihnen, denn das war es nicht, was er wollte. Er wollte nicht der Brotkönig sein, der durch Sensationen und ein wohlfeiles Leben den Menschen gefällig ist. Dazu ist er nicht in diese Welt gekommen, sondern zu suchen und zu retten, was verloren ist (Matth. 18,11; Luk. 19,10).

    Deshalb ging er zunächst auf den Berg und dann an die andere Seite des Sees Genezareth, bei Kapernaum. Aber die Menschen, aufgewühlt durch das, was sie erlebt hatten, folgten ihn. Aber warum? Jesus sagt es ihnen ins Gesicht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht darum, dass ihr Zeichen gesehen habt, sondern dass ihr von dem Brot gegessen habt und seid satt geworden. (Joh. 6,26.) Dass dies Wunder ein Zeichen sein sollte, ein Hinweis darauf, dass dieser Jesus von Nazareth der im Alten Testament verheißene Messias ist, das wollten sie nicht sehen. Darum musste der HERR sie massiv darauf hinstoßen: Wirkt Speise, nicht die vergänglich ist, sondern die da bleibt in das ewige Leben, welche euch des Menschen Sohn geben wird; denn denselben hat Gott der Vater versiegelt. (6,27.) Die Juden aber befanden sich gefangen in ihrem religiösen System der Selbsterlösung, der Selbstgerechtigkeit, des Erkaufens des ewigen Lebens durch gute Werke: Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken? (6,28.) Darauf der HERR: Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat. (6,29.) Das will Gott also, damals von den Juden, wie überhaupt von allen Menschen, auch von dir und mir: Glauben an den, den er, der Vater, gesandt hat. Aber, und auch das sagt dieser Satz eindeutig aus, auch das ist eben Gottes Werk, das heißt, Gott bewirkt diesen Glauben.

    Aber da, als sie nun so herausgefordert, so in die Entscheidung gestellt waren, wie sie es mit Jesus von Nazareth hielten, da plötzlich reichte ihnen das Wunder nicht mehr, das sie gerade erlebt hatten. Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und glauben dir? Was wirkst du? Unsere Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen. (6,30-31.) Plötzlich meinen sie, eine Erklärung für das Wunder zu haben oder es historisch einordnen zu können als etwas, das gar nicht so außergewöhnlich sei. Denn in der Wüste sind die Väter ja 40 Jahre mit Manna versorgt worden. Aber sie haben sich das falsch ausgelegt. Sie haben es auf Mose bezogen – aber tatsächlich hat Gott ihnen das Manna gegeben. Und: Das Manna war eine irdische Speise, die ihnen nicht zum ewigen Leben half. Es geht also um viel mehr als ein bisschen Speise für den Leib, so wichtig sie auch ist. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Mose hat euch nicht Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das rechte Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. (6,32-33.) Und ihre Antwort? Da sprachen sie zu ihm: HERR, gib uns allewege solches Brot! (6,34.) Wie viele leben wie sie in der geistlichen Finsternis, Verblendung und meinen, es gehe doch vor allem und hauptsächlich um die Dinge unseres Alltages: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nun, diese Dinge sind gewiss nicht unwichtig. Und doch sind sie nicht das Eigentliche, worum es geht – und wehe dem, dessen Leben sich in diesen irdischen Dingen ergeht, der nicht weiter blickt, dem es um nicht mehr geht als darum, dass er ein äußerlich gutes, bequemes, mit mancherlei Vergnügen ausgestattetes Leben von 70 oder 80 oder 90 Jahren hat. Geht es dir auch nur um so ein Leben? Ich sage dir: Dann bist du sehr arm dran. Selbst wenn du Millionär wärest wie Bill Gates oder der Amazon-Chef, so wärst du doch ein sehr armer Mensch. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse? (Mark. 8,36-37.) Dazu reichen nämlich alle Schätze der Welt zusammengenommen nicht aus. Es geht um etwas ganz anderes. Das spricht der HERR dann an und entfaltet es in unserem Abschnitt weiter:

Rettung allein im Glauben an Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person

 

