E.A.W. Krauß

 

Das Gotteswerk der Kirchenreformation durch Martin Luther

 

Ein Lebensbild

 

entnommen aus: Lebensbilder aus der Geschichte der christlichen Kirche. Von E.A. Wilh. Krauß. St. Louis, Mo. 1911. S. 314-405

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung  1

Luthers Geburt und Kindheit 1

Luther auf der Schule in Magdeburg  2

Luther auf der Schule in Eisenach  3

Luther studiert in Erfurt 3

Luther wird Mönch  4

Luthers Klosterarbeit 5

Luthers Priesterweihe  6

Luthers Anfechtungen im Kloster  6

Wie Luther im Kloster getröstet wird  7

Luther wird nach Wittenberg berufen  8

Luther pilgert nach Rom   8

Luther wird Doktor der Heiligen Schrift 9

Tetzels schändlicher Ablaßunfug  10

Luthers 95 Thesen. Anfang der Reformation  12

Verhandlungen mit Cajetanus und Miltitz  12

Die Leipziger Disputation  13

Luther verbrennt die päpstliche Bulle  14

Luther zieht nach Worms  14

Luther auf dem Reichstag zu Worms  15

Luther auf der Wartburg  16

Luther kehrt nach Wittenberg zurück   16

Der Bauernkrieg  17

Luther tritt in den Stand der heiligen Ehe  18

Das Marburger Kolloquium   18

Übergabe der Augsburgischen Konfession  19

Reformatorische Arbeiten  21

Luthers letzte Lebensjahre  24

Luthers letzte Tage, Tod und Begräbnis  25

 

 

Einleitung

 

    Wenn wir Lutheraner von der Kirchenreformation reden, dann reden wir nicht von einem Menschenwerk, sondern von einem Gotteswerk. Darum heißen wir auch den Mann, durch den Gott dieses Werk verrichtet hat, mit Recht einen Gottesmann. Von dem "teuren Gottesmann Dr. Martin Luther" erzählen uns unsere Pastoren am Reformationsfest.

    Das Werk der Kirchenreformation, das kein allgemeines Konzil, keine Pariser Universität, kein Kaiser hat vollbringen können, das hat Gott ausgerichtet durch den Mann, den er dazu gebraucht hat, zu offenbaren "den Menschen der Sünde, das Kind des Verderbens, der sich erhebt über alles, das Gott oder Gottesdienst heißt, also, daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott." (2 Thess. 2,4) Dieser Mann, von Gott gesandt, von Gott ausgerüstet, von Gott gestärkt und wider alle Bosheit des römischen Antichristen erhalten, war Dr. Martin Luther; er allein.

    Die Geschichte des Werkes, das er verrichtet hat, ist die Geschichte eines Gotteswerks und darum wert, daß man darauf achte.

 

 

Luthers Geburt und Kindheit

 

Es war am 10. November des Jahres 1483, in der Nacht zwischen elf und zwölf Uhr, als Luther zu Eisleben in der Grafschaft Mansfeld geboren wurde. Schon am Tage darauf wurde er ist der St. Peterskirche getauft und nach dem Namen des Heiligen, des Bischofs Martin von Tours, dem derselbe gewidmet war, Martin genannt. Seine Eltern waren Hans Luther und Margareta, geborene Lindemann. Sie stammten aus Möhra, einem Dorfe zwischen Eisenach und Salzungen. Von seinen Vorfahren sagt Luther: "Ich bin eines Bauern Sohn. Mein Vater, Großvater, Ahnherr sind rechte Bauern gewesen. Hernach ist mein Vater nach Mansfeld gezogen und daselbst ein Berghauer geworden; daher bin ich." Sehr dürftig kam er im Jahre 1484 dahin. "Meine Eltern," erzählt Luther, "sind erstlich recht arm gewesen. Mein Vater war ein armer Hauer, und die Mutter hat ihr Holz auf dem Rücken getragen, damit sie uns Kinder erzogen haben. Sie haben's sich lassen blutsauer werden; jetzt täten es die Leute fürwahr nimmer." Doch erinnerte sich Luther stets mit Lust an seinen Geburtsort. Er pflegte zu sagen: "Haec est Islebia" - "Hier ist Leben!" weil er es dort erhalten. Auch hat er sein Vaterland immer geliebt und das Beste desselben redlich gesucht.

    In Mansfeld segnete der milde und reiche Gott die Arbeit des Vaters, so daß er sich ein Haus und zwei Schmelzöfen erwarb. Auch wurde er Ratsherr und wegen seiner Rechtschaffenheit von allen braven Männern und dem alten Grafen Günther von Mansfeld sehr lieb und wert gehalten. Seine Mutter hat "viel Tugenden gehabt, die einer ehrlichen Frau zustehen, und ist insonderheit berühmt gewesen ihrer Zucht, Gottesfurcht und fleißigen Gebets halben, daß auch alle andern ehrlichen Weiber auf sie, als ein Exempel der Tugend und Ehrbarkeit, gesehen." Beide Eltern hielten ihren Sohn zur Gottesfurcht und allen guten Werken an. Der Vater hat oft laut und inbrünstig vor dem Bette des Kindes gebetet. Als ein Liebhaber der Gottseligkeit und Wissenschaften und um des Sohnes willen bewies er frommen Predigern und Schullehrern viele Achtung und Liebe. Dabei war die elterliche Erziehung jedoch eine sehr harte. Luther sagt selbst: "Mein Vater stäupte mich einmal so sehr, daß ich ihn floh und ward ihm gram, bis er mich wieder zu sich gewöhnte. Die Mutter stäupte mich einmal um einer geringen Nuß willen, daß das Blut danach floß, und ihr ernstes und gestrenges Leben, das sie führten, das verursachte mich, daß ich danach in ein Kloster lief und ein Mönch wurde. Aber sie meinten es herzlich gut und konnten nur nicht die Ingenia (Gaben) unterscheiden, danach man die Strafe abmessen muß. Denn man muß also strafen, daß der Apfel bei der Rute sei."

    Sobald Martin etwas fassen konnte, sorgten seine frommen Eltern dafür, daß er etwas lerne. Sein Vater ließ ihn mit herzlichem Gebete in die lateinische Schule gehen, wohin ihn der alte Nikolaus Oemler öfters auf den Armen trug. Dort lernte er fein fleißig und schleunig die zehn Gebote, den Kinderglauben, das Vaterunser und das Schreiben, außerdem den Donat, die Kindergrammatik, den Cisio Janus (einen lateinischen Kalender) und christliche Gesänge. Diese Schule besuchte er bis in sein vierzehntes Jahr. Indessen erfuhr er darin eine übermäßig strenge Behandlung. Denn seine Lehrer gehörten zu den "ungeschickten Schulmeistern", von welchen er sagt, daß sie oft "feine Ingenia (begabte Köpfe) mit ihrem Poltern, Stürmen, Streichen und Schlagen verderben, mit Kindern nicht anders umgehen, denn wie Stockmeister mit den Dieben." Er klagt über "die Hölle und das Fegfeuer der Schulen, da wir innen gemartert sind über den Casualibus und Temporalibus, da wir doch nichts denn eitel nichts gelernt haben durch so viel Stäupen, Zittern, Angst und Jammer." "Wie leid ist mir's jetzt," klagt er weiter in der Schrift an die Ratsherren, "daß ich nicht mehr Poeten und Historien gelesen habe, und mich auch dieselben niemand gelehret hat."

    In seine Mansfelder Kinderzeit fällt auch wohl jenes kleine Schülerereignis, welches er bei der Erklärung des ersten Buches Mosis erzählt und mit einer erbaulichen Betrachtung begleitet. "Wenn Gott uns versuchet, lässet er mancherlei Hindernisse vorfallen, daß wir ihm nicht stracks unter Augen sehen: gleich als wenn einer kurzweilig mit einem Würmlein spielt und ihm, wo es auf der Erde kriecht, etwa ein Rütlein oder Sträuchlein vorwirft, daß es nicht könne fortkriechen, dahin es gern wollte, sondern muß sich mancherlei Weise hin und her wenden und an allen Orten versuchen, wie es doch endlich davonkommen möchte. Aber dies Spiel göttlicher Gnade und seines Wohlgefallens verstehen wir von Anfange nicht, und die Wohltaten und Gnade selbst, so uns begegnet und vor Augen gestellet wird, deuten wir uns zu unserem Schrecken und Verderben. Und widerfähret uns eben dasselbe, das mir vorzeiten, da ich ein kleiner Knabe war, und meinen Gesellen, mit denen ich die Parteken (Almosen) gesammelt, davon wir uns bei unserm Studio erhalten möchten, auch begegnet ist. Denn da wir zu der Zeit, als in der Kirche das Fest von der Geburt Christi gehalten wird, auf den Dörfern von einem Hause zum andern umhergegangen und in vier Stimmen die gewöhnlichem Psalmen vom Kindlein JEsu, geboren zu Bethlehem, zu singen pflegten, geschah es ungefähr, daß wir vor eines Bauern Hof, so an einem Orte allein und am Ende des Dorfes gelegen war, kamen, und da uns der Bauer singen hörte, kam er heraus und fragte mit groben bäuerischen Worten, wo wir wären, und sagte: 'Wo seid ihr Buben?' und brachte zugleich etliche Würste mit, die er uns geben wollte. Wir aber erschraken vor den Worten sehr, daß wir alle voneinander wegliefen, wiewohl wir keine rechte Ursach' wußten, darum wir hätten erschrecken mögen, und der Bauern uns die Würste mit gutem geneigten Willen darreichte und geben wollte: außer daß vielleicht unsere Herzen furchtsam gewesen von täglichem Drohen und Tyrannei, so zu der Zeit die Schulmeister mit den armen Schülern zu üben pflegten, und so viel desto leichter von solchem plötzlichen Schrecken scheu geworden sind. Endlich, da wir in der Flucht waren, rief uns der Bauer wieder, und wir legten die Furcht ab und liefen herzu und empfingen von ihm die Parteken, so er uns reichte." Zugleich sieht man daraus, wie ärmlich er sich zu Mansfeld durchhelfen mußte; wie denn auch berichtet wird, daß er für einen neuen Groschen die Leichen begleitet habe.   

    Die tyrannische Schulzucht konnte unsern Martin nur schüchtern und furchtsam machen. Aber auch der Religionsunterricht, den er genoß, diente nur dazu, ihn noch mehr zu ängstigen und zu schrecken; denn was er darin lernte, war meist nur papistischer Aberglaube und Abgötterei. Niemand lehrte ihn sich seiner heiligen Taufe zu trösten, vielmehr bezeugt er von seinen Lehrern: "Sobald wir die Kinderschuhe ausgezogen und kaum aus dem seligen Bade kommen, haben sie es alles wieder weggenommen durch solche Predigt: O du hast längst die Taufe verloren und das Westerhemd beschmutzt durch die Sünde; mußt nun denken, daß du deine Süne büßest und genug tuest, so viel fastest, betest, wallest, stiftest, bis du Gott versöhnest und also wieder zu Gnaden kommest." Noch viel weniger lernte er Christus recht erkennen. "Ich wurde von Kindheit auf so gewöhnt", sagt er, "daß ich erblassen und erschrecken mußte, wenn ich den Namen Christi nur nennen hörte; denn ich war nicht anders unterrichtet, als daß ich ihn für einen strengen und zornigen Richter hielt." Statt dessen wurde er auf eigenes Verdienst und die Fürbitte der Heiligen hingewiesen. Er bemerkt darüber: "Schändlich sind wir im Papsttum verführt, denn man hat uns Christus nicht so freundlich vorgemalet, wie die Propheten, Apostel und Christus selbst tut, sondern man hat ihn uns so greulich gebildet, daß wir uns mehr vor ihm gefürchtet haben als vor Mose, auch nicht anders gemeinet, Mosis Lehre wäre viel leichter und freundlicher als Christi Lehre. Daher wußten wir nichts anderes als, Christus wäre ein zorniger Richter, dessen Zorn wir mit guten Werken und heiligem Leben versöhnen, und dessen Gnade wir durch Verdienst und Fürbitte der Heiligen erlangen müßten. Das heißt nicht allein schändlich gelogen, die armen Gewissen jämmerlich betrogen, sondern auch Gottes Gnade aufs höchste geschändet, Christi Tod, Auferstehung, Himmelfahrt, samt allen seinen unaussprechlichen Wohltaten verleugnet, sein heiliges Evangelium verlästert und verdammt, den Glauben vertilget und an dieser Statt eitel Greuel, Lügen, Irrtum und Gotteslästerung aufgerichtet. Ist das nicht Finsternis, so weiß ich nicht, was Finsternis ist. Noch hat es niemand können merken, sondern jedermann für die lautere Wahrheit gehalten."

    So wuchs Luther mitten in der Finsternis päpstlicher Irrlehre auf und mußte schon als Kind die Bitterkeit derselben an sich selbst erfahren. Kein Tropflein der Gnade, kein Strahl der himmlischen Wahrheit erquickte sein Herz, nur Angst und Schrecken vor dem Zorne Christi erfüllte ihn. Deshalb gelobte er schon in seiner Kindheit, nach Rom zu pilgern und "fromm zu werden", wie er dies einer handschriftlichen Nachricht zufolge einst erwähnte, als von seiner römischen Reise die Rede war. So hatte er Christus, den er in der Taufe angezogen hatte, völlig wieder verloren und wäre ewig verloren gewesen, wenn Gott ihn in seinem damaligen Zustand weggenommen hätte. Er bekennt dies selbst mit den Worten: "Wenn unser HErrgott nicht eher sollt' helfen, wir wären ihm denn dankbar gewesen, wo wäre ich blieben, da ich zwölf Jahre alt war?"

 

 

Luther auf der Schule in Magdeburg

 

    Zu jener Zeit waren die lateinischen Schulen in Sachsen in einem ziemlich guten Zustande. Als daher Martin das vierzehnte Jahr angetreten hatte, wurde er 1497 zugleich mit Johann Reineck, der auch nachher immer sein guter Freund blieb, nach Magdeburg geschickt, wo er bei den Franziskanern in die lateinische Schule ging. Dort ist dieser Knabe, wie manches ehrlichen und wohlhabenden Mannes Kind, nach Brot gegangen und hat vor den Bürgerhäusern gesungen. Was groß werden soll, muß klein angehen, und wenn die Kinder zärtlich und herrlich erzogen werden, schadet es ihnen ihr Lebenlang.

    Daselbst bekam er einst ein hitziges Fieber, welches ihn heftig plagte. Als er nun großen Durst leiden mußte und man ihm während der Hitze das Trinken entzog, begab es sich an einem Freitage, daß alle nach dem Essen zur Predigt gingen und ihn im Hause allein ließen. Wie er sich nun des Durstes nicht länger erwehren konnte, kroch er auf Händen und Füßen abwärts in die Küche und ergriff daselbst ein Gefäß mit frischem Wasser, trank dasselbe mit großer Lust aus und machte sich so, schwach, auf Händen und Füßen, wieder in sein Zimmer, das er kaum hat erreichen können, ehe seine Hausgenossen wieder aus der Kirche kamen. Auf diesen Trunk fiel er in einen tiefen Schlaf und das Fieber blieb aus. Später bemerkte er dazu, er habe von einigen gelehrten Ärzten gehört, daß in solchen brennenden Fiebern ein reichlicher Trunk kalten Wassers die innere übermäßige Hitze oft vermindere, wie ein flammendes Feuer mit Wasser ausgegossen wird.

    Aus jener Zeit erzählt Luther ein Beispiel mönchischer Heiligkeit, welches einen tiefen Eindruck auf ihn machte. "Ich habe gesehen mit diesen Augen, da ich bei meinem vierzehnten Jahre zu Magdeburg in die Schule ging, einen Fürsten von Anhalt, nämlich des Dompropsts und hernach Bischofs Adolf zu Merseburg Bruder, der ging in der Barfüßerkappen auf der breiten Straßen um nach Brot, und trug den Sack wie ein Esel, daß er sich zur Erden krümmen mußte; aber sein Gesell-Bruder ging neben ihm ledig, auf daß der fromme Fürst ja allein das höchste Exempel der grauen beschornen Heiligkeit der Welt einbildete. Sie hatten ihn auch so übertäubt, daß er alle andere Werke im Kloster, gleichwie ein anderer Bruder, tät, und hatte sich also zerfastet, zerwacht, zerkasteiet, daß er aussah wie ein Totenbilde, eitel Bein und Haut, starb auch balde. Denn er vermochte solches strenges Leben nicht zu ertragen. Summa: Wer ihn ansah, der schmatzte vor Andacht und mußte sich seines weltlichen Standes schämen, und ich halte, daß noch viele Leute zu Magdeburg leben, die es auch gesehen haben."

    Diese große pfäffische Heiligkeit suchte man dem Volke auch durch Bilder anschaulich zu machen. Luther beschreibt ein solches, welches sich ihm in seinen jugendlichen Jahren sehr lebendig eingeprägt haben muß. "Da malten sie ein großes Schiff, das hieß die heilige christliche Kirche, darin saß kein Laie, auch weder Könige noch Fürsten, sondern allein der Papst mit den Kardinälen und Bischöfen vorn an, unter dem Heiligen Geist, und die Pfaffen und Mönche zur Seiten mit Rudern und fuhren so zum Himmel zu. Die Laien aber schwammen im Wasser um das Schiff, etliche ersoffen, etliche zogen sich zum Schiff an Stricken und Seilen, welche ihnen die heiligen Väter aus Gnaden und Mitteilung ihrer guten Werke hinauswarfen, und ihnen halfen, daß sie nicht ersöffen, sondern am Schiff klebend und hangend auch mit gen Himmel kämen. Und da war kein Papst, Kardinal, Bischof, Pfaff noch Mönch im Wasser, sondern eitel Laien. Solch Gemälde war ein Bild und kurzer Begriff ihrer Lehre, was sie von weltlichen Ständen hielten, und ist auch das rechte Bild, wie sie es in ihren Büchern hatten, das können sie nicht leugnen. Denn ich bin auch solcher Gesellen einer gewesen, der solches hat helfen lehren, und also geglaubt und anders nicht gewußt. Haben dazu die Laien samt ihrem Stande verdammt gemacht, sofern, daß am Totenbette sich auch Fürsten und Herren haben lassen in Mönchskappen kleiden und begraben, damit sie ja frisch und frei Christus verleugneten und ihre Taufe und alle Sakramente verachteten und ihren weltlichen Stand verdammten und allen Trost und Zuversicht auf die heilige Kappe und Mitteilung der guten Werke des Ordens setzten und also an ihrem Schiff und Strick hangend gen Himmel fuhren." Nach den "Tischreden" zeigte er einst eine Tafel, auf welche jenes Bild gemalt war, ließ sich über die Bedeutung desselben aus und fügte dann noch hinzu: Es ist ein sehr alt Gemälde, von einem Paulermönch in Venedig erdacht und gedichtet, welches wir alles geglaubt haben als Artikel des Glaubens, ja, wider den christlichen Glauben."

    Als Martin von Magdeburg wieder nach Mansfeld zurückgekehrt war, begab es sich, daß der alte Graf Günther totkrank wurde und den alten Hans Luther zu sich auf das Schloß fordern ließ, welcher auch bis zu seinem Abschiede aus dieser Welt dort blieb und ihm aufwartete. Als er nun nach den Grafen Hinscheiden wieder nach Hause kam, fing er an, seinen Hausgenossen hoch zu rühmen, was für ein herrliches, vortreffliches Testament der Graf hinter sich gelassen habe. Als man ihn nun fragte, was es für ein Testament und letzter Wille gewesen, sagte er: "daß er allein auf das bittere Leiden und Sterben unseres HErrn JEsu Christi von dieser Welt wolle abscheiden, sich seines Verdienstes allein trösten und ihm seine Seele befehlen." "Da dachte ich dazumal", sagte Luther später, "als ein junger Schüler: Soll denn dieses ein so vortreffliches Testament sein? Denn ich ließ mich bedünken, wenn der Graf etwas Stattliches zum Gottesdienst, zur Pfarrkirche oder zu Klöstern verordnet und gestiftet hätte, das wäre wohl ein ansehnlicher Testament gewesen als dieses. Aber hieraus siehet man, wie gleichwohl unser HErrgott allezeit auch mitten in dem finstern Papsttum hin und wieder viel Christen zu ewigen Leben behalten hat, die allein das Verdienst seines einigen Sohnes ergriffen und sich daran mit Glauben gehalten haben. Darum rühmte mein Vater billig solchen des Grafen letzten Willen für ein trefflich herrlich Testament, welches ich junger Schüler damals noch nicht verstand."

 

 

Luther auf der Schule in Eisenach
 

    Nachdem Luther nur ein Jahr in Magdeburg gewesen, begab er sich auf Befehl seiner Eltern 1498 nach Eisenach, wo seine Mutter viele Verwandte hatte. Dort besuchte er die lateinische Schule, welche mit der Georgenkirche verbunden war. Der Rektor war Joh. Trebonius, ein gelehrter Mann und berühmter Dichter, der die Grammatik besser und geschickter lehrte, als es anderwärts geschah. Sooft er in die Schule trat, zog er allezeit sein Barett ab, bis er sich in seinen Stuhl niedergesetzt hatte, aus welchem er las. Dies mußten auch die übrigen Lehrer tun, und wenn einige zuzeiten vergaßen, das Barett abzunehmen, ermahnte er sie ernstlich dazu. "Denn", sagte er, "es sitzet unter diesen jungen Schülern noch mancher, da Gott aus dem einen einen ehrlichen Bürgermeister, aus dem andern einen Kanzler, hochgelehrten Doktor oder Regenten machen kann, ob ihr sie gleich jetzt nicht kennet; denselben sollet ihr billig Ehre erzeigen." Dies ist nachher an Doktor Luther reichlich wahr geworden.

    Zuerst ging es ihm freilich in Eisenach sehr kümmerlich. Bei seinen Verwandten fand er keine hinlängliche Unterstützung. So mußte er sich als Kurrendeschüler sein kärgliches Brot ersingen und bitterlich darben. Er selbst sagt darüber später: "Verachte mir nicht die Gesellen, die vor der Tür panem propter Deum (d.h. Brot um Gottes willen) sagen und den Brotreigen singen. Ich bin auch ein solcher Partekenhengst gewesen und habe das Brot vor den Häusern genommen, sonderlich zu Eisenach, in meiner lieben Stadt." Diese Not machte ihn indes so niedergeschlagen, daß er an seinem Fortkommen auf der Schule verzagte und schon daran dachte, wieder in das elterliche Haus zurückzukehren. Doch sollte er bald erfahren, wie väterlich Gott für ihn sorge. Einst hatte er an drei Türen herbe Zurückweisung erlitten. Der Chor ging weiter zu Konrad Cottas, eines ehrsamen, wohlhabenden Bürgers, Hause. Frau Ursula Cotta trug längst "um seines Singens und herzlichen Gebetes willen in der Kirche eine herzliche Zuneigung zu dem Knaben". Sie ließ ihn hereinkommen, beschenkte ihn reichlich und nahm ihn nach einigen Tagen in ihr Haus und an ihren Tisch. Diese Wohltat hat Luther nie vergessen. Und als Heinrich Cotta, Frau Ursulas Sohn, nachher in Wittenberg studierte, nahm Luther ihn an seinen Tisch.

    Nun entzündete sich in Martin die feurigste Lernbegierde. Er erkannte jetzt, "welch ein lieblich Ding es wäre um die Lehre", und studierte mit allem Fleiße Grammatik, Rhetorik und Poesie. Bei seiner schnellen Auffassungsgabe und guten Anlagen kam er seinen Mitschülern bald voraus und übertraf sie in den Sprech- und Schreibübungen, sowohl in gebundener wie ungebundener Rede. So legte er dort gleichsam den Grund, wodurch er nachher zu größerer Erkenntnis kam. Ja, der Unterricht, welchen er dort empfing, mußte ihm dazu helfen, daß er nachmals desto geschickter wurde zu dem Werk, zu dem Gott ihn ausersehen hatte.

    Im Cottaschen Hause blieb Luther bis zu seinem Abgange von Eisenach. Dort befliß er sich auch der Musik, von welcher er immer ein Liebhaber gewesen ist, und lernte die Flöte spielen. Eisenach aber nannte er in dankbarer Erinnerung stets "seine liebe Stadt", weil er da "so viel Gutes gelernt und genossen".

 

 

Luther studiert in Erfurt

 

    Am 17. Juli 1501 zog Luther, der nun achtzehn Jahre alt war, nach Erfurt auf die Universität. Diese war damals, wie er berichtet, "in solchem Ansehen und so berufen, daß alle andern dagegen für kleine Schützenschulen angesehen wurden. Wie war es eine so große Majestät und Herrlichkeit, wenn man Magistros promovierte und ihnen Fackeln vortrug und sie verehrte; ich halte, daß keine zeitliche, weltliche Freude dergleichen gewesen sei. Also hielt man auch ein sehr groß Gepräng und Wesen, wenn man Doktores machte: da ritt man in der Stadt umher, dazu man sich besonders kleidete und schmückte, welches alles dahin ist und gefallen. Aber ich wollte, daß man's noch hielte."

    Dort hatte der berühmte Johann von Wesel, ein Zeuge der Wahrheit, gelehrt, dessen Schriften damals noch in hohem Ansehen standen. Luther sagt von ihm: "Johannes Wesalia hat zu Erfurt die hohe Schule mit seinen Schriften regiert, aus welchem ich daselbst auch bin Magister worden." Weil er das Verderben des Papsttums angegriffen hatte, wurde er in den Kerker geworfen und starb darin nach zweijährigem Leiden, zwei Jahre vor Luthers Geburt. Er hat die Reformation mit den Worten geweissagt: "Ich sehe es kommen, daß unsere Seele in Hunger dahinschwinden wird, wenn nicht aus der Höhe ein Stern der Erbarmung uns aufgeht, der diese Finsternis, dieses Dunkel von unsern durch Lügen der Lenker verzauberten Augen vertreibt und das Licht wieder herstellt, der dieses Joch der babylonischen Gefangenschaft nach so vielen Jahren endlich zerbricht."

    Luthers Eltern erhielten ihn von dem Segen ihres Berggutes, wie er selbst von seinem Vater rühmt: "Er hielt mich mit aller Liebe und Treue in der hohen Schule zu Erfurt, und durch seinen sauren Schweiß und Arbeit hat er dahin geholfen, da ich hingekommen bin."

    Unter seinen Lehrern war Jodokus Trutvetter einer der angesehensten, welchen er "den ersten Theologen und Philosophen" und seinen "gar lieben Lehrer und Vater" nennt. Er erinnerte ihn späterhin daran, daß er von ihm zuerst gelernt habe, man müsse allein den kanonischen Schriften sich gläubig hingeben, alle andern aber der Prüfung unterwerfen. Von einem andern seiner Lehrer, Johann Greffenstein, einem gelehrten und frommen Manne, hörte er einst, daß Hus von den ungelehrten Tyrannen widerrechtlich und unüberführt zum Tode verurteilt sei. Außer andern hörte er noch Usingen, der nachher sein heftiger Feind wurde, Joh. Wigand in Eisenach, für den er sich später beim Kurfürsten verwandte, "weil er sein Schulmeister gewesen und er wohl schuldig sei, ihm alle Ehre zu tun", und Gerhard Hecker, der das Evangelium annahm und deshalb mancherlei Verfolgungen erlitt.

    Anfangs studierte Luther die spitzfindige Philosphie seiner Zeit, Logik und Dialektik, und darauf Ethik und Physik. Dabei las er die besten alten lateinischen Schriftsteller, wie Cicero, Virgil, Livius Plautus. Und zwar las er sie nicht bloß, wie die Schulknaben, um der Worte willen, sondern als Lehre und Spiegel des menschlichen Lebens. Daher achtete er genauer auf die Lehren und Sprüche dieser Schriftsteller, und bei seinem treuen Gedächtnis stand ihm das meiste, was er gelesen und gehört hatte, immer vor Augen. Obwohl er aber von Natur ein hurtiger und fröhlicher junger Gesell war, so fing er doch alle Morgen sein Lernen mit herzlichem Gebete und Kirchengehen an, wie denn dieses sein Sprichwort war: "Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert." Dabei verschlief und versäumte er keine Vorlesung, fragte gerne seine Lehrer und besprach sich in Ehrerbietung mit ihnen, repetierte oftmals mit seinen Gesellen, und wenn man nicht öffentlich las, hielt er sich in der Universitätsbibliothek auf.

    Auf eine Zeit, wie er die Bücher fein nacheinander besiehet, auf daß er die guten kennen lerne, kommt er über die lateinische Bibel, die er zuvor bis ins zwanzigste Jahr seines Lebens nie gesehen; da merkt er mit großem Verwundern, daß viel mehr Texte, Episteln und Evangelien darin waren, als man in gemeinen Postillen und in der Kirche auf den Kanzeln pflegte auszulegen. Wie er im Alten Testamente sich umsiehet, kommt er über Samuel und seiner Mutter Hanna Geschichten. Die durchlieset er eilend mit herzlicher Lust und Freuden, und weil ihm dies alles neu war, fängt er an, von Grund seines Herzens zu wünschen, unser treuer Gott wolle ihm dermaleinst auch ein solch eigen Buch bescheren. Selnecker erzählt, als der die Worte gelesen: "Der HErr machet die Reichen leer und erhebet die Armen", habe er gesagt: "Wie so sehr ist doch dieser Text für die armen Scholaren gesagt, deren ich einer bin!" Merkwürdig ist übrigens, was Luther erzählt: "Als ein junger Mensch hörte ich gelehrte Männer und gute Grammatiker gegen ihre Widersacher disputieren und sagen: Wenn wir die prophetischen und apostolischen Schriften lesen, finden wir darin eine ganz andere Lehre als ihr Priester uns vorlegt."

    Durch seinen großen Fleiß brachte er es dahin, daß er schon 1503 den untersten Grad akademischer Würde und damit das Recht erlangte, als Bakkalaureus philosophische Vorlesungen zu halten. Nicht lange hernach verfiel er allda in eine schwere und gefährliche Krankheit, darin er sich seines Lebens gar verzieh. Ein alter Priester aber, der ihn besuchte, sprach ihm tröstlich zu: "Mein Bakkalauree, seid getrost, Ihr werdet mit diesem Lager nicht sterben; unser Gott wird noch einen großen Mann aus Euch machen, der viel Leute trösten wird. Denn wen Gott lieb hat und daraus er etwas Seliges ziehen will, dem legt er zeitlich das heilige Kreuz auf, in welcher Kreuzschule geduldige Leute viel lernen."

    In jener Zeit, etwa 1503, widerfuhr ihm noch ein anderer Unfall. Er war am dritten Osterfeiertage auf der Reise zu seinen Eltern, die Wehr an der Seite nach Sitte der Studenten. Unterwegs stieß er zufällig mit dem Fuße an seinen Degen, das Messer schoß heraus und zerscnitt ihm eine Hauptader. Er war mit einem einzigen Begleiter ungefähr eine halbe Meile von Erfurt. Das Blut strömte furchtbar heraus und ließ sich nicht stillen; und da er sich auf den Rücken legte und das Bein in die Höhe kehrte und den Finger auf die Wunde hielt, so schwoll das Bein gewaltig an. Endlich kam ein Chirurg aus der Stadt und verband die Wunde. Luther aber rief in seiner Todesgefahr: "Maria, hilf!" und als in der Nacht die Wunde wieder aufging und er eine Ohnmacht bekam, rief er abermals nur die Maria an. "Damals", sagte er später, "wäre ich auf Maria dahingestorben."

    Zu Anfang des Jahres 1505 erlangte Luther die Magisterwürde. Bei der Promotion gewann er nach vorhergegangenem Examen die zweite Stelle und begann darauf sofort Vorlesungen zu halten, und zwar über die aristotelische Physik und Ethik. "Nun vollends", sagte er, "darf des Studierens für mich kein Ende sein, will ich anders den deutschen Magistern keine Schande machen." Er ließ fast die ganze akademische Jugend hinter sich zurück, und seine außerordentlichen Gaben erregten bereits die Bewunderung der Universität. Nach dem Willen seines Vaters sollte er sich nun der Rechtswissenschaft widmen, wozu ihm derselbe viele Bücher kaufte. Denn Hans Luther wollte keineswegs, daß er "Bischoff, Pfaff, Mönch" werde, damit er "versorgt in fremden Gütern wohl lebte und gute Tage hätte, statt sich durch eigene Mühe zu ernähren". Er meinte vielmehr, sein Sohn sollte ihm einmal Ehre machen in weltlichen Ämtern und Würden. Er dachte schon darauf, "ihm reich und ehrlich zu freien": da erhielt sein Lebensgang plötzlich eine andere Wendung.

 

 

Luther wird Mönch

 

    Die Schulweisheit, welche Luther in Erfurt lernte, befriedigte ihn nicht. Immer dachte er: "O, wann wirst du einmal fromm werden und genug tun, daß du einen gnädigen Gott kriegst?" "Die hohen Schulen", sagte er, "wenn sie die Leute wollen fromm machen, so halten sie ihnen das Gericht vor und machen das so heiß, wie sie immer können. Damit führen sie das Volk in das Erschrecken und lassen sie stecken und sagen nicht, wie sie wieder herauskommen sollen." Zweimal wiederholte er in Erfurt sein Gelübde, fromm zu werden und nach Rom zu pilgern. Oft, wenn er den Zorn Gottes und das Jüngste Gericht ernstlicher bedachte, wurde er von einem solchen Schrecken ergriffen, daß er darüber fast seinen Geist aufgab. Da wurde einer seiner besten Freunde, Alexius, in der Nacht erstochen. Und als er einst im Sommer 1505 von einem Besuche bei seinen Eltern zurückkehrte, ereilte ihn zwischen Erfurt und dem Dorfe Stotternheim ein heftiges Gewitter. Neben ihm schlug der Blitz ein, ein furchtbarer Donnerschlag folgte, er selbst stürzte betäubt zu Boden und in seiner Angst rief er: "Hilf, liebe heilige Anna! so will ich alsbald ein Mönch werden." Ins Kloster wollte er gehen, um Gott mit Meßhalten zu versöhnen und sich die Seligkeit mit klösterlicher Heiligkeit zu verdienen. "Ich ward", sagte er später, "je nicht gerne und willig ein Mönch, viel weniger um Mästung des Bauches willen, sondern als mit Schrecken und Angst des Todes elend umgeben, gelobte ich ein gezwungenes und gedrungenes Gelübde."

    Luther teilte nun seinen Entschluß den Mönchen mit. "Ich wollte aber", erzählte er später, "mein Vornehmen auch meinen Eltern anzeigen, um ihr Bedenken darüber zu hören. Aber sie lehrtem mich aus Hieronymus, ich soll Vater und Mutter liegen lassen und nicht achten und zu dem Kreuze Christi laufen. Sie zogen auch an den Spruch Christi: Keiner, der die Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tüchtig zum Reiche Gottes."