    Wie war die Antwort Jesu auf diesen Ausruf, diese Aufforderung der Menschen? Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (6,35.) Das sind ganz entscheidende Worte. Es geht doch nicht nur um dein irdisches Wohlergehen. Wie viele zersorgen sich deshalb, wie viele sind unendlich unzufrieden, weil sie krank sind, weil sie meinen, nicht genug zu verdienen, weil sie leiden unter der Ungerechtigkeit, die sie vielleicht auch persönlich betrifft, weil sie vielleicht tatsächlich durch Hartz IV und anderes kaum genug zum täglichen Überleben haben. Ja, da meinen viele, dass dies doch allerdings ihr Leben ganz ausfülle, dass sie gar nicht an anderes denken könnten. Aber was sagt der HERR dazu? Erinnere dich an die Bergpredigt: Sorgt nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. (Matth. 6,25a.) Das klingt für die, die kaum das Nötigste für den jeweiligen Tag haben, zunächst wie Hohn, sehr unverständlich. Wie kann Jesus Christus so etwas sagen? So denn Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollt er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr des alles bedürft. (Matth. 6,30-32.) Das ist also der Grund. Aber so kann die Dinge nur der sehen, der auch von Herzen auf den HERRN vertraut, von ihm alles erwartet, ihm sein ganzes Leben anvertraut hat. Das gibt eine andere Blickrichtung, zu der Jesus Christus uns, auch dich und mich, aufruft: Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. (Matth. 6,33.)

    Und genau auf dieser Linie liegt auch Jesu Antwort an die Menschen, die ihn damals fragten, die ihm aber zugleich auswichen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Hier wird ganz deutlich, dass es nicht um irdische Speise geht, sondern um den Hunger und Durst der Seele. Im Blick darauf hatte er ja schon in der Bergpredigt verheißen: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. (Matth. 5,6.) Wenn du Jesus hast, so hast du alles, was du brauchst, das drückt, ganz salopp gesagt, der HERR hier aus. Dann, wenn der HERR dein Herz ganz und gar ausfüllt, wenn er dein Leben prägt, wenn er die Triebkraft deines Lebens ist, wenn er dein Wünschen, Begehren, Denken, Wollen, Tun und Lassen bestimmt, dann hast du genug, dann brauchst und suchst du nichts und niemand anderes mehr. Dann bist du auch getrost im Blick auf die Dinge des Alltages. Nicht, dass sich deine äußere Situation dann sozusagen schlagartig ändern würde. Nein, vielleicht bleibst du so krank wie zuvor, so arm wie zuvor, so eingeschränkt im Blick auf irdische Güter wie zuvor – aber das bestimmt nicht mehr dein Leben, dein Begehren, Wünschen, Denken, Wollen, weil du weißt: Das, was du wirklich brauchst, das kann der HERR dein Gott dir geben, und sei es in täglichen Rationen. Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe. (Matth. 6,24.) Das ist eine sehr schwere Lektion, gewiss, an der wir sehr zu knabbern haben. Jesus Christus ist das Brot des Lebens. Wie bekommst du dieses Brot des Lebens? Er selbst sagt es ganz klar: Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Zu ihm kommen, an ihn glauben, das sind auswechselbare Begrifflichkeiten, wie sie der Heilige Geist durch Johannes auch schon am Anfang seines Evangeliums verwendet hat, wenn es dort heißt: Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden; denen, die an seinen Namen glauben. (1,12.) Es geht also darum, an Jesus von Nazareth als den zu glauben, der er tatsächlich ist: Der von Gott Gesandte (V. 29), der Menschensohn, den der Vater versiegelt hat (V. 27), damit Gottes Sohn (V. 27.32), denn er spricht ja von ihm als von seinem Vater (V. 32), ist das Brot Gottes, das vom Himmel gekommen ist und der Welt das Leben gibt (V. 33). Damit bezeugt es Jesus von Nazareth ganz klar und eindeutig, dass er Gott von Gott, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott ist. Er ist vom Himmel gekommen (V. 38). Das, was er macht, das kann nur Gott machen, nämlich am Jüngsten Tag auferwecken. Nur wer an ihn glaubt, der hat das ewige Leben, weil er, Jesus von Nazareth, eben nicht nur wahrer Mensch ist, geboren von der Jungfrau Maria in Bethlehem, sondern zugleich auch wahrer Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren. Und die Hauptfrage ist: Glaubst du das?

    Glaubst du das – das meint nicht nur: Hältst du das für eine korrekte Aussage? Stimmst du dem historisch zu? Sprichst du dieses Bekenntnis mit? Sondern: Vertraust du auf ihn als auf deinen HERRN, der auch dein Gott ist, auch für dich wahrer Mensch wurde? Das ist der rettende Glaube. Darum geht es. Und genau das war ja das Problem der Juden damals. Da murrten die Juden darüber, dass er sagte: Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist. (6,41.) Nein, das wollten sie nicht annehmen, akzeptieren, dass dieser Jesus von Nazareth, dessen Vater und Mutter sie doch kannten, dass der sollte wahrer Gott sein, vom Himmel gekommen. Und ist das nicht auch heute wieder die alles entscheidende Frage: Glaubst du das, glaubst du, dass er wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person ist, dein Retter und dein HERR? Für wie viele, auch führende Theologen, Kirchenmänner, ist Jesus Christus nur ein Mensch, ein guter Mensch, ein hervorragender Mensch, ein Vorbild, ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, jemand, der sich der Bedürftigen annahm, derer, die am Rande der Gesellschaft lebten, jemand, der dann an den Machtverhältnissen, dem Neid der Herrschenden gescheitert ist. Welch ein völlig verkürztes, falsches Bild von Christus. Aber wie viele übernehmen es? Wie viele wollen ja gar nicht mehr haben – denn wenn er der HERR ist, dann müssten sie sich ja ihm unterwerfen, dann müssten sie ja ihm ihr Leben hingeben, dann müsste er sie ja leiten. Und genau das wollen sie nicht. Sie wollen die Regie über ihr Leben nicht aus der Hand geben. Warum? Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat. … Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater gegeben. (6,44.65.) Ja, so lange du noch in der geistlichen Blindheit bist, so lange dein Verstand geistlich noch verfinstert ist, noch nicht erleuchtet durch das Gesetz über deine Sündenverdorbenheit und Verlorenheit, nicht erleuchtet durch das Evangelium von Christi Gehorsam, Leiden und Sterben für dich, so lange kannst du es nicht begreifen. Wenn du aber merkst, dass der Vater durch den Heiligen Geist dich zieht, dann verweigere dich doch nicht länger, überhöre nicht das Pochen an deine Herzenstür, weiche ihm nicht länger aus, verhärte dich nicht gegen das Rufen Christi. Denn sonst kann es dazu kommen, dass du zunächst nicht glauben willst – und dann schließlich einmal nicht mehr glauben kannst.

    Welch eine Verheißung aber für den, der an Jesus von Nazareth als den Christus, als Gottes und Mariens Sohn glaubt: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben. Das heißt nicht, dass du, wenn Christus nicht vorher wiederkommt, nicht sterben musst. Aber: Der Tod ist nicht das Ende, die Zukunft danach ist nicht in elender, qualvoller Gottesferne, sondern in der ewigen Herrlichkeit mit Jesus Christus, wozu der Tod nur der Übergang ist. Und dann verdeutlicht er es noch einmal sehr drastisch: Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt. Hier fasst der HERR die entscheidenden Dinge nochmals zusammen. Er ist das Brot der Welt, das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. All diese Ich-bin-Worte knüpfen ja an die alttestamentliche Gottesbezeichnung Jahwe an: Ich bin, der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde. Der HERR macht damit deutlich: Brot des Lebens, wahres Leben, wirkliches ewiges Leben gibt es nicht unabhängig von ihm, sondern nur in der innigsten Glaubensgemeinschaft mit ihm. Übrigens: Du findest im Johannesevangelium nur sieben Ich-bin-Worte. Das hat eine Bedeutung. Sieben ist die Zahl der göttlichen Vollkommenheit. So wird mit den sieben Ich-bin-Worten Christus in seiner Gottheit beschrieben. Was aber meint er nun, wenn er davon spricht, dass der in Ewigkeit leben wird, der von diesem Brot isst? Dieser Vers sagt in seinem ersten Teil nichts anderes aus als der vorher schon besprochene Vers: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Das Brot des Lebens essen meint nichts anders als dies: an Jesus Christus, wahren Gott und wahren Mensch glauben und so, durch den Glauben, in die innigste Gemeinschaft mit ihm kommen.