    Darauf lud er seine Freunde zur Abendmahlzeit ein, ergötzte sich mit ihnen noch einmal bei Gesang und Saitenspiel und bat sie, sie möchten mit ihm fröhlich sein, es sei das letzte Mal, da er in ein Kloster gehe. Sie drangen in ihn, seinen Sinn zu ändern. Vergebens. Er sagte ihnen: "Heute sehet ihr mich, hinfort nicht mehr." Er erzählt dies selbst und setzt hinzu: "Also beharrte ich bei meinem Vorsatze, gedenkend, nie wieder aus dem Kloster zu gehen." Noch in derselben Nacht - es war am Alexiustage, den 17. Juli 1505 - eilte er zum Augustinerkloster und erhielt den verabredeten Einlaß. Seine ganze Habe hatte er zurückgelassen, von seinen Büchern nahm er nur den Virgil und Plautus mit. Andern Freunden eröffnete er den Vorgang am andern Morgen brieflich und dankte ihnen für alle erwiesene Liebe. Auch seinen Eltern schrieb er und schickte ihnen den Magisterring und seine weltlichen Kleider zurück.

    Seine Freunde betrübte es bis zu Tränen, daß ein so begabter Geist im Kloster lebendig begraben werden sollte.

    Auch sein Vater empfand darüber das heftigste Mißfallen. In seiner schriftlichen Antwort nannte er ihn Du, während er ihn vorher Ihr geheißen hatte, weil er Magister war, und sagte ihm alle Gunst und väterlichen Willen gar ab. Ja, er reiste selbst nach Erfurt, um seinen Sohn auf andere Gedanken zu bringen. Und als dieser sich entschuldigte, daß er mit schrecklicher Erscheinung vom Himmel gerufen wäre, antwortete er: "Gott gebe, daß es nicht ein Betrug noch teuflisch Gespenst sei. Ei, hast du nicht gehört, daß man Eltern soll gehorsam sein und nichts hinter ihrem Wissen und Rat anfangen?" Doch ließ er sich endlich von seinen Freunden überreden. Zwei seiner Söhne waren nämlich an der Post gestorben und dazu bekam er die nachricht, Martinus sei auch tot. Da trieben ihn seine Freunde an, er solle "auch etwas Heiliges in seine Ehre opfern" und einwilligen, daß sein Sohn in den "heiligen Orden" trete. Der Vater hatte aber viel Bedenken und wollte nicht, bis er endlich sagte: "Es gehe hin; Gott gebe, daß es wohl gerate." Gleichwohl gab er nicht gerne zu.

    Nach möncischer Sitte legte Luther seinen Taufnamen Martinus nun ab und ließ sich Augustinus nennen, was er später sehr verabscheute und eine Verleugnung der Taufe nannte. Weshalb es aber Gott zuließ, daß er ins Kloster trat, das erklärt er selbst: "Gott, dessen Barmherzigkeit keine Zahl ist und dessen Weisheit ohne Ende ist, hat aus solchem Irrtum und Sünden allen wunderviel größere Güter geschaffen. Es dünket mich, daß Satanas von meiner Jugend an zuvor gesehen habe die Dinge, die er nun leidet. Deshalb hat er, mich umzubringen und zu verhindern, geraset und gewütet mit so viel Fünden, daß ich mich oft verwundert und gedacht, ob ich's gar allein wäre unter allen Menschen, den er antastet. Es hat aber Gott gewollt, wie ich nun sehe, daß ich der hohen Schulen Weisheit und der Klöster Heiligkeit aus eigener gewisser Erfahrung, ist, aus vielen Sünden und gottlosen Werken, erführe, daß das gottlose Volk nicht wider mich, ihren künftigen Widerpart, zu prangen hätte, als der unerkannte Dinge verdammte."

    Der papistischen Unversitäten Weisheit hatte Luther bereits kennen gelernt. Mit Recht nannte er sie später "Satansschulen". "Denn", sagte er, "sie haben sich schlecht um mich verdient gemacht. Ich glaube, es fehle mir nicht an Verstand, und mein Fleiß ist bekannt; ich habe aber meinen Rat gesagt, daß ein junger Mensch die Philosophie und Theologie der Schulen meiden solle, wie den Tod seiner Seele. Darum warne er nochmals mit dem Apostel: Sehet zu, daß euch nicht jemand betrüge durch die Philosophie und eitlen Betrug, worunter er getrost die Schulweisheit verstehe." "Was sind auch bisher unsere Universitäten auf der ganzen Welt anders gewese als Mordgruben viel trefflicher Ingenien [Begabter] und Verderbung der Jugend? Nicht allein darum, daß sie auf denselben ihren freien Mutwillen zu allen Sünden und Lastern gehabt haben, denn dasselbe ist das Allergeringste; aber dies ist am meisten zu beklagen, daß keine nützliche, heilsame Lehre ist vorhanden gewesen, und zu voraus die lieben Studien christlicher Lehre mit verdrießlicher, unnützer und schädlicher Sophisterei (spitzfindige Menschenlehre) verdunkelt worden, darinnen viel guter und köstlichter Ingenien (Begabungen) sind verwirret und gehindert worden, daß sie zu keiner nützlichen Frucht haben kommen können. Er klagt über "der hohen Schulen Gespenste, die wir mit unmenschlichem Gut gestiftet und viele Doktores, Prädikatores, Magister, Pfaffen und Mönche, das ist, große, grobe, fette Esel mit roten und braunen Baretten, geschmückt und auf uns geladen, die uns nichts Gutes lehreten, sondern nur immer blinder und toller machten."

    Die papistische Schulweisheit hatte Luther zur Verzweiflung gebracht. Er ging ins Kloster, um darin das Heil zu suchen. Wir werden sehen, ob er es darin gefunden hat.

 

 

Luthers Klosterarbeit

 

    Als Luther ins Kloster gegangen war, forderte er eine Bibel, und die Mönche gaben ihm eine. Sie war in rotes Leder gebunden und an eine Kette angelegt. Er las sie so eifrig, daß er fast von jedem Spruche wußte, auf welcher Seite und an welcher Stelle er stand. Manchmal dachte er über einen wichtigen Satz den ganzen Tag nach. Auch lernte er viele Sprüche der Propheten auswendig, welche er damals freilich noch nicht verstand.

    Weil er aber so viel studierte, wurde die Mönchen ihm feind; denn wie meinten: Studiert der Bruder, so wird er uns beherrschen. Sie sagten zu ihm in ihrem Mönchslatein: "Saccum per naccum et per civitatem!" das heißt: Mit dem Sacke auf dem Nacken durch die Stadt! und erklärten ihm unverhohlen: Mit Betteln und nicht mit Studieren dienet und reichert man die Klöster. Sie trugen ihm die schmutzigsten und gemeinsten Arbeiten auf; er mußte die Tür hüten, die Uhr stellen, die Kirche ausfegen, ja, die geheimen Gemächer ausräumen. Das Beschwerlichste war ihm natürlich, daß er mit dem Bettelsacke so fleißig durch die Stadt laufen mußte. Luther gehorchte ohne Klage. Weil er aber ein Glied der Erfurter Universität war, so verwandte sich diese für ihn beim Prior. Auch Dr. Johann von Staupitz, der Provinzial des Augustinerordens, nahm sich seiner an, worauf er von jenen niedrigen Diensten befreit wurde. Er war es auch, der Luther riet, vor allem die heiligen Schriften zu lesen und sich eine genaue Kenntnis derselben zu verschaffen. Diesem Rate folgte Luther mit solchem Fleiße, daß Staupitz sich sehr darüber verwunderte, ein besonderes Auge auf ihn hatte und ihn immer reizte, damit fortzufahren. So dachten aber damals wenige, und Dr. Usingen, einer seiner Klosterlehrer, sagte einmal zu ihm: "Ei, Bruder Martine, was ist die Bibel! Man soll die alten Lehrer lesen, die haben den Saft der Wahrheit aus der Bibel gezogen. Die Bibel richtet allen Aufruhr an."

    Von seinen Klosterbrüdern sagt Luther: Nur wenige wollten mit Ernst 'rechte heilige Mönche' sein, der ich auch einer gewesen". Die meisten waren "gute, sichere Leute, des sanften Pfaffen- und Klosterlebens wohl gewohnt, die niemals ihr Lebenlang eine rechte Anfechtung geschmeckt." Überhaupt lernte er nun die Heiligkeit der Klöster kennen. "Nie", sagt er, "habe er im Papsttum ein Fasten gesehen, das ein recht christlich Fasten gewesen wäre; kein Fleisch essen, habe man so geheißen und dann die besten Fische mit köstlichem Gewürz gegessen und guten Wein dazu getrunken." "Sie lehrten, daß man die zeitlichen Güter, Weingärten und Äcker verachten solle, und trachteten doch am allermeisten danach, aßen und tranken das Beste." "Ich habe im Kloster einen Bruder gesehen, der konnte fünf Semmeln fressen, da ich an einer genug hatte." "Im Papsttum war es alles ohne alle Beschwerung, alles tat man willig und gerne. Ihr Fasten war ihnen leichter als unser Essen. Zu einem Fasttage gehörten drei Freßtage. Zur Kollation auf den Abend gab man einem jeden Mönch zwei Kannen gutes Bier, ein Kännlein Wein, Pfefferkuchen oder gesalzen Brot, daß man wohl trinken könnte. Da gingen die armen Brüder wie die feurigen Engel, so gar waren sie verblichen und verschmachtet." "Das Mönchsvolk ist ein faul, müßig Volk, tut, wie es Petrus beschreibet 2. Brief 2,13, achten das zeitliche Leben für Wollust. Es ist nirgends eine größere Hoffart als in den Klöstern, großer unsättlicher Geiz, Unzucht, Haß und Neid, dem nicht zu helfen ist, noch der versöhnt kann werden, damit sie sich untereinander beißen und fressen. Fressen und Saufen, Trägheit und Unlust und Überdruß zum Gottesdienste ist kund und offenbar. Es sind Bauchdiener und Säurangen."

    Dennoch priesen sie das Mönchtum als den höchsten und herrlichsten Stand, und nannten den Eintritt ins Kloster eine neue Taufe. Als deshalb Luther sein Klostergelübde abgelegt hatte, beglückwünschten ihn die Mönche, daß er "nun wäre wie ein unschuldig Kind, das jetzt rein aus der Taufe käme". Alle priesen ihn ob der "herrlichen Tat", die er getan, in deren Folge er nun "durch eigene Werke sich heilig und selig zu machen vermöge". Und er hörte "solch süßes Lob und prächtige Worte von seinen eigenen Werken gar gerne"; denn er glaubte damals wirklich, daß er sich dadurch den Himmel verdienen könnte.

    Er selbst erzählt: "Solche Mönchtaufe haben sie danach noch viel höher ausgebreitet und will ich hier ein Exempel sagen. Ich war einmal zu Arnstadt im Barfüßerkloster. Da saß über Tisch Doktor Heinricus Küne, den sie für einen gar besondern Mann hielten, und preisete uns daher, welch ein köstlich Ding der Ordensstand wäre vor andern Ständen, darum, daß dieser Taufe halben ein solcher Vorteil darinnen wäre, wenn's einen schon gereut hätte, daß er Mönch wäre worden und damit alle seine vorigen guten Werke und Leben verloren, so hätte er noch das zuvor, wo er umkehrte und von neuem an einen Vorsatz nähme: er wollte, wo er nicht ein Mönch wäre, noch ein Mönch werden, so wäre dieser neue Vorsatz ebenso gut wie der erste Eingang gewesen, und wäre von neuem ebenso rein, als käme er aus der Taufe, und solchen Vorsatz möchte er, so oft er wollte, erneuern, so hätte er immer wieder eine neue Taufe und Unschuld bekommen usw. Wir jungen Mönche saßen und sperrten Maul und Nase auf, schmatzten auch vor Andacht gegenüber solcher tröstlichen Rede von unserer heiligen Möncherei. Und ist also diese Meinung bei den Mönchen allgemein gewesen."

    Diese Meinung teilte damals auch Luther. Mochten andere im Kloster nur fleischliche Wollust suchen, er führte darin das strengste, äußerlich heiligste Leben. Überhaupt war er als Mönch der eifrigste Papist, den es geben konnte. "Da mag ich nun", bezeugt er später, "von mir selbst mit Wahrheit auch sagen: Ist  einer gewesen, wahrlich, so bin ich es, der vor dem Wiederaufgange des evangelischen Lichtes die päpstlichen Gesetze und der Väter Traditionen (Überlieferungen) innigst verehrte, dafür eiferte, mit großem Ernst sie und daß man sie hielte, für ein Heiligtum achtete, dafür brannte und sie als zur Seligkeit notwendig verteidigte." "Den Papst betete ich aufrichtig an, nicht um Pfründen oder Würden, sondern was ich tat, das tat ich aus einfältigem Herzen, redlichem Eifer und zur Ehre Gottes." "Solche Heilige sind wir unter dem Papsttum gewesen, eben solche, wo nicht noch größere Verfolger Christi als Paulus selbst, sonderlich ich. Denn so groß war des Papstes Ansehen bei mir, daß ich meinete, nur im allergeringsten Artikel von ihm abweichen wäre eine Sünde, ewiger Verdammnis würdig, und hielt, daß ich's für eine schwere Sünde achtete, auch nur an ihn zu denken und daß ich, des Papstes Ansehen zu verteidigen, selbst Feuer hätte anzünden mögen, den Ketzer zu verbrennen, und hätte geglaubt, Gott den höchsten Gehorsam damit zu erweisen." "Wenn einer damals gelehrt hätte, was ich jetzt durch Gottes Gnade glaube und lehre, ich würde ihn mit den Zähnen zerrissen haben."

    Wie aufrichtig Luther damals den Papst anbetete, beweist folgende Geschichte, die er selbst erzählt. "Und ich einmal zu Erfurt, ein junger Theologus, im Kloster auf der Librarei (Büchersammlung) in ein Buch fiel, da Johannes Hus' Sermones (Predigten) aufgezeichnet und darinnen geschrieben standen, aus Vorwitz lüstern ward, zu sehen, was doch der Erzketzer gelehrt hätte, weil das Buch öffentlicher Librarei unverbrannt behalten wäre. Da fand ich wahrlich so viel, daß ich mich davor entsetzte, warum doch solcher Mann verbrannt wäre, der so christlich und gewaltig die Schrift führen könnte. Aber weil sein Name so greulich verdammt war, daß ich dazumal dachte, die Wände würden schwarz und die Sonne den Schein verlieren, wer des Namens Hus gedächte, schlug ich das Buch zu und ging mit verwundetem Herzen davon. Tröstete mich aber mit solchem Gedanken: vielleicht hat er solches geschrieben, ehe er ist Ketzer geworden; denn ich des Konstanzer Konzils Geschichte noch nicht wußte." "Hörte ich den Namen Hus, so erschrak ich und wagte nicht, mir selbst zu glauben, als ich einsam auf eine schriftgemäße Predigt von ihm geraten war." - So schrecklich war Luther vom Papsttum bezaubert und gefangen. Welches Gnadenwunder des Heiligen Geistes gehörte dazu, um ihn daraus zu erretten!

 

 

Luthers Priesterweihe

 

    Das war eine große Herrlichkeit im Papsttum, wenn einer die Priesterweihe empfing und seine erste Messe hielt. "Selig war die Frau", sagt Luther, "die einen Priester getragen hatte, und Vater und Mutter sind fröhlich gewesen samt allen Freunden." Denn "ein geweihter Pfaffe war gegen andere getaufte gemeine Christen wie der Morgenstern gegen einen glimmenden Docht." Die Weihe erhob selbst über Apostel, Bischöfe, Märtyrer, sofern sie nicht Priester gewesen waren: "solche große Kraft hatte der Chresam." "Die erste Messe ward hoch gehalten und trug viel Geldes, denn es schneiete da zu und war das rechte Geldnetze mit Opfer und Geschenk. Da mußte der liebe, junge Herr mit der Mutter, wenn sie noch lebte, tanzen, daß auch die Zuseher standen und weineten vor Freuden; war sie aber gestorben, so stürzte er sie unter den Kelch und erlösete sie aus dem Fegfeuer."

    Die Väter hatten beschlossen, daß Luthers Einweihung am Sonntag Kantate, den zweiten Mai 1507, stattfinden solle. Dazu lud er nun seinen Vater und andere Freunde ein. Der alte Luther rüstete sich hierzu nicht anders, als sollte er ein Hochzeitsmahl ausrichten, kam mit zwanzig Pferden ins Kloster geritten und schenkte ihm zwanzig Gulden. Indessen bezeugt Luther: "Da ich zu Erfurt meine erste Messe hielt, wäre ich schier gestorben. Denn da war kein Glaube, sondern ich sah nur allein an, wie würdig ich für meine Person war, daß ich ja nicht ein Sünder wäre, und nichts außen ließe in der Messe mit den Schirmschlägen und Gepränge."

    Eine Vorschrift ging dahin, daß kein Priester, der die Messe angefangen und das Gebet gesprochen, ohne zwingende Notwendigkeit vom Altare sich entfernen dürfe, damit ein anderer die Messe vollende, bei Strafe des Bannes. Fast wäre er ihr verfallen. Als er begonnen hatte und die Worte las: "Ich bringe dir, dem lebendigen Gott, dies Opfer", ergriff ihn eine solche Bestürzung, daß er den Altar verlassen wollte und es getan haben würde, wenn sein Präzeptor ihn nicht zurückgehalten hätte. "Denn", dachte er, "wie komme ich dazu, daß ich die hohe Majestät soll anreden, da sich doch sonst alle Menschen entsetzen müssen, wenn sie irgendeinen Fürsten oder König ansehen oder anreden sollen?"

    Als der Weihbischof ihm die Priesterweihe oder Ordination eteilte, gab er ihm den Kelch in die Hand und sprach: "Nimm hin die Gewalt zu opfern für die Lebendigen und die Toten." Davon schrieb Luther später: "Daß uns da die Erde nicht beide verschlang, war unrecht (menschlich geredet) und allzugroße Gottesgeduld und Langmut." Jedoch trotz aller antichristlicher Zusätze erkannte er auch später seine Ordination für gültig. Das Meßhalten dagegen erklärte er für die größte Sünde seines Lebens, weil er dadurch so oft das einige vollkommene Opfer JEsu Christi verleugnet habe.

    Nach gehaltener Messe wurde das Festmahl gefeiert. Als sie nun über Tische saßen, hob der neue Priester an, mit dem Vater kindlich zu reden, wollte dem Vater unrecht und sich recht geben und sprach: "Lieber Vater, warum habt Ihr Euch so hart dawider gesetzt und waret so zornig, daß Ihr mich nicht gerne wolltet einen Mönch werden lassen, und es vielleicht noch jetzt nicht allzugerne sehet? ist's doch ein fein, geruhsam, göttlich Wesen." "Ja", sagte der alte Hans Luther vor allen Doktoren, Magistern und andern Herren, "habt Ihr nie gedacht in den zehn Geboten an das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren? Diesem Gebot zuwider habt Ihr mich und Eure liebe Mutter in unserm Alter verlassen, da wir erst einen Trost und Hilfe von Euch hätten haben sollen, weil ich so viel Kosten und Mühe auf Eure Studien gewendet habe, und seid wider unsern Willen ins Kloster gegangen." "Ja", antwortete Martin, "lieber Vater, ich kann aber in diesem Stande mit Beten und anderer Andacht Euch allesamt mehr dienen, denn da ich weltlich wäre blieben." "Ach, wollte Gott!" erwiderte der alte Luther, "daß ihm so wäre." Überhaupt willigte der Vater auch damals nur höchst ungerne ein und hätte lieber gesagt: Nein, es gefällt mir nicht! was er denn zu verstehen gab, indem er sagte: "Ich muß allhier sein, essen und trinken, wollte aber lieber davon sein."

    "Ob dieses meines Vaters Worten", bezeugte Luther nachher, "erschrak ich dermaßen, als ging mir ein schneidendes Schwert durchs Herze, daß er mich erst lernete an die zehn Gebote denken, konnte auch derselben Rede hinfort nimmer vergessen. So wollte sich auch mein Vater über meinem geistlichen Stande nicht zufrieden geben, solange ich im Kloster war. Da ich aber hernach, durch Gottes Gnade erleuchtet, die Kappe ablegte und ehelich ward, da nahm mich mein Vater zu Gnaden an und wurde wieder lieber Sohn."

    "Da er mich nun einmal besuchte, fragte ich wieder: warum er mir doch allezeit wäre zuwider gewesen in meinem Mönchsstande?" "Ach", sagte er, "mir ist allezeit gewesen, es stecke hinter dem geistlichen Stande nur eitel Gleißnerei und Büberei." "Also", sagt Luther, "ward mein Vater mit mir wieder zufrieden, daraus man fein siehet, wie allezeit Gott noch hin und wieder viel einfältige Herzen sich behalten habe auch mitten unter dem Papsttum in Einfältigkeit des christlichen Glaubens."

    Als Luther Priester geworden war, nahmen ihm seine Klosterbrüder die Bibel wieder und gaben ihm die Schriften der Scholastiker (Schultheologen) in die Hände. Aus Gehorsam las er sie so fleißig durch, daß er einige fast wörtlich aus dem Gedächtnis hersagen konnte. Vor allem las er jedoch die Bücher Augustins und behielt sie auch am besten. So oft er aber Zeit und Gelegenheit fand, hat er sich in der Klosterbibliothek versteckt und sich zu seiner lieben Bibel stets und treulich gehalten.

 

 

Luthers Anfechtungen im Kloster

 

    Luther wollte durch seine eigenen Werke die Gnade Gottes verdienen. Darum ließ er es sich im Kloster "herzlich und mörderisch sauer" werden. Tag und Nacht zermarterte und zerquälte er sich mit Fasten und Beten, mit Singen und Studieren, mit Übelliegen, Frieren und Wachen, mit Seufzen und Weinen: er wollte mit Gewalt den Himmel stürmen. Zuweilen las und schrieb er so eifrig, daß er darüber die horas canonicas (die auf gewisse Stunden vorgeschriebenen Gebete) zu sprechen vergaß. Um nun seinem Gewissen und den päpstlichen Satzungen genugzutun, schloß er sich in seine Zelle ein und holte das Versäumte nach, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen. Dadurch mergelte er sich so ab, daß er einmal fünf Wochen lang nicht schlafen konnte und fast in Geisteszerrüttung geriet. Ja, es war ihm nicht genug, seine Ordensregel auf das genaueste zu halten: er stellte sich noch besondere Aufgaben. So konnte er mit Recht von sich sagen: "Wahr ist's, ein frommer Mönch bin ich gewesen und habe so gestrenge meinen Orden gehalten, daß ich's sagen darf: Ist je ein Mönch gen Himmel kommen durch Möncherei, so wollt' ich auch hinein kommen sein. Das werden mir bezeugen alle meine Klostergesellen, die mich gekannt haben. Denn ich hätte mich, wo es länger gewähret hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit."

    "Ich hatte mir", erzählt er, "einundzwanzig Heilige erwählt, las jeden Tag Messe und rief dabei immer drei derselben an, so daß ich die Woche herum kam; und vornehmlich betete ich die heilige Jungfrau an, als deren Frauenherz leichter gerührt wäre, den Sohn zu versöhnen. Und ging allenthalben jedermanns, auch der heiligen Mönche, Gebet und Seufzer also: Hilf du, liebe Mutter Gottes, und sei unsere Fürbitterin gegen das strenge Gericht deines Sohnes, sonst ist unser Seelen kein Trost noch Hilfe noch Rat." Allein "nie konnte ich's dahin bringen mit allen meinen Messen, Beten, Wachen, Fasten, Keuschheit, daß ich hätte können sagen: Nun bin ich gewiß, daß Gott mir gnädig sei, oder: nun hab ich's versucht und erfahren, daß mir mein Orden und strenges Leben geholfen hat und gen Himmel fördert."

    In seiner Angst beichtete er alle Tage und machte damit seine Beichtväter müde. Nun lehren aber die Papisten, wer Vergebung der Sünden habe wolle, der müsse in der Ohrenbeichte alle seine Sünden erzählen. Dies ist jedoch unmöglich; deshalb wußte Luther nie, ob er nun alles rein gebeichtet hätte. Darum wurde ihm die Beichte zu einer wahren Henkermarter. Aber auch die Absolution tröstete ihn nicht. Denn sie wurde ihm nur unter der Bedingung erteilt, daß er selbst für seine Sünden genugtue mit Reuen und guten Werken. Nun wußte er aber nicht, wieviel er für seine Sünden genugtun sollte. Zwar legten ihm seine Beichtväter gewisse Bußen auf, welche er auch auf das gewissenhafteste erfüllte; allein, er konnte doch nie wissen, ob Gott ihm nun wirklich deshalb gnädig sei. Dazu wiesen ihn seine Beichtväter mit der übrigen Buße ins Fegfeuer. Aber auch dies beruhigte ihn nicht. Denn kein Mensch konnte sagen, wie lange er im Fegfeuer büßen müsse. Einige meinten, sie würden nimmer aus demselben kommen, weil auf eine Todsünde sieben Jahre Buße gehörte. Nun sollten freilich Ablaß und Seelenmessen dagegen helfen, allein auch das war ein ungewisser Trost. Denn keiner konnte angeben, wie viele Messen dazu gehörten, um eine Seele aus dem Fegfeuer zu erlösen. "O", ruft Luther aus, "das ist eine schreckliche Plage in der Christenheit, daß man die Leute ungewiß macht und bleiben läßt auf ihren eigenen ungewissen Werken!"

    Seine Seelenqualen, welche er bei dieser falschen papistischen Lehre erduldete, beschreibt er so: "Da ich ein Mönch ward, wandte ich allen möglichen Fleiß daran, daß ich nach meiner Regel recht lebte, pflegte oft meine Sünden mit Ernst zu bereuen und, soviel nur möglich, alle zu beichten, hielt auch meine aufgelegte Buße so strenge und hart wie ich immer konnte. Noch gleichwohl konnte mein Gewissen nimmermehr friedsam werden, sondern stand immerdar im Zweifel und gedachte: Siehe, da und da hast du unrecht getan; ebenso, du hast deine Sünden nicht genugsam bereut, hast dies und jenes in der Beichte vergessen. Derhalben je länger ich damit umging, daß ich meinem zweifelhaftigen, schwachen und betrübten Gewissen durch menschliche Satzung helfen und raten wollte, je mehr ich's von Tag zu Tag zweifelhaftiger, schwächer und betrübter machte; und je mehr ich auf solche Weise die menschlichen Satzungen halten wollte, je mehr ich sie übertrat. In Summa, je heftiger ich immer danach trachtete, daß ich durch meinen Orden hätte mögen fromm werden, je ärger ich wurde. Denn es ist, sagt St. Paulus, unmöglich, daß eines Menschen Gewissen zu Ruhe und Frieden kommen möge durch des Gesetzes Werke; viel unmöglicher aber ist es, daß es durch menschliche Satzung geschehen solle, ohne die Verheißung und Evangelium von Christus."

    Ebenso gewährte ihm auch der Genuß des heiligen Abendmahles keinen Trost. Auch dieses liebliche und tröstliche Sakrament hatten die Papisten mit falscher Lehre verdorben und damit den Christen alle Freude genommen, die sie davon haben sollten. "Denn also", sagt er, "hat man uns gelehret, wir müssen so gar rein sein, daß auch nicht ein Stäublein täglicher Sünde in uns übrig bleibe, und so gar heilig, daß unser HErrgott uns vor großer Heiligkeit kaum ansehen könne. Solches konnte ich an mir nicht sehen, darum erschrak ich vor dem Sakrament." "Wenn ich am andächtigsten war, so ging ich ein Zweifler zum Altar, ein Zweifler ging ich wieder davon. Hatte ich meine Buße gesprochen, so zweifelte ich doch; hatte ich sie nicht gebetet, so verzweifelte ich abermal. Denn wir waren in dem Wahn, wir könnten nicht beten und würden nicht erhöret, wir wären denn ganz rein und ohne Sünde, wie die Heiligen im Himmel."

    Hieraus sehen wir, wie die römisch-katholische Lehre unsern Luther in die schrecklichste Verzweiflung stürzte. Er hatte dadurch Christus verloren. Er suchte Gott mit seinen guten Werken zu versöhnen, aber grade, weil er's ernst und aufrichtig meinte, so erkannte er, daß dies unmöglich sei. Er befolgte die päpstliche Lehre auf das treulichste, bis er aus eigener Erfahrung lernte, daß sie falsch und trostlos sei, ein Brunnen ohne Wasser. Deshalb beschreibt er seinen Zustand im Kloster so: "Henker und Teufel waren in unsern Herzen und eitel Furcht, Zagen, Schrecken, Unruhe Tag und Nacht uns marterten. Summa, ein Kloster ist die Hölle, darin der Teufel Abt und Prior ist, Mönche und Nonnen die verdammten Seelen."

    Unter solchen Anfechtungen hätte Luther endlich erliegen und sterben müssen, wenn Gott ihn nicht durch seine Heiligen, die auch noch im Papsttum verborgen waren, gnädlich getröstet hätte.

 

 

Wie Luther im Kloster getröstet wird

 

    Es war besonders Dr. Staupitz, durch dessen Zuspruch Gott sein zerschlagenes Herz erquickte. Luther beichtete ihm oft und klagte ihm seine Anfechtungen. Er antwortete ihm: "Ich habe solche Anfechtungen niemals gefühlt und erfahren; aber soviel ich verstehe und merke, sind sie Euch nötiger als Essen und Trinken." Kam er zu einem andern, so ging es ihm ebenso; kein Beichtvater wollte darum wissen. Da dachte er: Solche Anfechtungen hat niemand als du! und ward wie eine Leiche. Endlich sagte Staupitz zu ihm über Tische, als er so traurig und zerschlagen war: "Wie seid Ihr so traurig, Bruder Martin?" Luther antwortete: "Ach! wo soll ich hin?" Staupitz sprach: "Ach, du weißt nicht, wie heilsam und nötig dir solche Anfechtung ist, sonst würde nichts Gutes aus dir. Denn Gott schickt sie dir nicht vergebens zu. Du wirst sehen, daß er dich zu großen Dingen gebrauchen wird." "Dies", sagt Luther, "nahm ich auf als ein tröstlich Wort und Stimme des Heiligen Geistes."

    Einst sagte er zu Staupitz: "Ei, lieber Herr Doktor, unser HErrgott gehet ja so greulich mit den Leuten um; wer kann ihm dienen, wenn er so um sich schlägt?" Staupitz antwortete: "Lieber, lerne Gott anders ansehen: wenn er nicht so täte, wie könnte er sonst die harten Köpfe dämpfen? Er muß den hohen Bäumen steuern, daß sie nicht in den Himmel wachsen. Gott schlägt, um gesund zu machen, damit er uns errette und erlöse, die wir sonst unterdrückt werden würden."

    Auch schrieb er oft an Staupitz und klagte ihm einmal in einem Briefe: "O meine Sünde, Sünde, Sünde!" Da gab ihm Staupitz diese Antwort: "Du willst ohne Sünde sein und hast doch keine rechte Sünde. Christus ist die Vergebung rechtschaffener Sünden, wie, die Eltern ermorden, öffentlich lästern, Gott verachten, die Ehe brechen usw.: das sind die rechten Sünden. Du mußt ein Register haben, darin rechtschaffene Sünden stehen, soll Christus dir helfen; mußt nicht mit solchem Humpelwerk und Puppensünden umgehen und aus einem jeglichen Bombart eine Sünde machen."

    Ein andermal, als Luther in große, schwere Anfechtung gefallen war, tröstete ihn Staupitz und sagte: "Ei, wollt Ihr denn nur ein gemalter Sünder sein und nur einen gemalten Heiland haben? Gewöhnt Euch daran, daß Christus der wahrhaftige Heiland ist, und daß Ihr ein wirklicher Sünder seid. Gott spielt kein Schattenspiel und scherzt nicht, da er seinen Sohn uns sendet und für uns dahingibt."

    "Da ich ein junger Mensch war", erzählt Luther, "begab sich's zu Erfurt am Tage Corporis Christi (Fronleichnam) in der Prozession, da ich auch mitging und ein Priesterkleid anhatte, daß ich vor dem Sakrament, das Doktor Staupitz trug, so hart erschrak, daß mir der Schweiß ausbrach und nicht anders zu Sinne war, als würd' ich vergehen vor großer Angst. Nach der Prozession klagte und beichtete ich's Staupitzen. Der sagte: 'Ei, Eure Gedanken sind nicht Christus, denn Christus schreckt nicht, sondern tröstet nur.' Dies Wort nahm ich mit Freuden an und war mir sehr tröstlich."

    Als Luther einst über alle Maßen hart von dem Zweifel gequält wurde, ob er auch von Gott zur ewigen Seligkeit vorherbestimmt sei, und Staupitz seine Not klagte, tröstete ihn derselbe mit den Worten: "In den Wunden Christi wird die Versehung (Vorherbestimmung) verstanden und gefunden, sonst nirgends. Denn es stehet geschrieben: Den sollt ihr hören! Der Vater ist zu hoch, drum sagt er: Ich will einen Weg geben, darauf man zu mir kommen möge, nämlich Christus, an den glaubet und dem hanget an, so wird sich's zu seiner Zeit wohl finden, wer ich bin. Denn Gott ist unbegreiflich, und wir können's nicht verstehen noch ausdenken, was er sei, viel weniger, wie er gesinnet ist; er wird auch nicht begriffen, und will kurzum ungefasset sein außer Christus. Willst du von der Versehung disputieren, so fange an an den Wunden Christi, so wird zugleich alles zweifelhaftige Disputieren von der Versehung aufhören und fallen. Darum halte dich nur an das Wort, in welchem sich Gott hat offenbaret, und bei demselbigen bleibe, da hast du den rechten Weg deines Heiles und Seligkeit, wenn du ihm nur glaubst. Wo man aber eigenen Gedanken und der Vernunft folgen will, so vergisset man Gottes, da hört denn das laudate (lobet) auf und gehet das blasphemate (lästert) an; denn in Christus JEsus alle Schätze verborgen liegen, außer ihm aber sind sie gar verschlossen."

    "Derhalben bilde dir Christus wohl ein, so ist die Versehung wohl im Werk und bist allbereits versehen. Denn Gott hat es zuvor versehen und geordnet, daß sein Sohn leiden sollte nicht um der Gerechten, sondern um der Sünder willen. Wer da glaubet, der soll das liebe Kind sein. Darum soll man in diesem Artikel so denken: Gott ist wahrhaftig und lüget und trüget nicht, das weiß ich; derselbe hat mir seinen eingebornen Sohn geschenkt mit allen seinen Gütern, hat mir gegeben die heilige Taufe, das Sakrament des wahren Leibes und Blutes seines Sohnes mit allerlei Gaben, zeitlich und ewig. Wenn ich also bedenke die großen und unaussprechlichen Wohltaten, die mir Gott, der himmlische Vater, um Christi willen aus lauter Gnade und Barmherzigkeit gegeben hat ohne all meine Verdienste, gute Werke und Würdigkeit, wie sein Wort solches zeuget, und bleibe dann dabei, so ist die Versehung lieblich und tröstlich und bleibet mir fest und beständig, sonderlich weil ich weiß, daß Gott selbst in seinem Wort und durch seine Diener mit mir redet."