    Dann aber geht dieser Vers noch über den vorigen hinaus, wenn Christus sagt, dass dies Brot sein Fleisch ist, das er geben wird für das Leben der Welt. Was meint hier „Fleisch“? Nun, es ist wichtig, dass du hier festhältst, dass Christus hier von seinem Fleisch spricht, nicht von seinem Leib. Dieser Text, wie auch die weiteren Verse, haben nichts, das ist ganz wichtig, sie haben nichts mit dem heiligen Abendmahl zu tun, wie es nicht wenige behaupten. Nein, der Begriff, den wir hier bei „Fleisch“ haben, den haben wir auch ganz am Anfang des Evangeliums schon: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. (1,14.) Hier geht es um die menschliche Natur, ja letztlich geht es hier um den ganzen Jesus Christus, der wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person ist. Das, was er hier aussagt, ist ja, dass er sich selbst für uns, für dich und mich, hingeben wird, wie er es dann in Gethsemane und auf Golgatha getan hat. Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. (Matth. 20,28.) Im Hebräerbrief heißt es dazu: Darum, da er in die Welt kommt, spricht er: Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; den Leib aber hast du mir zubereitet. … In welchem Willen wir sind geheiligt, einmal geschehen durch das Opfer des Leibes Jesu Christi. (Hebr. 10,5.10.) Jesus Christus spricht hier also von seinem Opfertod am Kreuz für uns. Dadurch, und nur dadurch, hat er für uns genug getan, als er für uns ein Fluch wurde und uns so von dem Fluch des Gesetzes erlöste (Gal. 3,13). So, auf diese Weise, hat er Gott versöhnt mit der ganzen Welt, mit jedem Menschen, auch mit dir und mir (2. Kor. 5,18.19).

    Die Juden haben das nicht verstanden, ja, sie haben dagegen rebelliert: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? Und darauf der HERR, der nichts abschwächt, der nicht meint, seinen Worten die Spitze nehmen zu müssen, um sie bei der Stange zu halten: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tag auferwecken. Hier macht er es noch einmal unmissverständlich deutlich: Wer nicht an ihn als wahren Gott und wahren Menschen in einer Person glaubt, wer nicht glaubt, dass er sich selbst für uns am Kreuz zum Opfer hingegeben hat, Gott dadurch zu versöhnen mit der Welt, wer das nicht glaubt, der hat kein ewiges Leben, der ist noch im geistlichen Tod, über dem bleibt der Zorn Gottes ewiglich (Joh.3,36). Gerade diese Verse machen übrigens ganz deutlich dass es hier gar nicht um das Abendmahl gehen kann, sondern um das geistliche Essen, den Glauben. Denn sonst würde ja hier einerseits dem Abendmahl absolute Heilsnotwendigkeit zuerkannt, was besagt: Ohne das Abendmahl könne niemand gerettet werden, selbst wenn er glaubt. Andererseits würde dann behauptet, wer das Abendmahl empfängt, habe automatisch ewiges Leben, er glaube oder glaube nicht. Das stünde ja im Widerspruch zu den vorangegangenen Versen. Nein, es ist hier nur vom Glauben die Rede.

    Wie viele aber murren gerade auch heute dagegen. Das widerstrebt ihrem vom Humanismus geprägten Denken, das einen zornigen Gott nicht haben will, nicht anerkennen will, das nicht Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit, die die Sünde straft, und zwar mit dem Tod, der ewigen Verdammnis straft, nicht haben, nicht akzeptieren will. Wie sehr läuft gerade die Theologie, laufen besonders viele Kirchenführer Sturm gegen diese Kernlehre des christlichen Glaubens und stellen sich damit eindeutig außerhalb der Kirche Jesu Christi. Wer das nicht anerkennen will, dass er Gott nichts bringen kann und dass Gottes Zorn nur dadurch überwunden wurde, dass Christus sein Blut für uns vergossen hat, dass er sich für uns opferte auf Golgatha auf dem Altar des Kreuzes, wer das nicht akzeptieren, wer das nicht glauben will, der ist kein Christ, der gehört nicht zur wahren Kirche Christi als der Gemeinschaft der Gläubigen, sondern steht eindeutig außerhalb der wahren Kirche, selbst wenn er formal noch der äußeren Versammlung um Wort und Sakrament angehören mag, vielleicht sogar als Pastor oder Bischof. Denn mein Fleisch ist die rechte Speise, und mein Blut ist der rechte Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. Durch den Glauben hast du Vergebung der Sünden, hast du damit Frieden mit Gott (Röm. 5,1). Aber noch mehr: Der dreieinige Gott selbst kommt und macht Wohnung in dir, besonders Christus wohnt dann in dir (Joh. 14,23; 15,1-5) und du wohnst in ihm. Das ist eine in diesem Leben nicht zu überbietende Gemeinschaft. Wenn aber Christus in dir lebt, dann hat das Auswirkungen auf dein ganzes Leben: Wie mich gesandt hat der lebendige Vater, und ich lebe um des Vaters willen, also, wer mich isst, derselbe wird auch leben um meinetwillen. Das ist das neue Leben aus dem Glauben, der neue Gehorsam, das erneuerte Leben: Du lebst nicht mehr für dich selbst, für deine Ziele, Begierden, Wünsche, Sehnsüchte, Interessen, sondern du lebst für Christus, hast ihm dein Leben übergeben, geweiht. Er ist nun dein HERR und du fragst ihn: HERR, was willst du, dass ich tun soll? Das geht aber nur da, wo du im rettenden Glauben an ihn stehst, Jesus von Nazrareth, den Messias, Christus Israels und Retters der Welt. Amen.