    Einst, als die Rede auf die Buße kam, sagte Staupitz: nur das sei eine wahre Buße, die aus der Liebe zu Gott und seiner Gerechtigkeit herfließe. Dieses Wort haftete in Luthers Seele wie der scharfe Pfeil eines Starken. Er forschte in der Schrift weiter nach und hatte die süße Freude, daß alle Sprüche mit diesem Satze übereinstimmten. Jetzt klang ihm nichts süßer und lieblicher als das Wort Buße, welches ihm früher das allerbitterte gewesen war. - Noch einige andere waren es, welche in ihn seinen Anfechtungen trösteten. So sagte einmal sein Beichtvater zu ihm, als er ihm seine Sünden bekannte: "Du bist ein Narr, Gott zürnet nicht mir dir, sondern du zürnest mit ihm. Gott ist nicht zornig auf dich, sondern du bist auf ihn zornig." Dies nannte Luther später "ein teuer, groß und herrlich Wort, das jener doch vor diesem Licht des Evangeliums sagte."

    Einst klagte er weinend seinem Lehrer von seinen Anfechtungen, deren er viele auch der Jugend halber litt. Jener sagte: "Was tust du, Sohn? Weißt du nicht, daß unser HErr selbst uns geboten hat, zu hoffen und zu glauben?" "Das einige Wort 'geboten', sagt Luther, "gab mir einen solchen Trost, daß ich hernach wußte, daß man der Absolution und Lossprechnung von Sünden glauben sollte und müßte, welche ich zuvor oftmals gehört hatte, dabei aber meinte, weil ich durch närrische Gedanken verhindert ward, daß mich solche Worte nicht angingen, noch ihnen glauben müßte, sondern als vergebliche Worte."

    Insbesondere erwähnte Luther oft mit großen Ehren und herzlichem Danke einen alten Klosterbruder, der ihn auf das apostolische Glaubensbekenntnis verwies, wo es heißt: Ich glaube eine Vergebung der Sünden. Diesen Artikel legte er so aus: "Es ist nicht genug, daß du im allgemeinen glaubst, daß Gott Sünden vergebe, denn das glauben die Teufel auch, sondern du mußt glauben, daß sie dir, dir, dir vergeben sind. Denn der Mensch wird aus Gnaden durch den Glauben gerecht." Durch diese Rede wurde Luther nicht bloß gestärkt, sondern auch auf den Satz aufmerksam gemacht: Wir werden durch den Glauben gerecht. Er las darüber viele Auslegungen nach, wurde aber durch diese Gespräche mit dem alten Manne und durch den Trost, den er empfand, bald inne, wie armselig es mit den Auslegungen bestellt war, die man damals in Händen hatte. Deshalb las und verglich er darüber unter täglichem Gebete die Reden und Exempel der Propheten und Apostel, wodurch ihm nach und nach immer mehr Licht aufging. Auch fand er in den Schriften Augustins viele klare Sätze, welche diese Lehre vom Glauben und den Trost befestigten, der in seinem Herzen entzündet worden war.

 

 

Luther wird nach Wittenberg berufen

          

    Im Jahr 1502 hatte der Kurfürst Herzog Friedrich von Sachsen durch Dr. Martin Mellerstadt und Dr. Johann Staupitz die Universität Wittenberg aufrichten lassen. Staupitz wünschte, auf der neuen Universität das theologische Studium in die Höhe zu bringen. Weil er nun an Bruder Martinus eine besondere Geschicklichkeit und ernstliche Frömmigkeit verspürt hatte, so brachte er ihn im Jahre 1508 ins Kloster nach Wittenberg. Die Abreise von Erfurt ging so eilig, daß beinahe seine nächsten Freunde nichts davon erfuhren.

    In Wittenberg mußte er zuerst die Dialektik und Physik des Artistoteles lehren. Jedoch war ihm das philosophische Lehramt zuwider, weshalb er es von Anfang an, wie er an seinen Freund Johann Braun schreibt, am liebsten mit der Theologie vertauscht hätte, nämlich mit der Theologie, welche "den Kern der Nuß, das Mark des Weizens und das Mark der Knochen erforscht". "Aber", fügte er hinzu, "Gott ist Gott, der Mensch gehet oft, ja allezeit in seinem Urteile irre. Das ist unser Gott, der leite uns selbst nach seiner Freundlichkeit in Ewigkeit."

    Am 9. März 1509, im sechsundzwanzigsten Jahre seines Lebens, wurde Luther Bakkalaureus der Theologie mit der besondern Bestimmung "ad biblia", d.h. zur Auslegung der Bibel. Nun ergab er sich ganz dem Studium der Heiligen Schrift und fing an, wider die Grundsätze der Sophisterei zu disputieren, welche damals überall im Schwange ging, und nach dem rechten und gewissen Grunde unserer Seligkeit zu fragen. Deshalb legte er auch seinen Vorlesungen immer nur die Heilige Schrift zugrunde und hielt sie für höher, gründlicher und gewisser als alle Sophisterei und Schultheologie. Hierdurch machte er ein solches Aufsehen, daß sich damals schon verständige Männer sehr darüber verwunderten. Der damalige Universitätsrektor, der berühmte Mellerstadt, sagte oft von ihm: "Der Mönch wird alle Doktoren irre machen und eine neue Lehre aufbringen und die ganze römische Kirche reformieren, denn er legt sich auf der Propheten und Apostel Schrift und stehet auf JEsu Christi Wort, das kann keiner weder mit der Philosophie noch Sophisterei, Albertisterei, Thomisterei und dem ganzen Tardaret umstoßen und widerfechten."

    Staupitz ermahnte Luther auch sehr, daß er sich im Predigen üben möchte. Weil dieser aber bedachte, daß es nicht eine geringe Sache sei, an Gottes Statt mit den Leuten zu reden, so wollte er sich nicht gerne dazu bereden lassen. Er suchte wohl fünfzehn Ausflüchte, um der Berufung zum Predigtamte zu entgehen. Zuletzt sagte er: "Herr Doktor, Ihr bringt mich um mein Leben, ich werde es nicht ein Vierteljahr treiben." Hierauf antwortete Staupitz: "Wohlan, in Gottes Namen, dem sei gleich also, wie soll man ihm denn tun? Unser HErrgott hat große Geschäfte und bedarf droben auch kluger Leute." So mußte er wohl und zuerst den Brüdern im Klostersaale predigen, darauf auch öffentlich vor der Gemeinde. Das Kirchlein aber, worin Luther zuerst predigte, beschreibt Myconius so:

    "Im neuen Augustinerkloster zu Wittenberg waren die Fundamente der Kirche zwar angelegt, aber nicht weiter gebracht als der Erde gleich. Mitten darin stand noch eine alte Kapelle von Holz, mit Lehm geklebt, sehr baufällig und auf allen Seiten gestützt, etwas dreißig Schuh lang und zwanzig breit. Sie hatte ein kleines, altes, rußiges Emporkirchlein, worauf mit Not zwanzig Menschen stehen konnten. An der Wand gegen Mittag [Süden] war ein Predigtstuhl von alten ungehobelten Brettern, etwa anderthalb Ellen hoch von der Erde. In Summa, es hatte allenthalben das Ansehen, wie die Maler den Stall zu Bethlehem malen, darin Christus geboren war. In dieser armen und elenden Kapelle nun hat Gott sein heiliges Evangelium und das liebe Kindlein JEsus lassen neu geboren werden und aller Welt zeigen, wie schön und holdselig es sei, und wieviel Trost und Heil es bringe. Es war kein Münster noch große Hauptkirche auf Erden, deren doch viele tausend waren, die Gott hierzu erwählet hätte. Bald aber ward diese Kirche zu enge und es ward Luther befohlen, in der Pfarrkirche zu predigen, und also ward das Kind JEsus auch in den Tempel gebracht." -

    So war schon damals ein Lichtstrahl in Luthers von papistischer Finsternis umnachtete Seele gefallen. Gott hatte ihn zur Heiligen Schrift geführt, und er erwählte sie zu seinem Leitstern; er ahnte, daß nur sie ihm das geben könne, was er suchte, Wahrheit und Frieden. Allein noch war sie ihm verschlossen, darum hing er noch an Rom. Doch nach dem Rate Gottes sollte ihm die Sonne der Gerechtigkeit wieder aufgehen. Wunderbar war der Weg, auf welchem Gott ihn zur Erkenntnis brachte. Luther hatte nämlich den Brief an die Römer zur Hand genommen, um ihn zu erklären. Als er nun darin auf den Spruch des Propheten Habakuk kam: "Der Gerechte wird seines Glaubens leben", da ging ihm diese Meinung durch eine göttliche Kraft so tief zu Gemüte, daß es ihn immerhin, was er auch vornahm, schien, er hörte diese Stimme: Der Gerechte wird seines Glaubens leben. Er verspürte wohl, daß sein Gemüt gewaltig getroffen wäre; aber wie er solche Gemütsbewegung stillen sollte, das wußte er nicht.

    Zugleich lenkte es der allweise Gott, daß Luther den Sitz des Papsttums aus eigener Anschauung kennenlernen sollte.

 

 

 

Luther pilgert nach Rom

 

    Es begab sich im Jahre 1510, daß Luther mit einem Ordensbruder in Klostergeschäften nach Rom geschickt wurde. Diese Reise übernahm er umso williger, als er hoffte, durch den Besuch der heiligen Örter, wie man sie nannte, Ruhe und Trost für sein Gewissen zu finden.

    Ehe Luther an das Apenninische Gebirge kam, traf er von ungefähr einige Mönche, welche an einem Freitage Fleisch aßen. Diese ermahnte er mit liebreichen und freundlichen Worten, sie sollten doch bedenken, daß der Papst ihnen das Fleischessen verboten hätte. Die Mönche erschraken nicht wenig über diese Warnung und besorgten, in große Gefahr und öffentliche Ungnade zu geraten, wenn dieses kund würde. Deshalb beredeten sie sich miteinander, wie sie Luther aus dem Wege räumen wollten. Aber Gott fügte es, daß ihm dieser Anschlag durch den Türhüter angesagt wurde; da machte er sich alsobald, so gut er konnte, aus dem Staube.

    Von seiner Reise berichtet er: "In der Lombardei am Pad ist ein sehr reiches Kloster, St. Benedikts Ordens, das alle Jahr 36.000 Dukaten Einkommen hat. Da ist solche Lust und Schlemmen, daß sie 12.000 Dukaten auf die Gasterei wenden, 12.000 auf die Gebäude, den dritten Teil auf den Konvent und die Brüder. In demselben Kloster bin ich gewesen und ehrlich traktiert und gehalten worden."

    Als Luther zuerst die Stadt Rom erblickte, fiel er zur Erde nieder, hob die Hände empor und rief: "Sei mir gegrüßt, du heilig Rom! Dreimal heilig von der Märtyrer Blut, das da vergossen ist." Dort suchte er nun voller Andacht, sein Gemüt zu befriedigen. "Ich war in Rom", erzählte er, "auch so ein toller Heiliger, lief durch alle Kirchen und Klüfte, glaubte alles, was daselbst erlogen und erstunken ist. Ich habe auch wohl eine Messe oder zehn zu Rom gehalten und war mir dazumal sehr leid, daß mein Vater und Mutter noch lebten, denn ich hätte sie gerne aus dem Fegfeuer erlöset mit meinen Messen und andern köstlichen Werken und Gebeten mehr."

    Allein, auch wenn er mit der größten Andacht das Amt der Messe hielt, so empfand er in seinem Herzen nur umso stärker die Macht des Spruches: "Der Gerecht lebt seines Glaubens." Nun war zu Rom an der St. Peterskirche die heilige Treppe, die Pilatusstiege genannt, welche nach der Papisten Vorgeben von dem Gerichtshause in Jerusalem dorthin gekommen sein soll. Hoher Ablaß war vom Papste denen verheißen, welche auf den Knieen hinaufrutschen würden. Auch Luther unterzog sich diesem Werke, um Gott den HErrn zu versöhnen, den er für hoch beleidgt hielt, seine Strafe zu büßen und dadurch als das höchste und äußerste Mittel sich aufzurichten. Während er aber die Stufen hinaufklomm, da war ihm nicht anders zumute, als ob ihm eine Donnerstimme zuriefe: Der Gerechte lebt seines Glaubens. Dies benahm ihm zwar allen Trost, welchen er dort in seinen eigenen Werken und Übungen suchte, machte ihn jedoch umso aufmerksamer auf die Kraft jenes Spruches, der ihm einst die rechte Himmelsleiter zeigen sollte.

    Rom wurde damals als die "Brunnquelle der Gerechtigkeit" gepriesen. Allein, Luther lernte es anders kennen. Er erzählt: "Ich bin zu Rom gewesen (nicht lange), hab daselbst viel Messen gehalten, und auch sehen viele Messen halten, daß mir grauet, wenn ich daran denke. Da hörte ich unter andern guten groben Grumpen (vermessene Reden) über Tische Kurtisanen (päpstliche Hofleute) lachen und rühmen, wie etliche Messe hielten und über dem Brot und Wein spräche diese Worte: Panis est, panis manebis, vinum es, vinum manebis (d.h. Du bist Brot und bleibst Brot, du bist Wein und bleibst Wein). Nun war ich ein junger und recht ernster, frommer Mönch, dem solche Worte wehe taten; was sollte ich doch denken? Was konnte mir anders einfallen als solche Gedanken: Redet man hier zu Rom frei öffentlich über Tisch so, wie, wenn sie allzumal so Messe hielten? Wie fein wäre ich betrogen, der ich von ihnen so viel Messe gehört hätte! Und ekelte mir sehr daneben, daß sie so sicher und fein rips raps konnte Messe halten, als trieben sie ein Gaukelspiel. Denn ehe ich zum Evangelium kam, hatte mein Nebenpfaff seine Messe ausgerichtet und schrie zu mir: Fratello, passa, passa, schnell, schnell, schicke unsrer Frauen ihren Sohn bald wieder heim."

    Auch erfuhr er in Rom, wie schändlich dort die Gläubigen mit falschen Reliquien betrogen wurden. Er bezeugt: "Das kann ich fröhlich sagen, wie ich gesehen und gehört hab zu Rom, daß man zu Rom nicht weiß, wo die Körper St. Pauli oder Petri liegen oder ob sie da liegen. Solches weiß Papst und Kardinal sehr wohl, daß sie es nicht wissen. Doch stellen sie zwei Häupter auf an St. Petri und Pauli Tag, geben vor und lassen den gemeinen Mann glauben, es seien der Apostel natürliche Häupter; da läuft der andächtige Pöbel zu. Aber Papst, Kardinal und ihr Gesindlein wissen sehr wohl, daß es zwei hölzerne, geschnitzte und gemalte Häupte sind; gleichwie sie mit der Veroniken auch tun, geben vor, es sei unsers HErrn Angesicht in ein Schweißtüchlein gedruckt, und ist nichts denn ein schwarz Brettlein viereckt, da hänget ein Klaretlin vor, darüber ein anderes Klaretlin, welches sie aufziehen, wenn sie die Veronika weisen; da kann man nicht mehr sehen denn ein Klaretlin vor einem schwarzen Brettlein: das heißt dann die Veronika geweiset und gesehen. Und hier ist große Andacht und viel Ablaß bei solchen ungeschwungenen Lügen."

    In Italien fand Luther die allerunwissendsten Meßpfaffen. Er sagt von ihnen: "Je größere Ehre und Würden sie haben, desto mutwilliger sündigen sie, daß daher vorlängst das Sprichwort ist gemacht worden: Je näher Rom, je ärger Christ." Überhaupt kann er keine Worte finden, um die entsetzlichen Greuel und Laster zu beschreiben, die er in Rom erblickte. "Alles, was göttliche Ordnung ist, des wird zu Rom nicht das kleinste Buchstäblein gehalten, ja, es wird verspottet wie eine Torheit, so jemand sein gedenket. Dazu alle böse Exempel geistlicher und weltlicher Büberei aus Rom, als aus einem Meere der Bosheit, fließt in alle Welt. Niemand glaubt, was zu Rom für Büberei und greuliche Sünde und Schande gehen; man kann's keinen bereden, daß so große Bosheit da ist, er sehe, höre und erfahre es denn."

    "Zu Rom", erzählt er, "habe ich gesehen in einer großen Gassen, so stracks nach St. Peters Münster gehet, öffentlich in Stein gehauen einen Papst, wie ein Weib mit einem Zepter, päpstlichen Mantel, trägt ein Kind im Arme; durch dieselbe Gasse zieht kein Papst, damit er solch Bild nicht sehen muß. Denn ein Weib, mit Namen Agnes, so von Mainz gebürtig war, ist etwan von einem Kardinal knabenweise in England eingeführt und endlich gen Rom gebracht. Da ist sie von Kardinälen zum Papst gewählt worden, aber sie ist zuschanden und offenbar worden, daß sie öffentlich in derselben Gasse ein Kind gehabt."

    So mußte Luther das Papsttum in Rom gründlich kennenlernen, um einst desto besser dagegen zeugen zu können. Deshalb sagte er selber: "Ich wollte nicht tausend Gulden nehmen, daß ich Rom nicht gesehen hätte, ich müßte mich sonst immer besorgen, ich täte dem Papst Gewalt und Unrecht: aber was wir sehen, das reden wir."

    Als er seinen Auftrag in Rom ausgerichtet hatte, kehrte er arm und trübselig wieder heim. Er war enttäuscht. Er hatte in Rom Heiligkeit und Trost zu finden gehofft und statt dessen ein teuflisches Wesen daselbst gesehen. In Bologna überkam ihn ein so heftiger Anfall von Kopfschmerzen und Ohrensausen, daß er sich seines Endes versah und in tiefste Schwermut versank. Da trat ihm plötzlich das Wort: "Der Gerechte wird seines Glaubens leben" wiederum, nun aber verklärt, vor die Seele, und wie durch einen himmlischen Lichtstrahl ward er neu belebt und wunderbar erfrischt. Noch nie hatte er zuvor, so oft und eifrig er den Brief an die Römer studiert, den Sinn jenes Wortes so klar und gewaltig verstanden. Jetzt stand es mit göttlicher Klarheit und Festigkeit in seiner Seele geschrieben, was die vom Apostel so oft angeführte Gerechtigkeit sei, nämlich die Gerechtigkeit Christi, welche von Gott aus Gnaden dem Glauben zugerechnet wird. Nach Wittenberg zurückgekehrt, forschte er ohne Unterlaß weiter darüber nach und hatte die unendliche Freude, diese Wahrheit überall bestätigt zu sehen. "Da wurde mir", schreibt er, "die ganze Heilige Schrift und der Himmel selbst auch geöffnet. Alsbald fühlte ich mich wie neu geboren; es war mir, als hätte ich das weit geöffnete Tor des Paradieses gefunden. Nun sah mich auch die liebe Heilige Schrift viel anders an, als zuvor geschehen war, durchlief deshalb bald die ganze Bibel, soweit mein Gedächtnis reichte, verglich und fand, Gottes Gerechtigkeit heiße umso gewisser, daß er uns gerecht mache, da alles so wohl stimmte, daß Gottes Werk hieß, daß Gott in uns selbst wirket; Gottes Kraft, damit er uns stark macht; Gottes Weisheit, damit er uns weise macht, ebenso die andern, Gottes Stärke, Gottes Heil, Gottes Herrlichkeit und dergleichen. Wie ich nun zuvor dieses Wörtlien 'Gottes Gerechtigkeit' mit rechtem Ernste hassete, so fing ich dagegen nun an, dasselbe als mein allerliebstes und tröstlichstes Wort teuer und hoch zu achten, und war nun jene Stelle in St. paulus mir in Wahrheit die rechte Pforte des Paradieses."

 

 

Luther wird Doktor der Heiligen Schrift

                   

    Im Jahre 1512 beschloß Staupitz, Luthers Vorgesetzter, samt dem ganzen Kloster, Bruder Martinus solle Doktor der Heiligen Schrift werden, und zeigte ihm diesen Beschluß zu Wittenberg unter einem Baume im Kloster an. Als aber Luther sich entschuldigte, er sei ein schwacher und kranker Bruder, der nicht lange zu leben habe, man solle sich nach einem tauglichern und gesündern umsehen, antwortete Staupitz scherzweise: "Es läßt sich ansehen, unser Gott werde bald viel im Himmel und auf Erden zu schaffen bekommen, darum wird er viele und arbeitsame Doktoren haben müssen, durch die er seine Händel verrichte. Ihr lebet nun oder sterbet, so bedarf Gott Euer in seinem Rate. Darum folget, was Euch Euer Konvent auflegt, wie Ihr mir und demselben auf Euer Profeß schuldig seid zu Gehorsam. Was die Unkosten anbelanget, will unser gnädigster Kurfürst, Herzog Friedrich, aus seiner Kammer, unserm Gott, dieser Universität und Kloster zur Förderung, aufs gnädigste darlegen." Letzteres ist auch geschehen. Der Kurfürst hatte Luthern nämlich predigen gehört und seinen Geist, die Kraft seiner Rede und die nützlichen Lehren, welche er vortrug, bewundert.

    So wurde Luther am 18. Oktober 1512 um ein Uhr mittags von Dr. Andreas Bodenstein Carlstadt, dem damaligen Dekan und Archidiakonus der Kirche Allerheiligen, in Gegenwart vieler Herren von der Universität und anderer ehrwürdiger Männer zum Lizentiaten der heiligen Theologie erklärt. Am folgenden Tage, nachdem sich unter dem Geläute der großen Glocke die Väter und Gäste, wie zuvor, versammelt hatten, wurde er von Dr. Carlstadt mit dem Ehrenzeichen eines Doktors der Theologie geschmückt. Dieses seines ordentlichen und öffentlichen Berufes und teuren Eides, den er Gott, der Heiligen Schrift und der Universität zu Wittenberg getan, hat sich Luther oft in großen Nöten und Kämpfen getröstet, wenn ihm Teufel und Welt hat wollen angst und bange machen, wer es ihm befohlen? und wie er es verantworten wolle, daß er ein solch Wesen in der ganzen Christenheit anrichte? Da konnte er fröhlich bezeugen: "Ich, Doktor Martinus, bin dazu berufen und gezwungen, daß ich mußte Doktor werden, ohne meinen Dank, aus lauter Gehorsam. Da habe ich das Doktorat müssen annehmen und meiner allerliebsten Heiligen Schrift schwören und geloben, sie treulich und lauter zu predigen. Über solchem Lehren ist mir das Papsttum in den Weg gefallen und hat mir's wollen wehren, darüber aber ist es ihm ergangen, wie vor Augen, und soll ihm noch immer ärger gehen, und sollen sich meiner nicht erwehren."

    Da er in demselben Jahre vom Rate auch zum Prediger berufen wurde, so studierte er die Heilige Schrift noch eifriger und ernstlicher als je zuvor. Um sie desto gründlicher verstehen zu lernen, trieb er fleißig die hebräische Sprache, in welcher ursprünglich das Alte Testament geschrieben ist, sowie die griechische, in der das Neue abgefaßt ist. In seinen Vorlesungen legte er den Brief an die Römer und die Psalmen so klar und herrlich aus, daß alle frommen und verständigen Herzen und Christen nicht anders glauben konnten, als daß ihnen nach langer dunkler Nacht ein neues, schönes und liebliches Licht erschienen und aufgegangen sei. Denn er zeigte den rechten Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium und widerlegte gewaltig den schrecklichen Irrtum, welcher damals alle Schulen und Kanzeln eingenommen hatte, daß sich die Menschen durch eigene gute Werke Vergebung der Sünden verdienen könnten und durch äußerliche Frömmigkeit und bürgerliche Ehrbarkeit vor Gott dem HErrn gerecht würden, wie zu Christi Zeiten die Pharisäer und Schriftgelehrten auch gelehrt hatten. Dagegen zog er wieder die Herzen zum Sohne Gottes, zeigte ihnen, wie einst Johannes der Täufer, das Lamm Gottes, welches alle unsere Sünden vollkommen bezahlt und hinweggenommen hat, und lehrte, daß uns die Sünden ohne alles eigene Verdienst allein um Christi willen vergeben würden, und daß man diese Wohltat mit einem lebendigen Glauben annehmen und bis ans Ende bewahren müsse. Dabei verfaßte er auch viel tröstliche und lehrreiche Briefe an geängstete Gewissen und schrieb unter anderm an einen geliebten Bruder im Kloster Memmingen, Georg Spenlein, so: "Ich möchte wohl wissen, wie es um Deine Seele steht, ob sie endlich ihrer eigenen Gerechtigkeit überdrüssig sei und in der Gerechtigkeit Christi sich erquicken und darauf ihr Vertrauen setzen lerne. Denn in unserer Zeit werden gar viele von vermessenem Wahne hart angefochten, und sonderlich solche, welche aus aller Macht gerecht und fromm sein wollen: sie kennen die Gerechtigkeit Gottes nicht, welche uns in Christus überfließend und umsonst gegeben ist, und suchen aus sich selbst so lange Gutes zu wirken, bis daß sie die Freudigkeit haben, vor Gott zu treten, als Leute, die mit guten Werken und Verdiensten geschmückt sind, was doch unmöglich geschehen kann. Du warst, als Du bei uns warst, in dieser Meinung oder vielmehr in diesem Irrtum, und auch ich war darin, und auch jetzt noch streite ich dagegen und habe ihn noch nicht überwunden. Darum, mein lieber Bruder, lerne Christus und zwar den gekreuzigten, lerne ihm singen und an Dir selbst verzweifelnd sprechen: Du, mein HErr JEsu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin Deine Sünde. Du hast angenommen, was mein ist, und mir gegeben, was ich nicht war."

    So ging durch Luther das herrliche Licht des Evangeliums wieder auf. Denn er zeigte aus Gottes Wort, was der Mensch zu tun habe, um selig zu werden, und behandelte vornehmlich die Lehre von der Buße, von der Vergebung der Sünden, vom Glauben und vom rechten Trost im Kreuz. Durch die Süßigkeit dieser Lehre wurden alle frommen Herzen gar sehr ergriffen, und vielen Gelehrten war es lieb, daß Christus, die Propheten und Apostel gleichsam aus der Finsternis und dem Staube, darin sie gefangen lagen, herausgeführt wurden. Zugleich bekämpfte Luther die falsche aristotelische Philosophie, womit die Papisten ihre Kirchenlehre behaupten wollten, und bewies, daß man den rechten Glauben, christlich zu leben und selig zu sterben, aus der Heiligen Schrift lernen müsse und nicht aus dem Heiden Aristoteles. Dazu kam, daß er einen gottseligen, unsträflichen Wandel führte. Sein Leben stimmte mit seiner Lehre überein, und man sah, daß es nicht bloße Worte waren, sondern daß er es von Herzen treulich meinte. Auch änderte er nicht voreilig an den Kirchengebräuchen, vielmehr war er unter den Seinen ein strenger Hüter der Ordnung. Dadurch gewann er die Liebe seiner Zuhörer und ein großes Ansehen.

    Überhaupt hatten in der damaligen Zeit die schönen Wissenschaften und freien Künste durch Johann Reuchlin und Erasmus einen neuen Aufschwung bekommen. Während nun Luther die Wahrheit nach und nach immer klarer erkannte, suchten seine Freunde Staupitz, Spalatin und andere die Wissenschaften auch in Wittenberg zu fördern und redeten ihnen das Wort bei ihrem Kurfürsten. Bald blühten sie daselbst immer lieblicher auf, und besonders wurden die alten Sprachen fleißig getrieben, welche nebst herzlichem Gebet, heiligem Kreuz und ernstlicher Betrachtung die besten Ausleger des göttlichen Wortes sind. Und weil nun durch Luther dort eine bessere Lehrweise aufgekommen war, so bekamen viele helle und begabte Köpfe einen Widerwillen gegen die barbarische und scholastische Lehre der Mönche und wandten sich dem Evangelium zu. So konnte Luther am 17. Mai 1517 an Johann Lange berichten: "Unsere Theologie und St. Augustin gedeihen und herrschen mit Gottes Hilfe auf unserer Universität. Aristoteles steigt allgemach von seinem Throne herunter und wird bald über den Haufen stürzen, vielleicht für immer. Die Vorlesungen über den Sententiarier stehen in großer Verachtung und es kann niemand auf Zuhörer rechnen, wenn er nicht über die Bibel oder St. Augustin oder einen andern rechten Kirchenvater lesen will."

    Im Jahre 1516 herrschte die Pest in Wittenberg, und Johann Lange hatte Luther geraten zu fliehen. Er antwortete: "Wo soll ich hinfliehen? Ich hoffe, die Welt wird mit Bruder Martin nicht zusammenfallen. Die Brüder will ich zwar, wenn die Pest überhandnimmt, überallhin zerstreuen; ich aber bin hierher gestellt und aus Gehorsam darf ich nicht fliehen. Das sage ich nicht, als ob ich den Tod nicht fürchte, denn ich bin nicht der Apostel Paulus, sondern nur sein Ausleger, aber ich hoffe, Gott wird mich aus aller meiner Furcht erretten."

    Auch war Luther im Jahre 1517 noch in Dresden, wo er am 25. Juli vor dem Herzog Georg predigte. In dieser Predigt sagte er, kein Mensch dürfe die Hoffnung des Heils wegwerfen, weil die, welche das Wort Gottes mit aufmerksamen Herzen hören, Christi rechte Jünger und zum ewigen Leben erwählt und bestimmt seien. Dabei verweilte er länger und zeigte, daß die Lehre von der Vorherbestimmung, wenn man dabei nur von Christus ausgehe, eine besondere Kraft habe, die Furcht vor Gott zu vertreiben, um deretwillen die Menschen im Gefühl ihrer Unwürdigkeit zitternd vor Gott fliehen, zu dem sie doch vor allem ihre Zuflucht nehmen sollten. Über Tische fragte der Herzog die Hofmeisterin Barbara von Sala, wie ihr die Predigt gefallen habe, und diese antwortete: wenn sie noch eine solche Predigt hören könnte, so wolle sie noch einmal so ruhig sterben. Darüber ward der Herzog zornig und sagte in seiner papistischen Blindheit: er wolle viel Geld geben, wenn er eine solche Predigt nicht gehört hätte, welche die Leute vermessen mache.

    Von Staupitz beauftragt, visitierte Luther in den Jahren 1516 und 1517 vierzig Augustinerklöster in Meißen und Thüringen. Dieses schwierige Geschäft führte er mit großer Treue aus, richtete Schulen auf und ermahnte die Mönche zum fleißigen Bibellesen und zu einem heiligen, friedlichen und züchtigen Wandel. Bei dieser Gelegenheit erkannte er noch gründlicher das große in den Klöstern herrschende Verderben und wurde so von Gott immer mehr zu dem großen Werke der Reformation ausgerüstet.

 

 

Tetzels schändlicher Ablaßunfug

 

    Zu der Zeit saß auf dem päpstlichen Throne Leo X., ein gottloser Mensch, der sich allen Lastern und Wollüsten ergab und gar nichts glaubte. Durch seine Unzucht und Völlerei hatte er beinahe das Gesicht verloren. Als ihm einst Kardinal Bembo etwas aus der Heiligen Schrift vorbrachte, sprach er die entsetzlichen Worte: "O, was hat uns die Fabel von Christus für Geld eingebracht!" Luther erzählt von ihm: "Wenn er sich wollte ergötzen und zu Gelächter und Fröhlichkeit Kurzweil halber reizen, stellete er zwei Stocknarren dar, die vor seinem Tische disputierten, ob die Seele unsterblich wäre. Der eine hielt Ja, der andere hielt dagegen Nein. Und als sie nun nach gehaltener Disputation ihre vorgetragenen Gründe alle beide dem Papste heimstelleten, hat der allerheiligste Vater aus seinem heiligen römischen Geiste dieser Sache mit diesem Urteil den Beschluß gegeben: 'Wiewohl', sprach er zu dem, welcher Ja hielt, 'du gute Gründe und Ursache hast vorgebracht, so halte ich es doch mit dem, der da hält, wir sterben wie ander Vieh; denn jenes macht melancholisch und traurig, dies macht einen guten, leichten Mut.'"

    Der Papst brauchte aber zu seinem Prassen und Schwelgen viel Geld. Um dieses zu erlangen, schrieb er einen allgemeinen Ablaß aus, angeblich zum Fortbau der prachtvollen Peterskirche, und beauftragte den Kurfürsten Albrecht von Mainz, der zugleich Erzbischof war, diesen Ablaß in Deutschland predigen zu lassen. Albrecht wählte zu diesem Geschäfte den Dominikanermönch Johann Tetzel, einen unverschämten Menschen, der schon einmal um Ehebruchs willen vom Kaiser Maximilian zu Innsbruck in einem Sacke hatte ersäuft werden sollen. Zum Lohn für seine Mühe bekam er monatlich achtzig Dukaten für sich und zehn für seine Dienerschaft, sodann Kleidung, Zehrgeld für sich und Futter für drei Pferde.

    Solcher Ablaß brachte dem Papste unermeßlich viel Geld ein. Denn es wurde dem armen Volke vorgelogen, wer einen Ablaßbrief kaufe, dem würden nicht bloß die Sünden vergeben, sondern auch alle Strafen in diesem Leben und im Fegfeuer erlassen. Darum strömte alles herbei, selbst die ärmsten Spinnerinnen, Witwen und Bettler brachten ihr letzten Geld und kauften Ablaß, um damit die Seelen ihrer Freunde aus dem Fegfeuer zu erlösen, daß, wenn es länger gewährt, Deutschland weder Heller noch Pfennig behalten hätte. Und doch hatte der Papst noch nicht genug daran, verwandte es auch nicht zur Peterskirche, sondern nur zu seiner Hoffart und Büberei. Es wurde so übertrieben, daß auch Kaiser, König, Fürsten und Herren des heiligen Reiches deshalb verdrossen wurden, auf mehreren Reichstagen darüber heftig klagten und eine Reformation begehrten. Aber da konnte neimand raten noch helfen, der irdische Gott zu Rom war zu mächtig in der Kirche und in aller Menschen Herzen, und sein Bann zu gefürchtet.

    Weil nun der päpstliche Ablaß damals im höchsten Ansehen stand, so wurde der Ablaßkrämer Tetzel überall mit dem größten Gepränge empfangen. Wenn er in eine Stadt einzog, so trug man die päpstliche Bulle auf einem samtenen oder goldenen Tuche vor ihm her, und alle Priester, Mönche, der Rat, Schulmeister, Schüler, Männer, Frauen, Jungfrauen gingen ihm mit Fahnen und Kerzen, mit Gesang und Prozession entgegen. Da läutete man alle Glocken, schlug alle Orgeln, dann begleitete man ihn in die Kirche und richtete mitten in derselben ein rotes Kreuz auf, woran man des Papstes Wappen hängte: mit einem Worte, man hätte Gott selbst nicht schöner empfangen können.

    Unerhört aber war die Frechheit, mit welcher Johann Tetzel seinen Ablaßkram betrieb. In St. Annaberg sagte er, wenn sie flugs einlegten und reichlich Ablaß löseten, so würden alle Berge um St. Annaberg gediegen Silber werden. In Magdeburg wollte er einmal eine reiche Frau nicht eher absolvieren, als bis sie hundert Gulden bezahlt hätte. In Leipzig wußte er das Landvolk der Umgegend dadurch anzulocken, daß er die Ablaßpredigten auf die Sonn- und Festtage verlegte und dabei Lustbarkeiten veranstaltete, Vogelschießen, Kletterstange, Kegelschieben um einen Ochsen, Würfelspiel um Pfefferkuchen usw. Sein Gehilfe, Bartholomäus Rauch, trieb es fast noch ärger. Er sagte, wie er von dem heiligen roten Ablaßkreuze, woran das Wappen des Papstes hing, mit seinen Augen sehe das Blut Christi mildiglich herabfließen, und daß solche große Gnade seit der Zeit des Leidens Christi nicht gewesen sei. Er sagte auch, wie das Kreuz Zeichen täte, und welche etwas dawider redeten, die tat er in den Bann. - Tetzel hatte eine ordentliche Sündentaxe. Zauberei vergab er für zwei Dukaten, Vielweiberei kostete sechs, Mord acht, Kirchenraub und Meineid neun. - "Mit einem Groschen", sagte er, "könnt ihr die Seele eures Vaters aus dem Fegfeuer erlösen, und seid ihr wohl so undankbar, daß ihr euren Vater nicht aus der Qual retten wolltet? Hättet ihr nur einen Rock, so müßtet ihr denselben augenblicklich ausziehen und verkaufen, um solche Gnade zu erhandeln."

    Tetzel drohte denen, die wider den Ablaß redeten, er wolle ihnen als Ketzermeister die Köpfe abreißen lassen und sie so blutig in die Hölle stoßen. Indessen wurde er doch einmal betrogen. Als er in Leipzig viel Geld zusammengescharrt hatte, kam ein Edelmann zu ihm und fragte ihn, ob er ihm auch die Sünden vergeben könne, die er erst zu begehen willens sei, dann wolle er ihm zehn Taler geben. Tetzel weigerte sich zuerst sehr und entschuldigte, es sei eine wichtige Sache. Doch habe er volle Gewalt vom Papste; wenn er ihm dreißig Taler gebe, so wolle er ihm den verlangten Ablaß erteilen. Der Edelmann bezahlte die Summe, und als Tetzel bald nachher von Leipzig abreiste, lauerte er ihm auf, nahm ihm das Ablaßgeld ab und sagte, das sei die Sünde, für welche er den Ablaß gelöst hätte. Tetzel klagte zwar darüber, doch wurde er nur wegen seiner Leichtfertigkeit verspottet und dem Edelmann geschah nichts.

    Mit welch teuflischer List dieser Betrüger das arme Volk belog und um das Geld brachte, davon noch folgendes Beispiel: Als er in Zwickau seinen Ablaß viele Tage lang feil geboten hatte und nun abreisen wollte, sagten die Kapläne und Altaristen zu ihm: "Herr, Ihr ziehet nun hinweg, und wir haben Eures Ablasses nicht genossen; möchtet uns doch etwas zum Besten gegeben haben, daß wir einen guten Mut darauf gehabt hätten." Tetzel antwortete, das Ablaßgeld habe er bereits eingepackt, doch wolle er ihre Bitte erfüllen. Am folgenden Tage ließ er die große Glocke läuten, worauf das Volk in Menge zur Kirche kam. Dann trat er auf und sagte, er habe diesen Morgen abreisen wollen. Allein, in der vergangenen Nacht sei eine arme Seele auf dem Kirchhof gewesen, die habe so jämmerlich gewinselt und gefleht, man möge ihr helfen, damit sie aus ihrer schrecklichen Pein erlöst würde, daß er nicht anders habe können, als diesen Tag noch zu bleiben. Er werde jetzt für dieselbe eine Sammlung halten, da sollten sie fleißig zum Opfer gehen, damit die arme Seele aus ihrer Qual erlöst würde. Wer solches nicht tue, der beweise damit, daß er kein Mitlied mit der armen Seele habe, ja, er müßte selbst in der Sünde ersoffen sein, darum die arme Seele jetzt litte, und sei es ein Mann, so müßte er ein Ehebrecher, sei es aber eine Frau, so müßte sie eine Ehebrecherin sein. Und damit sie sähen, daß große Not vorhanden sei, so wolle er selbst zum Opfer gehen. So ist er der erste gewesen, der Geld eingelegt hat, und darauf ist ein solcher Opfergang erfolgt, daß die Leute in der Kirche einander das Geld abgeborgt haben, um opfern zu können; denn niemand hat wollen ein Ehebrecher oder eine Ehebrecherin sein. Dies Geld hat er dann den Pfaffen zum Besten gegeben und ist mit ihnen darauf leichtsinnig gewesen. Denn die Ablaßkrämer pflegten öffentlich in den Wirtshäusern zu prassen und ihren erworbenen Anteil vom Ablaßgelde mit Schwelgen und Huren wieder durchzubringen.

    So kam Tetzel endlich im Jahre 1516 auch nach Jüterbog, in der Nähe von Wittenberg. Unglaublich ist es, was dieser unverschämte Mensch vorgeben und predigen durfte. Der Papst, sagte er, hätte mehr Macht als alle Apostel, alle Engel und Heiligen, auch Maria die Jungfrau selbst, denn diese wären alle noch unter Christus, aber der Papst wäre Christus gleich. Ja, nach der HImmelfahrt hätte Christus nun in der Kirche nichts mehr zu regieren, sondern hätte solches alles dem Papste, als seinem Statthalter, befohlen. Das rote Ablaßkreuz und des Papstes daranhängendes Wappen solle man als das Allerheiligste verehren und anbeten; der Ablaß mache die, die ihn lösten, reiner als die Taufe, ja, als Adam im Paradiese im Stande der Unschuld gewesen sei.

    "Zu der Zeit", erzählt Luther, "war ich Prediger allhier im Kloster und ein junger Doktor, neulich aus der Esse gekommen, hitzig und lustig in der Heiligen Schrift. Als nun viel Volks von Wittenberg lief dem Ablaß nach gen Jüterbog und Zerbst, und ich, so wahr mich mein HErr Christus erlöset hat, nicht wußte, was der Ablaß wäre, fing ich säuberlich an zu predigen, man könne wohl Besseres tun, das gewisser wäre als Ablaß lösen. Solche Predigt hatte ich auch zuvor getan auf dem Schlosse wider den Ablaß und bei Herzog Friedrich damit schlechte Gnade verdient, denn er sein Stift auch sehr lieb hatte" (dasselbe besaß nämlich einen großen Ablaß). Luther riet vielmehr seinen Zuhörern, lieber nach Christi Befehl den Armen ein Almosen zu geben als solche ungewisse Gnade zu kaufen. Wer Buße tue, der bekomme Vergebung seiner Sünden, die uns Christus durch sein eigen Opfer und Blut erworben und ohne Geld aus lauter Gnade uns anbiete und umsonst gebe.

    Mit Entsetzen erfuhr jedoch Luther die schrecklichen Folgen der Ablaßkrämerei im Beichtstuhle. Die Zahl seiner Beichtkinder minderte sich und die, welche zu ihm kamen, erklärten trotzig, daß sie von Ehebruch, Hurerei, Wucherei und dergleichen Sünden nicht ablassen wollten. Weil sie nun keine rechte Buße und Besserung versprechen wollten, so weigerte sich Luther, sie zu absolvieren. Da beriefen sie sich auf ihre Ablaßbriefe. Doch Luther kehrte sich nicht daran, sondern hielt ihnen den Spruch vor Luk. 13,3: "Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auch also umkommen." Deshalb gingen sie wieder zu Tetzel und klagten ihm, daß dieser Augustinermönch ihre Ablaßbriefe verachte. Hierüber wurde dieser sehr zornig, wütete, schalt und maledeite greulich auf dem Predigtstuhl und drohte feindlich mit den Ketzermeistern. Und um allen einen Schrecken von seiner Macht einzujagen, ließ er einigemale auf dem Markte ein Feuer anzünden, womit er zeigte, daß er vom Papste Befehl habe, die Ketzer zu verbrennen, die sich dem allerheiligsten Papste und seinem allerheiligsten Ablaß widersetzten.

    Indessenkam vor Luther, daß Tetzel folgende greuliche, schreckliche Artikel gepredigt hätte: Das rote Ablaßkreuz, mit des Papstes Wappen in der Kirche aufgerichtet, wäre ebenso kräftig wie das Kreuz Christi. Er wolle im Himmel mit St. Peter nicht teilen, denn er hätte mit Ablaß mehr Seelen erlöst als Petrus mit seinem Predigen. Sobald das Geld, welches jemand in den Kasten für eine Seele im Fegfeuer legte, auf den Boden fiele und klänge, so fahre die Seele heraus gen Himmel. Die Ablaßgnade wäre eben die Gnade, wodurch der Mensch mit Gott versöhnt werde. Es sei nicht nötig, Reue, Leid oder Buße über seine Sünde zu haben, wenn einer Ablaßbriefe kaufe. Überhaupt suchte Tetzel in Jüterbog sich selbst noch zu überbieten. Er sagte unter anderm auf der Kanzel, daß er am Karfreitag die Seele des Bürgers Geserick habe in den Himmel fliegen sehen.

    "Ich wußte aber zu der Zeit nicht", erzählt Luther, "wem solch Geld sollte: da ging ein Büchlein aus gar herrlich unter des Bischofs zu Magdeburg Wappen, darin solche Artikel den Quästoren geboten wurden zu predigen. Da kam's hervor, daß Bischof Albrecht diesen Tetzel gedingt hatte, weil er ein großer Klamant (Schreier) war; denn er war zu Mainz als Bischof erwählt mit solchem Pakt (Bedingung), daß er zu Rom das Pallium (weiße Binde) selbst sollte kaufen. Denn es waren zu Mainz neulich drei Bischöfe, Berthold, Jakobus und Uriel, kurz nacheinander gestorben, daß dem Bistum vielleicht schwer war, das Pallium zu kaufen, welches gestehet, wie man sagt, 26.000, etliche sagen 30.000 Gulden; denn so teuer kann der allerheiligste Vater zu Rom Flachfaden, der sonst kaum sechs Pfennig wert ist, verkaufen.

    "Da erfand nun der Bischof dies Fündlein und gedachte das Pallium den Fuggern zu bezahlen (denn die hatten das Geld vorgestreckt) mit des gemeinen Mannes Beutel, und schickte diesen großen Beuteldrescher in die Länder; der drosch auch weidlich darauf, daß es mit Haufen begann in die Kasten zu fallen, zu springen, zu klingen. Er vergaß aber sich selbst daneben nicht. Es hatte dazu der Papst dennoch die Hand mit im Sode behalten, daß die Hälfte sollte fallen zu dem Bau der St. Peterskirche zu Rom. Also gingen die Gesellen hinan mit Freuden und großer Hoffnung, unter die Beutel zu schlagen und zu dreschen. Solches, sage ich, wußte ich damals nicht. Da schrieb ich einen Brief an den Bischof zu Magdeburg, ermahnte und bat, er wolle dem Tetzel Einhalt tun und solch ungeschickt Ding zu predigen wehren, es möchte eine Unlust daraus entstehen, solches gebühre ihm, als einem Erzbischofe; aber mir ward keine Antwort. Desgleichen schrieb ich auch dem Bischof zu Brandenburg als Ordinario (Vorgesetzten), an dem ich einen sehr gnädigen Bischof hatte. Darauf er mir antwortete, ich griffe der Kirche Gewalt an und würde mir selbst Mühe machen; er riet mir, ich ließe davon. Ich kann wohl denken, daß sie alle beide gedacht haben, der Papst würde mir, solchem elenden Bettler, viel zu mächtig sein."

    Da nun die Bischöfe dem Ablaßgreuel nicht wehren wollten, so durfte Luther nicht länger dazu schweigen. Sein göttlicher Beruf als Seelsorger und Lehrer der Heiligen Schrift verpflichtete ihn, Zeugnis dagegen abzulegen. So war es der allmächtige Gott selbst, der ihn zum Reformator seiner Kirche und zum Kämpfer gegen das Papsttum berief. Damit er aber in diesem heiligen Werke nicht gehindert würde, lenkte Gott das Herz der Mächtigen auf wunderbare Weise zu seinen Gunsten.

 

 

Luthers 95 Thesen. Anfang der Reformation

 

    Am ersten November wurde das Kirchweihfest der Schloßkirche zu Wittenberg, als einer Kirche aller Heiligen, gefeiert, an welchem Tage viel Volks von nah und fern herzuströmte. Die Thesen (Sätze) wurden nach akademischem Brauche am Tage zuvor, und zwar gerade mittags zwölf Uhr, angeschlagen. Es war nun am 31. Oktober 1517, als Luther 95 Thesen wider die Ablaßmißbräuche an die Tür jener Kirche im Namen Gottes anschlug. Darin griff er indes den päpstlichen Ablaß selbst noch gar nicht an, sondern nur die gröbsten Mißbräuche desselben, wobei er jedoch schon gestand, die unverschämte Predigt vom Ablasse mache es selbst den Gelehrten schwer, des Papstes Ehre und Würde zu verteidigen. Die erste These lautet: "Da unser HErr und Meister JEsus Christus sprach: Tut Buße usw., wollte er, daß das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete, unaufhörliche Buße soll sein." Er behauptete ferner: "Ein jeder wahrhaftige Christ, er sei lebendig oder tot, ist teilhaftig aller Güter Christi und der Kirche aus Gottes Geschenk, auch ohne Ablaßbrief"; bekannte also, daß der Glaube allein vor Gott gerecht und selig mache. Das war die Lehre, nach welcher schon viele tausend geängstete und von Zweifeln gemarterte Herzen sehnsüchtig geseufzt hatten. Daher kam es, daß sie in einigen Tagen ganz Deutschland und in wenigen Wochen ganz Europa durchliefen und überall begierig gelesen wurden; ja, nach vier Jahren kaufte sie ein Reisender in Jerusalem. Es war, "als wenn die Engel selbst Botenläufer wären und sie vor aller Menschen Augen trügen." Es glaubt kein Mensch, was für ein Gerede davon wurde; sie gefielen fast jedermann.

    Als der fromme Mönch Dr. Fleck diese Sätze zu Steinlausig in seinem Speisesaal angeschlagen fand und ein wenig darin gelesen hatte, jubelte er vor Freuden laut auf: "Hoh, ho!" und sagte: "Der wird's tun; er kommt, darauf wir so lange gewartet haben." Er schrieb dann auch einen sehr tröstlichen Brief an Luther und ermahnte ihn, er möge getrost fortfahren, denn er sei auf dem rechten Wege; Gott und das Gebet aller Gefangenen im römischen Babylon werde mit ihm sein. Andere dagegen zagten. Der berühmte Dr. Albert Kranz in Hamburg, welcher Luthers Sätze einige Tage vor seinem Tode auf seinem Sterbebette erhielt, rief aus: "Gehe nur in deine Zelle, du guter Bruder, und bete: HErr, erbarme dich mein!" womit er meinte, daß dem armen Mönche sein Kampf gegen den mächtigen Papst unmöglich gelingen werde. So sagte auch ein alter Kleriker zu Höxter in Westfalen: "Min leeve Broder Marten, wenn du dat Fegefüer und die Papenmarkenterie störmen und wegschludern kannst, bist du förwahr en groter Herr!" Auch Luthers Prior und Subprior gerieten ind Furcht und baten ihn, er möge ihren Orden nicht in Schande bringen. Da antwortete er: "Liebe Väter, ist's nicht in Gottes Namen angefangen, so ist's bald gefallen; ist's aber in seinem Namen angefangen, so lasset denselbigen machen." "Da schwiegen sie", erzählt Luther selbst später, "und gehet noch so bisher, wird, ob Gott will, auch noch baß gehen bis ans Ende, Amen."

    Indem Luther so, ohne es zu ahnen, mit diesen Sätzen das Herz des Papsttums angriff, war er keineswegs von fleischlichem Mute beseelt; er sagt selbst davon: "Wer war ich elender und verachteter Bruder, der dazumal mehr einer Leiche als einem Menschen ähnlich, der sich sollte wider des Papstes Majestät setzen, vor welchem nicht allein die Könige auf Erden und der ganze Erdboden, sondern auch Himmel und Hölle (daß ich so rede) sich entsetzten, und allein nach seinem Winken sich alle richten mußten? Was, und auf welche Weise, mein Herz dasselbe erste und andere Jahr erlitten und ausgestanden hat, und in welcherlei Demut, die nicht falscher und erdichteter, sondern rechter Art war, wollte schier sagen Verzweiflung, ich da schwebte, ach! da wissen die sicheren Geister wenig von, die hernach des Papstes Majestät mit großem Stolz und Vermessenheit angriffen."

 

 

Verhandlungen mit Cajetanus und Miltitz

  

    Luthers Sätze hatten eine gewaltige Bewegung aller Gemüter hervorgerufen. Prierias, Eck, Emser, Tetzel usw. traten gegen ihn mit feindlichen Schriften auf, in welchen sie den Ablaß zu verteidigen suchten. Doch wurden durch Luthers Zeugnis immer mehr für die Wahrheit gewonne.

    Der Papst hatte erst die ganze Sache verachtet und gemeint, der Streit würde sich bald wieder von selbst legen. Als er aber sah, daß dadurch sein Ansehen immer mehr bedroht wurde, ließ er Luther im Jahr 1518 zitieren, innerhalb von sechzig Tagen persönlich in Rom zu erscheinen. Der Kurfürst erwirkte es jedoch, daß Luther in Deutschland verhört werden sollte, und zwar vor dem päpstlichen Legaten, dem Kardinal Cajetanus in Augsburg, wo eben Reichstag war. Zwar wurde Luther gewarnt, nicht aus Wittenberg zu gehen, denn einige Große stellten ihm nach, um ihn zu erdrosseln oder zu ertränken. Allein, er sagte, er sei sich nichts bewußt, als daß er die reine Theologie lehre, und habe längst gewußt, seine Predigt würde den heiligen Juden ein Ärgernis und den weisen Griechen eine Torheit sein. So zog er denn im September zu Fuß nach Augsburg und kam am 28. nach Weimar, wo er eine Nacht im Kloster blieb. Als daselbst der Provisor der Mönche, Johann Kestner, aus Mitleid sagte: "O lieber Herr Doktor, die Walen sind gelehrte Leute. Ich hab Sorg, Ihr werdet Eure Sachen vor ihnen nicht erhalten können; sie werden euch darob verbrennen!" da antwortete Luther scherzend: "Mit Nesseln gehe es hin; aber mit Feuer wäre es zu heiß." "Lieber Freund, bitt unsern lieben HErr Gott im HImmel mit einem Vaterunser für mich und sein liebes Kind Christus, des meine Sache ist, daß er dem wolle gnädig sein. Erhält er nur dem die Sache, so ist sie mir schon erhalten; will er's aber dem nicht erhalten, so werd ich's ihm auch nicht erhalten, so muß er denn die Schande tragen."

    In Augsburg kam Luther am 7. Oktober an und wollte sich sofort zum Legaten begeben. Allein, dem widersetzten sich die Ratsherren, welchen Luther vom Kurfürsten empfohlen war, weil sie wußten, daß der Legat auf Luther sehr erbittert war. Sie suchten ihm daher von dem Kaiser ein freies Geleit zu verschaffen, welches sie aber erst nach drei Tagen erhielten, da der Kaiser gerade abwesend war. Mittlerweile kamen die Diener des Kardinals alle Tage und sagten: "Der Kardinal läßt Euch alle Gnade anbieten, warum fürchtet Ihr Euch? Er ist ein sehr leutseliger Vater." Dagegen sagte ihm ein anderer ins Ohr: "Glaube es nicht, er hält keinen Glauben." Am 9. schickte der Orator des Markgrafen von Monferrat, Urbanus, zu Luther und ließ ihm sagen, er solle nicht eher zum Legaten gehen, als bis er mit ihm gesprochen hätte. Er kam dann auch zu Luther, nach aller Meinung vom Legaten selbst angestellt, und drang mit vielen Worten, und, wie er sagte, mit den heilsamsten Ratschlägen in ihn, er solle ganz einfach dem Legaten beistimmen, zur Kirche zurückkehren und seine Irrtümer widerrufen. Luther: "Wenn ich kann belehrt werden, daß ich etwas anderes gesagt habe, als es die heilige römische Kirche versteht, so will ich mich auch alsbald selbst verurteilen und widerrufen." - Hierauf brachte Urbanus die unsinnigsten Behauptungen hervor und gestand frei, man könne falsche Sätze predigen, wenn sie nur Gewinn brächten und die Kasse füllten. Über des Papstes Gewalt dürfe man nicht disputieren, sondern müsse sie so hoch stellen, daß er alles, auch in Glaubenssachen, durch seinen bloßen Befehl verschaffen könne. - Am dritten Tage kam er wieder und warf Luther vor, warum er nicht zum Kardinal komme, der ihn doch ganz gütig erwarte? Luther antwortete: "Er müsse dem Rate der rechtschaffenen Männer folgen, denen er vom Kurfürsten empfohlen sei, und die alle der Meinung wären, er solle ohne kaiserliches Geleit nicht hingehen; sobald dies aber eingegangen sei, werde er gleich kommen." Hierüber wurde Urbanus entrüstet und sprach: "Meinest du denn, der Kurfürst werde dir zulieb seine Länder in die Schanze schlagen?" -  Luther: "Das verlange ich ganz und gar nicht." - Urbanus: "Wo willst du denn bleiben?" - Luther: "Unter dem Himmel." - Urbanus: "Wenn du den Papst und Kardinäle in deiner Gewalt hättest, was wolltest du mit ihnen vornehmen?" - Luther: "Ich wollte ihnen allen Respekt und Ehre erweisen."

    Am 12. Oktober begann endlich das Verhör. Der Legat hielt Luther vor, er habe folgende zwei Irrtümer gelehrt: erstens, der Schatz des Ablasses sei nicht das Verdienst oder das Leiden unseres HErrn JEsu Christi, und zweitens, ein Mensch, der das hochwürdige Abendmahl enpfangen wolle, müsse eigenen Glauben haben; diese beiden Irrtümer solle er widerrufen. Luther bewies nun mündlich und schriftlich mit vielen Stellen aus der Heiligen Schrift, daß der Mensch nur gerecht werde durch den Glauben an Gott, und daß man allein durch den Glauben an die Worte Christi geschickt werde, das Sakrament würdig zu empfangen. Der Legat achtete jedoch nicht darauf. Am dritten Tage wurde vom Ablaß gesprochen. Der Legat schrie immer nur, Luther solle widerrufen. Dieser versuchte wohl zehnmal zu reden, aber ebenso oft donnerte der Kardinal von neuem los, um in zu übertäuben. Endlich erhob auch Luther getrost seine Stimme und sagte, doch mit gebührender Ehrerbietung: "Hochwürdigster Vater! Ew. Hochwürden sollten es dafür nicht halten, daß wir Deutschen die Grammatik nicht haben oder nicht wissen. Etwas anderes ist es, einen Schatz haben, etwas anderes, einen Schatz erwerben." Da stand der Legat zornig auf und sagte: "Geh, und komm mir nicht wieder unter die Augen, es sei denn, daß du widerrufst!" So ging Luther von dem Kardinal hinweg.

    Am Nachmittag trug dieser Staupitz auf, er solle Luther zum Widerruf. bewegen. Staupitz gestand, er vermöge es nicht, denn Luther sei ihm in der Heiligen Schrift zu gelehrt. Er tat es endlich; aber als Luther in bat, er möge die angeführten Stellen anders erklären, sagte er, das könne er nicht. Er sagte auch damals selbst zu Luther: "Sei eingedenk, lieber Bruder, daß du das im Namen JEsu angefangen hast." Darauf forderte Staupitz den Kardinal auf, er möge das Gespräch mit Luther wieder aufnehmen. Cajetan aber erwiderte: "Ich mag mit dieser Bestie nicht mehr disputieren, denn er hat tiefe Augen, und wunderliche Gedanken gehen ihm durch den Kopf."

    Darauf richtete Luther an den Kardinal ein demütiges Schreiben, in welchem er erklärte, er wolle gern alles widerrufen, wenn er eines Besseren belehrt würde. Er erhielt jedoch keine Antwort. In einem folgenden Briefe nahm er von dem Kardinal ehrerbietig Abschied und bekannte nochmals, daß er sich dem Urteile der Kirche unterwerfe, fügte aber gleich getrost hinzu: "Er sei durch Gottes Gnade dahin gekommen, daß er sich weniger vor Strafen als vor Irrtümern in Glaubenssachen fürchte." Als nun hierauf kein Bescheid erfolgte, wurde ihm und allen seinen Freunden das Stillschweigen des Legaten bedenklich; man fürchtete Gewalt. Er eilte daher den 20. Oktober aus Augsburg fort, indem er eine Appellation a papa male informato ad papam melius informandum, d.h. vom übel unterrichten an den besser zu unterrichtenden Papst zurückließ. Dr. Staupitz hatte ihm ein Pferd verschafft, der Rat gab ihm einen alten Ausreiter mit, der die Wege wußte, und Herr Christoph Langemantel half ihm des Nachts durch ein enges Pförtlein aus der Stadt. So ritt er ohne Hosen, Stiefel, Sporen und Schwert den ersten Tag acht Meilen, und als er des Abends in die Herberge kam, war er so müde, daß er, da er im Stalle abstieg, nicht stehen konnte und stracks in die Streu fiel. In Gräfental erwischte ihn Graf Albrecht von Mansfeld; der lachte über seine Reiterei, und Luther mußte sein Gast sein. Am 31. Oktober traf er gesund wieder in Wittenberg ein.

    Als der Legat hörte, daß sich Luther entfernt habe, ward er sehr zornig und schrieb dem Kurfürsten, er möge Luther entweder nach Rom schicken oder ihn wenigstens aus seinem Lande jagen. Andere rieten ihm jedoch das Gegenteil. So schrieb ihm der vortreffliche Bischof von Würzburg, Laurentius von Bibra: "Eure Liebe wolle ja den frommen Dr. Martin nicht wegziehen lassen, denn es geschieht ihm Unrecht." Ja, selbst der Kaiser Maximilian ließ dem Kurfürsten sagen: "Er möge den Mönch fleißig bewahren; es möge sich zutragen, daß man seiner bedürfe."

    Der Papst sah nun wohl, daß er Luthers Lehre mit Gewalt nicht dämpfen könne; er versuchte daher ein Mittel der Güte und sandte seinen Kammerherrn Karl von Miltitz als Nuntius an den Kurfürsten, um ihm eine geweihte goldene Rose zu überbringen, mit welcher derselbe jedoch nur Spott und Kurzweil trieb. Dieser Miltitz hatte mit Luther im Januar 1519 eine Unterredung in Altenburg, wobei er ihn freundlich bat, er möge doch zum Frieden helfen und versprach, er wolle auch den Papst dazu bewegen. Luther willigte in alles ein, was er mit gutem Gewissen und ohne Schaden der Wahrheit tun könne. Sie kamen endlich dahin überein, beide Parteien sollten hinfort schweigen, und Luther solle ein demütiges Schreiben an den Papst richten.

    Luther erzählt übrigens, Miltitz habe eigentlich vom Papst den Auftrag gehabt, ihn gefangen nach Rom zu bringen, sei aber auf dem Wege von Gott geschlagen, das heißt, durch die große Menge derer, die Luther günstig waren, davon abgeschreckt. Darum habe er seine gewalttätige Gesinnung in ein sehr listig erheucheltes Wohlwollen umgewandelt Er verriet sich aber, berichtet Luther, selbst vor mir, was er in seinem Herzen gedacht und beschlossen hatte, da er sagte: "O lieber Martin, ich dachte, du wärest nun ein alter verlebter Theologus, der hinterm Ofen säße und also mit sich disputiere; aber ich sehe, daß du noch ein junger, frischer, starker Mann bist. Wenn ich gleich eine Armee von 25.000 Mann bei mir hätte, getraute ich ich doch nicht, dich aus Deutschland zu bringen. Denn ich habe auf dieser Reise hin und wieder geforschet, wie die Leute gesinnt wären, und was sie von dir hielten; da bemerkte ich so viel: wo einer auf des Papstes Seite stehet, so stehen wohl drei andere auf deiner Seite wider den Papst."

    So schieden sie denn voneinander aufs freundlichste, nachdem Miltitz Luther noch abends bei sich zu Tische gehabt, ihn mit Tränen ermahnt und mit einem Kusse entlassen hatte; aber Luther hielt diesen Kuß für einen Judaskuß und sagte, er habe sich an seinem Teil auch gestellt, als ob er diese welschen Kunstgriffe und Krokodilstränen nicht verstände. Darauf beschied der Nuntius den unverschämten Schreier Tetzel vor sich, gebot ihm, mit seinem Ablaßkram innezuhalten, und jagte ihm einen solchen Schrecken ein, daß er bald darauf starb. Niemand erbarmte sich des elenden Menschen, der sich nun von Gott und Menschen verlassen sah, als Luther, welcher einen Trostbrief an ihn richtete und auch ihm die Gnade Christi predigte.

    Seinem Versprechen gemäß schrieb Luther einen demütigen Brief an den Papst, worin er noch erklärte: "Allerheiligster Vater, ich bezeuge vor Gott und allen Kreaturen, daß ich nie willens gewesen, noch heutigen Tages bin, daß ich mir mit Ernst vorgesetzt, der römischen Kirche und Ew. Heiligkeit Gewalt auf einerlei anzugreifen oder mit irgendeiner List etwas abzubrechen. Ja, ich bekenne frei, daß dieser Kirchen Gewalt über alles sei, und ihr nichts, weder im Himmel noch auf Erden, möge vorgezogen werden als allein JEsus Christus, der HErr über alles." Luther würde somit gerne Frieden gehalten haben, allein seine Feinde zogen ihn wider seinen Willen aufs neue in den Kampf, in welchem er immer deutlicher erkannte, daß der Papst der in der Heiligen Schrift geweissagte Antichrist ist.

 

 

Die Leipziger Disputation

 

    Dr. Carlstadt hatte ebenso wie Luther gelehrt: der freie Wille des Menschen vermag ohne die Gnade nichts, als zu sündigen, und war wegen dieser Lehre mit Dr. Johann Eck in Streit geraten. Durch Luthers Vermittlung kamen nun beide überein, ihren Streit in einer öffentlichen Disputation auszufechten. Darauf machte Eck in einem fliegenden Blatte die Sätze bekannt, über welche er mit Carlstadt disputieren wollte. In demselben richtete er jedoch listigerweise seinen Hauptangriff auf Luther selbst. So sagte er darin: "Es stimmt weder mit der Schrift noch mit den heiligen Vätern überein, daß Christus durch die Worte: 'Tut Buße!' das ganze Leben der Gläubigen zu einer Buße machen wolle." In seiner dreizehnten These erklärt er es für einen notwendigen Glaubensartikel, daß der Papst nach göttlichem Recht Christi Stellvertreter und Petri Nachfolger sei.

    So war Luther genötigt, selbst zu erscheinen, um die Wahrheit gegen Dr. Eck zu verteidigen. Den 24. Juni 1519 kam Luther mit Dr. Carlstadt, Philipp Melanchthon, Dr. Johann Lang und Nikolaus Amsdorf nach Leipzig, begleitet von einigen hundert Wittenberger Studenten, welche mit Spießen und Hellebarden neben ihren Wagen herliefen. Die Disputation wurde auf dem Pleißenburger Schlosse gehalten. Den größten Saal hatte der Herzog Georg dazu auf das schönste schmücken lassen; alle Bänke, Tische und Katheder waren mit herrlichen Teppichen behangen: das der Wittenberger war mit des heiligen Martins und das des Dr. Eck mit St. Georgs Bildnissen geziert. Beim Anfange der Disputation hielt Petrus Mosellanus, Professor der Beredsamtkeit zu Leipzig, eine lateinische Rede über die rechte Art zu disputieren. Als er geendet hatte, führten Musiker das "Komm, Heiliger Geist, HErre Gott" auf, wobei alle Anwesenden ehrerbietig niederknieten. Von allen Seiten war eine große Menge Menschen zusammengekommen. Um Ruhe zu halten, waren auf dem Schlosse täglich geharnischte Bürger mit ihren Fähnlein und besten Waffen zugegen.

    Zuerst disputierte Eck mit Carlstadt über den freien Wille, darauf mit Luther über den Primat (Oberherrschaft) des Papstes. Eck behauptete, der Papst sei nach göttlichem Rechte das Oberhaupt der christlichen Kirche. Luther antwortete, die christliche Kirche müsse allerdings ein Oberhaupt haben, dieses sei aber Christus, nicht der Papst. Wenn der Papst das Haupt der Kirche sei, so sei ja die Kirche bei dem Tode eines Papstes so lange ohne Oberhaupt, bis ein neuer gewählt würde. Die morgenländische Kirche habe den Papst nie anerkannt und sei deshalb doch keine ketzerische. Der Papst habe seinen Primat nur nach menschlichem Rechte. Eck suchte Luther auf alle Weise in den Verdacht der böhmischen Ketzerei zu bringen. Dieser verwahrte sich dagegen: die Böhmen hätten sehr unrecht getan, sich von der Einheit der Kirche in eigener Macht zu trennen. Als er aber ferner sagte: es sei gewiß, daß unter den Artikeln des Hus oder der Böhmen einige ganz christlich und evangelisch seien, sprach Herzog Georg mit lauter Stimme, daß man es über das ganze Auditorium hörte: "Das walt' die Sucht!" schüttelte den Kopf und setzte beide Arme in die Seite.

    Wirklich traten die Böhmen bald darauf mit Luther in Verbindung. Am 3. Oktober 1519 erhielt Luther nämlich Briefe von zwei hussitischen Geistlichen zu Prag, dem Pfarrer Johannes Paduschka und dem Propste des Kaiser-Karls-Kollegiums, Wenzeslaus Rosdialovinus. Sie sagten darin, daß sie mit Freuden seine Schriften gelesen hätten, und ermahnten ihn, er wolle die Gnade des HErrn, die in ihm sei, zum Heile vieler nicht vernachlässigen und die Schmach Christi gern tragen. Es gebe in Böhmen sehr viele gläubige und teure Seelen, die ihn Tag und Nacht mit ihrem Gebete unterstützten. Der erstere machte ihm ein Geschenk mit Messern, der letztere mit einem Buche des Johannes Hus, und fügte hinzu: "Das eine weiß ich: was einst Johannes Hus in Böhmen war, das bist Du, Martine, in Sachsen."

 

 

Luther verbrennt die päpstliche Bulle

  

    Eck hatte sich geschmeichelt, er würde über Luther triumphieren; statt dessen mußte er ohne Ruhm abziehen. Voll glühenden Hasses eilte er nun nach Rom, um sich zu rächen. Luther aber schrieb damals (1520) die beiden berühmten Schriften. "An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung", und: "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche", worin er mit heiligem Eifer die Greuel des Papsttums immer klarer aufdeckte und immer entschiedener bekämpfte.