 

 

Evangelienpredigt zum Sonntag Judica (Gott, schaffe mir Recht; Ps. 43,1) ueber Johannes 13,31-35: Die Verherrlichung Christi und der Auftrag an die Juengerschaft

 

Johannes 13,31-35: Da er aber hinausgegangen war, spricht Jesus: Nun ist des Menschen Sohn  verklärt, und Gott ist verklärt in ihm. Ist Gott verklärt in ihm, wird ihn auch Gott verklären in ihm selbst  und wird ihn bald verklären. Liebe Kindlein, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich  suchen; und wie ich zu den Juden sagte: Wo ich hingehe; da könnt ihr  nicht hinkommen. Und ich sage euch nun: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch  untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, auf dass auch ihr  einander lieb habet. Dabei wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe  untereinander habt.

 

    Es ist der Abend unmittelbar vor seiner Gefangennahme. Jesus Christus wusste, was auf ihn zukommen würde, aber sein geistlicher und innerer Blick war schon weiter gerichtet, hin auf den Vater, bei dem er bald wieder sein werde. Jesus erkannte, dass seine Zeit gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. (Joh. 13,1a.) Und dennoch, obwohl er doch innerlich schon auf die Herrlichkeit beim Vater ausgerichtet war, dennoch war er ganz nah bei seinen Jüngern, und zwar mit all seiner Liebe: Wie er hatte geliebt die Seinen, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. (Joh. 13,1b.) Das ist ganz wichtig. Das, was ihn trieb in seinem Handeln, das war die innige Einheit im Willen mit dem Vater und die Liebe zu den Seinen und allen Menschen. Darum war es ihm auch so wichtig gewesen, dass er an diesem Abend, an dem Israel das Passahlamm aß, mit den Seinen, seiner engsten Jüngerschar, zusammen war. Mich hat herzlich verlangt, dies Passahlamm mit euch zu essen, ehe denn ich leide. (Luk. 22,15.)

    An diesem Abend zeigte er noch einmal ganz besonders seine Liebe und Demut den Jüngern: Er, der HERR, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, und zugleich auch wahrhaftiger Mensch, er band sich die Schürze um, wusch seinen Jüngern die Füße und trocknete sie mit seiner Schürze, nicht zuletzt auch, um uns ein Beispiel demütigen, selbstlosen Dienens zu geben. Danach aber machte auch das Furchtbare aufmerksam, das an diesem Abend geschehen sollte: Einer aus dem Jüngerkreis wird ihn verraten. Alle waren sie geschockt von dieser Mitteilung, einer nach dem anderen fragte, ob er selbst es sei. Auch Judas fragte ganz heuchlerisch, obwohl er doch schon alles vorbereitet hatte. Christus offenbarte ihn – und Judas ging hinaus in die zeitliche und geistliche, ewige Finsternis.

    Man sollte meinten, dass nun, da ja alles sozusagen auf den Höhepunkt mit Gefangennahme, Prozess, Kreuz hinauslief, Jesus auch innerlich erschüttert war. Aber wir lesen etwas anderes.

    So lasst es nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes bedenken:

 

Die Verherrlichung Christi und der Auftrag an die Jüngerschaft

1. Die Verherrlichung Christi

2. Der Auftrag an die Jüngerschaft

 

    1. Die Verherrlichung Christi. Judas ist gegangen. Alles eilt also auf die alles entscheidenden Ereignisse zu.  Und wie reagiert der HERR? Er spricht: Nun ist des Menschen Sohn verklärt, und Gott ist verklärt in ihm. Für verklärt können wir genauso gut auch das Wort „verherrlicht“ setzen. Dieser Satz verwundert uns vielleicht. Wir würden vielleicht eher erwarten, dass Christus erschüttert ist, verzagt, wie wir ihn ja dann später in Gethsemane antreffen. Aber nein, so ist es jetzt nicht. Er spricht vielmehr davon, dass er jetzt, mit diesem Abgang des Judas‘, der doch damit die Gefangennahme nahe bringt, verherrlicht ist. Warum? Für uns Menschen ist Jesu Weg ein Leidensweg, wir sind erschüttert über diese Ereignisse, erschrocken, entsetzt. Der Kreuzestod war damals die schmählichste, herabwürdigendste Art und Weise, wie jemand hingerichtet werden konnte. Und doch: Christus ist verherrlicht. Das ist der Kreuzesweg.