    Noch einmal versuchte Karl von Miltitz, Luther mit dem Papste auszusöhnen. Luther widmete dem Papst seine treffliche Schrift: "Von der Freiheit eines Christenmenschen", welche er (unter dem Datum des 6. September 1520) mit einem Briefe noch voll Ehrfurcht vor der Person des Papstes begleitete. "Das ist wahr", sagte er darin, "ich habe frisch angetastet den römischen Stuhl, den man nennt römischen Hof, welchen auch Du selbst und niemand auf Erden anders bekennen muß, denn daß er sei ärger und schändlicher als je Sodom, Gomorra und Babylon gewesen ist. Und soviel ich merke, ist seiner Bosheit hinfort weder zu raten noch zu helfen. Indes sitzest Du, heiliger Vater Leo, wie ein Schaf unter den Wölfen, und gleich wie Daniel unter den Löwen und Hesekiel unter den Skorpionen. Was kannst Du Einzelner wider so viele wilde Wunder?" Dann erklärte er, er würde seinem Versprechen gemäß geschwiegen haben und sei nur durchs Ecks unsinnigen Ehrgeiz in die Disputation gezogen.

    Inzwischen hatte Eck es in Rom dahin gebracht, daß der Papst eine Bulle, datiert vom 4. Juni 1520, ausgehen ließ, worin 41 Sätze aus Luthers Schriften verdammt, die Verbrennung derselben geboten, und er selbst, wenn er nicht binnen sechzig Tagen widerrufe, verurteilt wurde, als Ketzer mit dem Bann belegt, nämlich aus der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen zu werden. Im Triumphe führte Eck diese Bulle in Deutschland umehr. In den kaiserlichen Erblanden setzte er auch wirklich die Verbrennung der Lutherschen Schriften durch, in vielen Gegenden jedoch, in Kursachsen besonders, ward er mit allgemeinem Spott empfangen. In Leipzig, wo er anfangs mit seiner Bulle ein großes Gepränge trieb und sich rühmte, er wolle Martinum nun schon lehren, wurde er so schlecht aufgenommen, daß er ins Paulinerkloster flüchten mußte und sich nicht sehen lassen durfte.

    Luther jedoch blieb getrost, obwohl vom Papste verdammt. Ja, er schrieb an einen Freund: "Ich bin nun viel mutiger, nachdem ich gewiß weiß, daß der Papst als der Antichrist und des Satans Stuhl offenbarlich erfunden ist." Er schrieb eine Schrift "Wider die Bulle des Antichrists". Darin sagte er: "Wird der Papst diese Bulle nicht widerrufen und verdammen, dazu Dr. Eck mit seinen Gesellen, solcher Bulle Folger, strafen, so soll niemand daran zweifeln, der Papst sei Gottes Feind, Christus' Verfolger, der Christenheit Verstörer und der rechte Antichrist. Denn bisher ist noch nie gehöret, daß jemand den christlichen Glauben, öffentlich bekannt, verdammt habe, wie diese höllische, verfluchte Bulle tut."

    So war Luther aus der römischen Kirche mit Gewalt darum ausgestoßen, weil er die reine Lehre des göttlichen Wortes bekannt hatte. Er wollte nun auch vor aller Welt zeigen, was er von einem solchen Bann halte. Am 10. Dezember 1520, morgens um neun Uhr, wurde vor dem Elstertore zu Wittenberg ein Feuer angezündet, und vor einer großen Versammlung von Doktoren, Magistern und Studenten warf Dr. Luther die ihm zugesandte Bulle, sowie das ganze päpstliche Kirchenrecht in die Flammen mit den Worten: "Weil du den Heiligen des HErrn betrübt hast, so betrübe und verzehre dich das ewige Feuer." Am folgenden Tage ermahnte er seine Zuhörer mit großen Ernste, sie sollten sich vor den päpstlichen Gesetzen hüten, und sagte unter anderm: "Wo ihr nicht von ganzem Herzen des Papstes ärgerlichem Regiment widersprecht, könnt ihr nicht selig werden." In einer öffentlichen Schrift legte er darauf die Gründe dar, welche ihn zu diesem Schritte bewogen hätten, und zeigte zugleich, welch gottlose Sätze das päpstliche Kirchenrecht enthalte. Darin heißt es nämlich: "Der Papst und die Seinen sind nicht schuldig, Gottes Geboten untertan zu sein. Wenn der Papst so böse wäre, daß er unzählige Menschen mit großen Haufen zur Hölle führte, so dürfte ihn dennoch niemand darum strafen."

 

 

Luther zieht nach Worms

 

    Im Jahre 1521 hielt der deutsche Kaiser Karl V. seinen ersten Reichstag zu Worms. Auf die Anfrage seines Kurfürsten, ob er sich stellen werde, wenn ihn der Kaiser zitieren lasse, antwortete Luther: "Ich bin in demütigem Gehorsam bereit, auf nächstkünftigen Reichstag zu kommen und mit Hilfe des Allmächtigen mich dermaßen zu erzeigen, daß männiglich in der Wahrheit erfahren soll, daß ich bisher nichts aus freveligem, unbedächtigem, ungeordnetem Willen und um zeitlicher, weltlicher Ehr und Nutzung willen, sondern alles, das ich geschrieben und gelehrt habe, meinem Gewissen, Eid und Pflicht nach, als ein armer Lehrer der Heiligen Schrift. Gott zu Lob, zu Heil und Seligkeit gemeiner Christenheit, der ganzen deutschen Nation zugut, zu Ausrottung der gefährlichen Mißbräuche und Aberglaubens und zu einer Ledigmachung der ganzen heiligen Christenheit aus so vieler unendlicher Beschwerung und Gotteslästerung vorgewandt und getan habe." Und an Spalatin schrieb er: "Wenn ich gerufen werde, so will ich, soviel auf mich ankommt, krank hinfahren, wenn ich gesund nicht kommen kann; denn ich darf nicht zweifeln, daß mich der HErr ruft, wenn der Kaiser es tut. Und dann, wenn sie Gewalt gebrauchen, so müssen wir die Sache dem HErrn befehlen. Er lebt und herrschet noch, der die drei Männer im Feuerofen des Königs zu Babylon erhalten hat. Siehe, da hast Du meinen Entschluß und meine Gesinnung. Erwarte alles von mir, nur nicht die Flucht oder den Widerruf: fliehen will ich nicht, widerrufen viel weniger. Das helfe mir der HErr JEsus. Denn keines von beiden könnte ich tun ohne Schaden der Gottseligkeit und vieler Seelen Heil."

    Am 26. März kam der kaiserliche Ehrenherold Kaspar Sturm, der Luther das Geleit geben sollte, und überbrachte ihm die Zitation des Kaisers, binnen 21 Tagen vor dem Reichstage zu erscheinen. Freunde stellten Luther die große Gefahr vor, der er entgegenging: weil so viele Kardinäle und Bischöfe auf dem Reichstage zu Worms wären, so würde man ihn sofort verbrennen, wie dem Hus zu Konstanz geschehen sei. Aber er antwortete ihnen: "Und wenn seine Feinde gleich ein Feuer machen, das zwischen Wittenberg und Worms bis gen Himmel reichte, weil er aber gefordert wäre, so wollte er im Namen des HErrn erscheinen und dem Behemoth in sein Maul zwischen seinen großen Zähnen treten und Christus bekennen und denselben walten lassen." "Ich gedenke nicht zu fliehen", schrieb er an Spalatin, "noch das Wort in Gefahr stecken zu lassen, sondern es zu bekennen bis in Tod, soferne mir Christus gnädig ist und mir beistehet." So getrost und freudig trat er seine Reise an, begleitet von Justus Jonas, Nikolaus Amsdorf und Hieronymus Schurf, einem berühmten Rechtsgelehrten, und befahl sich allenthalben in christlicher Leute Gebet. Unterwegs predigte er an vielen Orten unter großem Zulauf des Volkes. Der Satan suchte ihn freilich auf alle Weise am Weiterziehen zu hindern. Auf der ganzen Reise befand sich Luther so übel, wie noch nie vorher. In Eisenach wurde er so krank, daß man für sein Leben fürchtete; auch kamen ihm selbst die Boten unter die Augen, die in allen Städten das kaiserliche Mandat (Gebot) anschlagen sollten, daß Dr. Martinus bereits vom Kaiser verdammt sei. Dazu gaben sich seine vornehmsten Feinde, welche sein persönliches Erscheinen fürchteten, alle Mühe, ihn bald mit Schrecken, bald mit Schmeicheln von Worms entfernt zu halten. Allein, dennoch blieb der teure Glaubensheld fest bei seinem Entschlusse. "Christus lebt", schrieb er von Frankfurt aus, "derhalben wollen wir hinein in Worms zu Trotz aller höllischen Pforten und derer, die in der Luft herrschen." Noch zu Oppenheim empfing er ein ängstliches Schreiben von Spalatin, der ihn dringend warnen ließ, nicht nach Worms zu kommen. "Und wenn so viel Teufel zu Worms wären", war seine Antwort, "wie Ziegel auf den Dächern, doch wollt' ich hinein."

So zog denn Dr. Luther am Morgen des 16. April auf einem offenen Wagen, in sein Mönchsgewand gekleidet, mit drei Begleitern in Worms ein. Voran ritt der kaiserliche Herold in seiner Amtstracht, mit dem Adlerwappen auf der Brust, nebst seinem Knechte; dem Wagen folgte Justus Jonas mit seinem Diener. Viel adelige und fürstliche Hofleute waren ihm entgegengeritten. Mehr als zweitausend Menschen geleiteten Luther in seine Herberge, wo er von vielen Fürsten, Grafen und Herren, geistlichen und weltlichen, bis in die Nacht besucht und angsprochen wurde. Es kam auch der junge Landgraf Philipp von Hessen zu ihm geritten, um ihn zu sehen. Beim Weggehen gab er ihm die Hand und sagte: "Habt ihr recht, Herr Doktor, so helfe Euch Gott."

 

 

Luther auf dem Reichstag zu Worms

 

    Des andern Tages kam schon frühe der Reichs-Erbmarschall Ulrich von Pappenheim zu Luther und zeigte ihm den Befehl des Kaisers an, daß er nachmittags um vier Uhr auf dem Reichstage erscheinen sollte. So nahte nun die Stunde der Entscheidung heran, in welcher der treue Zeuge JEsu Christi vor den Mächtigen der Erde erscheinen sollte. Doch Luther verließ sich nicht auf Menschen, sondern allein auf Gott, den er in inbrünstigem Gebete um seine Gnade und Hilfe anrief.

    Sobald es vier Uhr geschlagen hatte, wurde Luther in die Reichsversammlung geholt. Ungeheuer war das Gedränge des Volks, welches, um den Mönch zu sehen, selbst Dächer bestieg, so daß der Reichs-Erbmarschall ihn auf heimlichen Wegen durch Gärten und Hintergebäude führen mußte, um ihn nur durchzubringen. Als er eben in den Rathaussaal eintreten wollte, klopfte ihm ein alter General, Georg von Frundsberg, mit den Worten auf die Schulter: "Mönchlein, Mönchlein, du gehest jetzt einen Gang, dergleichen ich und mancher Oberster auch in unserer allerernstesten Schlachtordnung nicht getan haben; bist du auf rechter Meinung und deiner Sache gewiß, so fahre in Gottes Namen fort und sei nur getrost, Gott wird dich nicht verlassen." - Die Tür wurde aufgetan und Luther stand vor Kaiser und Reich. Zahlreicher und glänzender war seit langer Zeit keine Versammlung der deutschen Stände gewesen. Außer dem Kaiser auf seinem Throne waren zugegen dessen Bruder, der Erzherzog Ferdinand, sechs Kurfürsten, vierundzwanzig Herzöge, acht Markgrafen, sechsunddreißig Bischöfe, ein päpstlicher und fünf königliche Gesandte und noch über zweihundert Männer von hohem Range, im Vorzimmer und vor den Fenstern gegen fünftausend Menschen.

    Zuerst wurde Luther gefragt, ob er die Bücher, welche auf einer Bank lagen, für die seinen erkenne, und sodann, ob er den Inhalt derselben widerrufen wolle. Nachdem ihm die Titel der Bücher vorgelesen waren, bejahte er die erste Frage; hinsichtlich der so wichtigen zweiten aber, die den Glauben und die Seligkeit betreffe, bat er sich Bedenkzeit aus. Sie wurde ihm gewährt bis zum folgenden Tage. Nun wurde Luther durch den Ehrenherold wieder in seine Herberge geleitet. Auch kamen viele tapfere Edelleute zu ihm, die ihn ermunterten, gutes Muts zu sein, und sprachen: "Herr Doktor, wie geht es? Man sagt, sie wollen Euch verbrennen; aber das darf nicht geschehen, sie müßten eher alle mit verderben." Doch Luther vertraute allein auf Gott.      

    Als er am folgenden Tage wieder in die Reichsversammlung geführt und gefragt wurde, ob er seine sämtlichen Bücher verteidigen oder etwas widerrufen wolle, so bekannte er nach ehrerbietiger Begrüßung der hohen Versammlung, daß er in dem, was er bisher mit einfältigem Herzen gelehrt und geschrieben, nur Gottes Ehre und der Christgläubigen Nutzen und Seligkeit gesucht habe. Dann erklärte er sich näher über den Inhalt seiner Bücher. In einigen habe er das Wort Gottes rein und lauter gelehrt; in den andern das Papsttum und der Papisten Lehre angefochten; in den übrigen aber habe er gegen einzelne Verteidiger der päpstlichen Tyrannei geschrieben; da sei er wohl etwas schärfer und härter gewesen, als es sich gebühre, weil er kein lebendiger Heiliger sei. "Doch", fuhr er fort, "weil ich ein Mensch und nicht Gott bin, kann ich meinen Büchlein nicht anders helfen, noch sie verteidigen, als mein HErr und Heiland seiner Lehre getan hat, welcher sprach: Hab ich übel geredet, so beweise es, daß es böse sei. Hat nun der HErr, welcher wußte, daß er nicht irren konnte, sich nicht geweigert, Zeugnis gegen seine Lehre zu hören auch von einem geringen und schnöden Knecht, wieviel mehr ich, der Erd' und Asche ist und leichtlich irren kann, soll begehren und warten, ob jemand Zeugnis gegen meine Lehre geben wolle! Darum bitte ich durch die Barmherzigkeit Gottes, Ew. Kaiserliche Majestät, Kur- und Fürstlichen Gnaden, oder wer es tun kann, er sei hohen oder niedrigen Standes, wollen Zeugnis geben, mich mit prophetischen und apostolischen Schriften überwinden. Alsdenn, so ich des überzeugt werde, will ich ganz willig und bereit sein, allen Irrtum zu widerrufen und der erste sein, der meine Büchlein ins Feuer werfen will. Aus diesem, halte ich, erscheine klärlich und öffentlich, daß ich genugsam bedacht und erwogen habe die Not und Gefahr, das Wesen und die Zwietracht, so durch Verursachung meiner Lehre soll erweckt sein, davon ich gestern ernst und hart bin erinnert worden. Mir zwar ist es wahrlich die allergrößte Lust und Freude zu sehen, daß um Gottes Worts willen Zwietracht und Uneinigkeit entsteht; denn dies ist Gottes Worts Art, Lauf und Glück, sintemal Christus der HErr selbst sagt: Ich bin nicht kommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, denn ich bin kommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater usw. Derhalben ist wohl zu bedenken, wie wunderbar Gott in seinen Räten und Gerichten ist, damit nicht vielleicht das, so die Uneinigkeit und Zwietracht hinzulegen vorgewandt wird, aus Vertrauen unserer Macht und Weisheit, so wir's anfingen mit Verfolgung und Lästerung des Wortes Gottes, gerate zu einer schrecklichen Sündflut unüberwindlicher Gefahr. Zudem ist zu besorgen, ob dieses allerlöblichsten und gütigsten Jünglings, Kaiser Karls, Regierung nicht allein einen bösen, unseligen Anfang, sondern auch Mittel und Ende gewinnen möchte. Denn Gott ist's, der die Witzigen in ihrem Witz und Klugheit ergreift und kehret die Berge um, ehe sie es inne werden. Darum ist es vonnöten, daß man Gott fürchte."

    Dieses und vieles andere hat Luther deutlich, nicht schreiend, sondern sittig und bescheiden, aber mit großer Freudigkeit gesprochen; ganz erschöpft endete er nach einer zwei Stunden langen Rede. Der Kaiser jedoch verstand die deutsche Sprache nicht recht, daher forderte er nun Luther die Wiederholung seiner Rede auf lateinisch. "Aber", so erzählt er selbst, "ich schwitzete so sehr und war mir des Getümmels halber sehr heiß und daß ich gar unter den Fürsten stand. Da sagte Herr Friedrich von Thunau: Könnt Ihr es nicht tun, so ist's genug, Herr Doktor. Aber ich wiederholte alle meine Worte lateinisch." Doch nun wurde eine kurze, runde Antwort verlangt, ob er widerrufen wolle oder nicht. Da sprach Luther: "Weil denn Kaiserliche Majestät, Kur- und Fürstliche Gnaden eine schlichte, einfältige, richtige Antwort begehren, so will ich die geben, so weder Hörner noch Zähne haben soll, nämlich so: Es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der Heiligen Schrift oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen überwunden und überwiesen werde (denn ich glaube weder dem Papste noch den Konzilien alleine nicht, weil es am Tage und offenbar ist, daß sie oft geirret haben und sich selbst widersprochen haben), und ich also mit den Sprüchen, so von mir angezogen und angeführt sind, überzeugt und mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, so kann und will ich nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen."

    Hierauf wurde Luther von zwei Männern hinweggeführt. Da herhob sich ein Getümmel, und die Ritter schrieen: Ob man ihn gefangen führte? aber Luther antwortete, sie begleiteten ihn nur. Während er so mitten im Gedränge war, sandte ihm Herzog Erich von Braunschweig, der ältere, eine silberne Kanne voll Einbecker Bier und ließ ihm sagen, er möge sich damit erquicken. "Wie Herzog Erich jetzt meiner gedacht hat", erwiderte Luther, "so gedenke unser HErr Christus seiner in seinem letzten Stündlein." (Der Herzog gedachte dieser Worte noch in seinem letzten Kampfe.) Als er nun in seine Herberge ging, verlachten und verachteten ihn die Spanier; er aber war so mutig, getrost und freudig in dem HErrn, daß er zu Spalatin und andern sagte, wenn er tausend Köpfe hätte, so wollte er sich eher alle abhauen lassen, als einen Widerruf tun.

    Groß war der Eindruck, welchen Luthers gewaltige, glaubensvolle Rede auf alle Anwesenden machte. Viele wurden für ihn und seine Sache gewonnen. Der Kaiser jedoch sagte: "Der soll mich nicht zum Ketzer machen." Die papistisch Gesinnten waren ergrimmt, daß ihm die Freiheit gestattet war, sich so ausführlich zu verantworten. Mehrere drangen sogar in den Kaiser, ihm das versprochene Geleit zu brechen und ihn sofort hinzurichten. Allein, der Kaiser entgegnete: "Was man zusagt, das soll man halten, und wenn nirgends in der Welt Treue zu finden wäre, so soll man sie doch bei dem deutschen Kaiser finden." Selbst Herzog Georg von Sachsen, sonst Luthers erbitterter Feind, bezeugte, es sei den alten deutschen Sitten gar nicht gemäß, Treue und Glauben zu brechen. Mit Wohlgefallen hatte der Kurfürst Luther in der Versammlung zugehört; er sagte noch an demselben Abende mit inniger Freude zu Spalatin: "O, wie wohl hat sich Martinus bewiesen! was für eine schöne, sowohl deutsche als lateinische Rede hat er vor dem Kaiser und allen Ständen abgelegt! er ist mir viel zu kühne."

    Noch mehrere Versuche wurden angestellt, Luther zum Widerrufe zu bewegen, allein vergeblich; er verwies auf die Worte Gamaliels: "Ist der Rat oder das Werk aus Menschen, so wird es untergehen; ist es aber aus Gott, so könnt ihr es nicht dämpfen." So wurde ihm denn vom Kaiser befohlen, er solle sich binnen 21 Tagen unter sicherem Geleit in seinen Gewahrsam begeben. Luther entgegnete: "Wie es dem HErrn gefallen, also ist's geschehen, der Name des HErrn sei gebenedeit", und erklärte dem Kaiser und Ständen nochmals, er habe nichts anders begeheret, "als daß eine Reformation aus Heiliger Schrift, darum er so fleißig gebeten, vorgenommen und angestellt würde." Am 26. April 1521 reiste er unter dem Vorritt des kaiserlichen Herolds von Worms wieder ab.

 

 

Luther auf der Wartburg

           

    Als die meisten Reichsstände sich schon von Worms entfernt hatten, da erfolgte noch am 26. Mai ein kaiserlicher Reichsbeschluß, das Wormser Edikt, welches über Luther und alle seine Anhänger und Beschützer in den giftigsten Ausdrücken die Acht aussprach und die Vernichtung seiner Schriften gebot.

    Indessen war Luther mit seinen Gefährten die Straße nach Wittenberg gezogen. In Eisenach predigte er; dann besuchte er seine Verwandten in dem Dorfe Möhra. Am 4. Mai nahm er von ihnen Abschied, um über Altenstein weiter zu reisen. Als er aber in der Nähe dieses Schlosses durch einen Hohlweg fuhr, sprangen plötzlich zwei Ritter mit ihren Knechten hervor, gebieten dem Fuhrmann Halt, reißen Luther mit großem Ungestüm aus dem Wagen, ziehen ihm einen Reiterrock an, setzen ihn auf ein Pferd und jagen mit ihm in den Wald hinein, während sie seine erschrockenen Begleiter weiterziehen lassen. Dann traben sie mit ihm mehrere Stunden im Walde umher, bis sie ihn fast um Mitternacht nach dem festen Bergschlosse Wartburg bei Eisenach bringen.

    Dies geschah auf Befehl des Kurfürsten Friedrich des Weisen von Sachsen, welcher Luther vor seinen Feinden in Sicherheit bringen wollte. Letzterer willigte endlich in diesen weisen Rat, obwohl er lieber sein Blut zum Zeugnis der Wahrheit vergossen hätte, und weilte unter dem Namen Junker Georg zehn Monate auf der Wartburg. Die Nachricht von seiner Gefangennahme verbreitete sich reißend schnell; es hieß, er sei seinen Feinden in die Hände gefallen, weshalb er schon von vielen für tot beweint wurde, während seine Feinde frohlockten.

    Die Stille und Einsamkeit auf seinem Patmos - so nannte er die Wartburg nach Offenb. 1,9 - war für ihn reich an wichtigen Erfahrungen; denn hier konnte er ungestört im Worte Gottes leben. Zwar war ihm gerade diese äußere Ruhe sehr peinlich. "Ich wollte lieber", bezeugte er, "für die Ehre des göttlichen Wortes auf glühenden Kohlen brennen, als so halb lebendig verfaulen." Doch ergab er sich darein, weil er sah, daß es der Wille des HErrn sei. "Ich bin ein wunderlicher Gefangener", schrieb er, "der nicht allein mit Willen, sondern auch mit Widerwillen hier sitzt. Mit Willen, weil es der HErr so will; mit Widerwillen, weil ich gerne unter den Leuten für das Wort Gottes stehen möchte." Hier litt er nicht nur wiederholt an äußerst schmerzlichen Krankheitszuständen, sondern auch an schweren Bekümmernissen seines Gemütes. Er klagte über Mangel an Gebetseifer, über Trägheit, Schlafsucht und über vieles andere Elend, so daß er fast auf den Gedanken kam, Gott habe sich von ihm abgewendet. "Da sitze ich nun", schrieb er, "und stelle mir den ganzen Tag über das Bild der Kirche vor Augen und verwünsche meine Unempflindlichkeit, daß ich mich nicht ganz in Tränen ergieße, und mit meinen Augen als mit Tränenquellen beweine die Erschlagenen meines Volks." Dazu plagte ihn der Satan nicht bloß mit den heftigsten innern Anfechtungen, sondern auch mit äußerlichen Schrecknissen, welche aber Luther durch Verachtung überwand. Merkwürdig ist dabei sein Bekenntnis, daß solches Kreuz weit schwerer in der Einsamkeit als unter Freunden zu ertragen sei, die uns mit Gottes Wort aufrichten und trösten können.

    Trotz aller dieser Trübsale entwickelte Luther eine beispiellose Tätigkeit. Er übte sich sehr eifrig in der griechischen und hebräischen Sprache, predigte seinen Hausgenossen fleißig, schrieb eine Menge geistlicher Briefe an seine Freunde und verfaßte viele treffliche Schriften für die Kirche Gottes. Namentlich übersetzte er das ganze Neue Testament ins Deutsche, welches im folgenden Jahre gedruckt wurde und sich mit reißender Schnelligkeit durch ganz Deutschland verbreitete. Selbst Handwerker und Frauen lasen es so begierig, daß sie es nach und nach auswendig lernten und schon binnen weniger Monate mit den Priestern disputieren und sie aus der Heiligen Schrift widerlegen konnten. Ferner schrieb er den ersten Teil seiner Kirchenpostille und eine Schrift "über geistliche und Klostergelübde", welche er seinem lieben Vater widmete. Darin beweist er gründlich aus Gottes Wort, daß die Gelübde, welche ohne, ja gegen Gottes Gebot getan werden, das Gewissen eines getauften Christen nicht binden können. Während Luthers Abwesenheit hatte der Kardinal Albrecht von Mainz in Halle von neuem den Ablaß predigen lassen. Luther setzte eine Schrift auf "wider den Abgott zu Halle", und benachrichtigte den Kurfürsten, wenn er nicht binnen vierzehn Tagen den Ablaßgreuel abstelle, so werde er diese Schrift ausgehen lassen und aller Welt zeigen, was für ein Unterschied zwischen einem Bischof und einem Wolfe sei. Der Kurfürst antwortete sehr gnädig, der Ablaßkram sei bereits abgeschafft und er werde sich in Zukunft als einen frommen, geistlichen und christlichen Fürsten erzeigen.

    Bei so vielen Arbeiten bedurfte Luther der Erholung. An den Vergnügen großer Herren und müßiger Leute, wie er das Jagen nennt, nahm er nur selten teil. Dagegen besuchte er zuweilen gute Freunde in der Umgegend, denen er oft, als Ritter gekleidet, mit langem Bart und einem Schwert an der Seite, ganz unkenntlich war. Bei solchen Ausflügen gab man ihm einen verschwiegenen Reitersmann mit, dessen treue Ermahnung er nachher oft rühmte. Denn dieser verbot ihm, sein Schwert in den Herbergen abzulegen und sofort zu den Büchern zu laufen, damit man ihn nicht für einen Pfaffen ansähe. Doch lag ihm seine Kirche und Predigtstuhl zu Wittenberg beständig im Sinne, so daß er einst über Tische in tiefen Gedanken herausfuhr: "Ach, wer zu Wittenberg wäre!" Er besuchte auch einmal im November ganz insgeheim seine Freunde daselbst, und nachdem er sich einige Tage mit ihnen besprochen und erfreut hatte, zog er wieder nach der Wartburg.

 

 

Luther kehrt nach Wittenberg zurück

    

    Durch Luthers Dienst war der selige Schall des herrlichen Evangeliums in alle Länder erklungen. Der Satan hatte es zwar durch Papst, Kaiser und Gelehrte auf alle Weise zu unterdrücken gesucht, allein, dasselbe hatte sich nur um so weiter ausgebreitet. Da wählte der Satan ein anderes Mittel, die Wahrheit zu dämpfen, indem er in Luthers eigener Gemeinde Zerrüttung und Ärgernis anrichtete. Es hatten nämlich die Augustinermönche während Luthers Abwesenheit, aber mit seiner Zustimmung, die päpstliche Messe abgeschafft und die rechte christliche Messe oder das heilige Abendmahl des HErrn wieder eingeführt, als Dr. Carlstadt, dem es längst mit dem Reformieren zu langsam gegangen war, eine ärgerliche Freiheit einzuführen begann. Auf seinen Antrieb drangen die Studenten während des öffentlichen Gottesdienstes in die Pfarrkirche und stürmten die Messe auf die roheste, gewaltsamste Weise. Er und seine Anhänger warfen gerade während des Weihnachtsfestes die Bilder und Kruzifixe aus der Kirche und verbrannten sie, zertrümmerten die Altäre, schafften die Leuchter, die Gesänge und die Zeremonien der Kirche ab, wollten keine Kelche und Patenen mehr gebrauchen, liefen unverhört und unangemeldet zum heiligen Abendmahl und nahmen die Hostie mit eigener Hand. Das alles taten sie aus lauter Vermessenheit, ohne vorher die Leute mit Predigten zu belehren und ohne danach zu fragen, daß sich die Schwachen daran ärgerten. Dabei gaben sie vor, sie würden dazu durch das erste Gebot und christliche Freiheit getrieben und wären voll Heiligen Geistes und verdammten alle, die nicht mit ihnen hielten, als Ketzer. Selbst alle Wissenschaft erklärte Carlstadt für überflüssig, wollte nicht mehr Doktor, sondern nur Nachbar Andreas heißen und riet den Studenten, sie täten besser, wenn sie sich auf ein Handwerk legten. Einer seiner entschlossensten Anhänger, der Rektor der Knabenschule, forderte sogar aus dem Schulfenster heraus die versammelten Bürger auf, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen. Dazu kamen nach Wittenberg Schwärmer von Zwickau, welche von sich rühmten, sie seien durch eine deutliche Stimme Gottes zum Lehren berufen, sie hätten mit Gott vertraute Gespräche, sie schauten in die Zukunft, kurz, sie seien prophetische und apostolische Männer.

    Luther suchte diese Unruhen anfangs mit Schriften zu stillen, allein, vergeblich, es wurde nur immer ärger. Zuletzt galt nur derjenige für einen Christen, der die Priester verhöhne, freitags Fleisch esse, Bilder abreiße usw. Da rief ihn seine Gemeinde schriftlich mit den dringlichsten Bitten zurück. Luther war vom Papste gebannt, vom Kaiser geächtet, der Kurfürst hatte ihm die Abreise nach Wittenberg nur im äußersten Notfalle erlaubt, weil er ihn dort nicht mehr beschützen könne; allein, trotz aller Lebensgefahr eilte er Anfang März 1522 nach Wittenberg. An den Kurfürsten aber schrieb er, um ihn zu beruhigen, voll freudigen Glaubensmutes: "Also muß und soll es gehen, wer Gottes Wort haben will, daß auch nicht allein Hannas und Kaiphas toben, sondern auch Judas unter den Aposteln sei und Satanas unter den Kindern Gottes." - "Das weiß ich ja von mir wohl, wenn die Sache zu Leipzig so stünde wie zu Wittenberg, so wollte ich doch hinreiten, wenn's gleich (Eure Kurfürstliche Gnaden verzeihe mir mein unnütz Reden) neun Tage eitel Herzog Georgen regnete und ein jeglicher wäre neunfach wütender als dieser ist." - "Solches sei E.K.G. geschrieben der Meinung, ich komme gen Wittenberg in gar einem höheren Schutz als des Kurfürsten. Ich hab's auch nicht im Sinn, von E.K.G. Schutz zu begehren. Ja, ich halt', ich woll' E.K.G. mehr schützen, als sie mich schützen könnte. Dazu, wenn ich wüßte, daß mich E.K.G. könnte und wollte schützen, so wollte ich nicht kommen. Dieser Sache soll noch kann kein Schwert raten oder helfen; Gott muß hier allein schaffen ohn alles menschliche Sorgen und Zutun. Darum, wer am meisten glaubt, der wird hier am meisten schützen."

    Kaum war Luther am 7. März in Wittenberg angelangt, als er Carlstadts Schwärmerei mit dem Worte Gottes entgegentrat und in acht Predigten, die er Tag für Tag hintereinander hielt, den gestörten Kirchenfrieden wieder herstellte. Darin sagte er seinen Zuhörern, es habe ihnen an der Frucht des wahren Glaubens, an der Liebe, gefehlt, die die Schwachheit des Nächsten mit Geduld trage, ihn mit Sanftmut unterweise, ihn aber nicht greulich anschnauze. Äußere Verbesserungen seien wohl gut, aber man müsse dieselben nicht zu schnell, sondern in aller Ordnung, ohne Stürmen und Ärgernis des Nächsten, einführen. "Dieweil ich den Glauben", sagt er, "ins Herz nicht gießen kann, so kann noch soll ich niemand dazu zwingen noch dringen, denn Gott tut das allein und macht, daß er im Herzen lebet. Und wird aus dem Zwanggebot allein ein Spiegelfechten, ein äußerlich Wesen, ein Affenspiel und eine menschliche Satzung, daraus denn scheinende Heilige, Heuchler oder Gleißner kommen. Denn da ist kein Herz, kein Glaube, keine Liebe. Man muß der Leute Herzen am ersten fangen. Welches denn geschieht, wenn ich Gottes Wort treibe, predige das Evangelium, verkündige den Leuten ihre Irrtümer. Wer da folgen wollte, der folgete, wer nicht wollte, der bliebe außen. Wenn man ihm so täte, so fiele heute dem das Wort ins Herz, morgen einem andern, und ginge hin, und fiele von sich selbst von der Messe. Also wirkete Gott mit seinem Wort mehr, als wenn du, ich und die ganze Welt alle Gewalt auf einen Haufen schmelzeten. Denn mit dem Wort nimmt Gott das Herz ein, so hast du den Menschen schon gewonnen. Alsdann muß das Ding von sich selbst zerfallen und aufhören." Selbst Carlstadt, den Luther mit aller möglichen Schonung behandelte, verhielt sich nun einige Jahre ruhig, obgleich er in der Stille einen bitteren Groll gegen Luther hegte. Die Zwickauer Propheten zogen von Wittenberg ab; aber erzürnt, daß Luther ihren Geist verachtete, schrieben sie an ihn einen Brief voll Schmähungen und Verwünschungen.

 

 

Der Bauernkrieg
 

    Diese 'himmlischen Propheten', auch Wiedertäufer genannt, verbreiteten nun das Gift ihrer Schwärmerei mit dem größten Eifer unter dem Volke. Vor allen andern tat dies Thomas Müntzer, mit welchem sich 1524 auch Carlstadt verband, der noch dazu den seelenverderblichen Irrtum aufbrachte, daß im heiligen Abendmahl Christi Leib und Blut nicht wesentlich gegenwärtig sei. Durch ihre heillosen Predigten verführten sie an vielen Orten das Volk nicht bloß zum Abfall vom Worte Gottes, sondern auch zur Empörung wider die Obrigkeit. Um ihrem Unwesen zu steuern, reiste Luther selbst umher und predigte dem Volke, doch zum Teil vergeblich. So war in Orlamünde die Wut des Volkes gegen ihn so groß, daß er aus der Stadt eilen mußte und einige ihm fluchend nachschrieen: "Fahr hin in tausend Teufel Namen, daß du den Hals brächst, ehe du zur Stadt hinauskommst."