    Was meint der HERR damit? Dieser Weg, der uns so entsetzlich aussieht, ist der Weg, den er in innigster Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters geht. Ich und der Vater sind eins. (Joh. 10,30.) So hatte er sich am Ende der Hirtenrede geäußert. Das war zunächst einmal auf das Wesen hin gesprochen. Sie sind wesenseins. Aber sie sind auch eins in ihrem Willen, sie stimmen völlig überein. Gerade Johannes drückt das in seinem Evangelium immer wieder aus, hebt es hervor, dass dies das tiefe innere Bestreben Christi war. Wenn ihr des Menschen Sohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es sei und nichts von mir selber tue, sondern wie mich mein Vater gelehrt hat, so rede ich. (8,28.) Wenn er eins ist mit dem Willen des Vaters, so ist das keine Entehrung, sondern vielmehr höchste Ehre, auch wenn die Welt meint, ihn zu entehren.

    Christus ist verherrlicht, weil er den Weg geht, der allein zu unserer Rettung möglich ist. Und er geht diesen Weg nicht gezwungenermaßen, auch überkommen ihn die Ereignisse nicht zufällig, unwillkürlich. Nein, freiwillig geht er diesen Weg. Darum liebt mich mein Vater, dass ich mein Leben lasse, auf dass ich’s wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selber. Ich habe Macht es zu lassen und habe Macht, es wieder zu nehmen. (Joh. 10,17-18.) Niemand hätte ihn gefangen nehmen, anklagen, kreuzigen können, wenn Christus sich nicht hingegeben hätte. Denkt nur an die Gefangennahme. Als die Schar kam und fragte, wer denn Jesus sei, rief er ihnen entgegen: Ich bin’s. Und was geschah? Die ganze Schar fiel rücklings zu Boden. Damit machte Jesus Christus deutlich, dass er mit einem einzigen Wort all dem Spuk ein Ende machen könnte. Aber das war ja der Weg zu unserer Errettung.

    Darum ist dieser Weg der Erniedrigung zugleich ein Weg der Verherrlichung. Freiwillig gibt er sich hin, wie es schon in Psalm 40 beschrieben wird: Opfer und Speisopfer gefallen dir nicht; aber die Ohren hast du mir aufgetan. Du willst weder Brandopfer noch Sündopfer. Da sprach ich: Siehe, ich komme; im Buch ist von mir geschrieben. Deinen Willen, mein Gott, tu ich gerne, und dein Gesetz habe ich in meinem Herzen. (V. 7-9.)

    Dieser Weg drückt so recht die hingebende Liebe Christi zu uns aus. Zum einen, wie er den Jüngern an jenem Abend die Füße wusch, dann aber vor allem, dass er sein Leben für uns lässt. Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. (Joh. 15,13.)

    Diese Verklärung, Verherrlichung Jesu ist aber zugleich Verherrlichung des Vaters. Denn der Weg, den er geht, ist ja der Weg, den der Vater in seiner Liebe zu uns beschlossen hat. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh. 3,16.) Dieser Weg des Leidens, des Todes, das ist der Weg, der uns einerseits die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes zeigen soll, unbedingt. Denn weil der HERR ein gerechter, ein heiliger Gott ist, ist er zornig über die Sünde und kann sie nicht akzeptieren. Weil er aber zugleich ein liebender Gott ist, hat er aus seiner Liebe heraus gehandelt. Daran ist erschienen die Liebe Gottes gegen uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, dass wir durch ihn leben sollen. Darinnen steht die Liebe, nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden. (1. Joh. 4,8-9.) Diese Liebe des Vaters wird groß gemacht am Kreuz.