    Schon 1524 hatten sich die Bauern in Schwaben empört; 1525 verbreitete sich die Flamme des Aufruhrs durch Franken längs des Rheins und so fast über alle Gegenden Deutschlands. Die Bauern hatten sich unter dem Namen einer christlichen Vereinigung zusammengerottet, ihre Beschwerden in zwölf Artikel gefaßt und Luther zum Schiedsrichter gewählt. Dieser erklärte viele ihrer Forderungen für gerecht und billig. In ihrer ersten Beschwerde begehrten sie, die Gemeinden sollten hinfort das Recht haben, ihre Pfarrer selbst zu wählen. Darüber sagte Luther unter anderm: "Dieser Artikel ist recht. Das Recht, einen Pfarrer zu erwählen, könnt ihr ihnen nicht abschlagen mit einigem Schein. - Dawider kann und soll keine Obrigkeit. Ja, Obrigkeit soll nicht wehren, was jedermann leben und glauben will, es sei Evangelium oder Lügen; ist genug, daß sie Aufruhr und Unfried' zu lehren wehren." Zugleich bezeugt er ihnen jedoch auch, welche schreckliche Sünde sie mit ihrer Empörung begingen: "Ja, sprecht ihr, die Obrigkeit ist zu böse und unleidlich, denn sie das Evangelium uns nicht lassen wollen und drücken uns allzu hart in zeitlicher Güter Beschwerung und verderben uns so an Leib und Seele. Antwort' ich: daß die Obrigkeit böse und unrecht ist, entschuldigt keine Rotterei und Aufruhr. Das sage ich alles, meine lieben Freunde, euch treulich zu warnen, daß ihr euch in dieser Sache entäußert des christlichen Namens und Rühmens christlichen Rechts. Denn, habt recht, wie hoch ihr wollt, so gebührt keinem Christen zu rechten noch zu fechten, sondern Unrecht zu leiden und das Übel zu erdulden. Da wird nichts anders aus (1 Kor. 5,7) - Weil ihr eure Sache selbst wollt verteidigen und nicht Gewalt noch Unrecht leiden, mögt ihr tun und lassen, was euch Gott nicht wehret. Aber den christlichen Namen, den christlichen Namen, sage ich, den laßt stehen und macht den nicht zum Schanddeckel eures ungeduldigen, unfriedlichen, unchristlichen Vornehmens. Denn Christen streiten nicht für sich selbst mit dem Schwert noch mit Büchsen, sondern mit Kreuz und Leiden; gleichwie ihr Herzog, Christus, nicht das Schwert führet, sondern am Kreuz hanget. Darum stehet auch ihr Sieg nicht im Obliegen und Herrschen oder Gewalt, sondern im Unterliegen und Unkraft." Ebenso scharf strafte Luther aber auch die gottlose Tyrannei der Fürsten. "Erstlich", sagte er, "mögen wir niemand auf Erden danken solches Unrats, Aufruhrs als euch Fürsten und Herren, besonders euch blinden Bischöfen, tollen Pfaffen und Mönchen, die ihr, noch heutigestages verstockt, nicht aufhöret zu wüten und zu toben gegen das heilige Evangelium, ob ihr gleich wisset, daß es recht ist, und auch nicht widerlegen könnt. Dazu im weltlichen Regiment nicht mehr tut, als daß ihr schindet und schatzt, eure Pracht und Hochmut zu führen, bis es der arme und gemeine Mann nicht kann noch mag länger ertragen. Denn das sollt ihr wissen, liebe Herren, Gott schafft's so, daß man nicht kann, noch will, noch soll eure Raserei in die Länge dulden. Ihr müsset anders werden und Gottes Wort weichen; tut ihr's nicht durch freundliche, willige Weise, so müsset ihr es tun durch gewaltige, verderbliche Unweise." "Mir ist das am allerleidesten", sagte er den Fürsten und Bauern, "und hoch zu erbarmen, und wollt's gerne mit meinem Leben und Sterben abkaufen, daß auf beiden Seiten zwei unüberwindliche Schaden folgen. Denn weil kein Teil mit guten Gewissen streitet, so muß zum ersten folgen, daß, welche erschlagen würden, mit Leib und Seele ewiglich verloren sind, als die in ihren Sünden sterben ohne Reue und Gnade im Zorn Gottes, da ist keine Hilfe not Rat für. Denn die Herren würden darum streiten, daß sie ihre Tyrannei und Verfolgung des Evangeliums und unrechte Beschwerung der Armen bestätigen und erhielten; oder je diejenigen, so solcherlei sind, helfen bestätigen und handhaben; das ist je greulich Unrecht und gegen Gott: wer darinnen erfunden wird, muß ewiglich verloren sein. Wiederum die Bauern würden streiten, ihre Rotterei und Mißbrauch des christlichen Namens zu verfechten, welches auuch beides sicherlich gegen Gott ist, und wer darin und darüber stirbt, muß auch ewiglich verloren sein, da hilft auch nichts davor."

    Luther ermahnte nun die Obrigkeit, sich in Güte mit den Bauern zu vergleichen. Er reiste auch selbst nach Thüringen, um durch Predigen den Ausbruch des Aufruhrs zu verhindern, wobei er zweimal in Lebensgefahr geriet. Allein, die Bauern verachteten seinen treuen Rat und wüteten überall auf eine grauenvolle Weise. Sie raubten, plünderten, sengten, brannten und mordeten, wohin sie kamen, und zerstörten über zweihundert Schlösser und viele Klöster. An ihren Feinden nahmen sie die blutigste Rache; so spießten sie in Weinsberg siebzig Ritter unter den grausamsten Qualen. Da erließ Luther die äußerst strenge Schrift: "Wider die räuberischen und mörderischen Bauern." Darin rät er der Obrigkeit, zum Überflusse den Aufrührern noch einmal einen gütlichen Vergleich anzubieten, und, wenn dies nicht fruchte, mit der Schärfe des Schwertes zu verfahren. So wurden die Bauern überall von den Fürsten geschlagen. Thomas Müntzer, 'der Knecht der Knechte Gottes mit dem Schwerte Gideons', wie er sich selbst nannte, wurde am 5. Mai 1525 bei Frankenhausen besiegt, sein Haufe, der aus achttausend Bauern bestand, teils getötet, teils gefangen genommen, er selbst enthauptet.

 

 

Luther tritt in den Stand der heiligen Ehe

       

    Nach den Gesetzen des Papstes dürfen alle diejenigen, welche im sogenannten geistlichen Stande leben, wie Mönche, Nonnen, Priester usw., sich nicht verheiraten. Luther bewies dagegen aus Gottes Wort, daß der Ehestand Gottes Ordnung und allen Menschen erlaubt ist, riet auch andern mit Erfolg, in denselben einzutreten. Er selbst aber schrieb noch 1524: "Mein Sinn steht nicht aufs Heiraten, weil ich täglich den Tod erwarte, und daß ich als ein Ketzer hingerichtet werde." Doch Gott fügte es anders. Am 13. Juni 1525 verheiratete sich Luther mit dem Fräulein Katharina von Bora, die zwei Jahre zuvor das Kloster verlassen hatte, durch Lesung Lutherscher Schriften von der Rechtmäßigkeit dieses Schrittes überzeugt. Luther tat dies besonders auf Begehren seines alten Vaters und auch, um mit der Tat seine Lehre zu bestätigen. Er bezeugt selbst, Gott habe ihn plötzlich, und da er an ganz andere Dinge gedacht, wunderbar in den Ehestand geführt; "denn ich fühle", schreibt er, "weder fleischliche Liebe noch Brunst, sondern habe einen guten Willen und Gefallen am Ehestande, als an Gottes Schöpfung und Ordnung." Die Papisten ärgerten sich freilich sehr darüber, daß der Mönch eine Nonne geheiratet hätte; allein, Luther kehrte sich nicht daran, sondern äußerte voll freudigen Glaubensmuts: "Gerne wollte ich noch mehr Ärgernis anrichten, wenn ich nur was mehr wüßte, was Gott gefiele und sie verdrösse."

    In seinem Ehestande suchte Luther all das zu üben, was er darüber gelehrt hatte, so daß er als ein rechte Bischof seinem Hause wohl vorstand. Er und seine Frau liebten und ehrten einander herzlich. In dieser Ehe schenkte Gott sechs Kinder: Johannes, Elisabeth, Magdalena, Martinus, Paulus, Margareta, also drei Söhne und drei Töchter. Die Kinder machten dem Vater, bei seiner vielen Mühe und Sorge in Kirchensachen, manche vergnügte Stunde; er liebte sie aufs zärtlichste, zog sie treulich auf in der Zucht und Vermahnung zum HErrn und betete täglich mit ihnen die zehn Gebote, den christlichen Glauben und das Vaterunser; auch scherzte er oft mit ihnen und ward mit den Kindern ein Kind. So schrieb er einst an sein vierjähriges Söhnchen Johannes folgenden Brief:

    "Gnade und Friede in Christus! Mein herzliches Söhnchen. Ich sehe gerne, daß Du wohl lernest und fleißig betest. Tue also, mein Söhnchen, und fahre fort; wenn ich heim komme, so will ich Dir einen schönen Jahrmarkt mitbringen. Ich weiß einen hübschen, lustigen Garten, da gehen viel Kinder innen, haben güldene Röcklein an und lesen schöne Äpfel unter den Bäumen und Birnen, Kirschen, Spilling und Pflaumen, singen und springen und sind fröhlich; haben auch schöne kleine Pferdlein mit güldenen Zäumen und silbernen Sätteln. Da frage ich den Mann, des der Garten ist, wes die Kinder wären. Da sprach er: Es sind die Kinder, die gerne beten, lernen und fromm sind. Da sprach ich: Lieber Mann, ich habe auch einen Sohn, heißt Hänsichen Luther; möchte er nicht auch in den Garten kommen, daß er auch solche schöne Äpfel und Birnen essen möchte und solche feine Pferdlein reiten und mit diesen Kindern spielen? Da sprach der Mann: Wenn er gern betet, lernt und fromm ist, so soll er auch in den Garten kommen, Lippus und Jost auch, und wenn sie alle zusammen kommen, so werden sie auch Pfeifen, Pauken, Lauten und allerlei Saitenspiel haben, auch tanzen und mit kleinen Armbrüsten schießen. Und er zeigte mir dort eine kleine Wiese im Garten, zum Tanzen zugerichtet, da hingen eitel güldene Pfeifen und Pauken und feine silberne Armbrüste. Aber es war noch frühe, daß die Kinder noch nicht gessen hatten; darum konnte ich des Tanzens nicht erharren und sprach zu dem Manne: Ach, lieber Herr, ich will flugs hingehen und das alles meinem lieben Söhnlein Hänsichen schreiben, daß er ja fleißig bete und wohl lerne und fromm sei, auf daß er auch in diesen Garten komme; aber er hat eine Muhme Lene, die muß er mitbringen. Da sprach der Mann: Es soll ja sein, geh hin und schreib ihm so.

    Darum, liebes Söhnlein Hänsichen, lerne und bete ja getrost und sag es Lippus und Josten auch, daß sie auch lernen und beten, so werdet ihr miteinander in den Garten kommen. Hiermit sei dem allmächtigen Gott befohlen und grüße Muhme Lene und gib ihr einen Kuß von meinetwegen. Anno 1530. Dein lieber Vater, Martinus Luther."

    Gleichwohl war Luther streng gegen seine Kinder. Als sein Sohn Johannes zwölf Jahre alt war und einmal etwas verbrochen hatte - er hatte gelogen -, wollte Luther drei Tage lang nichts von ihm wissen, obschon er in einem demütigen Schreiben um Verzeihung bat. Und als seine Mutter, Dr. Jonas und Dr. Teutleben eine Fürbitte einlegten, sprach er: "Ich wollte lieber einen toten als einen ungezogenen Sohn haben. St. Paulus hat nicht umsonst gesagt, daß ein Bischof soll ein solcher Mann sein, der seinem Hause wohl vorstehe, der gehorsame Kinder habe, auf daß andere Leute, davon erbaut, ein gut Beispiel nehmen und nicht geärgert werden. Wir Prediger sind darum so hoch geehrt, daß wir andern ein gut Beispiel geben sollen. Aber unsere ungezogenen Kinder ärgern andere, so wollen die Buben auf unsere Privilegia sündigen."

    Auch an Hauskreuz fehlte es in Luthers Familie nicht. Einst wurde seine teure Ehefrau totkrank, doch erhörte Gott sein Gebet für sie. Zwei seiner geliebten Töchter aber sah er unter vielen Tränen aus diesem Leben scheiden, Elisabeth im ersten, Magdalena im vierzehnten Jahre. Der letzteren hat er selbst folgende Grabschrift gesetzt:

"Hier schlaf' ich, Lenichen, Doktor Luthers Töchterlein,

Ruh mit allen Heiligen in meinem Bettelein.

Die ich in Sünden war geboren,

Hätt' ewig müssen sein verloren;

Aber ich leb nun und hab's gut,

HErr Christe, erlöst mit deinem Blut."

 

 

Das Marburger Kolloquium

 

    Am Anfange der Reformation waren alle, welche das Evangelium angenommen hatten, in der reinen Lehre vollkommen einig. Der erste, welcher Zwiespalt anrichtete, war Carlstadt, welcher lehrte, daß im heiligen Abendmahl der Leib und das Blut Christi unter Brot und Wein nicht wahrhaftig gegenwärtig seien. Diesen Irrtum ergriff auch Ulrich Zwingli, Prediger zu Zürich in der Schweiz, und behauptete, die Worte Christi, "das ist mein Leib", hießen nur so viel wie: "das bedeutet meinen Leib". Da nun das Gift dieser Irrlehre immer mehr um sich griff, so predigte und lehrte Luther mit allem Ernst und mit großer Schärfe dagegen, denn eine böse Wunde bedarf eines scharfen Messers. Im Jahre 1527 verfaßte er die treffliche Schrift: "Daß die Worte: Das ist mein Leib, noch fest stehen wider die Schwarmgeister," und 1528 sein "Großes Bekenntnis vom Abendmahle". Allein, die Zwinglianer beharrten bei ihrem Irrtum, trennten sich später von der rechtgläubigen Kirche und bildeten eine eigene, die sogenannte reformierte Kirche.

    Um jedoch diesen Zwiespalt zu schlichten, veranstaltete der Landgraf Philipp von Hessen eine Unterredung zwischen beiden Teilen, welche am ersten, zweiten und dritten Oktober 1529 in Marburg stattfand. Außer anderen waren von der einen Seite Luther, Melanchthon und Justus Jonas, von der andere Seite Zwingli und Oecolampadius erschienen. Zunächst hielt Luther den Reformierten vor, daß sie nicht bloß vom heiligen Abendmahl falsch lehrten, sondern auch noch folgende falsche Lehren aufgestellt hätten: daß Christus nicht wahrhaftiger, natürlicher Gott sei; daß die Erbsünde keine Sünde sei; daß die Erbsünde nicht in der heiligen Taufe vergeben werde; daß der Heilig Geist nicht durchs Wort und die Sakramente mitgeteilt werde; daß die Rechtfertigung nicht bloß durch den Glauben geschehe, sondern auch durch gute Werke. Hierüber empfingen sie von Luther und den Seinigen Unterricht und gaben in allen diesen Stücken nach [scheinbar, denn später lehrten sie wieder falsch, da sie einen völlig anderen Geist als den der Schrift hatten; Anm. d. Hrsg.]

    Darauf suchten die Reformierten zu beweisen, daß im heiligen Abendmahle Christi Leib und Blut nicht gegenwärtig sei. Der erste Grund, welchen Oecolampadius anführte, war: Christus sage Joh. 6.63: "Das Fleisch ist kein nütze." Darum sei im Sakrament kein Fleisch da, denn der fleischliche Genuß sei nichts nütze. Luther antwortete: "Christus redet hier nicht von seinem Fleische, denn er sagt vorher: sein Fleisch bringt das ewige Leben, sein Fleisch ist die rechte Speise. Sondern er sagt damit, unser Fleisch ist nichts nütze, wie aus dem Gegensatz erhellt: Der Geist ist es, der da lebendig macht. Es wäre ja eine schreckliche Rede, daß Christi Fleisch nichts nütze sei."    

    Der zweite Grund der Reformierten war aus der Vernunft: "Ein Leib könne nicht an zwei Orten zugleich sein; nun sitze der Leib Christi zur Rechten des Vaters im Himmel, folglich könne er nicht auf Erden im Sakrament zugegen sein." Luther erwiderte: "Daß die menschliche Vernunft Gottes Macht und Herrlichkeit nicht richten könne. Christus hat die menschliche Natur an sich genommen, welche daher nach der Heiligen Schrift an den göttlichen Eigenschaften und Herrlichkeit teilhat. Darum ist auch die menschliche Natur Christi allgegenwärtig, mithin können sein Leib und Blut auch im heiligen Abendmahl zugegen sein."

    Zwingli antwortete: "Gott legt uns keine ungereimten Dinge zu glauben vor." Auf diesen Einwand der ungläubigen Vernunft antwortete Luther in seiner glaubenskräftigen Weise: "Was Gott geredet hat, das ist allewege zu unserer Seligkeit, ob er uns auch Holzäpfel essen oder einen Strohhalm aufheben hieße." Als nun Zwingli dennoch behauptete, es sei ungereimt, daß so ein großes Wunder wie das heilige Abendmahl durch böse Priester geschehen solle, gab Luther einen klaren Bericht: "Solches geschieht nicht aus des Priesters Verdienst, sondern aus Christi Ordnung; weil Christus solches befohlen, so geschieht es. Also soll es auch gehalten werden von der Kraft des Wortes und aller Sakramente, daß sie kräftig sind und wirken nicht aus Verdienst oder Heiligkeit des Priesters oder Predigers, sondern aus Kraft göttlicher Ordnung und göttlichen Befehls. Es ist ein donatistischer Irrtum, daß die Sakramente nicht kräftig seien, welche von bösen Priestern gehandelt werden." Auf diesen guten Bericht Luthers antwortete Zwingli nichts.

    So ging man zum dritten Grunde der Reformierten über, welchen Oecolampadius ausführte: "Die Sakramente", sagte er, "sind Zeichen; darum soll man verstehen, daß sie etwas bedeuten; deshalb soll auch hier verstanden werden, daß der Leib Christi im Abendmahl allein bedeutet werde und nicht da sei." Luther hatte von Anfang an die Worte unseres HErrn JEsus: das ist mein Leib, vor sich auf den Tisch geschrieben, als seinen gewissen, festen Grund. Er gab zu: "Es ist wahr, daß die Sakramente Zeichen sind; aber wir sollen sie nicht anders deuten, als wie sie Christus hat gedeutet. Daß Sakramente Zeichen sind, soll vornehmlich verstanden werden: daß sie die angehangenen Verheißungen bedeuten. Also bedeutet die Beschneidung vornehmlich das Wort, das Gott daran hängt, er wolle gnädig sein. Und so einer eine andere Deutung suchen wollte, wie, Beschneidung bedeute Kasteiung des Leibes, wäre es eine unnütze Deutung, so er die andere Deutung der Verheißung, welche die vornehmste ist, verachtet. Darum soll man in Deutung nicht freventlich handeln, sondern sehen, wie sich Gottes Wort selber deutet."

    Als aber Luther sah, daß die Widersacher immer härter auf ihren Meinungen bestanden, so schloß er seinerseits das Gespräch und dankte Oecolampadius und Zwingli, daß sie die Sache so freundlich gehandelt hätten. Zugleich aber fügte er hinzu, da sie keineswegs von ihrer Meinung abstehen wollten, so müßte er sie dem göttlichen Urteil anheimgeben und den HErrn bitten, daß er sie erleuchte und auf den Weg der Wahrheit zurückführe.

    Der Landgraf hörte dem ganzen Gespräche sehr aufmerksam zu und, überzeugt von den Beweisen für die Wahrheit, sagte er öffentlich: "Jetzt will ich lieber den einfältigen Worten Christi glauben als den scharfen Menschengedanken." Auch Oecolampadius empfand wegen seiner Irrlehre Gewissensbisse, wie Selnecker erzählt. Denn als ihn der Landgraf anredete: "Mein Herr Doktor! die von Wittenberg stehen dennoch auf gewissem Text. Ihr habt nur Glossen und Deutungen. Nun hat eins wahrlich mehr Grund als das andere, was weigert Ihr Euch denn?" antwortete er seufzend: "Gnädigster Fürst und Herr, ich wollte, daß mir diese Faust wäre ab gewesen, ehe ich hiervon einen Buchstaben geschrieben."

    Ehe man jedoch auseinanderging, drang der Landgraf darauf, man möge einen freundlichen Vergleich schließen. Zwingli trat hinzu und erklärte mit tränenden Augen: "Nun, Gott weiß, daß in dieser Welt kein Mensch ist, mit dem ich lieber eins sein wollte, als eben Ihr, Luther, mit Euren Wittenbergern." Er und die übrigen Teile erboten sich, daß sie gerne mit den Unsrigen lehren wollten, der Leib Christi sei wahrhaftig im Abendmahle zugegen, nur auf geistliche Weise, wenn diese sie anders als Brüder anerkennen wollten. Luther entgegnete: "Auch ich begehre mit niemandem uneins zu sein, aber doch muß ich Gottes Wort und Wahrheit lieber halten als aller Welt Freundschaft." Er sagte ferner zu ihnen: "Ihr habt einen andern Geist als wir", und stellte sie hart zur Rede, wie sie ihn und seine Freunde für Brüder halten könnten, so sie meineten, daß sie irreten; es sei ein Zeichen, daß sie ihre eigene Sache nicht groß achteten. So mußten die Reformierten, wie Luther sagt, als Ketzer abziehen; denn weil sie der Wahrheit nicht die Ehre gaben, konnten die Lutheraner nicht in brüderliche Gemeinschaft mit ihnen treten. Jedoch gaben sie den Gegnern die Hand des Friedens und der Liebe, wie Luther schreibt, so daß indes die harten Schriften und Worte unterbleiben, und ein jeder seine Lehre ohne Schelten treiben sollte, jedoch nicht ohne Widerlegung und Verantwortung.

    In diesem Jahre verfaßte Luther auch seinen Kleinen und Großen Katechismus, wovon Mathesius mit vollem Rechte sagt: "Wenn Dr. Luther sonst nichts weiter getan hätte, als daß er diese beiden Katechismen verfertigt hätte, so könnte doch die ganze Welt ihm solches nimmer genug danken."

   

 

Übergabe der Augsburgischen Konfession

  

    Da auf dem Reichstage zu Augsburg von Religionssachen gehandelt werden sollte, so trug der Kurfürst von Sachsen Luther, Melanchthon, Jonas und Bugenhagen auf, die Hauptlehren des christlichen Glaubens kurz und klar zusammenzufassen. Dies geschah in einer Schrift, welcher siebzehn von Luther schon früher verfaßte Artikel zugrunde gelegt wurden. Melanchthon führte dieselbe späterhin mit Luthers und der übrigen Bekenner Zustimmung noch weiter aus: so entstand die Augsburgische Konfession, von welcher Luther bezeugt: "Ich habe M. Philipps Apologia überlesen; die gefällt mir sehr wohl, und weiß nicht daran zu bessern noch zu ändern, würde sich auch nicht schicken; denn ich so sanft und leise nicht treten kann. Christus, unser HErr, helfe, daß sie viel und große Frucht schaffe, wie wir hoffen und bitten! Amen."

    Vor seiner Abreise ordnete der Kurfürst in seinen Ländern ein allgemeines Kirchengebet für einen gesegneten Ausgang des Reichstages an. Als ihm die Theologen erklärten, um ihn nicht in Gefahr zu bringen, wollten sie lieber allein vor dem Kaiser erscheinen und Rechenschaft ablegen, antwortete er getrost: "Da sei der liebe Gott vor, daß ich auch eurem Mittel ausgeschlossen sein sollte. Ich will mit euch meinen HErrn Christus bekennen." Mit ihm kamen nach Augsburg Melanchthon, Jonas und Spalatin, Luther dagegen blieb auf dem Schlosse Ehrenburg bei Coburg.

    Am 15. Juni, am Abend vor dem Fronleichnamsfest, hielt der Kaiser Karl V. in Augsburg seinen Einzug mit großer Pracht und Herrlichkeit. Noch an demselben Abend verlangte der Kaiser von den evangelischen Fürsten, sie sollten am folgenden Tage der großen Fronleichnamsprozession beiwohnen. Allein, diese schlugen es rund ab und erklärten, "daß sie dergleichen offenbar wider Gottes Wort und Befehl Christi streitende menschliche Ordnungen durch ihren Beitritt nicht zu stärken gesonnen seien". Und als der Kaiser bei seinem Willen blieb, beteuerte der evangelische Markgraf Georg von Brandenburg[-Ansbach]: "Ehe ich wollte meinen Gott und sein Evangelium verleugnen, eher wollte ich hier vor Ew. Kaiserlichen Majestät niederknieen und mir den Kopf abhauen lassen!" Der Kaiser erwiderte gnädig: "Löver Först, nit Kop ab! nit Kop ab!"

    So nahte denn der ewig denkwürdige Tag heran, an welchem die kleine Schar der Lutheraner den HErrn JEsus Christus bekennen sollte. Vorher, am 20. Juni, entbot der Kurfürst Johann der Beständige seine Glaubensverwandten in seine Herberge und ermahnte sie mit herzlichen Worten zur Standhaftigkeit. "Es würden doch", sagte er, "alle Anschläge gegen Gott mißraten, und die gute Sache endlich ohne Zweifel das Feld behalten; nämlich aus dem Grunde der Schrift, Jes. 8,9." In der Frühe des folgenden Morgens bereitete er sich, einsam in seinem Gemach, durch Psalmenlesen und eifriges Gebet auf den wichtigen Schritt vor.

    Der Kaiser hatte endlich den Evangelischen bewilligt, daß ihre Konfession vorgelesen werden sollte. Es war am Sonnabend, den 25. Juni 1530, nachmittags um drei Uhr, als sich die Reichsversammlung nach der kaiserlichen Herberge in der bischöflichen Pfalz begab, wo die Kapellstube zur Vorlesung der Konfession bestimmt war. Gegenwärtig sind die höchsten Personen in der Christenheit unter dem Vorsitze des deutschen Kaisers Karls V., dessen Herrschaft sich vom Norden bis zum Süden Europas und über das Weltmeer hinaus über die Ländern Amerikas, Peru und Mexiko erstreckte; die Kurfürsten, Prälaten, Fürsten und Stände deutscher Nation sind zusammengekommen, und fremde Völker haben ihre Gesandten und der Papst seine Legaten geschickt, um jene Konfession zu vernehmen. Da erheben sich freudig die evangelischen Bekenner, der Kurfürst Johann der Beständige von Sachsen nebst seinem trefflichen Sohne, dem Kurprinzen Johann Friedrich, der Markgraf Georg von Brandenburg[-Ansbach], die Herzöge Ernst und Franz von Lüneburg, der Landgraf Philipp von Hessen, der Fürst Wolfgang von Anhalt und die Gesandten der Städte Nürnberg und Reutlingen, und in ihrem Namen treten die beiden kurfürstlichen Kanzler, Dr. Brück und Dr. Baier, jener mit der lateinischen, dieser mit der deutschen Konfession, in die Mitte des Zimmers. Der Kaiser verlangt, daß das lateinische Exemplar verlesen werden solle; der Kurfürst Johann aber entgegenete, sie seien auf deutschem Grund und Boden, er hoffe demnach, Ihro Majestät werde auch die deutsche Zunge erlauben. Und nun wird die Augsburgische Konfession von Dr. Baier deutsch bei allgemein gespannter Aufmerksam langsam und laut vorgelesen, so daß, da das Kapellzimmer nicht hoch über der Erde war, die ganze im Hofe versammelte Volksmenge fast jedes Wort des Bekenntnisses ganz deutlich vernehmen konnte.

    Viele papistische Stände waren von diesem herrlichen Bekenntnisse ergriffen. Ihre Meinung, als sagten sich die Lutheraner von dem alten christlichen Glauben los, war auf einmal widerlegt. "Er habe ihr Glaubensbekenntnis gnädig vernommen", ließ der Kaiser den protestantischen Fürsten antworten. Herzog Wilhelm von Bayern konnte nach angehörter Konfession nicht umhin, den Kurfürsten freundlich anzureden. Dem mit gegenwärtigen Dr. Eck warf er vor: "Man hat mir viel anders von des Luthers Lehre gesagt als ich in ihrem Bekenntnisse gehört habe. Ihr habt mich wohl vertröstet, daß ihre Lehre zu widerlegen sei." Als Eck erwiderte: "Mit den Väters getraue ich sie zu widerlegen, aber nicht mit der Schrift", versetzte der Herzog: "So höre ich wohl, die Lutherischen sitzen in der Schrift und wir daneben." Der gelehrte katholische Bischof Christoph Stadion von Augsburg gestand offen: "Es sei alles, was abgelesen worden, die pure, lautere und unleugbare Wahrheit." Ja, selbst der ungestüme Verfolger des Evangeliums, Herzog Heinrich von Braunschweig, lud Melanchthon zu Tische. "Mich freut nur", schreibt Luther davon, "in einer solchen Zeit zu leben, da Christus von so teuren Bekennern in einer so ansehnlichen Versammlung und durch diese herrliche Konfession öffentlich verkündiget, und der Spruch ist erfüllet worden: 'Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen.' Ja, es wird auch erfüllet werden, was darauf folgt: 'und ich werde nicht zuschanden werden.' 'Denn wer mich bekennet vor den Menschen', so spricht der, der nicht lügt, 'den werde ich bekennen vor meinem himmlischen Vater.'" Auch Spalatin nennt sie "ein Bekenntnis, desgleichen nicht allein in tausend Jahren, sondern dieweil die Welt gestanden, nie gesehen ist. Man findet in keiner Historie, noch bei keinem alten Lehrer dergleichen." Ebenso bezeugt Mathesius treffend: "Größer und höher Werk und herrlicheres Bekenntnis ist nicht geschehen von den Aposteln an, als dies zu Augsburg vor dem ganzen römischen Reich." Bald wurde sie in viele Sprachen übersetzt und durch Abschriften und durch den Druck in allen Ländern verbreitet. Dadurch bekamen viele erst den rechten Aufschluß über die lutherische Lehre, erkannten vollkommen die Übereinstimmung derselben mit der Heiligen Schrift und mit der Lehre der alten Kirche und bekannten sich mit Freuden dazu. Denn die Augsburgische Konfession ist ein reines, richtiges und unwiderlegliches Bekenntnis der göttlichen Wahrheit der Heiligen Schrift, darum ist sie auch das heilige Panier, zu welchem alle wahren Lutheraner in allen Ländern schwören, und bis auf diesen Tag erkennt die lutherische Kirche nur denjenigen als ihr Mitglied an, der sich ohne alle Ausnahme zu allen Artikeln der unveränderten Augsburgischen Konfession bekennt. Darauf verfaßten auf Befehl des Kaisers papistische Theologen eine Schrift, in welcher sie sich bemühten, die Augsburgische Konfession zu widerlegen. Melanchthon verteidigte jedoch dieselbe siegriech gegen ihre Angriffe in der "Apologie", welche von der evangelisch-lutherischen Kirche ebenfalls unter ihre Bekenntnisse aufgenommen ist.

    Unterdessen war Luther in Coburg nicht müßig, sondern nahm an allem den tätigsten Anteil; er erteilte seinen Freunden in Augsburg guten christlichen Rat, reichen Trost und kräftige Ermutigungen. Dabei schrieb er mehrere treffliche Schriften, so eine Auslegung des 118. Psalms, den er seinen Lieblingspsalm nannte, weil er sich um ihn in manchen Nöten schon hoch verdient gemacht habe. Den 17. Vers dieses Psalemes: "Ich werde nicht sterben, sondern leben und des HErrn Werk verkündigen", schrieb er zu seinem Troste an die Wände, um ihn immer vor Augen zu haben. Auch empfing er oft die Absolution und das heilige Abendmahl.

    Vor allem aber betete Luther fleißig für den Sieg des Evangeliums, welcher der bloßen Vernunft freilich damals ganz unmöglich scheinen mußte. Denn der Satan und der römische Antichrist hatten sich furchtbar gegen das Evangelium gerüstet und suchten dasselbe um jeden Preis zu vertilgen. Auf Seiten des Papstes standen der mächtige Kaiser und die gewaltigsten Könige und Fürsten der Welt, und der Papst bot samt seinen Kardinälen, Bischöfen, Mönchen und Gelehrten ohne Unterlaß alles auf, um dieselben zur Ausrottung der Lutheraner zu bewegen. So schien es gewiß, daß das kleine Häuflein der evangelischen Bekenner unterliegen würde. Umso brünstiger rief Luther den Allmächtigen um seine Hilfe an. "Denn weil dieser Reichstag", schreibt Mathesius, "vornehmlich gegen Dr. Luthers Lehre angestellt und die, so diese Lehre halfen predigen und für recht in ihren Ländern und Städten hielten, wie der römischen Doktoren angelegte Bücher klar ausweisen, feiert unser Doktor auch nicht, wie Mose, da er seinen treuen Diener Josua mit vielen guten Leuten gegen den König Amalek gerüstet ins Feld schicket. Denn Dr. Luther hielt auch den Stab und Stecken Gottes in seiner Hand und trat vor Gottes Angesicht, und hob in der Erkenntnis des HErrn Christus seine heiligen und schweren Hände auf, damit er das Papsttum hart gedrückt und geschwächt hatte, und schrie Tag und Nacht zu Gott, daß er seines Namens Ehre, das heilige Evangelium und sein Reich und die rechten Josuiten und deutschen Ritter, so zu Augsburg mit den Engelein gegen den Widerchrist zu Felde lagen, bei rechtem Glauben und reiner Lehre erhalten und sie mit seinem Heiligen Geiste stärken und trösten und sie mit seinen Engelein bewachen und umlagern wollte; wie auch desmals, was rechte Christen im ganzen Römischen Reich waren, in allen Schulen und Kirchen Dr. Luther und den Seinigen treulich schreien halfen. Und zwar Christus, der einige Schutzherr und Hüter seiner Kirchen, auf dessen Wort, Blut, Verdienst und Eid Luther seine Hände leget und sein Gebet gründet und aufopfert, half auch mit emsigen und unaussprechlichen Seufzern vor seinem Gott und Vater sein ewiges Gebet wiederholen."