    Die Verklärung, Verherrlichung geht aber noch weiter. So, wie der Sohn den Vater durch seinen freiwilligen Todesweg zu unserer Rettung verherrlicht hat, so wird der Vater auch ihn wieder verherrlichen, und zwar bald. Worauf spricht Jesus hier an? Nun, hier geht es um Auferstehung und Himmelfahrt. Der Vater wird ihn, den Sohn, am dritten Tag wieder auferwecken und damit sein Siegel unter des Sohnes Rettungswerk setzen. Damit besiegelt, bestätigt, bekräftigt er, dass dieser Jesus von Nazareth wahrhaft sein Sohn ist von Ewigkeit, wie er es auch betont hat. Damit proklamiert er vor allem öffentlich, dass er das Opfer des Sohnes für unsere Sünden angenommen hat. Und so, wie Christus an unserer Statt gestorben ist, so ist er auch um unseretwillen wieder auferweckt worden (Röm. 4,25). Denn dadurch verkündigt der HERR, dass er in Christus mit uns, mit der ganzen Welt versöhnt ist. In Christus sind wir bereits gerechtfertigt, haben wir Vergebung der Sünden und dadurch Frieden mit Gott und den Freispruch im Jüngsten Gericht.

    Und dann, nach weiteren 40 Tagen, wird er im Triumphzug zurückkehren in die Herrlichkeit des Vaters. Die menschliche Natur, die vor der Kreuzigung die ihr mitgeteilte göttliche Majestät verborgen gehalten hat, gebraucht sie nun voll und ganz und setzt sich mit Christi Himmelfahrt auf den Thron. Christus ist der König aller Könige nach göttlicher und menschlicher Natur, in der einen Person. Auch dafür steht die Himmelfahrt. Auch das gehört zur Verherrlichung, die kommen wird: Er hat ausgezogen die Fürstentümer und die Gewaltigen und sie Schau getragen öffentlich und einen Triumph aus ihnen gemacht durch sich selbst. (Kol. 2,15.)

 

    2. Der Auftrag an die Jüngerschaft. Diese Verherrlichung, die er vor Augen hat, sie hat ihn aber nicht abgelöst von seinen Jüngern. Nein, auch jetzt, auch angesichts dieser herrlichen Zukunft, ist er ganz bei ihnen mit seiner Liebe. Liebe Kindlein, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen; und wie ich zu den Juden sagte: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Bedenke nur diese Anrede! Wir finden sie einzig bei Johannes, dann auch in den Briefen. Sie drückt etwas aus von der neuen Qualität, die nun die Jüngergemeinschaft nach dem Auszug des Judas hat. Jetzt ist sie eine geistliche Einheit. Jetzt ist sie eine Schar der Gotteskinder. Und dann geht er darauf ein, wie es ihnen ergehen wird: Sie werden ihn suchen, aber im Moment werden sie ihn nicht finden, so, wie die Juden auch nicht. Aber einst, dann werden sie bei ihm sein, für immer in seiner Herrlichkeit. Das ist unsere Zukunft. Darum führt er diesen Satz, diesen Vergleich mit der Judenschaft, auch nicht weiter aus. Denn hier liegt ein entscheidender Unterschied. Interessant auch: Er unterscheidet seine Jüngerschar von den Juden, obwohl sie doch eigentlich auch alle Juden sind. Aber hier macht der HERR die Trennung deutlich, die nun eintritt zwischen der Judenschaft, die ihn ablehnt, und den messianischen Juden, die ihn als den Messias, Retter der Welt, im Glauben empfangen, erkannt haben. Sie sind die wahren Juden, sie haben das ewige Leben. Wer aber in der Judenschaft bleibt, mit deren Ablehnung Jesu von Nazareth als des Messias, der wird nicht zu ihm kommen können, in Ewigkeit nicht. Es ist ganz wichtig, dies vor Augen zu haben. Es ist eben nicht so, wie die Kirchen es zuweilen behaupten, dass die Juden sozusagen einen eigenen Heilsweg hätten. Nein, es gibt für alle Menschen, aus Juden wie aus Heiden, nur einen Heilsweg: Jesus Christus, den Messias Israels und Retter der Welt. Er allein ist der Weg und die Wahrheit und das Leben; keiner kommt zum Vater außer durch ihn. (Joh. 14,6.)

    Und dann gibt er der Jüngerschar einen Auftrag, der sie prägen soll: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, auf dass auch ihr einander liebhabt. Es mag überraschen, dass der HERR hier von einem neuen Gebot spricht, denn dies Gebot finden wir ja auch schon im  Alten Bund. Und im ersten Brief schreibt Johannes deshalb auch von einem alten Gebot, das ihr habt von Anfang gehabt (1. Joh. 2,7). Ja, das Gebot an sich, das ist nicht neu. Das Gebot zur Nächstenliebe findest du schon im Alten Testament. Hier aber geht es jetzt und zuerst um die Jüngerschar, um die Gemeinde des HERRN. Sie soll in besonderer Weise gekennzeichnet sein von der Liebe untereinander. Es ist ja dies eine Gebot, das alle anderen Gebote in sich hält, wie er schon bei dem umfassenden Liebesgebot gezeigt: In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Matth. 22,40.) Hier hast du den ursprünglichen Willen Gottes, wie er dann in den einzelnen Geboten sich für die verschiedenen Lebensbereiche entfaltet hat. Christus hat ja das Gesetz nicht aufgelöst, im Gegenteil, er hat es stellvertretend für uns erfüllt. Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. (Matth. 5,17.) Und durch die Liebe wird es erfüllt. Wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. … Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. (Röm. 13,8b.10.) Denn die Hauptsumme des Gebots ist Liebe von reinem Herzen und von gutem Gewissen und von ungefärbtem Glauben. (1. Tim. 1,5.)

    Neu aber an diesem Gebot, wie es der HERR hier seinen Jüngern gab, ist dies, dass er sich selbst zum Maßstab setzt: wie ich euch geliebt habe. Das kann er nur, weil er selbst wahrer Gott ist und daher das Gebot vollkommen erfüllt hat. Gerade in seinem Tragen auch der Jünger mit ihrem Kleinglauben die drei Jahre, in seinem demütigen, selbstlosen Dienst, wie er sich dann auch in der Fußwaschung zeigte, und in seiner völligen Hingabe für uns am Kreuz, um für unsere Sünden vollkommen zu bezahlen, Er gibt das neue Gebot. Auch damit zeigt er an: Ich bin wahrer Gott, wesenseins mit dem Vater, denn nur Gott kann Gebote geben.

    Die Liebe, um die es im Jüngerkreis, in der Gemeinde Christi geht, ist also die hingebende Liebe, wie du sie an Jesus Christus kennen lernst, die Liebe, die sich in den Tod hingibt: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. (Matth.20,28.) Wir haben natürlicherweise diese Liebe ist. Wir haben sie nur durch Jesus Christus, aus seiner Kraft. Er gibt sie uns, weil er Wohnung macht mit dem Vater und dem Heiligen Geist in uns, so dass er in uns lebt. Darum können wir in der Gemeinde diese Liebe ausleben, eine Liebe, die nicht auf sich sieht, sondern auf das, was des andern ist, um ihn zu fördern, ihm zu helfen, ihm zu dienen, ihm aber auch, wo nötig, zurecht zu helfen, ihm auch tragen zu helfen in allen Nöten. Es geht hier um ein Leben in der Gemeinde, in dem die Frucht des Heiligen Geistes entfaltet wird, Liebe, Friede, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Sanftmut. So zieht nun an, als die Auserwählten Gottes, Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld und vertrage einer den andern, und vergebt euch untereinander, so jemand Klage hat gegen den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr. Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu welchem ihr auch berufen seid in einem Leib, und seid dankbar. (Kol. 3,13-15.) Tut nichts durch Zank oder eitle Ehre, sondern durch Demut achtet euch untereinander einer den andern höher als sich selbst. (Phil. 2,3.)

    Das ist die Liebe, die eigentlich das Gemeindeleben prägen sollte. Das ist eine große Anfrage an uns insgesamt und jeden Einzelnen von uns: Wie sehr sind wir bereit, dem anderen zu helfen; wie weit nehmen wir überhaupt am Ergehen des andern teil; in wieweit bin ich offen für den anderen, seine Fragen, Sorgen, Nöte, Freuden? Die frühe Kirche scheint dies doch zumindest in Ansätzen praktiziert zu haben, denn Tertullian konnte als das Urteil der Welt über die Gemeinde schreiben: „Seht, wie haben sie einander so lieb.“ Ob das heute die Welt auch noch von uns sagen könnte? Wie viel Eigennutz herrscht auch in der Gemeinde, wie viel Streben danach, groß herauszukommen, Ansehen zu gewinnen, wie viel Streit, Missgunst, Zank, Tratsch. Das ist nicht der Weg Christi. Das ist nicht die Gemeinde als Brüdergemeinde, in der die Liebe unter den Brüdern und Schwestern herrscht. So wird Christus nicht verherrlicht, groß gemacht in der Gemeinde.

 

    So lasst uns danach streben, dass wir doch gerade in Christi Passion seine Herrlichkeit erkennen, wie er im Kreuz für uns sich verherrlicht hat – um auch uns so zum Leiden für ihn bereit zu machen. Und lasst uns danach streben, dass doch seine Liebe sich in uns und in unserem Kreis entfalten kann. Amen.