    Veit Dietrich, Luthers Gefährte in Coburg, schrieb darüber an seinen Lehrer Melanchthon nach Augsburg: "Ich kann mich nicht sattsam verwundern über dieses Mannes treffliche Beständigkeit, heiteren Mut, Glauben und Hoffnung in so trauriger Zeit; er nähret dieselben aber auch ohne Unterlaß durch eine sorgfältige Betrachtung des göttlichen Wortes. Es vergeht kein Tag, daß er nicht zum wenigsten drei Stunden, so zum Studieren am bequemsten, aufs Gebet verwendete. Einmal glückte es mir, daß ich ihn beten hörte. Guter Gott, welch ein Glaube war in seinen Worten! Mit solcher Ehrfurcht betete er, daß man sah, er redete mit Gott, und doch wieder mit solchem Glauben und solcher Hoffnung, daß es schien, als rede er mit einem Vater und Freunde. 'Ich weiß', sagte er, 'daß Du unser Gott und Vater bist. Ich bin darum gewiß, Du wirst die Verfolger Deiner Kinder zuschanden machen. Tust Du es nicht, so ist die Gefahr Dein so gut wie unser. Ist doch der ganze Handel Dein eigen; sind wir doch nur gezwungen gewesen, ihn anzugreifen; Du magst ihn also schützen' usw. So hörte ich ihn mit heller Stimme beten, da ich von ferne stand. Auch in mir brannte das Herz mit großem Eifer, als er so vertraulich, so ernst und andächtig mit Gott redete und unterm Gebet so auf die Verheißungen in den Psalmen drang, wie einer, der gewiß war, daß das geschehen werde, was er bat. Darum zweifle ich nicht, es werde sein Gebet eine große Hilfe tun in der verzweifelt bösen Sache dieses Reichstags."

    Zugleich schrieb Luther an seine Freunde in Augsburg die kräftigsten Trostbriefe. Seinem Kurfürsten bezeugte er, es sei ein Zeichen, daß Gott ihn lieb habe, weil er ihm sein Wort so reichlich gönne und ihn würdige, um desselben willen Schmach und Feindschaft zu leiden. "Über das", fährt er fort, "so erzeigt sich der barmherzige Gott wohl noch gnädiger, daß er sein Wort so mächtig und fruchtbar in E.K.G. Lande macht. Denn freilich E.K.G. Lande die allerbesten und meisten Pfarrer und Prediger haben, wie sonst kein Land in aller Welt, die so treulich und rein lehren und so schönen Frieden helfen halten. Es wächset jetzt daher die zarte Jugend von Knäblein und Maidlein, mit dem Katechismus und Schrift so wohl zugerichtet, daß mir's in meinem Herzen sanft tut, daß ich sehen mag, wie jetzt junge Knäblein und Maidlein mehr beten, glauben und reden können von Gott, von Christus als vorhin und noch alle Stift' und Klöster und Schulen gekonnt haben und noch können."

    Besonders bedurfte Melanchthon seines Zuspruchs, weil er damls sehr von Sorgen geplagt wurde. Luther schrieb ihm, er hasse solche Sorgen gar sehr. "Daß sie also in deinem Herzen regieren", rief er ihm zu, "macht nicht die Größe der Sache, sondern die Größe unseres Unglaubens. Sie mag aber so groß sein, wie sie will, so ist der doch auch groß, der sie führt und von dem sie stammt, denn sie ist nicht unser. Was quälst du dich daher so ohne Unterlaß? Ist die Sache falsch, so wollen wir sie widerrufen; ist sie aber recht, was machen wir den zum Lügner, der mit so vielen Verheißungen gebietet, stille zu sein und ruhig zu warten? Wirf deine Sorge auf den HErrn", sagte er. "Was kann der Teufel mehr tun, als daß er erwürge? Christus ist für unsere Sünde einmal gestorben, aber für Gerechtigkeit und Wahrheit wird er nicht sterben, sondern da lebt und regiert er."

    Und als Melanchthon dennoch zagte und trauerte, richtete Luther ihn mit den Worten auf: "Gnade und Friede in Christus! Fast weiß ich nicht, lieber Philippe, was ich an dich schreiben soll, so schlage ich mich mit allerlei Gedanken herum über deine heillosen und törichten Sorgen, denn ich weiß, daß ich tauben Ohren predige. Das macht, daß du dir allein glaubst und andern nicht, zu deinem großen Schaden. Ich kann in Wahrheit sagen, ich bin in größern Ängsten gewesen, als du jemals sein wirst, wie ich hoffe, und ich wünsche keinem Menschen, auch denen nicht, die jetzt so gegen uns wüten, wenn sie auch Buben und Wüteriche sind, daß sie mir darin ähnlich werden. Und doch bin ich in solchem Jammer oft getröstet worden durch das Wort eines Bruders, bald durch Pomerani, bald durch dein, bald durch Jonä oder anderer Wort. Darum, so höre du uns auch, die wir ja nicht nach dem Fleisch und der Welt, sondern ohne Zweifel nach Gott durch den Heiligen Geist reden. Sind wir auch gering, Lieber, so laß doch den nicht gering sein, der durch uns redet. Soll's denn erlogen sein, daß Gott seinen Sohn für uns gegeben hat, so sei der Teufel an meiner Statt Mensch oder eine seiner Kreaturen. Ist's aber wahr, was machen wir denn mit unserm leidigen Fürchten, Zagen, Sorgen, Trauern? Gleich als wollte er uns in diesen geringen Sachen nicht beistehen, da er doch seinen Sohn für uns gegeben, oder als sei der Satan mächtiger als er. Ich weiß gewiß, daß unsere Sache recht und wahrhaftig ist und, das noch wohl mehr ist, Christi und Gottes Sache selber. Fallen wir, so fällt Christus mit, er, der Regierer der Welt. Und immerhin mag er fallen, ich will lieber mit Christus fallen, als mit dem Kaiser stehen. Darum bitte ich dich um Christi willen, du wollest die göttlichen Verheißungen und Tröstungen nicht in den Wind schlagen, da er spricht: Seid getrost, ich habe die Welt überwunden! Es wird ja nicht falsch sein, daß weiß ich fürwahr, daß Christus sei ein Überwinder der Welt. Was fürchten wir uns also vor der überwundenen Welt, als sei sie der Überwinder? Der HErr JEsus erhalte dich, daß dein Glaube nicht aufhöre, sondern wache und überwinde. Amen."            

    Als die Papisten mit den Unsrigen über eine Vereinigung in der Lehre verhandelten, warnte Luther seine Freunde treulich. An Spalatin schrieb er: "Ich höre, daß Ihr nicht gerne das wunderliche Werk unternommen habt, den Papst und Luther zu vereinigen. Aber der Papst wird nicht wollen und Luther verbittet sich's; seht zu, daß Ihr nicht gar Eure feine Arbeit wegwerft. Wenn Ihr wider beider Willen die Sache zustande bringt, dann will ich Eurem Beispiele folgen und Christus und Belial versöhnen." "In Summa", bezeugt er, "mir mißfällt diese Verhandlung über die Einigung in der Lehre, weil sie ganz unmöglich ist, solange der Papst sein Papsttum nicht abtun will." Mit Melanchthon war er zufrieden, daß dieser es nicht als etwas Indifferentes (Gleichgültiges) habe gelten lassen, sondern als ein Gebot, das Abendmahl unter beider Gestalt zu nehmen. "Denn es steht nicht bei uns", setzte er hinzu, "in der Kirche Gottes oder im Gottesdienst etwas zu setzen oder zu dulden, was sich mit dem Worte nicht läßt verteidigen, und mich brennt das schändliche Wort 'indifferent' im Herzen, ja, mit diesem Worte kann man leicht alle Gebote und Ordnungen Gottes indifferent machen; denn läßt man einmal in dem Worte Gottes etwas Indifferentes zu, wie will man's denn verhindern, daß nicht alles indifferent werde?"

    Doch noch einnmal liefen bei ihm Klagen über seine Augsburger Freunde, besonders über Melanchthon, ein, daß sie um des Friedens willen zu viel nachgegeben hätten. Luther ermahnte sie: "Laßt's ja nicht zu, daß unter Euch selbst eine Spaltung entstehe. Der Friede gelte in unsern Augen so groß, wie er wolle,  doch ist der HErr des Friedens und der Schiedsrichter im Kriege größer als der Friede und höher zu achten. Uns steht's nicht zu, künftige Kriege zu besorgen, uns steht's zu, einfach zu glauben und zu bekennen." Allein, die Besorgnis war unbegründet, und der HErr erfüllte das Gebet Luthers, daß er die Bekenner gesund und stark zurückführen möge.

    Schon am 14. September kam der Herzog Johann Friedrich mit dem Grafen Albrecht von Mansfeld zu Luthers Freude unverhofft in Coburg an.

    Der Herzog wollte Luther auch mit sich nehmen, aber dieser bat, er solle ihn da lassen, daß er seine Freunde auf ihrer Rückkehr empfangen und ihnen nach diesem heißen Bade den Schweiß abtrocknen könne. Er hoffte, sie auch bald erlöst zu sehen, und meinte, sie hätten vollauf und genug getan. "Ihr habt Christus bekannt", schrieb er, "Frieden angetragen, seid mit Lästerungen gesättigt worden und habt das Böse nicht mit Bösem vergolten, Summa, Ihr habt das heilige Werk Gottes, wie's den Heiligen ziemt, würdiglich getrieben."

    Endlich hatte er die Freude, die teuren Bekenner in Coburg zu begrüßen. Seinem Kurfürsten wünschte er Glück, daß er mit Gottes Gnade aus der Hölle zu Augsburg gekommen sei. Auf der Heimreise kehrte er mit seinen Gefährten in Altenburg bei Spalatin ein. Als daselbst Melanchthon unter dem Essen schrieb, stand Luther auf, nahm ihm die Feder und sprach: "Man kann Gott nicht allein mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen, darum hat er das dritte Gebot gegeben und den Sabbat geboten."

 

 

Reformatorische Arbeiten

 

    Nach Wittenberg zurückgekehrt, mußte Luther trotz seiner leiblichen Schwäche eine außerordentliche Menge von Geschäften verrichten. Damals handelte es sich abermals um die Frage, ob die lutherischen Fürsten und Stände im Falle der Not ein Religionsbündnis schließen sollten. Luther jedoch riet nicht dazu, weil man dabei gewöhnlich sein Vertrauen auf Menschen setze, weshalb auch die Propheten des Alten Testaments so sehr gegen solche Bündnisse geeifert hätten.

    Im Jahre 1531 erließ Luther eine Warnung an seine lieben Deutschen, daß sie die reine Lehre des Evangeliums nicht möchten bekämpfen und dämpfen helfen. Diese Schrift machte auch auf den Kaiser selbst einen solchen Eindruck, daß im Jahr 1532 ein allgemeiner Landfriede geschlossen wurde, wozu namentlich der fromm Kurfürst Johann beitrug. Der bald darauf folgende Tod dieses Fürsten versetzte die lutherische Kirche aufs neue in tiefe Trauer. Er entschlief im Beisein Luthers in dem Bekenntnis Christi, welches er zwei Jahre zuvor in Augsburg abgelegt hatte. Davon, sowie von vielen andern seiner Tugenden, legte Luther in den ihm gehaltenen beiden Leichenpredigten manche denkwürdigen Zeugnisse ab.

    Luther fuhr nun unverändert fort, das Werk des HErrn zu treiben und ließ auch in diesem Jahre manche schöne Schriften ausgehen. Unter andern schrieb er seine so nutzbaren Summarien über die Psalmen, und zwar mit unglaublicher Schnelligkeit, indem er im ganzen dazu nicht mehr als sechszehn Stunden brauchte. Was er für ein guter Streiter Christi gewesen sei, zeigt seine Predigt über Eph. 6 "vom Harnisch und Waffen der Christen"; und wie er auch die Vortrefflichkeit der Liebe mit großer Beredsamkeit pries, davon gibt seine Schrift über 1 Joh. 4 Zeugnis.

    Da Luther vernommen hatte, daß die Prediger zu Frankfurt am Main auf zwinglische Weise vom Sakrament lehrten (mit dem Vorgeben, als sei zwischen dieser und der Lehre Luthers kein Unterschied) und daß sie auch die Beichte verwarfen, so schrieb er im Jahre 1533 die gewaltige und überzeugende "Warnungsschrift an die Frankfurter, daß sie sich vor Zwingel und zwingelscher Lehre hüten sollten", und sagt am Schlusse derselben, wo er einen Unterricht über die Beichte erteilt, folgendes: "Wenn tausend und abertausend Welten mein wären, so wollte ich alles lieber verlieren, als daß ich wollte dieser Beicht' der geringsten Stücklein eines aus der Kirchen kommen lassen."

    Den um diese Zeit von Herzog Georg hart bedrängten und vertriebenen Lutheranern sandte Dr. Luther mehrere kräftige Trostschriften zu, und da er von diesem Fürsten als ein Meineidiger und Aufruhrstifter gescholten wurde, so verantwortete er sich heftig und mit einem gerechten Eliaseifer.

    Im Jahre 1534 vollendete Dr. Luther unter Gottes besonderem Beistand das große Werk der Übersetzung der ganzen Bibel in die deutsche Sprache, wozu er im Jahre 1517 mit Übersetzung der sieben Bußpsalmen den Anfang gemacht und seitdem siebzehn Jahre lang allen Fleiß und viel Zeit darauf verwendet hatte. Die Schwierigkeiten, die er bei dieser Arbeit zu überwinden hatte, übersteigen alle Vorstellungen. Namentlich hat er im Alten Testament oft vier Wochen über ein einziges Wort nachgedacht und nachgefragt, wie er es aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzen solle. Mit vollem Rechte nennt daher Mathesius diese Bibelübersetzung eines der größten Wunderwerke, welche Gott durch Dr. Luther ausgerichtet hat; denn es kommt einem aufmerksamen Bibelleser nicht anders vor, als ob der Heilige Geist durch der Propheten und Apostel Mund in unserer deutschen Sprache geredet hätte. Deshalb übertrifft diese Bibelübersetzung nicht nur die früheren, die noch dazu äußerst selten und oft ganz unverständlich waren, sondern auch alle späteren Übersetzungen bis in die neueste Zeit, so daß auch hierin Luther immerdar Meister bleiben und seine Arbeit den Preis behalten wird. Gott hat auch dieses Werk mit vielem Segen geschmückt; denn durch die Millionen Abdrucke dieser Übersetzung ist das Wort Gottes nicht nur in Deutschland, sondern auch durch die Übersetzung derselben in fremde Sprachen in viele andere Länder ausgebreitet worden. Nächstdem ist durch diese Bibelübersetzung ein reicher Sprachschatz gebildet worden, aus welchem die eigentümliche und kraftvolle Kirchensprache genommen ist, wie sie sich vor allem in Luthers Schriften findet und wodurch auch der Grund zur Vervollkommnung der deutschen Sprache überhaupt gelegt worden ist.

    Wir können uns durch Vergleichung mit leichter Mühe von der Unübertrefflichkeit der Bibelübersetzung Luthers überzeugen.

    Man lese erstlich einmal den ersten Psalm, wie er in der "Ersten deutschen Bibel" vom Jahre 1462 lautet und halte daneben die unten gegebene Verdeutschung Luthers!

    1462: Selig ist der Mann, der nicht ging in den Rat der Unmilten und nichten stund in dem Weg der Sünde und nicht saß auf dem Stuhle der Verwüstung. Wann sein Will ist in dem des Herren: und in seiner ee betracht er Tage und Nacht. Und er wird als das Holz, das da ist gepflanzet bei dem Ablauf der Wasser: das sein Wucher gibt ihm sein Zeit. Und sein Laub zerfließt nicht: und alle Ding, die er tut, die werden glücksam. O ihr Unmilten, mit also tut also: wann als das Gestüpp, das der Wind verwirft von dem Antlitz der Erde. Darum die Unmilten die ersten mit in dem Urteile: noch die Sünder in dem Rat der Gerechten. Wann der HErr erkennt den Weg der Gerechten: und der Seg der Unmilten verdirbt.

    Der 1. Psalm lautet in Luthers Übersetzung:

    Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzet, da die Spötter sitzen: Sondern hat Lust zum Gesetz des HErrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum, gepflanzet an den Wasserbächen, der seine Frucht bringet zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht, und was er macht, das gerät wohl. Aber so sind die Gottlosen nicht; sondern wie Spreu, die der Wind verstreuet. Darum bleiben die Gottlosen nicht im Gericht, noch die Sünder in der Gemeine der Gerechten. Denn der HErr kennet den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergehet.

    Sodann lese man den 23. Psalm, den wir in drei Übersetzungen darbieten!

    1466: Der herr d'richt mich und mir gebrast nit: und an der stat der weyde do satzt er mich. Er fürte mich ob den wasser d'widerbringung: er bekert mein sel. Er fürte mich aus auf die steyg der gerechtikeite: umb seinen namen. Wann ob ich ioch gee in mitzt des schatten des todes: ich vörcht nit die ubelen ding: wann du bist mit mir. Dein rut und dein stab: dy selb haben mich getröst du hast breyt den tisch in meiner beschend: wider di die mich betrübent. Du hast erueystent mein haubt mit dem öl: und mein kelch d'macht truncken wie lauter er ist. Un dein erbermd die nachuolgt mir all die tag meins lebens. Daz auch ich entwele in den haus dez herrn in die leng d'tag.

    1518. Bibel teütsch der erste tail. Gedruckt und vollendt in der kaiserlichn stat Augspurg durch Siluann Otmar, in verlegung und kosten des fürsichtign herrn Johann Rynman von öringen.

    DEr herr regieret mich und mir geprist nichts/ und an der stat der wayde do satzt er mich. Er hat mich gefüret auff dem wasser der widerbringung/ er bekert mein sel. Er fürt mich auß auff die steyg der gerechtigkait umb seinen namen. Wann ob ich gee in mittn des schatten des todes/ ich fürcht nit die üblen Ding/ wann du bist bey mir. Dein rut und dein stab/ die selben habn mich getröstet. Du hast bereytet den tisch in meinn Angesicht/ wider die die mich betrüben. Du hast erfeyßet mein haubt in dem öl/ und mein kelich machet truncken wie lauter er ist/ und dein erpärmbde nachuolget mir/ alle tag meines lebens/ Das auch ich innwone in dem hauß des herrn/ in die leng der tag.

    1534. Biblia/ das ist/ die ganze Heilige Schrifft. Deudsch. Mart. Luther. Wittenberg. Begnadet mit Kurfürstlicher zu Sachsen freiheit. Gedruckt durch Hans Lufft.

    DEr HERR ist mein Hirte/ mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auff einer grünen awen/ und füret mich zum frischen wasser. Er erquicket meine seele/ er füret mich auff rechter strasse/ umb seines namens willen. Und ob ich schon wandert im finstern tal/ fürchte ich kein unglück/ Denn du bist bey mir/ Dein stecken und stab trösten mich. Du bereitest fur mir einen tisch gegen meine feinde/ Du salbest mein heubt mit öle/ und schenckest mir vol ein. Gutes und barmherzigkeit werden mir folgen mein lebenlang/ Und werde bleiben im Hause des HERRN imer dar.             

    Endlich vergleiche man an einer Auswahl von 28 Stellen, nämlich Nacht und Finsternis der alten deutschen Bibelübersetzung vor Luther (1483) und Tag und Licht der Bibelübersetzung Dr. Martin Luthers:

    1 Mose 3,15: Ich werde setzen Feindschaft zwischen dir und dem Weib, und deinem Samen und ihren Samen. Sy wird zermüschen dein Haupt; und du wirst heimlich tragen Neide ihrem Fußtritt. #

    Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten; und du wirst ihn in die Ferse stechen.  

    1 Mose 25,21: Und Isaak der pate den HErrn umb sein Hausfrauen; darum daß sie waß unperhafftig. Er erhört ihn und gab die Empfahung Rebbecä. #

    Isaak aber bat den HErrn um sein Weib; denn sie war unfruchtbar. Und der HErr ließ sich erbitten, und Rebekka, sein WEib, ward schwanger.

    1. Mose 26,1: Aber Hunger warde geboren auff der Erde; nach der Unperhafftigkeit. #

    Es kam aber eine Teurung ins Land, über die vorige.

    1 Mose 27,44.45: Und wohne bei ihm lützel Tag, biß daß der grimmig Zoren deines Bruders ruhe; unge sein Unwürdigkeit auffhöre. #

    Und bleib eine Weile bei ihm, bis sich der Grimm deines Bruders wende, und bis sich sein Zorn wider dich von dir wende.

    2 Mose 1,14: Und führten ihr Leben zu der Bitterkeit; mit den harten Werken deß Kots. #

    Und machten ihnen ihr Leben sauer, mit schwerer Arbeit im Ton und Ziegeln.

    Richter 5,25.26: Dem Eyschenden das Wasser gab sie die Milch, und in dem Kopff der Fürsten, brach sie die Buttern. Sie leget die gelinke Hand zu dem Nagel, und die gerechten zu dem Hamer der Schmid, und schlug Sizaram und suchet die Statt der Wunden in dem Haupt, und stärklich durchgrub sie den Schlaff. #

    Milch gab sie, da er Wasser fordert, und Butter brachte sie dar in einer herrlichen Schale. Sie griff mit ihrer Hand den Nagel, und mit ihrer Rechten den Schmiedhammer, und schlug Sissera durch sein Haupt, und zerquetschet und durchbohret seinen Schlaf.

    Ruth 1,12: Wann ich bin jetzund verganges Alters, und nymmer geschickt dem eelichen Band. #

    Ich bin nun zu alt, daß ich einen Mann nehme.

    1 Sam. 24,4: Saul ging in die Grub, daß er reyniget den Bauch. #

    Saul ging in die Höhle, seine Füße zu decken.

    1 Sam. 26,25: Mein Sun David, du bist gesegnet und tund thustu, und vermügend magstu. #

    Gesegnet bist du, mein Sohn David; du wirst's tun und hinausführen.

    Hiob 12,5: Die verschmeht Ampel bey den Gedanken der Reichen, ist bereit zu der geordneten Zeit. #

    Und ist ein verachtet Lichtlein für den Gedanken der Stolzen; stehet aber, daß sie sich dran ärgern.

    Hiob 19,4: Und ob ich nicht hab gewisset, mein Mißkennung wirt bey mir. #

    Irre ich, so irre ich mir.

    Hiob 12,23: Der da manifaltiget das Volck, und verlewsset sie, und widerschicket die Verwohrten in Ganzheit. #

    Er macht etliche zum großen Volk und bringt sie wieder um. Er breitet ein Volk aus, und treibet sie wieder weg.

    Hiob 16,14: Er schneide mich mit der Wunden auff die Wunden. #

    Er hat mir eine Wunde über die andere gemacht.

    Hiob 24,19: Es wird geen von den Wassern der Schnee zu der übrigen Hitze, und seine Sünden unten zu der Hölle. #

    Die Hölle nimmt weg, die da sündigen, wie die Hitze und Dürre das Schneewasser verzehret.

    Hiob 38,1.2: Aber der HErr antwortet Job von dem Windspreul, und sprach, wer ist der, der da einweltzt die Urteil mit ungelerten Worten. #

    Und der HErr antwortete Hiob aus einem Wetter und sprach: Wer ist der, der so fehlet in der Weisheit, und redet so mit Unverstand?

 

    Ferner aus Johann Böschenstains Psalter vom Jahr 1523 und Luthers Übersetzung:

    Psalm 2,1: Warumb grißgrammeten die Heyden. #

    Warum toben die Heiden?

    Psalm 2,4: Der da wonet in den Hymeln wird sy verspotten, und der HErr wird sy verkrummen. #

    Aber der im Himmel wohnet, lachet ihr, und der HErr spottet ihr.

    Psalm 4,8: Du hast geben Freud in meinem Herzen; von der Zeit ihres Weizes und ihres Mosts sind sie gemehret worden. #

    Du erfreuest mein Herz, ob jene gleich viel Wein und Korn haben.

    Psalm 5,6: Sie werdend nicht sich stellen die Schölligen zugegen deinen Augen; du hast gehasset alle Würcker deß übels. #

    Die Ruhmrätigen bestehen nicht vor deinen Augen; du bist feind allen Übeltätern.

    Psalm 7,14: Und zu ihm hat er berait Geschirr deß Tods; seine Pfeil zu den Jagenden wird er wirken. #

    Und hat darauf gelegt tödliche Geschoß; seine Pfeile hat er zugericht zu verderben.

    Psalm 7,17: Es wird widerkehrt sein Schmerz auff sein Haupt, und sein Hauptwirbel wird absteigen seine Betriegligkeit. #

    Sein Unglück wird auf seinen Kopf kommen, und sein Frevel auf seinen Scheitel fallen.

    Psalm 17,18: Behüt mich als den Schwarzapffel, ein Tochter des Augs. #

    Behüte mich wie einen Augapfel im Auge!

    Psalm 23,2: In die Wonungen deß Graß er thon hauren mich; auff den Wassern der Ruwungen wird er führen mich. #

    Er weidet mich auf einer grünen Augen, er führet mich zum frischen Wasser.

    Psalm 23,5: Du hast feist gemacht mein Haupt; mein Becher ist ersettiget. #

    Du salbest mein Haupt mit Öle, und schenkest mir voll ein.

    Psalm 33,14: Von der Beraitung seines Gesäß hat er thon lugen zu allen Sitzern des Erdreichs. #

    Von seinem festen Thron siehet er auf alle, die auf Erden wohnen.

    Psalm 36,2: Es hat gsagt die Sind zum Schalck, inzwischen seines Herzes; nicht ist die Angst Gottes zugegen seinen Augen. #

    Es ist von Grund meines Herzens von der Gottlosen Wesen gesprochen, daß keine Gottesfurcht bei ihnen ist.

    Psalm 36,12: Der Fuß der Hoffart kumm mir nit; und die Hand des Sünders bewege mich nit. #

    Laß mich nicht von den Stolzen untertreten werden, und die Hand der Gottlosen stürze mich nicht!

    Psalm 68,14: Ob ihr werdet liegen zwischen dem Gemärcker, so sein die Flügel der Tauben bedeckt mit Silber; und ihre Feder in der Gilbe des Golds. #

    Wann ihr zu Gelde liegt, so glänzet's als der Tauben Flügel, die wie Silber und Gold schimmern.

    Im Jahr 1535 richteten die Wiedertäufer neues Unheil an und verführten viele Leute; sie verwarfen das geschriebene Wort Gottes und das heilige Predigtamt; sie behaupteten auf eine gotteslästerliche Weise vom heiligen Abendmahl, daß dabei nichts als Brot und Wein ausgeteilt werde; sie schändeten die Obrigkeit und führten dabei ein wildes und wüstes Leben. Besonders trieben sie ihr Unwesen in der Stadt Münster, bis endlich ihrer Rotterei mit Gewalt der Waffen gewehrt wurde. Luther aber führte auch gegen diese Feinde der christlichen Kirche gewaltig das Schwert des Geistes, nämlich des Wortes Gottes, in mehreren Schriften und warnte treulich vor ihren Irrtümern, sowie vor Schleichern und Winkelpredigern oder vor solchen, die sich ohne einen ordentlichen Beruf durch Menschen zu Lehrern selbst aufwerfen.

    Zu Ende dieses Jahres kam ein päpstlicher Abgesandter, namens Paul Vergerius, nach Deutschland, um eine freie und längst versprochene Kirchenversammlung anzukündigen. Er kam auch mit einem großen Gefolge nach Wittenberg und forderte Luther zu sich. Als nun die Rede auf das Konzil kam, erklärte Luther, daß es damit der Gegenpartei kein Ernst sei; und wenn auch ein solches zustande käme, so würde man nach ihrer Gewohnheit doch nur von unnötigen Dingen, nicht aber vom Glauben, der Rechtfertigung und von der rechten Eintracht im Geist und Glauben handeln. Dabei wandte sich Vergerius zu seinen Begleitern und sagte: "Der trifft wahrlich den Hauptzweck im ganzen Handel." Luther aber setzte hinzu: "Wir sind durch den Heiligen Geist der Dinge aller gewiß und bedürfen gar keines Konzils, sondern andere arme Leute, so durch eure Tyrannei unterdrückt worden; denn ihr wisset nicht, was ihr glaubt. Nun wohlan! habt ihr Lust dazu, so machet eins; ich will, ob Gott will, kommen, und wenn ich wüßte, daß ihr mich verbrennen solltet." Dieser Vergerius wurde nach zehn Jahren ein eifriger Lutheraner; denn als er in der Hoffnung, Kardinal zu werden, die Schriften Luthers mit großem Fleiß las, um sie zu widerlegen, so wurde er dadurch von der Wahrheit so überzeugt, daß er nun nicht gegen das Luthertum, sondern gegen das Papsttum schrieb.

    Unter den vielen Schriften, welche Luther in diesem Jahr verfaßte, ist besonders die zu merken: "Einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund." Es ist dies eine kurze, aber vortreffliche Anweisung, wie man die ersten drei Hauptstücke des Katechismus zum Gebet anwenden sollte.

    Wie bereitwillig Luther war zu einer Vereinigung mit den Reformierten, unbeschadet der rechten Lehre, sieht man abermals an der sogenannten Wittenberger Konkordie. Es wurden nämlich im Jahre 1536 kurz vor Pfingsten einige reformierte Theologen, unter ihnen Bucer, nach Wittenberg gesandt, um sich mit Luther und den übrigen Theologen wegen des Artikels vom heiligen Abendmahl nochmals zu besprechen. In den Einleitungsreden zeigte Luther, warum er bis jetzt an der redlichen Absicht der Gegenpartei habe zweifeln müssen, und erklärte namentlich gegen Bucer, wenn er es nicht redlich meine, so wäre es besser, die Gedanken wegen einer Konkordia aufzugeben, damit das Übel nicht ärger werde und die Nachkommen über solchem Blendwerk nicht seufzen müßten. Als nun Bucer etwas bestürzt versicherte, daß er eine redliche Absicht habe und das Geschehene zu entschuldigen suchte, so verlangte Luther, sie sollten ihre bisher geführte Lehre vom heiligen Abendmahl öffentlich als unchristlich widerrufen und versprechen, die wahre Lehre davon mit der lutherischen Kirche annehmen und vortragen zu wollen; sie müßten rein heraus sagen, daß im Sakramente Christi Leib und Blut im Brot und Wein wesentlich gegenwärtig sei, wennglich der, welcher es austeile oder empfinge, unwürdig wäre. Diese und andere Punkte wurden darauf von Melanchthon zusammengestellt und sämtlich von den reformierten und lutherischen Theologen unterschrieben, auch öffentlich von der Kanzel abgelesen.

    Ein Teil der Reformierten bezeugte ihre Freude über diese Konkordia, die Schweizer aber wollten dieselbe nicht annehmen, sondern ließen aufs neue eine Gegenschrift ausgehen. Bald fing auch Bucer wieder an zu wanken, und sogar Melanchthon und andere, die es mit ihm hielten, nahmen insgeheim manches vor, womit sie den Abweichungen von der rechten Lehre Vorschub leisteten und dadurch großen Schaden stifteten, Luther aber noch in seinen letzten Lebensjahren vielen Kummer verursachten.

    Im Jahre 1537 hielten die lutherischen Fürsten eine Versammlung zu Schmalkalden, wobei die von Luther auf Erfordern verfaßten Artikel unterschrieben und zur Vorlage auf das angekündigte allgemeine Konzil bestimmt wurden. Auch die Schmalkaldischen Artikel hat die lutherische Kirche in die Zahl ihrer öffentlichen Bekenntnisse aufgenommen. Luther reiste auch mit nach Schmalkalden und hielt daselbst einige sehr wichtige Predigten über die drei Artikel des christlichen Glaubens und über Matth. 4,1 ff, worin er eine kurze Übersicht der ganzen Kirchengeschichte gibt und zeigt, was die Kirche Christi, ebenso wie Christus, ihr Haupt, und jeder einzelne Christ, vom Teufel zu leiden habe, namentlich wie er als ein schwarzer Teufel die Christenheit in den drei ersten Jahrhunderten durch äußerliche Tyrannei zum Abfall von Christus versucht, und da dies nicht gelungen sei, sie als weißer Teufel mit fälschlicher Berufung auf die Heilige Schrift durch mancherlei Ketzereien, insbesondere die arianische, angefochten habe, und wie er endlich als ein göttlicher Teufel im Papsttum durch selbsterwählte Werke und Gottesdienste sich habe anbeten lassen, wie ihm aber durch das Wort Gottes zur Zeit der Reformation die göttliche Larve abgezogen und die Gewalt über alle diejenigen genommen worden sei, die diesem Worte glauben.

    Noch während seiner Anwesenheit in Schmalkalden wurde Luther von den heftigsten Steinschmerzen überfallen, so daß er selbst und andere seinen Tod vor Augen sahen. Es besuchten ihn alle anwesenden Fürsten und Herren, und als sein frommer Kurfürst an sein Schmerzenslager trat, so sagte ihm Luther im prophetischen Geiste, nach seinem Tode werde sich in Wittenberg auf der Universität ein Zwiespalt ereignen und seine Lehre geändert werden; denn schon damals war Melanchthon in Verdacht geraten, daß er aus falscher Feindesliebe von der strengen Wahrheit leicht abgehe. Der Kurfürst, bei dem die Worte Luthers viel Besorgnis erweckten, bezeugte ihm fest und entschieden, ob er wohl wisse, daß der Universität Melanchthons Gelehrsamkeit und Ruhm zugeschrieben werde, so wolle er diesen doch lieber missen, als der Wahrheit Abbruch geschehen lassen, sollte auch die Universität darüber eingehen. Hierauf tröstete er den kranken Luther mit den Worten: "Unser lieber HErrgott wird um seines Worts und Namens willen gnädig sein, und Euch, lieber Vater, das Leben fristen"; als er dies gesagt, wendete er sich weg, denn die Augen gingen ihm über.

    Da aber die Schmerzen immer heftiger wurden, so begehrte Luther, man solle ihn nach Wittenberg bringen. Dies geschah nach des Kurfürsten Willen in dessen eigenem Wagen, dem ein anderer mit vielen Gerätschaften zur Pflege des teuren Kranken beigegeben wurde. Zugleich erhielten zwei fürstliche Leibärzte Befehl, für seine Wiederherstellung nach allen Kräften zu sorgen. Als er Schmalkalden verließ, befahl er sich in der Kirchen Gebet und tat sein kurzes christliches Bekenntnis: "Er bleibe bei dem HErrn Christus und seinem Wort und wisse keine andere Gerechtigkeit in seinem Herzen als das teure Blut JEsu Christi, das ihn und alle, die es glauben, von allen Sünden reinige aus lauter Gnade, wie solches seine Bücher nebst der Augsburgischen Konfession frei bekennen." Beim Abschied rief er seinen Freunde zu: "Gott erfülle euch mit Haß gegen den Papst", das ist, sie sollten mit des Papstes Lehre nicht allein unverworren, sondern auch derselben Abgötterei öffentliche Feinde beständig bis an ihr Ende sein und bleiben. Schon hatte er auf dem Wagen sein Testament gemacht und hielt sich bereit, wenn sein lieber HErr Christus komme, ihn zu sich zu nehmen, ihn mit Freuden zu empfangen, siehe, da errette ihn noch einmal der HErr nach elf schmerzvollen Tagen von aller seiner Krankheit. Dies geschah zu Tambach, einem kleinen Flecken im Thüringer Walde. Darum schrieb er an jenem Orte voll Lobens und Dankens die Worte an: "Dies ist mein Pniel, daselbst ist mir der HErr erschienen, wie er einst den Patriarchen Jakob, als er mit dem HErrn rang, gesegnet und erlöset hat." (1 Mose 32,30) Als man ihn fragte, welches Mittel ihm gegen den Stein geholfen habe, so antwortete er: "Das Gebet"; "denn in allen christlichen Gemeinden", sagte er, "haben sie herzlich für mich gebetet nach dem Befehl St. Jakobi, Kap. 5,14.15."

    In Gotha trafen ihn die Abgesandten der oberländischen reformierten Kirchen, Bucer und Lycosthenes, welche zur Förderung der vorjährigen Konkordie nach Schmalkalden reisen sollten. Obgleich nun Luther noch ziemlich schwach war, so ließ er sie dennoch zu sich kommen und redete freundlich mit ihnen. Unter anderen sagte er, das wäre das Beste zur Sache, daß sie forthin stille schwiegen und recht lehreten und frei heraus bekenneten: Liebe Freunde, Gott hat uns fallen lassen, wir haben geirret, lasset uns nun vorsehen und recht lehren; denn mit dem Umhermänteln läßt es sich nicht tun, man kann auch der Leute Gewissen mit solchen Umschweifen nicht stillen; Gott werde auch der Lehre halber eine strenge Rechnung von uns fordern, darum dürften wir in unserem Amte Gott nichts vergeben. Aus dieser ganzen Unterredung, sowie aus mehreren Briefen Luthers erhellt deutlich, daß das Vorgeben der Reformierten, als ob er sich damals zu ihrer Lehre hingeneigt habe, ungegründet ist; denn während er nach der Liebe alle mögliche Gelindigkeit erwies und aufs neue das Beste zu hoffen anfing, so wich er doch in der Lehre selbst nicht ein Haar breit von seinem früheren Bekenntnis ab.

    Nachdem Luther wieder gesund in Wittenberg angekommen war, fuhr er wieder eifrig fort mit Beten, Studieren, Vorlesungen und Predigten. Namentlich legte er auf der Kanzel die Abschiedsreden Christi nach Johannes, Kap. 14 bis 16, aus, welche Dr. Creuziger nachgeschrieben und dann in Druck gegeben hat. Während nun Luther ziemlichen Frieden von auswärtigen Feinde hatte und mit Freuden sah, daß sie mit all ihrem Schnauben und Trotzen nicht viel ausrichten und im Gegenteil immer mehr Städte und Länder das Evangelium annahmen, so entstand um das Jahr 1538 unter seinen eigenen Schülern ein heimlicher Zwiespalt, welcher Luther tief bekümmerte. Denn es traten falsche Lehrer auf, welche das Gesetz sowie die Lehre von guten Werken aus der Kirche verbannen und die Leute allein durch die Predigt von Christus dem Gekreuzigten zur Buße bringen wollte, weshalb sie Gesetzesstürmer oder Antinomer genannt wurden. Da aber der Anstifter derselben, Johann Agricola, der Aufforderung Luthers, seine Schriften, die er ohne Nennung seines Namens herausgab, öffentlich zu verantworten, nicht Folge leistete, so sah sich Luther genötigt, dieser gefährlichen Irrlehre in Schriften und Disputationen zu widersprechen. Damals sagte er über Tische zu seinem treuen Schüler Mathesius: "Ihr werdet erfahren, was sich wider diese Schule und Kirche (zu Wittenberg) wird aufwiegeln lassen und wider sie schreiben, sofern doch unsere Leute bei reiner Lehre ausdauern, die werden große Ketzer und schändliche Schwärmer werden."

    Im Jahre 1539 mußte Luther aufs neue wahrnehmen, wie das Volk, von des Papstes Zwang erledigt, die christliche Freiheit mißbrauchte, wie es immer roher und sicherer wurde, die Kirchendiener verachtete und sich nicht mehr wollte von ihnen strafen lassen. Da bezeugte Luther laut und offen, daß Gott solchen schnöden Undank gegen sein heiliges Wort durch leibliche Plagen und kräftige Irrtümer nach seinem Tode rächen werde, was auch wirklich geschehen ist. Ähnliche Klagen mußte Luther auch über das böse Leben vieler Prediger hören, die zwar die Klöster, nicht aber die Sünden derselben verlassen hatten.

Im April des Jahres 1539 starb ein grimmiger Feind der Lehre Luthers, Georg, Herzog von Sachsen, dessen Tod durch das schnelle Absterben seiner beiden Thronerben beschleunigt worden war. Und so fiel der Besitz dieses Teiles von Sachsen seinem Bruder, dem Herzog Heinrich, anheim, der bereits die Reformation in seinem Lande eingeführt hatte und nun ungesäumt auch seinen neuen Untertanen die von den meisten sehnlich gewünschte, aber lange unterdrückte Lehre des Evangeliums verkündigen ließ. Dies geschah zu Leipzig zuerst am heiligen Pfingstfest, an welchem besonders Luther in Gegenwart des Herzogs predigte. So wurde erfüllt, was er zuvor geweissagt hatte: "Ich sehe, daß Herzog Georg nicht aufhöret, das Wort Gottes, dessen Predigt und die armen Lutheraner zu verfolgen, ja, immer ärger wird; aber ich werde noch erleben, daß ich dessen ganzen Stamm von Gott ausgetilget sehe, und ich Gottes Wort zu Leipzig predige."

 

 

Luthers letzte Lebensjahre

 

    Obgleich nun der teure Luther die Beschwerden des Alters je länger je mehr fühlte, so fuhr er doch mit Lehren des göttlichen Wortes unermüdet fort. Unter anderm erklärte er den 110. Psalm sehr ausführlich und zeigte darin die Beschaffen des Reiches Christi, namentlich wie Christus unser ewiger König und Hoherpriester ist, und wie alle Christen durch den Glauben an ihn Herren über alle ihre Feinde und geistliche Priester sind. Er tat dies mit einer großen Fülle des Geistes. In demselben Jahre erschien auch die äußerst lehrreiche Schrift "Von Kirchen und Konzilien", in welcher Luther mit großer Belesenheit aus der Kirchengeschichte nachweist, daß die allgemeinen christlichen Konzilien nie neue Artikel des Glaubens aufgebracht, sondern nur den alten Glauben gegen neue Irrtümer verteidigt haben.

    Im Herbst 1540 reiste Melanchthon mit mehreren Theologen nach Worms zu einem Religionsgespräch mit den Papisten; Luther aber reiste nicht mit und sagte: "Gott hat viele gute gelehrte Leute gegeben, die sein Wort verstehen und dem Gegenteil zum Haupt gewachsen sind." Beim Abschiede segnete er sie und redete noch viele kräftige Worte zu ihnen, unter andern folgende: "Ziehet Ihr hin im Namen Gottes als Gesandte JEsu Christi und haltet am einfältigen Wort feste und vergebt unserm HErrn JEsus Christus nichts, wie Ihr auch nicht Macht habt." Da die Widersacher bei dem Gespräche gegen Melanchthons Gründe nichts aufbringen konnten, so verschoben sie die Fortsetzung bis auf den bevorstehenden Reichstag zu Regensburg im Jahre 1541. Daselbst überreichten die Papisten eine Schrift, gewöhnlich das Regensburgische Interim genannt, welche zur Grundlage der gegenseitigen Besprechung und womöglich auch zur Vereinigung dienen sollte. Allein Luther bewies deutlich, als er deshalb um Rat gefragt wurde, daß der Widersacher Vornehmen, besonders bei dem Artikel von der Rechtfertigung, nichts anderes sei, als ein neues Tuch auf ein altes Kleid flicken, wodurch der Riß nur noch ärger werde (Matth. 9,16). In der Hoffnung aber, daß doch vielleicht Luther noch zu einem Vergleich bewogen werden könnte, beschlossen mehrere auswärtige Fürsten mit Vorwissen des Kaisers, eine ansehnliche Gesandtschaft an Luther zu schicken. Dies geschah auch, und auf den mündlichen Vortrag der Gesandten gab Luther sogleich eine mündliche, dann aber auch eine schriftliche Antwort des Inhalts: wenn die ersten vier Artikel, besonders von der Rechtfertigung, durchaus rein und klar gepredigt und für christlich sollten gehalten werden, so nähmen sie den zehn andern Artikeln das Gift, und es würde dann auch bald durch den klaren Bericht der vier ersten Artikel und durch die Anwendung vermittelst rechter Predigt zu einem Vergleich der letzten zehn kommen. Diese Antwort Luthers in dieser Reformationshandlung, welche eine der wichtigsten ist, rühmt der Freiherr von Seckendorf in seiner unübertrefflichen "Historie des Luthertums" sowohl wegen der Bescheidenheit der Schreibart als auch wegen der Standhaftigkeit, die Luther dabei bewies. Denn wie früher alle Drohungen Cajetans in Augsburg und des Kaisers zu Worms Luther nicht zu erschrecken vermochten, so vermochte hier das Schmeichelhafte einer so ansehnlichen Gesandtschaft nicht, ihn zu einem sündlichen Nachgeben zu bewegen. Allein, die Gegenpartei wollte diese Antwort Luthers nicht berücksichtigen und verschob aufs neue alles auf ein allgemeines Konzil. Hätten die Fürsten und Theologen bei den Verhandlungen über das Interim, welches bald nach Luthers Tode aus jenem Regensburger zusammengeschmolzen wurde, diese Antwort Luthers sich zum Muster genommen, so würde die lutherische Kirche dadurch nicht so zerrüttet worden sein.

    Um diese Zeit ist der werte Luther mit mancherlei leiblichen Schwachheiten und Schmerzen von Gott heimgesucht worden, weshalb er stets mit Todesgedanken umging und Gott um ein seliges Stündlein anrief. Auch wurde er dadurch sehr in seinen Arbeiten gehindert und mehrmals genötigt, die Kanzel vor dem Schluß der Predigt zu verlassen. Er konnte oft nicht einen Brief, ja nicht einmal zwei bis drei Zeilen ohne Unterbrechung lesen. Dennoch aber verfaßte er manche herrliche Schrift. Außer der schönen Auslegung der Lieder im höhern Chor (Psalm 120 bis 135), ließ er die beiden Predigten über Matth. 3 von der Taufe Christi und der Christen drucken, die er am fürstlichen Hofe zu Dessau bei der Taufe eines Prinzen gehalten hatte. An die Pfarrer ließ er die ernstliche Ermahnung ergehen, mit allem Nachdruck gegen den Wucher zu predigen, von dem er sagt, daß er bereits so gewaltig eingerissen sei, daß er keine Besserung zu hoffen wüßte.    

    Im Jahr 1542 weihte Luther Nikolaus von Amsdorf, den der Kurfürst zum lutherischen Bischof von Naumburg und Zeitz erwählt hatte, zu seinem heiligen Amte ein und vollzog dessen feierliche Einführung, wobei er von dem Exempel, einen wahren christlichen Bischof zu weihen, eine Predigt hielt, die er in einer kurz darauf erschienen Schrift unter gleichem Titel weiter ausführte.

    In diesem Jahr schickten die böhmischen Brüder, wie dies ihr Bischof Comenius erzählt, zum vierten und letzten Male zwei Abgesandte an Luther, um zu vernehmen, was hinsichtlich der Kirchenzucht von den Lutheranern zu hoffen sei. Nachdem sie mit ihm und den übrigen Theologen freundliche Unterredung gehalten hatten, lud er sie noch zum Abschiede zu Gaste, reichte ihnen vor den anwesenden Professoren die Hand und sagte: "Seid Ihr Apostel der Böhmen, ich und die Meinigen wollen Apostel der Deutschen sein. Treibt Ihr das Werk Christi bei Euch, wie sich Euch dazu die Gelegenheiten ereignen werden, wir wollen es auch treiben, wie sich's bei uns wird tun lassen." 

    Zu Ende des Jahres 1542 wurde Luther durch ein langes Schreiben einiger Brüder aus Italien erfreut, welche durch seine Schriften zur Erkenntnis der Wahrheit gekommen waren. Es leuchtete aus demselben eine unaussprechliche Freude über den Schatz der reinen Lehre hervor, ein lebendiger Eifer für die Bewahrung desselben, eine entschiedene Verwerfung aller Irrtümer, namentlich auch im Sakramentsstreit, eine große Standhaftigkeit unter allen Verfolgungen, eine tiefe Ehrerbietung gegen das auserwählte Rüstzeug Luther und eine aus eigener Erfahrung fließende Hochschätzung seiner Schriften.

    Im Jahre 1543 war die lutherische Kirche abermals mit mancherlei äußerlichen Gefahren umgeben. Luther aber bewies auch hierbei ein starkes Vertrauen zu seinem Gott und sagte auf das allergewisseste voraus, daß es bei seinem Leben nicht zu einem Kriege kommen werde.

    Als Kaspar Schwenckfeld, der die alten Irrtümer der Sakramentierer auf eine neue Weise zu schmücken suchte und dadurch in Schlesien viele Leute verführte, einige seiner Traktate Luther zuschickte, antwortete derselben mit so derben Worten, wie er's verdiente, und schrieb ihm rund heraus: "Er solle ihn mit seinen Büchlein, die der Teufel aus ihm speie, ungehudelt lassen." Denselben Eifer gegen die falsche Lehre bewies Luther zu derselben Zeit in einem ähnlichen Falle; denn als ihm ein Buchdrucker eine schweizerische Übersetzung der Bibel zusandte, schrieb er ihm: er solle sein Geschenk behalten, weil es eine Arbeit seiner Prediger sei, mit denen er keine Gemeinschaft haben könne, indem sie von ihrem Irrtum nicht ablassen wollten.

    Auch die Feinde der Christenheit außerhalb derselben widerlegte Luther in mehreren Schriften. Er gab eine früher erschienene Widerlegung des Korans oder des Religionsbuchs der Moslems in deutscher Sprache heraus und warnte in der Vorrede treulich vor solcher Teufelslehre. Im Jahre 1543 verfaßte er mehrere Schriften gegen die Juden, worin er viele schöne Texte der Bibel, welche die Juden mit ihren Lügen entstellt hatten, davon reinigte und ihre gotteslästerliche und teuflische Bosheit gegen Christus und seine Christen darin offenbarte. Auch glaubte er damals nicht mehr, wie früher, an eine allgemeine künftige Bekehrung der Juden. Endlich ging in diesem Jahre auch die wichtige Schrift von den letzten Worten Davids (2 Sam. 23,1-7) aus, worin er von den drei Personen der heiligen Dreieinigkeit und von den beiden Naturen in der einigen ungetrennten Person des HErrn Christi mit großem Geist und höchstem Ernst ein starkes Zeugnis gibt, welches einen jeden Christen in seinem Glauben befestigen und vor allerlei Irrtum bewahren kann.

    Ungeachtet Luther mit zunehmendem Alter immer mehr Beschwerden seiner sterblichen Hülle empfand, so nahm er doch noch fortwährend an dem ganzen Reformationswerke unermüdlichen Anteil, und wie seine Augen als eines treuen Wächters auf der Zinne Zions nach allen Seiten hin gerichtet waren, so drang ihn sein brennender Eifer für die Erhaltung der reinen Lehre noch zu Abfassung mehrerer wichtiger Schriften, besonders gegen die Sakramentierer. Es hatte nämlich Schwenckfeld trotz der oben erwähnten derben Antwort Luthers mit unglaublicher Dreistigkeit vorgegeben, Luther sei mit ihm einig. Dies veranlaßte ihn im Jahre 1544 zu der Schrift: "Kurzes Bekenntnis vom heiligen Abendmahl wider die Schwärmer", wovon er selbst sagt: "Ich, da ich nun auf der Grube gehe, will dieses Zeugnis und diesen Ruhm mit vor meines lieben HErrn und Heilandes JEsus Christus Richtstuhl bringen, daß ich die Schwärmer und Sakramentsfeinde, Carlstadt, Zwingel, Oecolampad, Stenckfeld und ihre Jünger zu Zürich und wo sie sind, mit dem ganzen Ernst verdammt und vermieden habe, und gehet noch täglich unser aller Predigt wider ihre lästerliche und lügenhafte Ketzerei, welches sie wohl wissen."

    Im Jahre 1545 verfaßte Melanchthon zu Vorlage auf den Reichstag zu Worms das sogenannte Wittenberger Bedenken von der Reformation, welches auch Luther unterschrieb und bei dieser Gelegenheit bezeugte, es sei unmöglich, bei Gottes Wort und gutem Gewissen zu bleiben und zugleich bei der Welt Gunst und den Ruhm des Glimpfes zu erhalten.

    Luther mußte noch kurz vor seinem Ende manche bittere Erfahrungen machen, indem besonders in Wittenberg durch gottloses Leben ein Ärgernis über das andere kam, das seine Seele quälte und ihn endlich so weit brachte, daß er im Jahre 1545 aus dieser Stadt eilte und sich zu seinen Freunden nach Merseburg und Zeitz begab. Allein ein sehr gnädiges Schreiben seines Kurfürsten, an den sich die Universität mit dringenden Vorstellungen gewendet hatte, und worin er ihm versprach, allen Ärgernissen auf das kräftigste zu steuern, bewog ihn, wieder nach Wittenberg zurückzugehen. Dort beendigte er die sechste und letzte Ausgabe seiner deutschen Bibel, an deren Verbesserung er mit seinen gelehrten Freunden unausgesetzt und mit großem Fleiß gearbeitet und dabei viele schöne Bemerkungen gemacht, welche unter dem Namen "Randglossen" bekannt sind. Er beendigte auch eines seiner größten Meisterwerke, die weitläufige Auslegung des ersten Buches Mose, über welches er seit zehn Jahren, obwohl mit vielen Unterbrechungen, Vorlesungen gehalten hatte. Endlich ließ er die gewaltige und ernste Schrift: "Das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet" ausgehen, welche sein letztes Buch war.

    Zu Anfang des Jahres 1546 sollte auf Befehl des Kaisers abermals ein Religionsgespräch zwischen den streitenden Parteien gehalten werden, wozu Dr. Major von Wittenberg abgeschickt wurde. Als er nun zu Luther ging, um von ihm Abschied zu nehmen, fand er beim Eingange zur Studierstube die Worte von Luthers Hand geschrieben: "Unsere Professoren sollen vom Abendmahl des HErrn examiniert werden."

 

 

Luthers letzte Tage, Tod und Begräbnis

 

    In einer seiner letzten Predigten ermahnte Luther die Zuhörer, fleißig zu beten und die Geister zu prüfen, und wenn sie hören würden, daß er krank sei, sollten sie für ihn nicht ein längeres Leben, sondern nur ein gnädiges Stündlein erbitten. "Ich habe", sagte er, "die Welt satt, und die Welt meiner, sind also leicht zu scheiden, wie ein Gast die Herberge quittiert."

    Besonders merkwürdig ist auch Luthers letzte Predigt, welche er zu Wittenberg am 17. Januar über Röm. 12,3 ff. gehalten, worin er von den Früchten des Glaubens an Christus, sowie von der Vernunft und ihrem Dünkel handelt, und unter anderem sagt: "Wucherei, Sauferei, Ehebruch, Mord, Totschlag usw., die kann man merken, und verstehet auch die Welt, daß sie Sünde sein; aber des Teufels Braut, die Vernunft, die schöne Metze, fähret herein und will klug sein, und was sie sagt, meinet sie, es sei der Heilige Geist. Wer will da helfen? Weder Jurist, Medicus, noch König oder Kaiser. Denn es ist die höchste Hure, die der Teufel hat; die andern groben Sünden siehet man, aber die Vernunft kann niemand richten: die fähret daher, richtet Schwärmerei an mit der Taufe, Abendmahl; meinet, alles, was ihr einfällt und der Teufel ins Herz gibt, soll der Heilige Geist sein. Darum spricht Paulus: 'So wahr ich ein Apostel bin und Gott mir hat den Geist gegeben, also vermahne ich'."

    Auch hat Luther in dieser Predigt die Zerrüttungen vorausverkündigt, welche die lutherische Kirche bald nach Luthers Tode hat erfahren müssen; denn er spricht: "Ich sehe vor Augen, wenn uns Gott nicht wird geben treue Prediger und Kirchendiener, so wird der Teufel durch die Rottengeister unsere Kirchen zerreißen und wird nicht ablassen noch aufhören, bis er's hat geendet. Das hat er kurzum im Sinne; wo er es nicht kann durch den Papst und Kaiser, so wird er's durch die, so noch in der Lehre mit uns einträchtig sind, ausrichten. Deshalb ist hoch vonnöten, daß man von Herzen bete, daß Gott uns reine Lehrer geben wolle. Jetzt sind wir sicher und sehen nicht, wie greulich uns der Fürst dieser Welt durch den Papst, Kaiser und seine Gelehrten allhier nachtrachtet; und sagen: Was schadet's, daß man das nachläßt? Nein, nicht ein Haar breit sollen wir nachlassen. Wollen sie es mit uns halten, gut; wollen sie nicht, so lassen sie es. Ich habe von ihnen die Lehre nicht empfangen, sondern durch göttliche Gnade von Gott. Ich bin wohl gewitzt. Drum bittet Gott mit Ernst, daß er euch das Wort lasse, denn es wird greulich zugehen." Am Ende dieser Predigt bemerkt der Herausgeber derselben mit Bezug auf die Wittenberger Universität: "Dr. Martin Luther heiligen Gedächtnisses hat oft vor vielen andern Glaubwürdigen und auch vor Dr. Augustin Schurf gesagt diese Worte: Nach meinem Tode wird keiner dieser Theologen beständig bleiben. Und dies ist leider auch erfüllt worden."     

    Wie nun Luther schon im Herbst des vorigen Jahres auf Ersuchen der Grafen von Mansfeld nach Eisleben gereist war, um zwischen ihnen und ihren Untertanen, denen sie die Bergwerke entziehen wollten, einen Vergleich zustande zu bringen, was aber nicht gelungen war, so reiste er zu Anfang des Jahres 1546 in gleicher Absicht dahin. Er selbst sagte, er sei darum von Wittenberg auf der Herren Grafen von Mansfeld Ersuchen ausgezogen, daß er von täglicher Arbeit und Anlauf Ruhe habe, zu Eisleben nur beten, predigen und seine Landesherren zur Einigkeit und Frieden vermahnen wollte. So reiste er den nächsten Sonnabend nach seiner letzten Predigt, den 23. Januar, mit seinen drei Söhnen von Wittenberg ab und kam am folgenden Sonntage in Halle an, wo er bei seinem treuen Freunde Dr. Jonas einkehrte und schon tags darauf, als am Tage Pauli Bekehrung, über Apostelgesch. 9,1-19 von dem Berufe St. Pauli zum Apostelamte predigte. Besonders pries er die Schriften dieses Apostels als das rechte Heiligtum, gegen welches alle erdichteten Heiligtümer des Papstes und namentlich das vorgebliche Haupt St. Pauli, das man in der Peterskirche zu Rom zeigt, für nichts zu achten sei.

    Nachdem er bei Halle mit Lebensgefahr in einem Kahne über die Saale gefahren und auf der Mansfeldischen Grenze von den Grafen und mehr als hundert Reitern empfangen worden war, kam er in deren Begleitung in Eisleben an, wurde aber unweit vor der Stadt so schwach, daß man für sein Leben fürchtete; doch wurde es wieder besser mit ihm und er blieb drei Wochen in Eisleben. Er nahm bis einen Tag vor seinem Ende an den Vergleichsverhandlungen persönlich Anteil. Allein, sie zerschlugen sich abermals durch die Schuld der Juristen, so daß sich Luther vornehm, wenn er noch länger leben werde, ein besonderes Buch gegen sie zu schreiben. Während seines Aufenthaltes in Eisleben vollzog er noch an zwei Predigern die Ordination und empfing zweimal die Absolution und das heilige Abendmahl. Er hielt auch vier Predigten, wie er denn immer überaus fleißig gearbeitet hat.

    Am Schluß seiner letzten Predigt, drei Tage vor seinem Ende, nahm er von seinen lieben Eislebenern förmlich Abschied und sagte: "Nachdem ich nun eine Zeitlang allhier gewesen und euch gepredigt habe, und nun anheim muß und vielleicht nicht mehr predigen kann, so will ich euch hiermit gesegnet und gebeten haben, daß ihr fleißig bei dem Worte bleibet, das euch eure Prediger und Pfarrherren von der Gnade Gottes treulich lehren, und euch gewöhnt zum Beten, daß euch Gott vor allen Weisen uund Klüglingen behüten wolle, so die Lehre des Evangeliums verachten; denn sie oft viel Schaden getan und noch tun möchten." Er schloß dann seine letzte Predigt mit dem Wunsch: "Der liebe Gott gebe seine Gnade, daß wir sein teures Wort mit Danksagung annehmen, in Erkenntnis, Glauben seines Sohn, unsers HErrn JEsus Christus, zunehmen und wachsen und im Bekenntnis seines heiligen Wortes beständig bleiben bis ans Ende. Amen."

    Er betete, wie er auch sonst immer getan hatte, alle Abende in seiner Stube vor dem offenen Fenster mit großem Ernst eine gute Weile, worauf er sich fröhlich, wie einer, der von einer großen Last entledigt ist, wieder zu seinen Freunden wendete, noch eine halbe Stunde mit ihnen redete und dann zu Bette ging. In diesen seinen letzten Tagen hat man noch über Tische viele wichtige Reden und tröstliche Sprüche aus seinem Munde gehört. Am 17. Februar nahm seine Schwachheit merklich zu, so daß man ihm riet, der Ruhe zu warten, was er auch tat. Am letzten Abend beantwortete er unter andern die Frage, ob die Gläubigen auch in jenem Leben einander erkennen würden, indem er auf Adam hinwies, der sogleich seine aus seiner Rippe erschaffene Frau als sein Fleisch erkannt habe, weil er voll des Heiligen Geistes und Erkenntnis Gottes gewesen sei. Dann ging er in seine Stube und betete seiner Gewohnheit nach, besonders auch für die Kirche seines Vaterlandes, klagte aber bald darauf, daß es ihm bange um die Brust werde. Er nahm die ihm gereichte Arznei und legte sich gegen acht Uhr auf sein Ruhebett, indem er sagte: "Wenn ich ein halbes Stündlein könnte schlummern, hoffe ich, es solle besser werden." Er schlief nun sanft bis um zehn Uhr; da erwachte er, stand auf und sagte, indem er über die Schwelle seiner Schlafkammer ging: "Walt's Gott, ich gehe zu Bette. In deine Hände befehl' ich meinen Geist; du hast mich erlöset, HErr, du getreuer Gott." Als er sich zu Bette gelegt hatte, reichte er allen die Hand, nahm gute Nacht und sprach: "Dr. Jona und M. Cöli und ihr andern betet für unsern HErrgott und sein Evangelium, daß es ihm wohlgehe; denn das Konzil zu Trient und der leidige Papst zürnen hart mit ihm."

    Als die Glocke eins schlug, erwachte er und sprach: "Ach, HErre Gott, mir ist sehr wehe! Ach, lieber Herr Dr. Jonas, ich achte, ich werde hier zu Eisleben bleiben, da ich geboren und getauft bin." Er ging nun wieder aus der Kammer in die Stube und sagte abermals: "In deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöset, HErr, du getreuer Gott." Als er durch Reiben und Wärmen in Schweiß geraten war und die Umstehenden, besonders die herbeigeeilten Grafen und andere Freunde, davon Besserung hofften, antwortete er: "Ja, es ist ein kalter Todesschweiß; ich werde meinen Geist aufgeben, denn die Krankheit mehrt sich." Darauf betete er so: "O mein himmlischer Vater! ein Gott und Vater unsers HErrn JEsus Christus, du Gott alles Trostes, ich danke dir, daß du mir deinen lieben Sohn, JEsus Christus, offenbaret hast, an den ich glaube, den ich gepredigt und bekannt habe, den ich geliebet und gelobet habe, welchen der leidige Papst und alle Gottlosen schänden, verfolgen und lästern. Ich bitte dich, HErr JEsus Christus, laß dir mein Seelchen befohlen sein. O himmlicher Vater, ob ich schon diesen Leib verlassen und aus diesem Leben hinweggerissen werden muß, so weiß ich doch gewiß, daß ich bei dir ewig bleiben und aus deinen Händen mich niemand reißen kann."

    Weiter sprach er auf lateinisch: "Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben" (Joh. 3,16), und die Worte aus dem 68. Psalm: "Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HErrn HErrn, der vom Tode errettet." Als ihm ein Arzt noch ein Stärkungsmittel reichte, nahm er's und sprach abermals: "Ich fahre dahin, meinen Geist werde ich aufgeben", worauf er dreimal lateinisch sehr eilend die Worte wiederholte: "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöset, HErr, du getreuer Gott." Dann fing er an stille zu liegen mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen. Man rief ihn, aber er antwortete nicht. Da redeten ihn Jonas und Cölius mit lauter Stimme so an: "Ehrwürdiger Vater, wollt Ihr auf Christus und die Lehre, wie Ihr sie geprediget, beständig sterben?" Da sprach er, daß es alle deutlich hörten: "Ja", und dies war sein letztes Wort; und damit wendete er sich auf die rechte Seite und fing an, fast eine Viertelstunde zu schlafen. Schon fingen die Umstehenden an, aufs neue einige Hoffnung zu fassen, da erbleichte sein Angesicht; seine Hände und Füße erkalteten, er tat noch einen tiefen, aber sanften Atemzug, und damit gab er seinen Geist in die Hände seines treuen Gottes mit stiller und großer Geduld und entschlief so, nachdem seine letzte Krankheit nur gegen sieben Stunden gewährt hatte, ohne Unruhe, ohne Qual des Leibes oder Schmerzen des Todes sanft und friedlich in dem HErrn, am 18. Februar 1546, als am Tage Concordiä, morgens zwischen zwei und drei Uhr, im 63. Jahre seiner Wallfahrt auf Erden.

    Die Trauerbotschaft von Luthers Tode verbreitete sich schnell durch Stadt und Land. Eine große Volksmenge aus allen Ständen eilte herbei und betrachtete die teure Leiche unter heißen Tränen. Am 19. Februar früh langten die Briefe von Luthers Tode in Wittenberg an und erregten allgemeine Bestürzung und große Betrübnis. Melanchthon erhielt von den Professoren den Auftrag, diese schmerzliche Nachricht den Studierenden bekannt zu machen. Er tat dies in einer kurzen lateinischen Rede und gebrauchte dabei die Worte Elisas (2 Könige 2,12), die er auch früher auf ihn anzuwenden pflegte: "Ach, es ist dahin der Wagen Israels und seine Reiter, der die Kirche regieret hat in diesem letzten Alter der Welt!" Das Leichenbegräbnis Luthers war ein wahrhaft fürstliches. Die Leiche wurde am 19. Februar in einen zinnernen Sarg gelegt, unter christlichen Gesängen in die Hauptkirche zu Eisleben getragen und vor den Altar gestellt, wobei Dr. Jonas eine Leichenpredigt über 1 Thess. 4,13-18 hielt von der Person und den Gaben Dr. Luthers, von der Auferstehung und dem ewigen Leben und von der Kraft, die sein Tod werde hinter sich lassen gegen Satans Reich. Am Abend kam die kurfürstliche Antwort auf die eingesendeten Berichte an, nach welcher die Leiche zum Begräbnis nach Wittenberg gebracht werden sollte. Am folgenden Tage, als den 20. Februar, hielt noch der Pfarrer zu Eisleben, Magister Cölius, eine treffliche Leichenpredigt über die Worte Jes. 57,1.2, worauf die Leiche mit großer Feierlichkeit aus Eisleben geführt wurde. Eine unzählige Volksmenge umgab unter lautem Jammer und Wehklagen den Leichenwagen, und in fast allen Dörfern ertönte das Trauergeläut.

    Als am späten Abend die Leiche vor dem Tore zu Halle ankam, wurde sie ehrenvoll eingeholt und in der Kirche aufgebahrt, wobei das Lied Luthers: "Aus tiefer Not schrei' ich zu dir" etc. mehr herausgeweint als gesungen wurde. Am andern Tage wurde die Leiche weiter gebracht, an allen Orten feierlich empfangen und begleitet und langte endlich am 22. Februar vor Wittenberg an. Hier bewegte sich der Leichenzug unter Gesang und dem Geläute aller Glocken in folgender Ordnung nach der Schloßkirche: Voran zogen die Schülerchöre und die gesamte Geistlichkeit, darauf die fürstlichen Kommissarien und die Grafen von Mansfeld zu Pferde mit einem Gefolge von sechzig Reitern; diesem folgte der vierspännige Leichenwagen, mit einem großen, kostbaren Leichentuch von schwarzem Samt, einem Geschenk des Kurfürsten, bedeckt. Nach dem Leichenwagen kamen Luthers Witwe und seine vier Kinder sowie andere Verwandte; ferner der Rektor der Universität in seinem Ornat, begleitet von studierenden Fürsten und Edelleuten. Diesen folgten sämtliche Professoren, der ganze Stadtrat, die Studierenden in großer Menge und die gesamte Bürgerschaft. Nachdem die Leiche in die Schloßkirche gebracht worden war, hielt Dr. Bugenhagen über 1 Thess. 4,13.14 eine tröstliche Predigt, worin er aber oft durch seine und seiner Zuhörer häufige Tränen unterbrochen wurde. Zum Schlusse hielt Melanchthon noch eine lateinische Rede, worauf die Leiche in die Nähe der Kanzel, auf welcher Luther im Leben so manche gewaltige Predigt gehalten hatte, in die Gruft gesenkt und, wie Paulus sagt, gesäet wurde in Schwachheit, daß er auferstehe an jenem Tage in ewiger Herrlichkeit.

    Hebr. 13,7: "Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach."

              

 

 

  Luther in einem Brief an Lazarus Spengler über sein Wappen:

 

    "Das erst sollt ein Kreuz sein schwarz im Herzen, das seine natürliche [rote] Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, daß der Glaube an den Gekreuzigten selig machet. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob's nu wohl ein schwarz Kreuz ist, mortfizieret [abtötet], und soll auch wehe tun, noch läßt es das Herz in seiner Farbe, verdirbt die Natur nicht, das ist, es tötet nicht, sondern behält lebendig. Justus enim fide vivet, sed fide crucifixi [Der Gerechte wird durch den Glauben leben, aber durch den Glauben an den Gekreuzigten]. Solch Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede gibt und, kurz, in eine weiße fröhliche Rose setzt, nicht wie die Welt Fried und Freude gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein; denn weiße Farbe ist des Geistes und der Engel Farbe. Solche Rose stehet im himmelfarbenen Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünftig, jetzt wohl schon drinnen begriffen, und durch Hoffnung gefasset, aber noch nicht offenbar. Und um solch Feld einen güldenen Ring, daß solche Seligkeit im Himmel ewig währet und kein Ende hat und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist." 

(Entnommen aus: Paul Scheurlen: Luther, unser Hausfreund. 2. Aufl. Stuttgart 1921. S. 182.)